Zentrum für Kunst und Urbanistik ZK/U, Berlin
Das Zentrum für Kunst und Urbanistik in Berlin ist ein beliebter und viel genutzter Treffpunkt im Kiez. Um den größeren Raumbedarf des Trägervereins zu berücksichtigen, wurde es nun von Peter Grundmann Architektur umgebaut und aufgestockt. Der Ansatz des Büros, der sich zwischen Selberbauen und konstruktiven Herausforderungen bewegt, sieht in den Materialien Glas und Stahl eine Antwort auf die gewünschte Offenheit und Durchlässigkeit. Dadurch wird das Gebäude für alle erlebbar, egal ob man es von außen betrachtet oder von innen durch die Raumschichten blickt.
Das Zentrum für Kunst und Urbanistik – kurz ZK/U – befindet sich an der nördlichen Grenze der Moabiter Insel und blickt auf den Berliner Westhafen, wo die aufgestapelten Schiffscontainer mal mehr, mal weniger den Blick auf die historischen Hafen-Gebäude preisgeben.
Das Bestandsgebäude, erreichbar von einem bepflasterten Hof aus und ansonsten umgeben von einer Parkanlage mit Kleingärten, war Teil des ehemaligen Güterbahnhofs Moabit. Dieser erstreckte sich noch bis zur Nachkriegszeit entlang der Bahnschienen zwischen den S-Bahnhöfen Beusselstraße und Westhafen und endete am östlichen Ende der Quitzowstraße. Wenige hundert Meter vom heutigen ZK/U entfernt befand sich zur Zeit des Nationalsozialismus der größte Deportationsbahnhof Berlins: Mehr als 32 000 Menschen wurden von hier in Ghettos und Vernichtungslager deportiert. Daran erinnert heute ein Gedenkort, der 2017 von raumlaborberlin gestaltet wurde. Das ZK/U, ehemals Güterschuppen dieser weitläufigen Bahnhofsanlage, ist im Vergleich zum gerade erwähnten Gedenkort nicht denkmalgeschützt und wurde über die Zeit stark verändert. Seinen Bahnhofscharakter und den industriellen Charakter hat es behalten.
Aktivierung und Wettbewerb
Lageplan, M 1 : 10 000
Im Jahr 2012 wurde das Backsteingebäude erstmals als Kulturzentrum reaktiviert, es ist heute „ein Ort der Kunstproduktion, eine Künstler:innen- und Forscher:innen-Residenz und eine Programmplattform“, so die Eigenbeschreibung des Zentrums. Träger und Hauptmieter des ZK/Us ist der gemeinnützige Verein KUNSTrePUBLIK e. V., der die Organisation und Koordination der vielen und vielfältigen Veranstaltungen vor Ort übernimmt. Seit 2013 können bis zu 13 Künstlerinnen und Forscherinnen eine so genannte „Residency“ antreten, um ihrer künstlerischen Arbeit oder stadtgesellschaftlichen Forschung nachzugehen. Darüber hinaus ist der Ort Treffpunkt zum Verweilen, Spielen, Kartoffelnpflanzen sowie für den monatlichen Moabiter Fahrradmarkt.
Das Dach der ehemaligen Lagerhalle wurde entfernt, um aufzustocken. Spuren der ehemaligen Nutzung, aber auch Graffiti blieben an den Bestandsmauern erhalten
Foto: Yizhi Wang
Das Gebäude – noch bis ca. 2009 Teil einer längeren Reihe – war bis zum Umbau in zwei unterschiedlich hohe Flügel unterteilt. Der zweigeschossige östliche Flügel, in dem sich die Wohnateliers befinden, wurde bereits während der Aktivierungsphase saniert. Der westliche Flügel bestand aus einer Halle mit flachem Satteldach und einem Kellergeschoss, das auch für Veranstaltungen genutzt wurde.
2016 wurde ein öffentlicher Wettbewerb ausgelobt, um den westlichen Teil zu erweitern, da der Trägerverein mehr Platz für Büros und Seminarräume benötigte. Gewinner des Wettbewerbs war Peter Grundmann Architektur. Der Gewinner-Entwurf zeigte zwar noch andere Materialeigenschaften, aber die Entwurfsidee blieb erhalten: die ehemalige Halle sollte aufgestockt werden, die Erschließung sich um das Gebäude wickeln und schließlich bis zur öffentlichen Dachterrasse führen.
Die zuschaltbaren Räume im OG werden vom Trägerverein des ZK/U sowie für Workshops oder Seminare genutzt
Foto: Yizhi Wang
Gläserner Aufbau
Die noch im Wettbewerb vorgeschlagenen weißen Stahloberflächen wurden im späteren Prozess durch eine transparentere Lösung ersetzt: „Wir wollten kein weißes Gebäude, wie das Wettbewerbsrendering suggeriert und ikonographisch erscheint, sondern Architektur, die etwas ermöglicht“, so Peter Grundmann, Gründer des gleichnamigen Büros. Der veränderte Entwurf, der 2019 genehmigt wurde, ist heute durch das Einsetzen von Gitterrosten aus verzinktem Stahl charakterisiert: „Wir wollten die kontinuierliche Erzählstruktur dieses Gebäudes, die 1907 anfängt, aufrufen und haben eine aneignungsfähige und nicht intentionale Ergänzung geplant“, erklärt Peter Grundmann. Die Materialität, so der Architekt und gelernte Schiffsbauer, ist vom industriellen Charakter der Umgebung sowie der ehemaligen Nutzung des Gebäudes inspiriert. Auch die zahlreichen Graffitis und Nutzungsspuren wurden nicht entfernt, was auch Geld sparte.
Das ZK/U wurde mit etwa 2 000 € pro m2 realisiert, für insgesamt ca. 6 Mio. €. In diesem kleinen Budget bestand kein Spielraum und so wurde eine längere Bauzeit in Kauf genommen: Materialengpässe zwischen den Jahren 2020 und 2023 machten es notwendig, die Gewerke bis zu fünf Mal auszuschreiben. Zudem haben Peter Grundmann selbst und seine Mitarbeitenden im Bau vieles eigenhändig realisiert. Überall dort, wo die Hersteller nur mir teuren Lösung weiterkamen, haben sie eine Ad-hoc-Lösung entwickelt. So konnte das Thema der Fuge – wo das Neue auf das Alte trifft oder die Tragstruktur lesbar wird – konzeptgerecht umgesetzt werden.
Die „restlichen“ Glasflächen der Gebäudehülle, die den direkten Übergang zum Bestand bilden und somit auch Wärmebrücken darstellen, wurden ins eingeschlitzte Mauerwerk inseriert und mit Dämmung umhüllt.
Die Veranda zur Nordseite befindet sich auf der ehemaligen Ladeplattform des Bahnsteigs. Auch hier haben Peter Grundmann Architektur einige Wandanschlüsse selber realisiert
Foto: Yizhi Wang
So hat das Architekturbüro auch die Streben in der nördlichen Veranda selber eingebaut und auf größere Profilquerschnitte verzichten können. Dieser „Do-It-Yourself“-Charakter entspräche dem „Spirit“ des Büros und, so Grundmann, „umso weniger Budget vorhanden ist, umso mehr fachliche Kompetenzen sind gefragt.“
Auch die Zusammenarbeit mit den Nutzerinnen auf der einen und den Auftraggeberinnen des Senats auf der anderen Seite hätte zum guten Ergebnis beigesteuert. Die Offenheit gegenüber der vorgeschlagenen Lösung lag auch in der Flexibilität des Raumprogramms: „Der Verein wusste teilweise selbst nicht, was er genau für Räume brauchte, also haben wir so flexibel wie möglich geplant“, erklärt Grundmann.
Der Fokus wurde auf die Struktur, auf die Oberflächen und auf die Anpassbarkeit der Flächen gelegt. Denn, so die Überzeugung des Architekten, wenn das Tragende stimmt, dann würde auch der Raum funktionieren.
Durchsichtbare Struktur
Das fast überall sichtbare und sichtbar gelassene Fachwerk ist somit eine architektonische Entscheidung. Die tragenden Elemente, so Grundmanns Auffassung, sollten nicht versteckt werden und wurden zum Gestaltungselement gemacht. Diese Lesbarkeit der Baustruktur ist auch an dessen Rückbaubarkeit gekoppelt: „Das ganze Gebäude ist mit einem Schraubenzieher demontierbar. Beim Stahltragwerk haben wir auf Schweißen verzichtet. Hier ist nur der Estrichboden fest installiert, während die Decken Fertigteile sind.“ Der Architekt sieht darin die Bedeutung seiner Arbeit: Architektur so zu verstehen, dass ihre Bauschichten und Einzelteile sichtbar bleiben. Im ZK/U unterstützt das transparente Material Glas diesen Ansatz: Das Gebäude soll Tag und Nacht „durchschaubar“ sein – egal ob Besucherinnen sich im Inneren befinden oder von außen reinblicken. Das macht laut Grundmann das ZK/U zu einem performativen Gebäude.
Durch die Dachüberstände und die dreifache Verglasung sei diese großflächige Durchlässigkeit kein Problem. Die Nordausrichtung helfe auch dabei, das Gebäude abzukühlen. Zwar sei die teuerste Maßnahme im Projekt die Anschaffung einer Lüftungsanlage gewesen, diese ist jedoch nicht zur Kühlung des Gebäudes im Einsatz, sondern für den Brandfall. Die vom Architektur-Team dafür vorgeschlagenen Ventilatoren, die an den Gläsern befestigt sein sollten, wurden wegen Wärmeschutz nicht genehmigt.
Den direkten Übergang zur Bestandsmauer mussten die Architektinnen selber realisieren. Dafür haben sie das Mauerwerk eingeschlitzt und das Glas eingesetzt
Foto: Yizhi Wang
Der Laubengang war ursprünglich aus Holz geplant. Das wäre jedoch zu teuer gewesen und aus Brandschutzgründen nicht umsetzbar
Foto: Yizhi Wang
Wege gehen
Schnitt AA, M 1 : 1 000
Zu dieser Performativität soll auch die Erschließung beitragen. Eine teils öffentliche Treppe wickelt sich um das Gebäude und führt über Laubengänge in die Büro- und Seminarräume des Obergeschosses. Ein großer Raum mit Küchenzeile und langer Tafel spiegelt den gemeinschaftlichen Charakter des ZK/Us. Nach dem Motto „Wege gehen, Leute sehen“, sei die Kommunikation zwischen den Außen- und Innenräumen, und zwischen Nutzerinnen und Besucherinnen immer Teil des Gebäudekonzepts gewesen, so Grundmann weiter. Die Treppe führt weiter zur öffentlichen Terrasse, die gerade ein künstlerisches Projekt mit Urban Gardening beherbergt. Ein Lift gewährleistet die Barrierefreiheit und führt von der Terrasse herunter zur ehemaligen Plattform, die heute teilweise eine großzügige Veranda ist. Als Nebenraum zur Haupthalle kann sie unabhängig davon als Veranstaltungsort genutzt werden, auch da sie mit einer eigenen Bar ausgestattet ist. Die Halle selbst, bis auf die Deckenkonstruktion kaum verändert, bleibt das Herzstück des Gebäudes. Hier können Ausstellungen, Versammlungen, Konzerte und Kino-Abende stattfinden. Der Boden wurde im Originalzustand gelassen und zeigt die Spuren der Zeit. Heizkörper wurden unter die Decke montiert – auch hier sind es Betonfertigteile – und Vorhänge machen aus diesem Raum den einzigen, der bei Bedarf komplett verdunkelt werden kann und somit undurchlässig wird.
Auch auf der Südseite befindet sich eine verglaste Veranda, hier allerdings kleiner ausformuliert. Dennoch ist sie z.B. für Ausstellungen nutzbar und bietet genug Platz für Tische und Bierbänke. Außerdem dient sie als Windfang und Vorraum der Halle.
Endstation
Ist der Rundgang (fast) beendet, verlässt die Besucherin das Gebäude und befindet sich erneut auf der Treppe, die zum Vorplatz ausgerichtet ist. Durch eine erst unscheinbare Treppe gelangt man in das Kellergeschoss, weitestgehend im Original belassen und früher Treffpunkt für Raves und Techno-abende. Heute wird es unter anderem auch noch für Veranstaltungen solcher Art genutzt und ist, dank der neuen Lüftungsanlage, um einiges sicherer geworden.
Im Kellergeschoss werden auch die statischen Maßnahmen sichtbar, die die Leichtigkeit der Obergeschosse möglich machen. Da das Kellergewölbe nur sich selbst und den Boden der großen Halle trägt, war für die hinzukommende Last des Obergeschosses eine Ertüchtigung der Gründung notwendig. Acht 2 m tiefe Punktfundamente führen die Lasten der Stützen in den Boden ab und entlasten vollständig die Bestandsmauern.
Die große Veranstaltungshalle ist bis auf die Deckenkonstruktion weitestgehend unverändert geblieben. Sind die Vorhänge geschlossen, kann der Raum auch für Screenings genutzt werden
Foto: Yizhi Wang
Auf festem Grund
Das Moabiter Kulturzentrum ist bisher ein Geheimtipp im Kiez gewesen. Das soll sich spätestens jetzt, wo der Umbau von Peter Grundmann Architektur den DAM Preis 2026 gewonnen hat, ändern. Das Projekt bleibt, über das Architektonische hinaus, in seinem programmatischen Ansatz überzeugend: Es ist ein Ort, der durch seine Offenheit und seinen gemeinschaftlichen Charakter Aneignung ermöglicht und auf Kiez-Ebene identitätsstiftend wirkt. Die verschiedensten Institutionen, von Politik bis Technoclub, die das Gebäude bespielen, sind weniger Zeugen der (auch in Moabit voranschreitenden) Gentrifizierung, sondern Teilnehmende im Stadtgewebe.
Peter Grundmann Architektur haben diese Stärken in einfache Materialien und unkomplizierte Architektur übersetzt. Durch ihren „Hands-on“-Ansatz spiegeln sie den Charakter des Zentrums. Den Test der Zeit hat die Architektur von Grundmann zwar noch nicht bestanden, das ZK/U als Institution jedoch schon. Der Ausbau der Materialschichten lässt hoffen, dass Veränderungen struktureller, aber auch programmatischer Art einfach umgesetzt werden können. Mit seiner bescheidenen, sicher auch teilweise unorthodoxen Art, die unfertig erscheint und nicht alle glücklich stimmt, nimmt das heutige Zentrum für Kultur und Urbanistik das Erbe des ehemaligen Güterbahnhofs an und zeigt, dass das beste Material für gute Architektur das gemeinsame Machen und Weiternutzen ist. Endlich wieder eine Architektur, die polarisiert.
Projektdaten
Objekt: Zentrum für Kunst und Urbanistik - ZK/U
Standort: Berlin
Bauherrschaft: Land Berlin
Nutzung: KUNSTrePUBLIK e.V.
Architektur: Peter Grundmann Architektur, Berlin, www.petergrundmann.com
Projektteam: Peter Grundmann, Uwe Zinkahn
Bauleitung: Peter Grundmann Architektur
Bauzeit: 03.2021 – 09.2025
Wettbewerb: 05.2018
Vergabe: 11.2018
Grundstücksgröße: 2 341 m²
Grundflächenzahl: GRz gepl: 0,09, GRZ vorh+gepl: 0,66
Geschossflächenzahl: GFZ gepl: 0,28,
GFZ vorh+gepl: 0,94
Nutzfläche gesamt: 3 534,70 m² (Bauantrag)
Nutzfläche: 2 960,54 m² (Bauantrag)
Technikfläche: 137,58 m² (Bauantrag)
Verkehrsfläche: 436,58 m² (Bauantrag)
Brutto-Grundfläche: 3 420 m² (Bauantrag)
Brutto-Rauminhalt: 14 902 m³
Baukosten (nach DIN 276) brutto: 6,17 Mio. €
Fachplanung
Tragwerksplanung: Quittenbaum Bauingenieure GmbH, Niesky, www.quittenbaum-bauingenieure.de
TGA-Planung: Ingenieurbüro Michael Berg (ELT), Berlin, www.ib-mberg.de, Wolfgang Müller & Partner (HLS), Riesa, www.ib-mueller-riesa.de
Fassadentechnik: Fa. Metallbau Franz, Altlandsberg, www.metallbau-franz.de
Lichtplanung: Peter Grundmann Architekten
Innenarchitektur: Peter Grundmann Architekten
Akustik: Peter Grundmann Architekten
Energieplanung und -beratung: Wolfgang Müller & Partner (HLS)
Brandschutz: STUDIOXPO, Berlin
Hersteller
Beleuchtung: Isoled
Bodenbeläge: Diversey, Isolera
Dach: Brespa
Fassade/Fenster: Schüco
Heizung: Ochsner
Sanitär: Vigour, Conel
Türen/Tore: BBE Domoferm, heroal, GEZE, Häfele
Aufzüge: Otis
Betonfertigteile: thomas betonbauteile
Stahlbauprofile Rohbau: Salzgitter Mannesmann Stahlhandel, Ottostahl
