Wohnen im Blockinnenhof

Klopstockhöfe, Hamburg-Ottensen

Mit einem phantastischen Gespür für das Potential eines Hinterhofes in Ottensen, der aufgrund seines Grundstückszuschnittes und seiner unattraktiven Ausrichtung zur Sonne nicht zum Wohnen prädestiniert ist, schaffen die Architekten nicht nur qualitätvollen Lebensraum, der für Wohngemeinschaften genauso geeignet ist wie für Familien, sondern auch für Büro - Gewerbe oder Freiberufler potentiell als attraktive Adresse in Frage kommt. Sie knüpfen mit ihrem Grundrisskonzept an multifunktionale, gründerzeitliche Grundrisslayouts an, die sie mit Bravour auf jetztzeitige Anforderungen übertragen haben – und das in einer qualitätvollen Architektursprache mit wertiger Materialisierung.

⇥DBZ Heftpaten ksw architekten + stadtplaner

Die Einwohnerzahl Hamburgs ist seit Mitte der 1980er-Jahre stetig gestiegen und auch in Zukunft wird mit einer wachsenden Einwohnerzahl von bis zu zwei Millionen gerechnet. Nachverdichtung ist das Gebot der Stunde.

Die Überbauung eines langgestreckten Handtuchgrundstücks (20 m Breite, 100 m Länge) mit ehemals gewerblicher Nutzung im Hamburger Stadtviertel Ottensen mit einer dreigeschossigen Wohnbebauung stellte eine große Herausforderung dar.

Bereits 2012 stand der planerische Entwurf für eine Bebauung des Hofgrundstücks mit 23 Wohneinheiten, die 2018 fertiggestellt wurden. Das Architekturbüro limbrock · tubbesing architekten war dabei direkt vom Bauherrn, Kurt Gronewold, beziehungsweise dessen neu gegründeter Klopstockhof oHG, beauftragt worden. „Ich bin sehr froh, dass in diesem Projekt keine Mikroappartements oder ein Boardinghouse gewünscht wurden, wie sie in den Großstädten derzeit verstärkt gebaut werden, sondern wir mit überwiegend großen, 3,5- bis 5,5-Zimmer-Wohnungen auch Wohnraum für Familien mit Kindern, sowohl im Eigentum, als auch als Mietwohnungen, schaffen konnten“, so Simon Tubbesing, Partner des Architekturbüros. Zwei Drittel der Wohnungen werden als hochpreisige Eigentumswohnungen verkauft, ein Drittel sind von der Hamburger IFB gefördert. Die Mietpreise liegen hier zwischen 6,50 €/m² und 8,80 €/m².

Schmales Baufeld

Erstaunlich gut ist das Konzept der natürlichen Belichtung im Projekt aufgegangen. Das ist deswegen erwähnenswert, weil das Grundstück nicht nur besonders schmal ist, sondern zudem an seiner Südseite direkt an die Brandwand einer viergeschossigen Bebauung an der Kirchentwiete anschließt. Hier entschieden sich die Architekten dafür, das Staffelgeschoss um ca. 5 m gegenüber dieser Brandwand zurückspringen zu lassen, so dass die Wohnungen sehr gut belichtet werden konnten. Lediglich mit Metall verkleidete Abstellboxen stehen hier zwischen DG-Erschließung und Brandwand. Zur nördlichen Hofseite tritt das Gebäude als Viergeschosser in Erscheinung.

Die Grundrisse gruppieren sich U-, beziehungsweise C-förmig gespiegelt um drei kleine Atrienhöfe, über die auch die drei Treppenhäuser erschlossen werden. Durch zusätzliche Vor- und Rücksprünge an der Nordfassade werden die Wohnungen der Geschosse Erdgeschoss bis 2. Obergeschoss von drei, im Staffelgeschoss von vier Seiten belichtet.

Durch die Anordnung der Wohnungen an den Atrien orientieren sich die großzügigen, loftartigen Küchen-, Ess- / Wohnbereiche zu den Höfen, was gleichzeitig Offenheit und durch die relativ geringen Maße der Höfe, Geborgenheit vermittelt. Der zentrale Wohnbereich wird sowohl durch die gläserne Fassade zum Atrium als auch durch raumhohe Fenster zur Nordseite belichtet.

Den offenen Wohnbereichen sind je nach Wohnungsgröße 1 - 3 Individualräume zugeordnet. Bis auf die Wohnungen im Staffelgeschoss sind alle barrierefrei erreichbar, die Erdgeschoss-Wohnungen auch gemäß der Hamburger Bauordnung als solche ausgestattet; also mit bodengleichen Duschen, breiteren Türöffnungen, und verstärkten GK-Wänden für die mögliche Anbringung von Stützgriffen in den Sanitärräumen. Da größere Bereiche der Staffelgeschossebene nicht überbaut sind und somit als Dachfläche zu den darunterliegenden Wohneinheiten gedämmt werden mussten, entstand hier eine Höhendifferenz, die als Stufe in den Wohnungen zur Gliederung der offenen Bereiche beiträgt.

Baustellenlogistik

Der Zuschnitt des Grundstücks beeinflusste auch die Planungen. „Im Grunde hat sich die gesamte Baukörperform aus den äußeren Notwendigkeiten ergeben“, so Alena Eichler aus dem Architekturbüro limbrock · tubbesing. „Selbst die Baustellenlogistik hatte Einfluss auf einzelne Detailentscheidungen. Für die Baustelle hatten wir zwei Rohbaukräne, um einzelne Bauteile über das Vorderhaus auf das Grundstück zu heben. Dabei war der hofseitige Kran aufgrund der kleineren Aufstellfläche kleiner und die maximalen Lasten entsprechend beschränkt. Die meisten Materialien mussten über die 3,15 m breite Durchfahrt angeliefert werden. Aus diesem Grund wurden beispielsweise die Treppen nicht als vorgefertigte Elemente verbaut, sondern vor Ort hergestellt. Auch Balkonfertigteile mussten zweiteilig gefertigt werden, um dann vor Ort über Dornen verbunden zu werden.“

Bereits die Erstellung der Baugrube hatte Probleme aufgeworfen, die der Enge des Grundstücks geschuldet waren: Der Verbau der Baugrube musste in die umliegenden Grundstücke hinein rückverankert werden. Hier war Fingerspitzengefühl und ein langer Atem im Umgang mit der Nachbarschaft gefragt. „Mit den Eigentümern der Gebäude an der Kirchentwiete bestand eine Nachbarschaftsvereinbarung. Schwieriger gestaltete sich der Abstimmungsprozess mit den nördlich angrenzenden Nachbarn“, so Bauherrenvertreter Dr. Thomas  Möller. „Letztendlich konnten wir uns aber in fast allen Fällen durch gegenseitige Zugeständnisse einigen.“

Es ist den Architekten durchaus gelungen, mit den Klopstockhöfen eine Insel innerhalb des belebten Stadtlebens von Altona zu bieten. Eine Insel allerdings, auf der man durchaus mit seinen Nachbarn immer wieder Berührungspunkte hat, unter anderem, weil durch die für die Belichtung notwendigen großen Fensteröffnungen an den kleinen Höfen auch optische Transparenz geschaffen wurde. Ein in der Hinsicht mutiges, architektonisch gelungenes Projekt für Menschen, die urbane Nähe zu schätzen wissen! Ob dies allerdings mit der Zielgruppe der ausgesprochen hochpreisigen Eigentumswohnungen kompatibel ist, wird sich zeigen.

Brandschutz

Ursprünglich war die Idee der Architekten gewesen, Parkmöglichkeiten auf dem Hof anzubieten und auf eine Tiefgarage zu verzichten. Diese Idee scheiterte an den notwendigen Bewegungsflächen der Feuerwehr auf dem Grundstück. Daher wurde entschieden, im Kellergeschoss eine Tiefgarage mit PKW-Aufzug und 43 Stellplätzen anzubieten.

Um den Fahrzeugen der Feuerwehr den nötigen Platz zum Wenden zu geben, musste das Erdgeschoss an der Nord-Ost­ecke des Gebäudes auf ein lichtes Maß von 3,07 m erhöht werden und die Fassade um 5 x 7 m zurückspringen, so dass das darüber liegende Obergeschoss hier auskragt und mit zwei Stützen abgefangen wird.⇥Nina Greve, Lübeck

Baudaten

Objekt: Klopstockhöfe

Standort: Hamburg-Ottensen

Typologie: Wohnen

Bauherr: Klopstockhof oHG

Nutzer: 1/3 geförderter Wohnungsbau

Architekt: limbrock · tubbesing architekten und stadtplaner,

Hamburg, www.limbrocktubbesing.de

Mitarbeiter (Team): Hans Rinshofer, Alena Eichler, Annika Limbrock

Generalunternehmer: HOCHTIEF Infrastructure GmbH, Hamburg,

www.hochtief-solutions.de

Bauzeit: April 2016 – Juli 2018

Fachplaner

Tragwerksplaner: OP Engineers GmbH, Oldenburg,

www.op-engineers.de

TGA-Planer: energie & technik GmbH, Sittensen,

www.energieundtechnik.net 

Landschaftsarchitekt: Lichtenstein Landschaftsarchitekten,

Hamburg, www.lichtenstein-landschaftsarchitekten.de

Projektdaten

Grundstücksgröße: 1 769 m²

Grundflächenzahl: 0,58

Nutzfläche gesamt 3 772 m²

Brutto-Grundfläche: 5 136 m² (ohne UG)

Brutto-Rauminhalt: 15 208 m³ (mit UG)

Hersteller

Fenster: Menck Fenster GmbH, www.menck-fenster.de

Sonnenschutz: Warema RENKHOFF SE, www.warema.de

Autoaufzug: BAUMANN Aufzüge GmbH, www.baumann-aufzuege.de

Thematisch passende Artikel:

5.200 neue Wohnungen für Wilhelmsburg

Senat beauftragt IBA Hamburg mit weiteren Quartiersentwicklungen in Wilhelmsburg

Die Internationale Bauausstellung Hamburg (2006-2013) hat, neben der Fortsetzung der Quartiersentwicklung von Georgswerder, Wilhelmsburger Rathausviertel und Georg-Wilhelm-Höfe, den Grundstein für...

mehr
Ausgabe 05/2019

Zeisehof, Hamburg-Ottensen

Inspirierend, kommunikativ und modern: Mit diesen Zielen wurde das Grundstück auf dem Areal einer ehemaligen Schiffsschraubenfabrik im Hamburger Stadtteil Ottensen von den Architekten Störmer Murphy...

mehr
Ausgabe 10/2015

Initialzündung Hansaterrassen, Hamburg-Hamm

Bislang ist der Stadtteil Hamburg-Hamm von Bürogebäuden geprägt, vereinzelt gibt es Wohnzeilen. In einem Dossier zur „Stadtentwicklung mitten in Hamburg“ ist bereits 2006 das Ziel formuliert,...

mehr
Ausgabe 10/2017

Wohnquartier „Op´n Hainholt“, Hamburg-Sülldorf

In Hamburg gibt es 19 Klima-Modell-Quartiere, eines davon in Hamburg-Sülldorf. Hier entstanden 14 Eigentumswohnungen und 27 Reihenhäuser sowie 8 Doppelhäuser nach einer Planung von eins:eins...

mehr
Ausgabe 03/2017

Mehrgenerationenwohnen „An der Sebastiankirche“, Münster www.bolles-wilson.com

Der eingeladene Wettbewerb 2009 verlangte die Planung einer Kindertagesstätte und rund 50 Eigentumswohnungen auf dem Gelände der profanierten Sebastiankirche in Münster. Die Gewinner des...

mehr