Zweites Standbein: Fotografie

Der Architekt Norman Radon machte sich 2012 als Architekturfotograf selbstständig. Der Weg dorthin führte nicht immer geradeaus und auch heute ist die Fotografie nur eines seiner Standbeine. Hier schreibt er über seinen Werdegang und seine Erfahrungen.

Bereits in der Schulzeit habe ich mich sehr für Fotografie interessiert und Kurse in analoger Schwarzweißfotografie und Filmentwicklung belegt. Am Ende überlegte ich, Architektur, Fotografie oder Medien zu studieren. Schließlich schrieb ich mich 2001 an der Universität Stuttgart für Architektur und Stadtplanung ein.
Bereits früh im Studium wurde ich auf einen Aushang des Architekturfotografen Roland Halbe aufmerksam. Da ich mich schon damals gut mit den einschlägigen Programmen auskannte, begann ich bei ihm einen Nebenjob in der Bildbearbeitung. Von da an übte ich mich im Scannen von Diapositiven und der digitalen Nachbearbeitung, während meine Kommiliton*innen nebenher oder in den Semesterferien im Architekturbüro arbeiteten. Diese Fähigkeiten und die visuellen Eindrücke der fotografierten Projekte konnte ich im Studium auch gut beim Entwerfen und Präsentieren einsetzen. Zudem habe ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Städtebauinstitut gearbeitet und dort große Städtebau-Modelle im institutseigenen Studio fotografieren können.
Da Roland Halbe weltweit tätig ist, reizte es mich schließlich, ein Praktikum als Fotoassistent zu machen. So war ich bei den Fototerminen vor Ort und konnte die Abläufe studieren. Ich lernte, dass ein Fotoauftrag bereits mit einer sehr guten Vorbereitung beginnt. Das eigentliche Drücken auf den Auslöser mit der richtigen Belichtung passiert dann fast intuitiv. Auch konnte ich als Fotoassistent in Länder wie die USA und Spanien reisen und interessante Architekten treffen. Über das eigentliche Fotografieren hinaus machte ich mich auch mit der Verwaltung der Bilddatenbank und dem Vertrieb der Fotos im Kundenkontakt mit Architekturbüros oder Verlagen vertraut.
Bei meinem Auslandsstudium in Valencia habe ich mich schließlich bei der angeschlossenen Kunsthochschule für ein Fotoseminar eingeschrieben. Hier konnte ich mich in den verschiedenen Bereichen der Fotografie ausprobieren, wie Portrait/People, Dokumentation/Reportage und eben Architekturfotografie. Durch Zufall kam ich währenddessen in Kontakt mit einem lokalen Magazin und veröffentlichte meine ersten eigenen Reportagen mit dem Titel „Casa Real“ über ausgefallene Student*innenwohnungen.
Das Studium der Architektur habe ich dennoch nicht mit minderem Interesse und Einsatz betrieben und habe schließlich ein Praktikum im Architekturbüro Früh im Vorarlberg/Österreich absolviert. Dort erkannte man mein Interesse an der Architekturfotografie und ließ mich erste Projekte für die Homepage des Büros fotografieren.

Architekt vs. Architekturfotograf

Das Architekturstudium habe ich schließlich erfolgreich mit dem Diplom abgeschlossen. Glücklicherweise hatte ich in Vorarlberg gute Kontakte aufbauen können. So bin ich direkt nach Studienabschluss als Architekt bei Johannes Kaufmann Archi­tekten in den Beruf eingestiegen. Meine erworbenen Fähigkeiten als Architekturfotograf durfte ich sogleich neben meiner Arbeit als Architekt unter Beweis stellen, indem ich einige Projekte des Büros fotografisch dokumentierte. Die Fotos kamen gut an und wurden publiziert, sodass ich schon bald auch für andere Büros in meiner Freizeit als Architekturfotograf tätig werden konnte. Nach kurzer Zeit war ich im Vorarlberg als Architekturfotograf bekannt und betrieb dieses Gewerbe als Kleinunternehmer neben meiner Anstellung als Architekt.
Die immer größere Nachfrage im Bereich der Architekturfotografie sowie private Veränderungen führten dazu, dass ich mich schließlich 2012 als Architekturfotograf selbständig machte und wieder zurück nach Deutschland zog. Auch hier in Ingolstadt habe ich beide Standbeine, die Architektur und die Architekturfotografie, parallel betrieben. Im Winter mit Schwerpunkt als freischaffender Architekt und im Sommer als Architekturfotograf. Die meis­ten Aufträge in der Fotografie kamen allerdings noch lange aus Vorarl­berg/Österreich, Liechtenstein und der Schweiz, wo ich meine guten Kontakte halten und zum Teil noch ausbauen konnte. Zwischenzeitlich hatte ich auch Mitarbeiter, die für mich die Nachbearbeitung der Fotos erledigt haben und im Back Office sowie Kundenkontakt tätig waren.
Leider gestaltete es sich zunächst schwieriger als gedacht, direkt in Ingolstadt oder dem Umland von München und Nürnberg neue Kund*innen zu akquirieren. Inzwischen habe ich hier meinen Kundenstamm jedoch ausbauen können. Aber auch die ­Fotografiebranche wurde durch die Corona-Krise vor neue Herausforderungen gestellt. Das Reisen war eingeschränkt, Gebäude durften nicht betreten werden und viele Architekturbüros und Firmen reagierten zunächst zurückhaltend mit Beauftragungen. So kommt es mir gelegen, dass ich nach wie vor über das Standbein Architektur verfüge und parallel zur Fotografie einige schöne erste Projekte realisieren konnte.

Status und Ausblick

Nur wenige Fotograf*innen können sich in der Architekturbranche etablieren und entsprechende Honorare verlangen. Da die digitale Fotografie immer einfacher und billiger wird, fotografieren viele Architekt*innen mittlerweile selbst. Kleinere Architekturbüros reagieren daher leider oft mit Unverständnis auf die von Verbänden vorgeschlagenen Fotohonorare und viele Firmen verlangen die uneingeschränkten Nutzungsrechte. Einigen Architekt*innen ist es aber auch nicht so wichtig, ihre Projekte professionell fotografieren und dokumentieren zu lassen und so sieht man auf vielen Homepages mit dem Smartphone ­fotografierte Projekte. Es wird zudem immer schwerer, sich durch einen ­eigenen Stil abzuheben. Lange Zeit bevorzugten die Kund*innen einen dokumentarischen, kontrastreichen Fotostil, bei dem die Projekte so abgelichtet werden, wie sie sind. Heute geht der Trend immer mehr zu atmosphärischen Fotos, die die Gebäude zum Teil verunklären, ähnlich wie ­Visualisierungen. Auch verlangen Kund*innen immer häufiger, dass bauliche Mängel oder störende Objekte auf den Fotos retuschiert werden. In gewissem Umfang finde ich das auch richtig. Aber es gibt einen Punkt, der nicht überschritten werden sollte. Beispielsweise, wenn ich die unschöne Nachbarbebauung eines Hauses durch einen nicht vorhandenen Wald ersetzen soll.
Wie jeder Beruf setzt auch die Architekturfotografie voraus, dass man sie mit voller Hingabe und Leidenschaft betreibt. Ist dies der Fall, dann kann es ein sehr abwechslungsreicher und erfüllender Beruf sein, bei dem man mit interessanten Menschen zusammenkommt, großartige Architektur und Gebäude sehen kann, Reisen und Arbeiten verbindet und dank der Technik ortsungebunden arbeiten kann. Allerdings kann es einige Jahre dauern, bis man davon gut leben kann. Es besteht aber immer die Möglichkeit, die Fotografie, so wie ich, als zweites Standbein oder als Hobby zu betreiben. Insofern wünsche ich allen Interessierten alles Gute und viel Glück auf ihrem Weg.
VITA
Norman Radon ist Architekt und Architekturfotograf. Er ist Mitglied im FREELENS e.V., in der Bayerischen Architektenkammer und im Bund Deutscher Baumeister. Mit seinem Unternehmen RADON Architektur + photography ist er in Deutschland, Österreich und der Schweiz für Architekturbüros und Firmen tätig. Er fotografiert ausschließlich mit natürlichem Licht oder vorhandenen Lichtquellen und am liebsten bei schönem oder leicht bewölktem Wetter. Er arbeitet mit einer Canon EOS 5D Mark IV Kamera und CanonTS-E Objektiven von 17 bis 90 mm. Die Bildbearbeitung macht er mit Adobe Lightroom und Photoshop an einem Mac-Book Pro 16” und einem externen 27” Bildschirm. www.radon-photography.com
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