Im Gespräch mit Rolf Disch

»Das Schöne am Architektenberuf ist, dass man sich nicht auf ein pro­testierendes Nein zur weiteren ­Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu beschränken braucht ...«

Anlässlich seines 75. Geburtstages ergreifen wir gern die Gelegenheit, Rolf Disch, den Solarpionier der ersten Stunde, zu seinen Erfahrungen und Einsichten aus 50 Jahren SolarArchitektur zu befragen.



Herr Disch, zunächst einmal möchte ich Ihnen im Namen der DBZ Redaktion zu Ihrem 75. Geburtstag ganz herzlich gratulieren! Wir ergreifen gern die Gelegenheit, Sie als Solarpionier der ersten Stunde zu Ihren Erfahrungen und Einsichten aus 50 Jahren Solararchitektur zu befragen.

Sie wohnen in einem Pilotprojekt, in dem von Ihnen konzipierten und 1994 erbauten Heliotrop – einem zylindrischen Haus auf einem Pylon aufgeständert, das sich dem Sonnenstand nachdreht und mit einem rotierenden Photovoltaik-Schild auf dem Dach Energie aus der Sonne produziert. Es ist das erste Plusenergiehaus, das gebaut wurde, und in seiner Art immer noch einzigartig. Ein Haus wie eine Maschine, ein Kraftwerk, ein völlig neues Wohnhauskonzept. Sie wohnen dort seit mehr als 20 Jahren. Wie wohnt es sich in einem Experiment?

Rolf Disch: Meine Frau und ich wohnen seit genau 25 Jahren im Heliotrop, und wir wollen ganz gewiss nicht wieder ausziehen. Die Räume im Haus winden sich spiralförmig um die tragende Säule, was schöne Split-Level-Situationen und ein interessantes Wohnen ergibt. Durch die Drehung haben wir einen ständig wechselnden Blick: Morgens schauen wir auf einen Weinberg, abends genießen wir den Sonnenuntergang über dem Rheintal. Wir wohnen nicht einfach auf einer Ebene, sondern man könnte sagen, die dritte Dimension ist ins Wohnen einbezogen, und durch die Bewegung auch die vierte Dimension, die Zeit. Da das Heliotrop aus Holz gebaut ist, haben wir stets wohlig warme Oberflächen. Natürlich geht es oft die Wendeltreppe im Inneren der Säule herauf und herunter, aber das betrachte ich als mein persönliches Fitness-Studio.

Sicher, das Haus war ein Experiment, es steckt einiges an Technik darin, doch bleibt das Wichtigste an diesem wie an jedem Haus, dass es für die Bewohner funktionieren muss, dass sie sich wohlfühlen, dass es ästhetische Qualitäten hat, die das Lebensgefühl steigern. Für mich ist es aber auch ein Teil dieses guten Gefühls, dass ich weiß: Wenn ich dusche, wenn ich heize, wenn ich das Licht oder den Computer anschalte, dann kommen die Wärme und der Strom von der Sonne. Im Heliotrop zu wohnen, hat unser Verhalten geändert. Wir kaufen mit viel mehr Bedacht ein, wir haben längst das Auto ab- und E-Bikes angeschafft.

Ein sehr spezieller Aspekt ist: Seit 25 Jahren kommen so gut wie jeden Tag Besuchergruppen, oft mehrere täglich, um sich das Haus anzuschauen. Meine Frau, Hanna Lehmann, wird nicht müde, viele dieser Besucher durch das Heliotrop zu führen: Schüler, Studenten und Professoren, Architekten, Ingenieure und Bauunternehmer, Politiker, Umweltaktivisten, oft auch Journalisten und Fernsehteams aus aller Welt. Hanna ist der Überzeugung, dass man, wenn man in einem solchen Haus leben darf, es teilen muss mit anderen. Das Heliotrop inspiriert uns noch immer, und wir versuchen, etwas davon weiterzugeben – an inzwischen über 17 000 Besucher.

Sie haben mit dem Heliotrop nicht nur das erste Plusenergiehaus gebaut, von Ihnen stammt auch das Konzept für die erste Solarsiedlung in Freiburg, die zusammen mit dem ersten Gewerbebau in Plusenergiebauweise, dem Sonnenschiff, weltweit Beachtung fand. Heute bauen Sie in Berlin und Schallstadt großflächige Mehrfamilienprojekte im Plusenergiestandard. Was hat sich in Ihrer eigenen Planungspraxis in den vergangenen Jahren verändert?

Einiges ist einfacher geworden: Gute Fenster, Lüftungsgeräte usw. sind heute einfach auf dem Markt verfügbar. Wir haben mehr Erfahrung. Mehr Menschen können sich etwas unter einem Plus-energiehaus vorstellen und wir können beweisen, dass es seit 25 Jahren funktioniert. Andererseits wird die Aufgabe immer dringlicher, denn die globalen CO2-Emissionen sind ja keineswegs zurückgegangen, sondern steigen immer weiter, und der Klimawandel schreitet voran.

Bei unseren laufenden Projekten optimieren wir die Energie-Einsparung und -Produktion deshalb immer weiter. Bei der Raumheizung sind wir mit dem Passivhaus- oder KfW 40-Niveau schon lange auf einem guten Stand. Hier war immer der größte Energiebedarf und das hat sich geändert. Jetzt muss man auch die Energie für Warmwasser reduzieren. Wir tun das zum Beispiel mit dem Einbau von Legionellenfiltern, so dass man das warme Wasser nicht mehr auf über 60 °C aufheizen muss, um die Legionellen in Schach zu halten. Das bedeutet: geringere Wärmeverluste und für Wärmepumpen eine wesentlich bessere Arbeitszahl. Eine andere Einsparmöglichkeit ist die Wärmerückgewinnung aus dem Duschwasser.

Wichtig für uns sind großflächige, gebäudeintegrierte Solaranlagen mit immer höherem Wirkungsgrad und größtmöglichem Solarstromertrag. Auch setzen wir inzwischen Stromspeicher ein – einerseits um die Eigennutzung zu steigern, andererseits zur Stabilisierung des Stromnetzes. Und angesichts der letzten, extrem heißen Sommer und des fortschreitenden Klimawandels arbeiten wir nicht wie bisher ausschließlich mit Nachtkühlung, sondern nutzen an heißen Tagen die Fußbodenheizung auch zur passiven Raumkühlung.

Auch bei der Mobilität versuchen wir, uns auf die Zukunft einzustellen. Bei unseren Plusenergie-Klimahäusern in Schallstadt darf kein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor mehr in die Tiefgarage, sondern nur noch Elektromobile. So bleibt das Haus weitgehend von Dreck und Abgasen verschont. Alle PKW-Stellplätze – auch die Außenplätze für die „Verbrenner“ – bekommen Lademöglichkeiten. Wir stellen elektrisches Car-Sharing und Lasten-E-Bikes zur Verfügung, sowie eine Mobilitäts-App, die auch Car-Pooling und vor allem den öffentlichen Verkehr einbezieht. Letztlich lautet das Ziel: ohne Schornstein und Auspuff.

Das Konzept Plusenergie scheint im Markt angekommen zu sein, es gibt inzwischen schon Fertighäuser im sogenannten Plusenergiestandard. Es gibt Förderungen für Solar- und Klimaschutzsiedlungen. Wie sieht das bei Architekten und Bauherren aus? Ist hier der Standard immer noch ein Nischenthema oder vor dem Durchbruch? Wie sehen Sie die Entwicklung?

Ja, es ist erfreulich, dass da etwas passiert, aber es ist zu wenig. Vor allem bei der Sanierung im Bestand kommen wir nicht schnell genug voran, und in der Masse wird noch viel zu viel nach EnEV-Mindeststandard neu gebaut, meist ohne Solarsysteme. Es gibt wenige große Bauträger, Baugenossenschaften usw., die konsequent und zukunftsorientiert die höchsten Standards umsetzen. Die Controlling-Abteilung lässt selten eine Zusatzinvestition durchgehen, die sich nicht binnen zwei, drei Jahren amortisiert.

Im Moment wird auch die Debatte um „bezahlbares Wohnen“ häufig so geführt, dass ökologisch nachhaltiges Bauen als Kostentreiber verteufelt wird, obwohl das nun wirklich Unfug ist. Wir haben kürzlich eine Studie für einen Erschließungsträger und Energieversorger erstellt: Wenn Sie die Zusatzinvestition für Passiv- und Plusenergiehäuser (gegenüber Mindeststandard) nicht nur auf die Baukosten, sondern auf die Vollkosten beziehen, liegt man irgendwo zwischen 2 und 4 %. Die wirklichen Kostentreiber sind andere, nämlich die ständig wachsenden Wohnungsgrößen pro Kopf, die oft zu lockere Bebauung, die mit der Ressource Boden fahrlässig umgeht, sowie all die überflüssige Infrastruktur für die privaten PKW.

Kurzfristig sehe ich den Durchbruch nicht, vieles arbeitet noch dagegen. Aber wir werden künftig gar keine andere Möglichkeit haben, als konsequent energieeffizient zu bauen und den Rest-energiebedarf aus erneuerbaren Quellen zu decken.

Welche Verantwortung haben wir als Architekten, wenn wir an Themen wie klimaneutrales Bauen denken? Kann man alles dem Gesetzgeber überlassen oder was können/sollten wir tun? Was muss die Architektenschaft ändern, die Hochschulen oder die Kammern? Wie kann/muss Architektur im Zeichen des Klimawandels aussehen bzw. was muss sie leisten?

Da immer noch ca. 40 % der Energieverbräuche auf den Gebäudesektor fallen, liegt ein gigantischer Teil der Verantwortung bei den Architekten. Aber ohne gesetzlichen Zwang wird es nicht gehen. Gerade wurde die Chance vertan, die Europäische Gebäuderichtlinie (EBPD 2010) in Deutschland so umzusetzen, wie sie eigentlich vom Europäischen Parlament gedacht war, nämlich letztlich Passivhausstandard mitsamt Vollversorgung aus Erneuerbaren Energien vorzuschreiben. Ich hoffe auf eine massive CO2-­Besteuerung, die dann auch erhebliche Konsequenzen für die häuslichen Energieverbräuche haben muss. Auch bei der grauen Energie, die in den Baumaterialien steckt und für die Erstellung des Gebäudes verbraucht wird, kann der Staat noch viel mehr tun, zum Beispiel durch Förderung von Holzbauten.

Die Architekten und ihre Kammern müssen hier zu den treibenden Kräften gehören, nicht zu den Bremsern, und die Ausbildung muss den jungen Planern das entsprechende Know-how an die Hand geben. Das ist eigentlich ganz einfach und klar.

Wenn Sie auf Ihre 50 Jahre Berufspraxis zurückschauen, was leiten Sie daraus für die Zukunft ab? Welchen Herausforderungen müssen sich Architekten in der Zukunft stellen? Was möchten Sie jüngeren Architekten mit auf den Weg geben?

Wenn ich die Fridays for Future-Bewegung sehe, habe ich gute Hoffnung, dass die junge Generation tatsächlich umsteuern will – und das gilt dann hoffentlich auch für die jungen Architekten. Denn das Grundargument von Greta Thunberg und ihren Mitstreitern ist schlagend: Es ist nicht meine Generation, es sind die jungen Menschen, die die Folgen des Klimawandels mit Wucht treffen werden, und das wollen sie sich nicht einfach gefallen lassen.

Das Schöne am Architektenberuf ist, dass man sich nicht auf ein bloßes, protestierendes Nein zur weiteren Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu beschränken braucht, sondern dass man ganz direkt Möglichkeiten hat, etwas dagegen zu tun. Man muss es dann aber auch tun und in seinem Beruf die Konsequenzen ziehen. Meine Erfahrung ist: Es ist sehr viel befriedigender, macht viel mehr Freude und Sinn, selbst tätig zu werden, seinen Überzeugungen zu folgen, mutig zu sein und auch einmal Risiken einzugehen – als darauf zu warten, dass andere das tun, was ich selbst für richtig erkannt habe.

Und vielleicht noch dies: Lasst euch nicht überwältigen von den ja überwiegend technischen Anforderungen, die das energieeffiziente Bauen stellt. Am Ende geht es wie schon immer darum, schöne, wohnliche, lange und flexibel nutzbare, menschenfreundliche Häuser zu bauen, ein Wohnumfeld mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen. Auch das ist Nachhaltigkeit.

Herr Disch, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte DBZ Redakteurin Inga

Schaefer für die DBZ Deutsche BauZeitschrift.

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