Stadtlabor Görlitz

Die jüngst verabschiedete Neue Leipzig Charta adressiert explizit Klein- und Mittelstädte sowie Städte in schrumpfenden Regionen. Sie bekräftigt das Ziel, Städte als Experimentierräume und Labore zu nutzen, um ihre Transformationsfähigkeit zu analysieren sowie die gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung zu fördern. Die Stadt Görlitz setzt diesen Ansatz in die Praxis um und macht ihren Stadtraum zum Experimentierraum. Um dem Bevölkerungsrückgang und den Leerständen entgegenzuwirken, können Menschen hier probewohnen.

Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands und vor allem für ihren großen historischen Gebäudebestand bekannt. Mit ihren ca. 4 000 Einzeldenkmälern gilt sie als das größte zusammenhängende Flächendenkmal Deutschlands. Wie viele andere ostdeutsche Städte steht Görlitz aber auch vor diversen Herausforderungen aufgrund des demografischen und sozioökonomischen Wandels. Bereits vor der Wiedervereinigung Deutschlands hatte die Stadt mit damals ca. 72 000 EinwohnerInnen Bevölkerungsrückgänge zu verzeichnen, die sich in den Folgejahren aufgrund von massiven Arbeitsplatzverlusten und damit einhergehender Abwanderung noch verschärften. Inzwischen wohnen knapp 56 500 Menschen in Görlitz. Auswirkungen dieser Entwicklung zeigen sich unter anderem in einer großen Anzahl leerstehender Gebäude, auch in der historischen Innenstadt. Mittlerweile sind viele dieser denkmalgeschützten und für die städtische Identität charakteristischen Gebäude in ihrer Standsicherheit bedroht.

Experiment Probewohnen

Seit dem Jahr 2008 gibt es in Görlitz die Projekt-reihe „Probewohnen“. Betreut wird sie vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) mit seinem in Görlitz ansässigen Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS). Das Institut erarbeitete damit einen Ansatz, wie die Potentiale von Görlitz besser genutzt, gefördert und damit Gegenentwürfe zu Abwanderung, Leerstand sowie einem weiteren Bedeutungsverlust etabliert werden können. Dabei gibt es eine starke transdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Forschung, der Stadtverwaltung, der Wohnungsbaugesellschaft, lokalen Initiativen und ansässigen Unternehmen. Mit Hilfe des „Probierens“ als Türöffner und Entscheidungshilfe für individuelle Standortentscheidungen bekommen interessierte Personen im Rahmen des Projekts die Möglichkeit, den Wohn- und Arbeitsstandort Görlitz zu testen und vorhandene Netzwerke und Institutionen kennenzulernen. Ein solch experimenteller Ansatz kann zum einen Hürden und Unsicherheiten auf Seiten potenzieller ZuzüglerInnen abbauen. Zum anderen ermöglicht es der Stadt, einen Blick von außen auf die lokalen Gegebenheiten zu bekommen. Die (wenn auch nur zeitweilige) Nutzung und Bespielung vorhandener Raumangebote schafft Aufmerksamkeit in der Stadtgesellschaft und ermöglicht auch für die StadtbewohnerInnen das Ausprobieren von Aktivitäten und Angeboten.

Ein wichtiges Projekt der Reihe war die „Stadt auf Probe“. Es fand von Januar 2019 bis März 2020 statt und ermöglichte ein kostenfreies Probewohnen und -arbeiten in Görlitz. Vorwiegend junge Menschen, die ortsungebunden arbeiten, z. B. freiberuflich oder in der Kreativwirtschaft, konnten so für jeweils vier Wochen den Wohn- und Arbeitsstandort Görlitz testen. Die TeilnehmerInnen gaben bei der Evaluation an, dass ihnen bei der Wahl eines Wohnstandorts Kriterien wie beispielsweise Parks und Grünflächen, eine leistungsfähige Infrastruktur und kulturelle Angebote wichtig sind. Aber auch ein attraktives Stadtbild und die baukulturelle Qualität bewerteten sie hoch. Das IZS interpretierte die Ergebnisse der Fallstudie im Hinblick auf eine zukünftige Entwicklung peripher gelegener Mittelstädte mit ähnlichen Rahmenbedingungen wie Görlitz. Demzufolge gehen zum Beispiel Umzugsabsichten und Standortentscheidungen für Mittelstädte vor allem auf individuelle Lebensphasen und Lebensstile zurück sowie auf den Problemdruck in Großstädten. Der Ansatz des Probewohnens kann aber eine flexible und veränderungsbereite Zielgruppe mobilisieren. Vor allem sollten Mittelstädte ihre charakteristischen Eigenschaften wie räumliche Überschaubarkeit, kurze Wege, Entschleunigung des Alltagslebens und Entfaltungsoptionen als wesentliche Potentiale stärken und bewerben, wie aus der Analyse hervorging. Die Erkenntnisse halfen der Stadt und dem IZS bei der Vorbereitung des Nachfolgeprojekts „Stadt der Zukunft auf Probe“, das vor wenigen Wochen startete.

Klimaneutralität in der Stadt der Zukunft

Zusätzlich zum Bedarf der Revitalisierung strebt die Stadt Görlitz die Transformation zu einer klimaneutralen Stadt bis 2030 an. Deshalb soll das aktuell laufende Projekt, Stadt der Zukunft auf Probe, auch ein Wohn- und Arbeitsexperiment für ein klimaneutrales Görlitz sein. Interessierte Personen, die sich in ihrem Erwerbsleben mit nachhaltiger Stadtentwicklung oder Klimaneutralität beschäftigen, sind aufgerufen, den Wohn- und Arbeitsstandort Görlitz auszuprobieren und ihre Expertise in die Stadt einzubringen. Das Projekt soll die Aufmerksamkeit von potenziellen ZuzüglerInnen erwecken und zugleich die Chancen eines gezielten Zuzugs für die Umsetzung einer nachhaltigen Stadtentwicklung ermitteln. Ziel ist es, die Erkenntnisse der Vorgängerprojekte über die Standortanforderungen und -perspektiven von qualifizierten Arbeitskräften zu vertiefen. Was veranlasst Menschen, sich an bestimmten Orten und konkret in Görlitz niederzulassen? Und was hindert sie möglicherweise daran, den Schritt nach Görlitz oder allgemein in eine andere Klein- oder Mittelstadt zu wagen?

Im aktuellen Projekt können die nach einem ­offenen Bewerbungsaufruf ausgewählten TeilnehmerInnen für jeweils drei Monate in Görlitz wohnen und arbeiten. Vier Wochen, wie im Vorgängerprojekt, schienen nicht ausreichend, um eine Umzugsentscheidung zu treffen, vor allem wenn man sich wirtschaftlich etablieren möchte. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft KommWohnen Service GmbH stellt drei möblierte Wohnungen für die Teilnehmenden zur Verfügung. Lokale Initiativen und Vereine bieten verschiedene Arbeitsräume an. Der Verein KoLABORacja e. V. stellte einen Arbeitsplatz in einem Co-Working-Space zur Verfügung, der Kühlhaus Görlitz e. V. verschiedene Werkstätten und der Verein Wildwuchs e. V. einen Ausstellungsraum. Für ein schnelles fachliches Vernetzen sind mit dem CASUS-Zentrum und der Hochschule Zittau/Görlitz lokale Wissensinstitutionen und mit Siemens Energy und den Stadtwerken Görlitz lokale Unternehmen am Projekt beteiligt. Sie bieten den TeilnehmerInnen eine erste Anlaufstelle und Anknüpfungspunkte. Das Vorhaben wird im Rahmen der „Nationalen Stadtentwicklungspolitik“ vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) / Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Rahmen einer Ko-Finanzierung gefördert.

Übertragbarkeit auf andere Städte

Das Projekt „Stadt der Zukunft auf Probe“ verfolgt das Ziel, im „Stadtlabor“ Görlitz neue Ansätze der Stadtentwicklung zu erproben, die sowohl für die Stadt selbst als auch für die breitere Stadtentwicklungsdiskussion Erkenntnisse generieren. Parallel werden direkte Effekte für die Stadt, wie eine positive mediale Berichterstattung, dauerhafte Zuzüge und öffentlich nutz- beziehungsweise sichtbare Aktivitäten der TeilnehmerInnen, erzielt.

Bereits die Erkenntnisse aus den vorangegangenen Projekten haben deutlich gemacht, dass die Entwicklung kleinerer Städte vor der Herausforderung steht, sich als attraktive Wohn- und Lebensstandorte zu positionieren, die noch ein ausreichend urbanes Angebot für die in ihnen lebenden Menschen bieten. Dazu müssen diese Städte auch künftig zentrale Daseinsvorsorgefunktionen und ein gutes Infrastrukturangebot bereitstellen. Im Hinblick auf das mobile Arbeiten, welches in Zeiten der Corona-Pandemie zugenommen hat, eröffnen sich hier eventuell weitere Möglichkeiten. Eine bleibende Bedeutung des mobilen Arbeitens mit einer damit einhergehenden Trennung von Wohn- und Arbeitsstandort kann insbesondere für Städte in peripheren, strukturschwachen Regionen eine Chance bedeuten, indem Standortnachteile wie Erreichbarkeit, Arbeitsplatzangebot und -vielfalt in den Hintergrund treten, während Vorteile als Wohnstandort, wie verfüg- und bezahlbarer Wohnraum, Umweltqualität oder Entschleunigung an Bedeutung gewinnen. Dies trifft vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit Ausgangsbeschränkungen möglicherweise insbesondere auf Vorzüge wie geringe Bevölkerungsdichte, Grünflächenausstattung und persönliche Freiräume zu.

AutorInnen:

Constanze Zöllter, Dipl.-Geogr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden sowie am Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS), Görlitz.

Dr.-Ing. Stefanie Rößler, Dipl.-Ing. Landschaftsarchitektur, ist Senior Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden sowie am Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS), Görlitz.

Prof. Dr.-Ing. Robert Knippschild, Dipl.-Ing. Raumplaner, leitet das Interdisziplinäre Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS), Görlitz. Außerdem arbeitet er für das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden sowie für die Technische Universität Dresden.

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