Organismus Krankenhaus

Vivantes Humboldt-Klinikum, Berlin Reinickendorf

Unweit des kürzlich stillgelegten Flughafen Tegel im Norden Berlins befindet sich das Vivantes Humboldt Klinikum. Die ArchitektInnen von Heinle, Wischer und Partner konnten bei der Sanierung und Erweiterung verschiedene Methoden erstmals ausprobieren und neue Erkenntnisse der Wissenschaft in die Planung mit einfließen lassen – von Tageslichtbezug in den OP-Sälen über Kohortenisolierung bis zur Umsetzung einer Frühreha-Station. Dabei legten sie besonders Wert auf flexible, modulare Strukturen, die auch zukünftigen Veränderungen gerecht werden.

Der Umgang mit dem Bestehenden ist eine typische Herausforderung im Krankenhausbau. Entspricht ein Haus nicht mehr den aktuellen Anforderungen, wird in der Regel um- und angebaut, da der Standort von Krankenhäusern nur schwer veränderbar ist. Zum einen wurde der Ort seinerzeit in Bezug auf die städtische Infrastruktur bereits optimal gewählt und es gibt selten vergleichbar gelegene Flächen, die zur Bebauung bereitstehen. Zum anderen kann der Betrieb eines Krankenhauses nicht ohne Weiteres stillgelegt werden oder an zwei Orten parallel stattfinden. Aber, was auf der einen Seite Herausforderungen birgt, kann auf der anderen Seite die Möglichkeit bieten, neue Strukturen und Methoden im Kleinen zu testen. So auch beim Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin Reinickendorf – in den 1980er-Jahren von tsj Architekten erbaut, wird es seit 2017 von den ArchitektInnen von Heinle, Wischer und Partner umgebaut und mit dem „Therapeutikum“ erweitert.

Anpassungsfähig

„Um ein Klinikum im laufenden Betrieb umzubauen, ist es wichtig, dass alle Beteiligten den Organismus Krankenhaus mit all seinen Abhängigkeiten verstehen“, erklärt Edzard Schultz. Dafür wird zu Beginn eine Analyse und Bewertung der vorhandenen Struktur durchgeführt, auf deren Grundlage ein Maßnahmenkatalog erstellt werden kann. Dieses Vorausschauen ermöglicht eine Priorisierung und sichert die Betriebsfähigkeit der Häuser während der langen Umbauphasen. Aber nicht nur, um den Betrieb aufrecht zu erhalten, auch im Sinne der Nachhaltigkeit ist es von Vorteil, den Gebäudebestand zu nutzen. Die alten Gebäude des Vivantes Humboldt-Klinikums wurden hinsichtlich ihrer Energieeffizienz modernisiert und funktionell umstrukturiert.

Um zukünftig besser auf den schnellen Wandel in der Medizin und Technik reagieren zu können, muss ein Grundgerüst geschaffen werden, das Veränderungen aushält. Modulares Bauen ist hier der Schlüssel zum Erfolg. Das gilt nicht nur für das Humboldt-Klinikum, generell plädieren Edzard Schultz und Barbara Schott für einen flexiblen, modularen Krankenhausbau, dem sie ein hohes Zukunftspotential zuweisen, da er auch kurzfristig auf ungeahnte Situationen reagieren kann. So wird er außerdem einen nachhaltigen Umgang mit dem zukünftigen Gebäudebestand ermöglichen.

Verflochten

Das Humboldt-Klinikum bringt vergleichbar gute Voraussetzungen für eine Neustrukturierung mit sich. Der innere Funk­tionsbereich ähnelt mit seinem klaren Raster an einen Industriebau. Dieser wird locker umklammert von dem Pflegebereich. Die vorhandene Strukturierung des Funktionsbereichs hilft bei der Sanierung, da immer ein ganzes Segment erneuert werden kann, während darum herum der Betrieb weiterläuft. Das Segment ist dabei nicht nur horizontal, sondern auch in der Vertikalen zu denken, um auch die Zusammenhänge der Technik und alle anderen dreidimensionalen Abhängigkeiten berücksichtigen zu können.

Die Geschichte der Sanierung des Humboldt-Klinikums be-ginnt bei der Neuorganisation des Operationsbereichs. Dieser wurde zunächst um vier OP-Säle einschließlich Nebenräumen und Patientenzone erweitert, um während der Zeit der abschnittsweisen Modernisierung des alten OP-Trakts die jeweils fehlende Fläche kompensieren zu können. Für den gesamten Abschnitt setzten die ArchitektInnen konsequent ein modulares Raumsystem um – sowohl die OP-Säle als auch die ­Nebenräume beruhen jeweils auf den gleichen Modulgrößen. Die OP-Säle befinden sich zwischen einer flexiblen Vorzone mit Nebenräumen und dem Sterilgutflur. Die Vorzone, die durch Glastüren von den Operationsbereichen einsehbar ist, bildet einen visuellen Ruhepunkt. Die Wand wurde als „innere Fassade“ in warmen Tönen gestaltet, abgeleitet aus einem Landschaftsgemälde von Alexander von Humboldt. Im Kontrast dazu wirkt die gegenüberliegende Seite, der Sterilflur, eher technisch und clean, jedoch versorgt er die OP-Säle – anders als bisher – mit Tageslicht. Da die Operateure in diesem Bereich mehrere Stunden am Stück hoch konzentriert arbeiten, ist eine bestmögliche Umgebung und Arbeitsatmosphäre wichtig, mit der sich die MitarbeiterInnen identifizieren können.

Bedürfnisgerecht

Unmittelbar angeschlossen an den Operationsbereich befindet sich im „Therapeutikum“ die neue interdisziplinäre Intensivstation. Gemeinsam mit dem Chefanästhesisten des Humboldt-Klinikums entwickelten die PlanerInnen ein Konzept zur Kohortenisolierung, das sie anschließend zum ersten Mal in der neuen Intensivstation umsetzten. So kann das Krankenhaus der wachsenden Zahl an isolierungspflichtigen Personen gerecht werden – damit kam es insbesondere der derzeitigen Pandemie-Situation zuvor. Das innovative Prinzip besteht aus Clustern, in denen jeweils ein bis drei PatientInnen mit dem gleichen Erreger isoliert werden – ein Zwei-Bett-Zimmer und ein Ein-Bett-Zimmer werden dafür über eine gemeinsame Schleuse versorgt. Dieses System ermöglicht aber auch eine flexible Nutzung – so besteht beispielsweise die Möglichkeit, nur einen Patienten zu isolieren, während das Zwei-Bett-Zimmer über einen zweiten Eingang weiterhin normal versorgt wird.

Seit einigen Jahren gibt es in der Krankenhausorganisation den Ansatz der Frührehabilitation. Damit soll der hohen Auslastung der Intensivbetten entgegengewirkt und der Patient oder die Patientin möglichst schnell wieder mobilisiert werden. Diese ­Methode steht im Gegensatz zu bisherigen Ansätzen, nach denen die Menschen so lange auf der Intensivstation blieben, bis sie eine gewisse Stabilität erreicht hatten. Da die Forschung heutzutage der Ansicht ist, dass eine Rehabilitation besser wirkt, je früher sie anfängt, beherbergt das Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin nun eine orthopädische und neurologische Frührehabilitation in seinem Neubau. Die Patientenzimmer dieses Bereichs sind so groß geplant, dass Ergo- und Physiotherapie vor Ort stattfinden können und die PatientInnen keine großen Strecken zurücklegen müssen. Einige der Zimmer sind sogar als Suiten mit Übernachtungsmöglichkeiten für Angehörige geplant, da in der Regel mit einem verhältnismäßig langen Aufenthalt der PatientInnen in der Frührehabilitation gerechnet wird.

Barbara Schott und Edzard Schultz lüfteten den Grundriss des Klinikums gründlich durch – sie stellten alte Strukturen infrage und organisierten sie neu. So können in weiteren Schritten auch die anderen Bereiche des Humboldt-Klinikums in Reinickendorf systematisch modernisiert und optimiert werden, um in Zukunft auf Neuerungen flexibel zu reagieren. Ina Lülfsman, Berlin

Baudaten

Objekt: Umbau und Erweiterung Zentral-OP, Zentralsterilisation, Pathologie und Neubau Therapeutikum

Standort: Humboldt-Klinikum Berlin-Reinickendorf

Typologie: Krankenhaus

Bauherr: Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH, Berlin

Nutzer: Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH, Berlin

Architekt: Heinle, Wischer und Partner Freie Architekten, Berlin,

www.heinlewischerpartner.de

Mitarbeiter (Team): Edzard Schultz (verantwortlicher Partner), Barbara Schott (Projektleiterin), Viola Benkenstein, Tanja Freund, Carsten Gauert, Andrea Jütten, Jessica Kempe, Anke Mierisch, Sabine Nikolai, Dorothea Rometzki, Fabian Scharf

Bauleitung: Heinle, Wischer und Partner Freie Architekten, Berlin,

www.heinlewischerpartner.de

Schimke, Kant und Partner Architekten, Berlin, www.skp-berlin.com

Bauzeit: 04|2017–12|2020

Fachplaner

Tragwerksplaner: Ingenieurbüro Horn + Horn (Neubau), Neumünster,

www.hornundhorn.de

Ingenieurbüro Rainer Heß, Berlin

TGA-Planer: MLT-Ingenieure, Leipzig (Neubau), www.mlt-ingenieure.de

Müller & Bleher, Berlin,

www.mueller-bleher.de

paka Ingenieure, Berlin, www.paka-ib.de

Landschaftsarchitekt: Büro für Garten- und Freiraumplanung Knebusch, Berlin

Brandschutzplaner: bb4 Architekten, Berlin, www.bb4-architekten.de

Medizintechnikplanung: Petereit und Gößling GmbH, Braunschweig,

www.petereit-goessling.de
JT-Krankenhausplanung, Wandlitz,

www.jt-krankenhausplanung.de

Nutzfläche gesamt: 8 400 m²

Hersteller

Fenster: Schüco, www.schueco.com

Sonnenschutz: Warema,

www.warema.de

Vorhangstoffe, Blendschutz: Kvadrat, www.kvadrat.dk

Türen/Tore: Jansen, www.jansen.com

Teckentrup, www.teckentrup.biz

Neuform, www.neuform-tuer.com

KOS-Speziltüren, www.kos-tueren.de

Bodenbeläge

Kautschuk: Nora One, www.nora.com

Fliesen: Porcelaingres, www.porcelaingres.de

Agrob Buchtal, www.agrob-buchtal.de

Sonstige: Bolon, www.bolon.com

Forbo, www.forbo.com

Innenausbau

Beleuchtung: Vibia, www.vibia.com

Zumtobel, www.zumtobel.com

Trilux, www.trilux.com

Wandschutz OP Graphik: CS Acrovyn by Design, www.c-sgroup.de

Möbel: Dauphin, www.dauphin.de

Brunner, www.brunner-group.com

OP-Wandsystem: HT Group,

www.htgroup.de

Metallabhangdecken: Fural,

www.fural.com

Das Weiterbauen im Organismus Krankenhaus erfordert eine übergeordnete Strategie, um die einzelnen Schritte in Segmente zu unterteilen und dann Stück für Stück zukunftsfähig zu gestalten. Interventionen und Kompensation müssen ausbalanciert sein, um den laufenden Betrieb sicherzustellen. So entwickeln sich die Häuser zu modernen und identitätsstiftenden Orten.«

⇥DBZ HeftpartnerInnen Barbara Schott und

⇥Edzard Schultz, Heinle, Wischer und Partner, Berlin

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