Last call Architekturbiennale Venedig

Last call Architekturbiennale Venedig: Wer nicht heute und in den Tagen bis zum 25. November nach Venedig reist, muss zwei Jahre warten. Also eher 18 Monate, denn die Laufzeit der größten internationalen Architekturschau ist seit 2014 von drei auf sechs Monate verlän-

gert worden. Was unter anderen dazu geführt hat, dass die Besucherzahl von 2012 bis 2016 von 178 000 Besuchern auf 259 000 Besucher zugenommen hat. Die Biennale geht von einem weiteren Zuwachs
in diesem Jahr auf etwa 270 000 Besucher aus.

Gemessen an den 33 Mio. Touristen, die die Stadt Venedig Jahr um Jahr auszuhalten hat, ist das Gedränge der Architekten und an Architektur Interessierten in den Gärten (Nationenpavillons) und auf dem Gelände des Arsenale eher nicht der Rede wert. Wer allerdings die 7 000 Besucher zum Eröffnungstag am 26. Mai erlebte, der stand auch schon mal in einer längeren Schlange, um in einen Pavillon
hineinzugelangen. Oder musste drinnen länger auf den seltenen Moment warten, an dem man kurz die Ruhe hat, zu schauen, zu vergleichen, zu erkennen oder zu bewundern. Die 16. Architekturbiennale 2018 wird von Grafton Architects kuratiert, das sind die Bürogründerinnen Yvonne Farrell and Shelley McNamara. Eingeladen haben sie eine internationale Architektenschaft, die zu dem von ihnen ausgegebenen Titel „Freespace“ ihre Projekte einreichen konnten.

Alles handverlesen

Architekten und ihre Büros aus 65 Nationen taten das dann auch und zeigen ihre Arbeiten – die teils auch in solchen Regionen dieser Welt realisiert wurden, die gar nicht auf der Biennale vertreten sind. Orte der Projektpräsentationen sind wie immer schon die Giardini und das Gelände des Arsenale. Hinzu kommen Sonderausstellungen in Palazzi oder Botschaften, Museen oder anderen, auch öffentlich zugänglichen Orten. Die Giardini sind das traditionelle Ausstellungsgelände der Lagunenstadt, die seit 1895 in den hier nach und nach errichteten Nationenpavillons aktuelle Arbeiten Bildender Künstler bis heute zeigt (nun immer in dem Jahr mit ungrader Zahl). Der Gartenpark wird erweitert um die gigantisch lange ehemalige Seilmacherei (Corderie), in der einzelne Architektenprotagonisten, aber auch Nationen, die es sich nicht leisten können, einen Pavillon im Garten zu realisieren, ihre Beiträge präsentieren. Seit ein paar Jahren steht am Ende der Corderie der italienische Pavillon in einer wiederum riesigen Backsteinarchitektur. Dieser Nationenpavillon ersetzt den ursprünglich italienischen Pavillon in den Gärten, der jetzt als zentrales Ausstellungshaus den jeweiligen Kuratoren die Flächen bietet, hier ihr Motto mit Arbeiten handverlesener Architekten zu bebildern, zu untermauern. Was Rem Koolhaas 2014 mit seinem Thema „Fundamentals“ bisher am konsequentesten umgesetzt hat.

Mondän und international sponsorisiert

Architekturbiennalen gibt es in Venedig seit 1980, damals lautete das Motto noch italienisch „La presenza del passato“ (soviel wie „Die Gegenwart der Vergangenheit“), damals feierten heutige Architektenlegenden wie Robert Venturi, Leon Krier, Hans Hollein, Oswald Mathias Ungers, Frank Gehry oder auch Rem Koolhaas ganz selbstbewusst die Postmoderne im Arsenale (die Pavillons der Giardini kamen erst später hinzu). Seit diesem furiosen Auftakt – an dem immer noch heutige Ausstellungen gemessen werden – flammt das Besondere
in Venedig zwar immer wieder auf, die die Ausstellungen insgesamt beschreibende Stimmung aber ist längst professionell kühl, international mondän und ebenfalls international sponsorisiert. Auch sind
die Biennalen längst zu einer wichtigen Plattform im internationalen Ausstellungsgeschäft geworden, auf der es, wie auf allen vergleichbaren Formaten auch, um Veredlung geht: der des eigenen Werkwertes wie auch der Ausstellung vice versa.

Wie schon angedeutet steht hinter diesem Bedeutungsaufwertungsmechanismus immer noch die Ausstellung als Inhalteträger. Die Themen der Vergangenheit, subsummiert unter ein Motto, deuten an, worum es bis heute geht, oder doch nicht: „Sensing the Future – The Architect as Seismograph“, „Cittá: Less Aesthetics, more Ethics“„ NEXT: the future of world architecture“, „Meta Cities“, „Metamorph“, „Out there – Architecture beyond building“, „People Meet in Architecture“, „Commen Ground“, „Fundamentals“, „Reporting from the Front“ und nun „Freespace“. In dieser Zusammenschau überkommt einen das Gefühl, es ginge in Venedig immer um Zukunft. Und weil die teils recht undurchsichtig ist, geht es immer auch um ein Meta von etwas.

Leidend an chronischer Verstopfung

Meist wurden die neuesten Ausstellungsprojekte der angesagtesten Büros eingeflogen, eingeschifft, angekarrt. Diese Projekte waren dem Motto entsprechend etikettiert, was mal mehr, meist weniger nachvollziehbar gelang. Aber: Es geht auch gar nicht um das Ganze, das Große des Gebauten irgendwo auf der Welt. In Venedig geht es vor allem immer zuerst um Venedig selbst. Die alte, ziemlich in die Jahre gekommene Stadt, wächsernes Abbild von etwas ehemals glänzend Großem, Abbild eines Scheiterns, Sehnsuchtsort und Etappe, Ausstellungsobjekt sowieso und dabei metamorph im Besonderen scheint als „allerdurchlauchteste Republik des Heiligen Markus“ (La Serenissima Repubblica di San Marco) am Ende zu sein. Leidend an einer schleichend chronischen Verstopfung durch Schaulustige, leidend an dem sich immer schneller drehenden Besichtigungskarussell vorbeipflügender Kreuzfahrtschiffe, Kleinstädte mit ganz eigenem Innenleben. Von denen aus wird das Draußen bei schlechtem Wetter auf Distanz gehalten, wie auch die Gerüche, die Geräusche, der Wechsel aus Hell und Dunkel in den Gassen, das leise Schwappen des Wassers auf vermooste Anlandeplätze und vor allem das Laute der Bewohner, die unter der Verstopfung ebenso leiden wie sie – kurzfristig – profitieren. Meist jedoch ungehalten reagieren, wenn spazierende Fremde das Verladen oder den Transport der
Waren für die Fremden unabsichtlich behindern durch ihr zielloses Bummeln in der engen Gasse.

Urbaner Venice-Talk

Wer (mit dem Flugzeug oder dem Schiff) nach Venedig reist und in einem der immer teurer und immer ungemütlicher werdenden Hotels ein Zimmer nimmt, oder wer – auch als Gegenreaktion darauf – mehr und mehr Airbnb in Anspruch nimmt und die lokalen Unternehmer zu noch höheren Preisen treibt, wer die neuen Touristen-Gates am Bahnhof als Eingangskontrolle zum „Event Venice“ versteht und sich darüber wundert, dass seine „Pasta-to-go“ teurer ist als die Pizza zuhause, aber weniger gut schmeckt, wer Venedig nur aus Filmen wie „Don‘t Look Now“ oder Zusammenfassungen von „Tod in Venedig“ kennt, wer also eine ganz normale Haltung zu dieser Stadt hat, die wie keine Zweite als Miniaturkonzentrat ein Leben in einer Schneekugel fristet, der sollte sich die Architekturbiennale nicht entgehen lassen. Denn die spricht so ganz anders über die Stadt, ist eher dem globalen Diskurs verpflichtet und weniger dem erlebnisurbanen „Venice-Talk“.

Was hatte die Ausstellung in diesem Jahr zu bieten? Filme. Fotografien. Modelle. Einbauten, Ausbauten, Umbauten. Erläuterungstexte. Bootsfahrten, Vorlesungen, Streitgespräche. Einen guten Katalog. Ein Wahnsinnsprogramm. Zigtausend Involvierte. Millionen Euro Ausgaben. Vielleicht 270 000 Besucher. Oder ein paar mehr.

Rückzug, Grenzzug, Frei-Raum

Wohin mit den Auf- und Ausbauten? Wird Müll daraus und wenn ja: Wohin damit? Woran wird man sich aus 2018 erinnern, wenn man 2020 die nächste Ausstellung besucht? Bleibt mehr, als ein zerlesener Katalog im Regal und ein paar Fotos? Kann ich etwas in meine Arbeit mitnehmen? Kann ich es gewinnbringend verwenden? Erinnern könnte man sich an das Einzelne, Herausgelöste. Die Pavillons des Vatikans beispielsweise auf der Isola di S.Giorgio Maggiore. An den leergeräumten englischen Pavillon mit Dachterrasse und Teeausschank oben drauf. An die großartige Ausstellung „Arcipelago Italia“ (Archipel Italien. Zukunftsprojekte für die inneren Gebiete des Landes) im italienischen Pavillon. An die wie meist kreativen Niederländer („Work, Body, Leisure“), an die Dunkelheit in der Ausstellung Chiles, an die Musik bei den Kanadiern, an den Lichtzauber bei Dörte Mandrup und nicht zuletzt an die wieder neu entdeckte Vorstadt
Venedigs, an Mestre, das über eine Bahn- oder Busverbindung der Allerdurchlauchtesten sehr nahe ist. Zu nah, Mestre fürchtet seit immer schon nur als Anhängsel wahrgenommen zu werden, was aber auch nicht verwundert, baut die Stadt doch immer neue Hotelburgen entlang der die beiden Städte verbindenden Magistrale. Für Venedig.

Baut aber auch ein Museum mit Sauerbruch Hutton, das „M9“ (mehr dazu auf DBZ.de), das im kommenden Dezember eröffnet werden soll. Und jetzt schon auf das anliegende Viertel einwirkt, in dem sich kleines Handwerk, Läden, Gastronomie etc. ansiedeln, nicht auf Kosten der dort Lebenden, zwischen ihnen eher, auf Flächen, die Leerstand zeigten oder Brachen waren und Brachen geblieben wären.

„Freespace“? Freiraum bewahren, Freiraum schaffen. Sind das die originären Aufgaben der Architekten? Die doch bauen sollen und damit privaten Raum schaffen für Rückzug, Grenzzug. Frei-Raum ist noch da, jedenfalls in Italien, dem Archipel aus innerer Landschaft, Raum ist auch noch da, über Raum nachzudenken, wie man den besser nutzen könnte mit anderen Material- und Vermarktungsstrategien. Der Architekt, das wird in Venedig zumindest wieder einmal klar, ist trotz aller kreativer Leistung immer nur der Vollstrecker eines Auftrags, des Auftrags zu bauen. Das kann zum Dilemma werden, aus dem herauszulavieren die Biennale allerdings keine Antworten gibt. Wieder einmal nicht. Be. K.

Termine (kleine Auswahl, mehr auf der Website unter „Agenda“)
5. und 12.11., 10:00: Geführte Tour über das Arsenale (Arsenale)
9.11., 14:30: Meetings on Architecture – die Nordischen Pavillons: „Another
Generosity: Dialogues“ (Teatro alle Tese)
10.11., 14:30: Meetings on Architecture – „The Freespace of Heritage in a Modern Age“ (Teatro alle Tese)
10.11., 14:30 — 16:00: Freespace Films – Special Screenings (Giardini)
25.11., ab 14:30: Meetings on Architecture – „In conversation Freespace“ Die Abschlussveranstaltung, auf der die Ausstellung resümiert und die Nachwirkung des „FREESPACE Manifesto“ diskutiert wird (Teatro alle Tese).
Für alle Veranstaltungen wird eine Eintrittskarte auf das Biennale-Gelände vorausgesetzt.

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