Erst Le Corbusier, jetzt Zaha Hadid?

Die Schweizer Bank UBS verändert wegen Antisemitismus-Vorwürfen ihre Imagekampagne, in welcher LC eine Hauptrolle spielen sollte

Tagtäglich haben die Schweizer mit Charles-Édouard Jeanneret-Gris alias Le Corbusier zu tun; ihr weltberühmter Landsmann schaut seit 1997 vom 10-Franken-Schein in die Gesichter seiner Besitzer, der neuen wie der alten.

Wer so sehr präsent ist – und weil die Schweizer Franken noch vor dem Dollar made in USA sakrosant erscheint – muss dieser Mann integer, mehrheitsfähig und von reinstem Wasser sein. Dachte jedenfalls die Schweizer Großbank UBS, deren Vergangenheit alles das nicht war, aber welches Geldinstitut kann das schon noch von sich sagen?!

Ihre jüngste und noch immer nicht vergessene Verwicklung in Geldgeschäfte mit der "IG-Farben", Forderungen ehemaliger Zwangsarbeiter hat der Bank beträchtlichen Imageschaden zugefügt. Den will sie aktuell mit einer großangelegten Image-Kampagne mit Inseraten und Fernseh-Spots abfedern. Einer der Hauptakteure in dieser Kampagne sollte sein der Architekt und leider auch Antisemit Le Corbusier (1887–1965). Der – man möchte es beinahe schreiben – Papst in der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts erlangte vor allem mit seinen städtebaulichen, durchaus rigiden Visionen, seinen theoretischen Schriften und der Wirkung seines Schüler- und Adeptenkreises Weltruhm; und das trotz (oder teilweise auch wegen) seiner eindeutig antisemitischen und rassistischen Überzeugungen. Gebaut hätte er, nach eigenen Angaben, vor allem gern für Mussolini, Hitler und den professionellen Opportunisten, Marschall Pétain, Herrscher des kleinen Reiches Vichy, südliches Frankreich; in welches er sich schnurstracks 1940 begab um Aufträge zu ergattern. Über Hitler schrieb LC 1940 an seine Mutter, der Führer könne „sein Leben mit einem großartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas“ (Choix de lettres, Birkhäuser 2002). Dies traute er andererseits auch dem sowjetischen Diktator Josef Stalin zu – auch für ihn hätte er gern gearbeitet. Doch stieß er, wie viele andere opportunistische Architekten dieser Zeit, weder in Moskau, noch in Berlin, Rom und Vichy auf größere Gegenliebe – trotz seiner antiliberalen, funktionalistischen Weltanschauung.

Was der den 10-Franken-Schein druckenden Nationalbank in Bern also recht ist, müsste der UBS in Zürich billig sein, glaubten offenbar die Kampagnenverantwortlichen; wenn sie überhaupt darüber nachgedacht haben, ob der aus La Chaux-de-Fonds Gebürtige überhaupt irgendwie in Zweifel gezogen werden könnte in der Welt. Doch kaum war die Sache mit LC und der UBS öffentlich geworden, protestierte die Zürcher Gesellschaft „Schweiz–Israel“ gegen die Kampagne mit dem antisemitischen Architekten. Die UBS zeigte sich zunächst überrascht, reagierte dann aber klug in der Absicht, die Kampagne nicht in einer „Kontroverse“ um Le Corbusier untergehen zu lassen, und entfernte ihn. Dass wir an seiner Stelle jetzt eine Architektin, dazu noch eine gebürtige Irakerin sehen (Zaha Hadid), erscheint logisch; jetzt fehlt noch eine Debatte über Edmund Hillary, der ebenfalls wie LC und weitere für die Werbekampagne in Anspruch genommen wird.

Doch zurück zur Zukunft LC's in der Schweiz: Inwieweit diese bundesweite und grenzenüberschreitenden Diskussion Folgen auf beispielsweise Umbenennungen von Plätzen und Straßen in der Schweiz haben wird, ist nicht absehbar, nicht nur in La Chaux-de-Fonds, sondern auch Bern und Genf nahmen LC in Anspruch für eine Ortsbeschreibung. Letztere Städte denken über Umbenennungen nach, in Zürich will die Stadtregierung eine geplante „Namensgebung noch einmal überprüfen“.

Die Schweizer Nationalbank, zuständig für das Design der Geldnoten, gab inzwischen bekannt, die 10-Franken-Geldnote nicht zu kassieren. Ihr Sprecher Werner Abegg: “Eine Banknote steht für die Bedeutung einer Person, und die ist im Falle von Le Corbusier unumstritten." Jetzt eigentlich nicht mehr, aber letztendlich machen die Schweizer ja nur das, was alle Nationen mit ihren Aushängeschildern tun: am Glanz polieren, die Roststellen überlackieren. Be. K.

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