Maßanzug für ein Orchester

Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum

Im Herzen der ehemaligen Bergbaustadt Bochum errichteten Bez+Kock Architekten das mit Spenden finanzierte Musikforum der Bochumer Philharmoniker. Wie ein städtebauliches Zeichen des Aufbruchs rahmen die monolithischen Konzertsäle die umgenutzte St. Marienkirche als lebendigen Treffpunkt ein.

Die im Jahr 1918 gegründeten Bochumer Symphoniker haben viele Jahrzehnte mit internationalem Renommee, aber ohne feste Spielstätte gearbeitet. Proben und Konzerte in akustisch problematischen Ausweichspielstätten, wie dem Audimax der Ruhr-Universität Bochum oder in der Jahrhunderthalle, wie auch Auftritte im Schauspielhaus, in Zechen oder bei Stadtfesten schufen eine enge Beziehung der „BoSys“ mit der Stadt. Im Jahr 1994 wurde Steven Sloane zum Generalmusikdirektor ernannt. Der deutsch-amerikanische Dirigent erhöhte mit seinem wiederholt ausgezeichneten Programm die Besucherzahlen erheblich und wurde zum Motor für das neue Konzerthaus. Seiner unermüdlichen, öffentlichen Präsenz verdanken die Philharmoniker, dass im Rahmen einer öffentlichen Kampagne 20 000 Förderer schließlich über 14 Mio. € für das Musikforum Ruhr spendeten. Nur wenige Schritte vom Bochumer Hauptbahnhof liegt das Musikforum mitten in einem städtebaulichen Erneuerungsgebiet, dessen Entwicklung zum Kreativviertel „Viktoriaquartier“ durch EU-Förderprogramme unterstützt wurde. Durch die Kombination von europäischen Fördergeldern und Landesmitteln in Höhe von 16 Mio. € rückte schließlich die jahrelang anvisierte Realisierung eines Musikforums für den Freundeskreis der Bochumer Symphoniker in greifbare Nähe. Der Freundeskreis beauftragte im Jahr 2004 Van den Valentyn Architektur aus Köln mit einem Entwurf für einen Konzertsaal neben der neogotischen
St. Marienkirche, der dem Projekt eine ganz neue Dynamik verlieh. Gleichzeitig entfachte die große öffentliche Resonanz aber auch einen Konflikt mit dem Förderverein Pro Marienkirche Bochum-Mitte e.V., der sich nachdrücklich für die Erhaltung des stadtteilprägenden Sakralbaus einsetzte.

Nach Jahren der Kontroverse und des öffentlichen Zerwürfnisses gab die Landesregierung NRW im Jahr 2011 auf der Basis der zu­sammengetragenen Spenden und der EU-Zuschüsse schließlich ihre Zu­stimmung für eine Probe- und Spielstätte, die die Bochumer Symphoniker, das Jugendsinfonieorchester und die 80 Ensembles der Musikschule heute gemeinsam nutzen. Im Jahr 2012 erwarb die Stadt Bochum das Gotteshaus vom Bistum Essen und führte einen europaweit ausgeschriebenen Realisierungswettbewerb durch, den die Architekten Bez+Kock aus Stuttgart für sich entscheiden konnten. Ihr kompakter Konzertsaal setzt als gestrecktes Rechteck in der Gebäudebreite und der Traufhöhe die Proportionen des Gotteshauses fort.

Ein Konzertsaal wie ein Maßanzug für ein philharmonisches Orchester: In enger Zusammenarbeit schufen die Architekten mit Steven Sloane einen Raum, der akustische, räumliche und finanzielle  Anforderungen in eine ausdrucksstarke Form integrierte. „Wenn man jemanden wie Steven Sloane als Spiritus Rector im Team hat, der mit seiner ganzen Person, seinem Wissen und seinem Engagement ein Projekt puscht, dann wird es außergewöhnlich. Sloane hat die große Gabe, präzise seine Anforderungen zu formulieren, ohne in die Form einzugreifen und uns als Architekten den Bleistift aus der Hand zu nehmen. Den gemeinsamen, abstrakten Gestaltungswillen setzten wir schließlich im Raum und der Dirigent in der Musik um. Der Raum ist das Instrument des Orchesters“, betont Thorsten Kock. Ziel war es einen Konzertsaal zu erschaffen, der dem Orchester große Auftritte in voller Besetzung ermöglicht und dennoch das enge Budget nicht überschreitet. Dies gelang durch eine optisch wirksame und doch schalloffene, abgehängte Gitterdecke aus Holzstäben. 4 000 m³ Schallvolumen befinden sich so unsichtbar über dem Konzertsaal.

Um die Kosten gering zu halten, wurde der Konzertsaal vorwiegend auf die philharmonische Praxis mit einem Mindestmaß an Bühnentechnik zugeschnitten. Zahlreiche technische Erweiterungen wurden allerdings von dem Szenographen für eine spätere Nachrüstung vorkonzipiert. Der Konzertbühne stellten die Architekten eine fast gleichgroße Fläche mit leicht ansteigenden Sitzreihen gegenüber. Wie flache Ringe umfassen die Galerien den Raum und spannen als klare Linien einen weiten Horizont auf. Hand in Hand entwickelten die Architekten mit den beiden Akustikern und dem Dirigenten einen Saal, der heute Probenraum, Werkstatt und Aufführungsraum des Orchesters ist. „Wir wollten den Saal mit langen, ruhigen Linien und wenigen Materialien haben. Doch die Akustiker benötigten eine gewisse Bewegtheit der Oberflächen mit Schuppungen, um so wie die Schaumkrone auf einem Bierglas den Klang durch Brechungen und Reflektionen abzurunden“, erläutert Kock. Auch wenn der Saal auf den ersten Blick orthogonal wirkt, sind die Neigewinkel der leicht konvex und konkav gekrümmten Brüs­tungen an jeder Stelle des Saals unterschiedlich. Die Wandflächen hinter den Galerieplätzen sind oben nach innen in den Saal hinein geneigt, um Flatterechos zu unterbinden. Die seitlichen Wände der Bühne sind geschlossen, während die Rückseite mit einem Holzgitternetz geöffnet ist, damit sich die Musiker selber besser hören. Als mobile, akustische Elemente können weiße Textilvorhänge und mehrteilige Akustiksegel aus gebogenem Gipskarton in unterschiedlichen Neigungswinkeln im Bereich der Bühne von der Decke abgehängt werden. Musikalische und architektonische Gestaltung verschmelzen zu einer Sitzanordnung, die durch die räumliche Nähe zwischen Publikum und Orchester eine intime Atmosphäre in dem Konzertsaal schaffen. Auch die reduzierte Materialität mit Verkleidungen und einem Bühnenboden aus amerikanischem Kirschbaumholz kombiniert mit hellen Stuccolustro-Wänden und Sitzbezügen unterstreicht die präzise und warme Atmosphäre für das Publikum.

Die Zuschauer betreten den Saal durch den zentralen hinteren Eingang und erreichen von hier alle Sitzplätze. Nach der Veranstaltung ermöglichen die seitlichen Ausgänge und Umgänge eine schnelle Entleerung des Saals. Am Ende des Umgangs bietet ein Fenster einen Einblick in den Künstlerbereich im hinteren Teil der Bühne. Neben Umkleiden und technischen Räumen sind hier in den Obergeschossen auch die Verwaltungsräume des Musikforums untergebracht. Mit einer deutlichen Fuge und Oberlichtern rückten Bez+Kock Architekten die Neubauten von der sorgfältig restaurierten Fassade des Kirchengebäudes in der Mitte ab. Auf der gegenüberliegenden Seite der dreischiffigen Hallenkirche sind Multifunktionsräume angeordnet, die sich mit wenigen Handgriffen durch Vorhänge und Trennelemente für Konzerte, Proben, Filmvorführungen oder Vorträge nutzen lassen. Nach innen geneigte Wandverkleidungen beugen auch hier Flatter­echos vor und erzeugen so eine ausgewogene Aksutik für unterschiedliche Nutzungen von Vorträgen bis zu Konzerten. Kleine Akustikschwerter aus MDF-Platten in den Wandverkleidungen brechen den Schall. Ein großes Fenster zur Viktoria­­straße verbindet den Multifunktionssaal mit dem Vorplatz. Ein unterirdischer Gang verbindet den philharmonischen Konzertsaal und die Multifunktionsräume unterhalb des neogotischen Kirchenraums.
Für die Tragwerkingenieure war es eine große Heraus­forderung unterhalb des Kirchenraums nicht nur den Durchgang, sondern auch die Sanitäranlagen für die
Zuschauer unterzubringen. Heute betreten die Zuschauer die Hallenkirche über zwei Türen von der Viktoria­straße aus.

Nach einer sorgfältigen Sanierung erstrahlt der Kirchenraum mit vielen weißen Oberflächen und einer neuen Decke mit polierten Metallflächen in einem strahlend hellem Licht. Für die Nutzung als Foyer wurden eine Ticketkasse, eine Sektbar und eine Garderobe als zurückhaltende Ergänzungen eingefügt. Blickfang des Raumes sind neben der historischen Kirchenglocke die drei Chorfenster des Bochumer Künstlers Heinrich Wilthelm, die dieser im Jahr 1969 sehr grafisch mit Farbflächen in einer abstrakten Strichzeichnung umsetzte.

Anderthalb Jahre nach der Eröffnung im Oktober 2016 hat das Musikforum Ruhr sich als urbaner Treffpunkt einen festen Platz in der Bochumer Innenstadt erobert, die heute von dem Dreieck aus Hauptbahnhof, Rathaus und Musikforum eingefasst wird. Nachdem über 40 000 Besucher alleine am Eröffnungswochenende den Konzertsaal besuchten, sind bis heute 98 % Veranstaltungen ausverkauft und bezeugen die langfristige Perspektive dieser musikalischen Erfolgsgeschichte. 

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Baudaten

Objekt: Anneliese Brost Musikforum Ruhr
Standort: Marienplatz 1, 44787 Bochum
Typologie: Konzert, Veranstaltung
Bauherr: Stadt Bochum, Zentrale Dienste
Nutzer: Bochumer Symphoniker
Architekt: Bez+Kock Architekten Generalplaner Gesellschaft mbH, Stuttgart,
www.bez-kock.de
Mitarbeiter (Team): Gudrun Keller, Marc Nuding, Maria Dallinger, Lea Keim, Robert Weber
Bauleitung Musikforum: Stein Architekten, Köln, www.stein-architekten.de
Sanierung Marienkirche: Architekturbüro Bernhard Mensen, Münster
Bauzeit: Oktober 2013 – Oktober 2016

Fachplaner

Tragwerksplaner: Mathes Beratende Ingenieure GmbH, Leipzig,
www.ming.de
HLS-Planer: Henne & Walter GbR, Ingenieurbüro für Gebäudesysteme, Reutlingen, www.henne-walter.de
ELT-Planer: GBI Gackstatter Beratende Ingenieure, Stuttgart, www.gbi.eu
Lichtplaner öffentliche Bereiche und Außenbereich: CUT GmbH, Heidelberg, www.cut-gruppe.de
Lichtplaner Kirche: Bartenbach GmbH, Aldrans/AT, www.bartenbach.com
Akustikplaner: Müller-BBM GmbH, Planegg, www.muellerbbm.de mit Kahle Acoustics, Brüssel/BE, www.kahle.be
Thermische Bauphysik: Müller-BBM GmbH, Planegg, www.muellerbbm.de
Szenografie: The Space Factory, Lyon/FR, www.thespacefactory.net mit itv Ingenieurgesellschaft für Theater- und Veranstaltungstechnik, Berlin,
www.itv-mbh.de
Landschaftsarchitekt: Umwelt- und Grünflächenamt, Technisches Rathaus, Bochum, www.bochum.de
Brandschutzplaner: Krätzig & Partner Ingenieurgesellschaft für Bautechnik mbH, Bochum, www.kup-ing.de

Projektdaten

Grundstücksgröße: 8 620 m²
Grundflächenzahl: 0,45
Geschossflächenzahl: 0,96
Nutzfläche: 2 971 m²
Technikfläche: 447 m²
Verkehrsfläche: 2 845 m²
Brutto-Grundfläche: 8 250 m²
Brutto-Rauminhalt: 60 198 m³

Baukosten

KG 200 (brutto/netto): 815 720 € / 685 479 €
KG 300 (brutto/netto): 17,5 Mio. € / 14 ,7 Mio. €
KG 400 (brutto/netto): 7,2 Mio. € / 6,0 Mio. €
KG 500 (brutto/netto): 900 437 € / 756 670 €
KG 600 (brutto/netto): 998 014 € / 838 667 €
KG 700 (brutto/netto): 7,15 Mio. € /  6,0 Mio. €
Gesamt brutto: 35,7 Mio. €   
Gesamt netto: 30,0 Mio. €
Energiebedarf
Primärenergiebedarf: 131 kWh/m²a nach EnEV 2009
Endenergiebedarf: 167,4 kWh/m²a nach EnEV 2009
Jahresheizwärmebedarf: 147,5 kWh/m²a nach EnEV 2009
Gebäudehülle
U-Wert Außenwand = 0,23 W/(m²K)
U-Wert Bodenplatte = 0,17 W/(m²K)
U-Wert Dach = 0,19 W/(m²K)
Uw-Wert Fenster = 1,1 W/(m²K)
Uw-Wert Kirchenfenster = 1,3 W/(m²K)
Luftwechselrate n50 = 4,0/h

Hersteller

Fassade Klinker:
Deppe Backstein-Keramik GmbH,
www.deppe-backstein.de
Stahlfassade: Jansen AG,
www.jansen.com
Aluminiumfassade:
Hueck Aluminium Systems,
www.hueck.com
Holz-Verkleidung großer Saal:
Danzer Group, www.danzer.com
Stoff Bestuhlung großer Saal:
Kvadrat A/S, www.kvadrat.de
Rauch- und Schallschutztüren:
Schörghuber KG, www.schörghuber.de

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