DBZ-Heftpartner AFF Architekten

Kultur der Fügung

Betrachten wir Material als einen Stoff, aus dem die Träume sind, dann müssten wir auf einer leeren Ebene aus wilden Wäldern, Flüssen, gewaschenen Steinen und rauen Felsen stehen. Dieser Zustand wäre ein Traum, der die gesamte Kultur des heute Vorgefundenen negiert. Doch heute ist jeder Wald meist nur eine Plantage, und die Ebenen sind überlagert von strukturierten Netzwerken aus Produktions- und Heimstätte. Wir lieben die Kultur des Fügens, der gebauten Räume und Hüllen. Sie sind für uns die Ressource des Morgens. Wie unsere Kollegen Peter Grundmann Architekten, Madeleine architectes und François Nantermod versuchen wir, den Bestand als Material zu sehen, von ihm zu lernen, aus seiner Spezifik eine Neuinterpretation zu entwickeln und ihn auf eine Art weiterzubauen.

Erst in der Fügung wird Material zum Träger von Zeit, Wissen und Transformation. Wo Altes auf Neues trifft, werden Zeitschichten lesbar und Material wird nicht länger als bloßes Objekt begriffen, sondern als kulturelle, technische und ökologische Ressource. Das klingt nach Konsens. Ist es aber nicht.

Denn wer heute so baut – roh, aus der Logik des vorhandenen Materials heraus konstruiert, ohne glättende Geste – muss sich den Vorwurf gefallen lassen, es sähe nicht schön aus. Zusammengeschustert. Unfertig oder prosaisch. Diese Kritik trifft eine Architektur, die keine Nähte versteckt, die Schichten zeigt und das neue Material neben dem alten stehen lässt, ohne es zu verkleiden. Dahinter steckt die Sehnsucht nach einer Architektursprache, die vollständig wirkt, keine Fragen stellt und keine Geschichte verrät. Eine Architektur, die so tut, als wäre sie immer schon so gewesen. Das ist teuer. Und es ist eine Form der Verklärung.

Die drei Projekte dieser Ausgabe gehen einen anderen Weg. Sie zeigen die Naht. Und sie tun das aus Überzeugung, nicht aus Verlegenheit.

In Zwickau entstand für die 4. Sächsische Landesausstellung ein Eingangsgebäude aus Seecontainern, die Ausstattung aus Werkzeugkisten und Autoreifen: Industrielles Erbe wird durch industrielle Mittel lesbar gemacht. Der Bestandsbau von 1938, damals unter der Maßgabe größtmöglicher Materialeinsparung errichtet, gibt den Takt vor. Alle Eingriffe folgen derselben Logik und unterstreichen damit den ursprünglichen Charakter des Gebäudes, anstatt ihn zu überformen.

In Berlin Moabit wurde das Zentrum für Kunst und Urbanistik auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs erweitert. Das Dach des alten Lagerhauses wurde entfernt, ein neues Geschoss aufgesetzt, die rohen Ziegelwände blieben ungedämmt und sichtbar. Die neue Struktur schmiegt sich an den Bestand, ohne ihn zu imitieren. Das Ergebnis ist ein offener, gestaffelter Raum, der für öffentliche Nutzung zugänglich ist und dabei mit einem Quadratmeterpreis auskommt, der deutlich unter dem eines durchschnittlichen Einfamilienhauses liegt.

Im Walliser Val-d‘Illiez wurde ein lange leerstehendes Wohnhaus zum Gemeinderathaus. Die Fassade blieb, das Innere wurde neu errichtet: eine eigenständige Struktur aus Holz, Kalksandstein und Beton, in eine alte Hülle eingefügt. Die Decken nehmen das Raster der ursprünglichen Chaletkonstruktion auf, ohne sie zu kopieren. Transformation statt Wiederherstellung, so beschreiben es die Architekten selbst.

Was alle drei Projekte verbindet, ist keine bestimmte Formensprache, sondern eine Haltung. Es geht um das Bauen mit vorhandem Material und konsensualen Fügungsprinzipien: roh, günstig, öffentlich, ehrlich. Das klingt nach Bescheidenheit. Es ist in Wahrheit ein Freischlag. Wer aus der Logik des vorhandenen Materials heraus konstruiert, wer nicht beschichtet, was sich nicht beschichten lässt, wer Bestand nicht als Problem begreift, das es zu kaschieren gilt, sondern als Ausgangsmaterial, der baut nicht nur ehrlicher, sondern auch klüger. Und in Zeiten, in denen jede Tonne Beton und jeder verschwendete Quadratmeter eine Zukunftsfrage ist, ist Ehrlichkeit kein ästhetischer Luxus mehr, sondern eine Notwendigkeit.

Der DBZ-Heftpartner AFF hat ostdeutsche Wurzeln und wurde von den Brüdern Martin und Sven Fröhlich in Weimar gegründet und wird heute gemeinsam mit Ulrike Dix, ­Monic Frahn und Valentino Vitacca als Kollektiv aus Architekten, Handwerkern und Forschern in Berlin und Lausanne geleitet. Neben der Praxis lehren und forschen sie an verschiedenen Institutionen. AFF versteht das Handwerk und die Fügung von Material als wichtigsten Bestandteil einer nachhaltigen Baupraxis. Wie in mehreren Ausstellungen gezeigt, beziehen sie ihre formale Affinität aus einem mehrdeutigen Objektfundus, in dem sich ihre Wertschätzung für traditionelle Konstruktionen und räumliche Eindrücke vermischen. 
Verschiedene Bildungsbauten und Projekte, wie die Schutzhütte am Fichtelberg, das Sächsische Bergarchiv in Freiberg oder der denkmalgeschützte Kornversuchsspeicher in Berlin, wurden international veröffentlicht und mit Architekturpreisen ausgezeichnet. Zusätzlich zu ihrer ausgeprägten Expertise beim Bauen im Bestand realisierte AFF zahlreiche Bildungsbauten und verfügt über ein großes Archiv typologischer Studien zu Schulgebäuden.
www.aff-architekten.de
Foto: Dawin Meckel

Der DBZ-Heftpartner AFF hat ostdeutsche Wurzeln und wurde von den Brüdern Martin und Sven Fröhlich in Weimar gegründet und wird heute gemeinsam mit Ulrike Dix, ­Monic Frahn und Valentino Vitacca als Kollektiv aus Architekten, Handwerkern und Forschern in Berlin und Lausanne geleitet. Neben der Praxis lehren und forschen sie an verschiedenen Institutionen. AFF versteht das Handwerk und die Fügung von Material als wichtigsten Bestandteil einer nachhaltigen Baupraxis. Wie in mehreren Ausstellungen gezeigt, beziehen sie ihre formale Affinität aus einem mehrdeutigen Objektfundus, in dem sich ihre Wertschätzung für traditionelle Konstruktionen und räumliche Eindrücke vermischen. 
Verschiedene Bildungsbauten und Projekte, wie die Schutzhütte am Fichtelberg, das Sächsische Bergarchiv in Freiberg oder der denkmalgeschützte Kornversuchsspeicher in Berlin, wurden international veröffentlicht und mit Architekturpreisen ausgezeichnet. Zusätzlich zu ihrer ausgeprägten Expertise beim Bauen im Bestand realisierte AFF zahlreiche Bildungsbauten und verfügt über ein großes Archiv typologischer Studien zu Schulgebäuden.
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Foto: Dawin Meckel

Ulrike Dix und Sven Fröhlich
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