LEBENSZYKLUS

Den Nachhaltigkeitsbegriff endlich neu besetzen!

BIM – Building Information Modeling – bewegt die Baubranche stark und die Fachmedien thematisieren die „neue“ Planungsmethode BIM fast täglich. Dabei ist BIM nur ein Teilaspekt in einem ganzheitlichen, digitalen Prozess aus Planen, Bauen, Betreiben, Modernisieren und Umnutzen, Rückbauen und Recyclen.

Der gesamte Lebenszyklus des Gebäudes rückt in den Fokus des Architekturdiskurses einer nahen Zukunft. Und die nachhaltige und langfristige Bewirtschaftung im Dienste und Sinne seiner Nutzer ist zukünftig die vorrangige Aufgabe von Architektur. Das bedeutet, Architektur dient nicht dem Selbstzweck, sondern der Gesellschaft und ihren wechselnden Anforderungen.

Kollaboration – Planungsleistungen ermöglichen

Diese Entwicklung bedeutet wesentli­che Veränderungen für den Kommunika­tionsprozess in der Zusammenarbeit der Baubeteiligten, der Architekten, Fachplaner, Auftraggeber, Facility Manager und Bauunternehmer. Unter dem Begriff Kollaboration gewinnt diese enge, ernsthafte und übergreifende Vernetzung bereits jetzt an Wichtigkeit. Zukünftig bedeutet Kollaboration jedoch weitaus mehr: Die Qualität einer interdisziplinären Kooperation ist entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg eines Projekts. In den kommenden Jahren wird es also nicht mehr darum gehen, ob eine fachspezifisch übergreifende Gruppe von (Fach-)Planern ihre Arbeitswerkzeuge beherrschen (BIM-Softwaretools, virtuelle Projekträume, Modelle und Datenbanken), sondern wie deren Planungsleistungen gemeinsam möglich werden.

Neue Werkzeuge für die Kollaboration

Damit sich der Weg einer übergreifenden, kollaborativen (oder auch integralen) Planung beschreiten lässt, sind neue Werkzeuge notwendig. Die umfassende Arbeit des Architekten und Fachplaners kann mit ihnen vereinfachen und effizient gestaltet werden. Parametrische Tools, die beispielsweise bei vorheriger Festlegung von festen Abhängigkeiten stets korrekte Grundrissvarianten ermitteln, sind schon jetzt bei ersten Projekten im Einsatz. Damit allein entsteht keineswegs der perfekte Grundriss, denn die Abwägung für den richtigen, den idealen Grundriss im speziellen Projekt, erfolgt weiterhin durch den Architekten. Seine Aufgabe bleibt relevant: unter anderem aus funktionalen und konstruktiven sowie nach menschlichen und ästhetischen Parametern lebenswerte Architektur zu schaffen. Denn hier liegen weiterhin die Grenzen der computerisierten Planung mit BIM und des Einflusses von KI (Künstlicher Intelligenz) auf das Bauen. Zu einer Entscheidung wie die des freien Geistes, ist eine Maschine nicht fähig.

Ausbildung neu denken

Heranwachsende Architekten- und Fachplanergenerationen sehen sich mit bisher kaum fassbaren technologischen Entwicklungen konfrontiert. Und sie sollen im Rahmen ihrer Ausbildung auf sich kontinuierliche verändernde Bedingungen im Planungs- und Bauprozess sowie im Gebäudebetrieb vorbereitet werden. Hier liegt die Aufgabe der Lehrinstitute, neue Arbeitsmethoden und Prozesse an die Lernenden heranzutragen und nicht den „Status quo“ am Bau zu konservieren. Wir brauchen Digitalisierungsexperten, für die interdisziplinäre Planung der Alltag ist. Begriffe wie BAP (BIM Projektabwicklungsplan) und AIA (Auftraggeber Informationsanforderung) müssen sie einordnen, verstehen, interpretieren und projektspezifisch anwenden lernen. Die digitale Prozesskette – hier von der Planung über die Produktion bis auf die digitale Baustelle – wird der Schlüssel für eine neue Planungslehre an den Universitäten und Hochschulen. Diese Lehre lässt sich in Einklang bringen, mit einer anspruchsvollen, ästhetischen und keineswegs monotonen digital geschaffenen Architektur, mit der diese jungen Menschen unsere Umwelt bereichern können.

Digitaler Bauprozess

Immer mehr Menschen wohnen in unseren Städten auf immer weniger Fläche. Parallel wächst in Europa die von jedem Einwohner gewünschte Fläche an individuellem Wohnraum. Architekturplanung muss auf solche Entwicklungen mit flexiblen Wohn- und Lebenskonzepten reagieren und zeitgleich die Optionen von standardisierten Bauprozessen und digital gestützter Vorfertigung ausloten. Das Potential, das sich hier bietet, ist enorm. Holzbau, Stahlbau, Stahlbetonbau, Hybridkonstruktionen – alle gängigen und neueren Konstruktionsarten bleiben weiterhin möglich. Die Interfaces, im Bauprozess sind dies die übertragenden Werkzeuge in der Produktion und auf der Baustelle, bieten hierfür die Übersetzung in die gebaute Realität. Und Bauroboter in verschiedenen Ausprägungen und Qualitätsstufen, gehören in absehbarer Zeit zum alltäglichen Bild auf den Baustellen.

Veränderter Nachhaltigkeitsbegriff

Betrachtet man diese Entwicklungen ganzheitlich – bringt also Gebäudelebenszyklus mit der technologischen Entwicklung in Planungsprozess und Fertigung sowie der voranschreitenden Digitalisierung des Bauprozesses in Deckung – offenbart sich ein veränderter Nachhaltigkeitsansatz der Architektur. Der Begriff, in den 2000er-Jahren stark mit rein technischen und energetischen Anforderungen besetzt und darüber hinaus inflationär verwendet, erhält neue Facetten: Nachhaltigkeit bedeutet Planung, maschinelle Erstellung und personellen Aufwand, Gebäudebetrieb, Sanierung oder Umnutzung und Recycling in einen ganzheitlichen Kontext und über einen weitaus längeren Zeitraum zu betrachten, als bisher. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist der sog. „Ersatzneubau“, der aufgrund konstruktiver oder energetischer oder wirtschaftlicher Aspekte erstellt wird, keineswegs eine nachhaltige Lösung. Und er ist ebenso wenig die wirtschaftlichste. Denn die Energie, die in Neuplanung, Abriss, Recycling und Neuerstellung des Ersatzneubaus fließt, ist ein vielfaches größer als der oftmals mögliche Um- oder Teilrückbau eines Gebäudes.

Tim Westphal sprach mit Agron Deralla von AllesWirdGut Architektur ZT GmbH in Wien und Holger Kreienbrink von GRAPHISOFT Deutschland GmbH in München über das Thema BIM.

„Der Schwerpunkt vieler Architekturfakultäten liegt weiterhin in der Entwurfslehre. Wir brauchen aber gut ausgebildete Digitalisierungsexperten in den Büros, für die der BIM-Prozess zum Alltag wird, die ihre digitalen Werkzeuge beherrschen!“ Holger Kreienbrink

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