Wie zukunftsfähig ist die Architekturausbildung?
Die Lehre an den Universitäten und Architekturfakultäten muss sich den großen gesellschaftlichen und fachlichen Veränderungen stellen. Das ist eine Herausforderung, aber darin liegt auch eine Chance, die Universitäten wieder näher an die Gesellschaft heranzuführen. Die Architekturausbildung könnte dabei eine Vorreiterrolle einnehmen. Warum, darüber sprechen Julia Gillen und Tim Rieniets, die schon lange und zugleich sehr unterschiedlich in den Organismus Hochschule eingebunden sind.
„Was aber bei aller Veränderung bleibt, ist die Frage, welche Kompetenzen wir bei den Studierenden für ein erfolgreiches Arbeitsleben fördern müssen.“
Tim Rieniets (TR): Sehr geehrte Frau Gillen, Universitäten sind Orte des Fortschritts. Sie sind aber auch Orte, an denen sich Konventionen erstaunlich lange halten. Das gilt ganz besonders für die Lehrmethoden, die an Universitäten praktiziert werden. Da dominieren bis heute altgediente Formate wie Vorlesungen, Seminare, Hausarbeiten und Klausuren. Wie ist das zu erklären? Sind diese Lehrmethoden das Kondensat jahrzehntelanger universitärer Lehrpraxis?
Julia Gillen (JG): Es wäre schön, wenn die gängigen Lehrformate das Kondensat der guten Lehre wären. Aber das ist nur bedingt der Fall. Die Lehrenden sind in der Regel keine ausgebildeten Didakten, sondern haben sich als hervorragende Forscher*innen profiliert – oder im Falle der Architekturfakultäten als hervorragende Entwerfer*innen. Was diese Personen in der Lehre anbieten, geht ganz stark auf das zurück, was sie in ihrem eigenen Studium erlebt haben. Darum sind die gängigen Lehrformate an den Universitäten in den meisten Fällen weniger ein Kondensat, sondern viel mehr die Fortschreibung dessen, was schon lange bekannt ist. Aus diesem Grund gibt es auch einen gewissen Innovationsstau in der Lehre.
Hinzu kommt, dass die Studierenden heute ganz andere Voraussetzungen und Fähigkeiten mitbringen als die Generationen ihrer Professor*innen. Darum sollten wir kritisch hinterfragen, ob die alten Lehrformate noch geeignet sind oder ob wir anders auf die Studierenden von heute reagieren sollten. Auch hier sehe ich Innovationsbedarf.
TR: Eine besondere Herausforderung sehe ich darin, wie die Studierenden heute, im Zeitalter von Internet und KI, mit Lerninhalten umgehen. KI-Chatbots wie ChatGPT sind für Studierende inzwischen ein fester Bestandteil der Informationsbeschaffung und -verarbeitung. Das hat dazu geführt, dass einige Lehrformate, wie zum Beispiel die eigenständige Anfertigung einer schriftlichen Hausarbeit, an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, weil nicht mehr überprüfbar ist, wie diese Leistung zustande gekommen ist. Auch das Zustandekommen kreativer und gestalterischer Leistungen, die im Architekturstudium eine ganz zentrale Rolle spielen, lassen sich immer schwerer nachvollziehen, weil dafür inzwischen generative KI-Anwendungen zur Verfügung stehen.
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JG: KI ist eine echte Herausforderung, was Lehre und Prüfungen angeht, weil durch diese Technologie viele Routinen, die wir in den Hochschulen haben, infrage gestellt werden oder gänzlich verworfen werden müssen. Was aber bei aller Veränderung bleibt, ist die Frage, welche Kompetenzen wir bei den Studierenden für ein erfolgreiches Arbeitsleben fördern müssen. Womit wollen wir sie in die Welt schicken? Die Frage bleibt die gleiche; unter den heutigen Bedingungen müssen wir jedoch anders darauf antworten.
Wahrscheinlich müssen die verschiedenen Disziplinen ihre eigenen Antworten finden. Ein Beispiel: Wenn Germanist*innen bei mir studieren, werde ich den Studierenden auch in Zukunft beibringen müssen, wie sie Literatur selber erfassen und verarbeiten und wie sie eigenständig Texte auf wissenschaftlichem Niveau schreiben können. Hier wird KI vermutlich einen geringeren Einfluss auf die Kernkompetenzen der Disziplin haben. In anderen Disziplinen kann KI aber den Erwerb völlig neuer Kompetenzen erforderlich machen.
Die Architektur ist eine solche Disziplin, denn generative KI-Anwendungen dringen immer weiter in die typischen Tätigkeitsfelder von Architekt*innen vor. KI ermöglicht die Erzeugung von Bildern, die Optimierung von Grundrissen, die Berechnung von Tragwerken, die Automatisierung von Ausschreibungen. Das alles wird irgendwann zum Arbeitsalltag der Studierenden gehören, die wir heute ausbilden.
TR: Ich glaube, dass es eine zentrale Aufgabe von uns Lehrenden sein muss, den Studierenden ein hohes Maß an Kritikfähigkeit beizubringen. Es genügt nicht, wenn wir ihnen nur beibringen würden, wie sie KI-Anwendungen bedienen. Das wäre schon deshalb nicht zielführend, weil wir unsere Lehrinhalte gar nicht so schnell anpassen können, wie sich die KI-Anwendungen weiterentwickeln. Stattdessen müssen wir den Studierenden beibringen, die Ergebnisse, die sie mit Hilfe von KI generieren, hinsichtlich ihrer Qualität und Plausibilität beurteilen zu können.
JG: Genau. Die Studierenden sind nicht mehr bloß die Empfänger*innen von Lehrinhalten, die bereits durch die Dozierenden auf Qualität und Richtigkeit geprüft wurden. Sie müssen diese Aufgabe nun in einem gewissen Maße selber erfüllen können. Das setzt aber hohe fachliche und intellektuelle Fähigkeiten voraus, die möglicherweise nicht alle mitbringen. Die Folge wäre ein hochselektiver Prozess unter den Studierenden: Die schwächeren nutzen KI in erster Linie, um sich die Arbeit zu erleichtern, die starken Studierenden nutzen KI auch als Werkzeug, um individuelle Leistungen erbringen zu können.
„Die Architekturausbildung hat ein großes Potenzial, um Hochschule und Öffentlichkeit in Verbindung zu bringen.“
TR: Ein anderes Thema, das die Hochschulen momentan sehr bewegt, ist ihre öffentliche Akzeptanz. Die aktuellen Entwicklungen in den USA zeigen, wie schwach die Universitäten dort im öffentlichen Bewusstsein verankert sind. Da erklärt die amerikanische Regierung einige der renommiertesten Universitäten des Landes zum Feindbild in ihrem rechtspopulistischen Kulturkampf, aber in der Öffentlichkeit regt sich kaum Widerstand. Man kann diese Situation nicht direkt mit der in Deutschland vergleichen. Aber auch hierzulande dürfte die öffentliche Akzeptanz der Universitäten nicht besonders stark ausgeprägt sein.↓
JG: Da stimme ich Ihnen zu. Wir sind genauso in der Pflicht wie die US-amerikanischen Universitäten und müssen gegenüber der Gesellschaft deutlich machen, warum es uns gibt und welchen Nutzen die Steuer-zahler*innen von uns haben. Aber das gelingt uns bisher nur sehr bedingt. Wenn wir an der Leibniz Universität öffentliche Veranstaltungen anbieten, erreichen wir immer nur den gleichen Personenkreis. Das sind Menschen, die selber über einen akademischen Hintergrund verfügen und die gegenüber der Wissenschaft ein hohes Vertrauen haben. Nicht akademische Gruppen erreichen wir auf diesem Wege hingegen nicht.
TR: Kann die Lehre einen Beitrag leisten, auch diese Menschen zu erreichen?
JG: Ja, die so genannte „aufsuchende Bildung“ kann hier einen Beitrag leis-ten. Mit aufsuchender Bildung ist gemeint, dass Wissenschaftler*innen und Studierende an Orten außerhalb der Universität aktiv werden, wo sie in direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit kommen – auch mit solchen Menschen, die sonst keine Berührung mit Universitäten haben.
TR: Die Architekturausbildung hat hier meines Erachtens ein großes Potenzial, denn diese Ausbildung beinhaltet im Kern das Entwerfen von Gebäuden und städtischen Räumen, also Dingen, die ganz nah am Alltag der Menschen sind. Diesen Umstand habe ich in meinen Lehrprojekten schon häufig dafür genutzt, um Studierende mit Laien in Kontakt zu bringen. Die Studierenden haben dieses Angebot immer sehr dankbar aufgenommen, weil sich diese Art der Lehre viel authentischer und relevanter anfühlt, als wenn man unter Ausschluss der Öffentlichkeit studiert. Die Laien haben sich gegenüber den Studierenden immer sehr offen und konstruktiv gezeigt. Manchmal habe ich auch beobachtet, dass sich Laien als Korrektiv verstanden haben, um die jungen Menschen vom „Elfenbeinturm“ auf den „Boden der Tatsachen“ zu holen. Das löste bei den Studierenden jedes Mal einen intensiven Prozess der Selbstreflektion aus. Was ist meine Rolle als Architekt*in? Welche Bedeutung hat mein Fachwissen und welche Bedeutung hat das Wissen der Laien?
JG: Die Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern ist doch inzwischen unverzichtbar geworden, vor allem bei Großprojekten oder bei der Standortsuche von Windkraftanlagen. Aber auch bei anderen Veränderungsprozessen verlangt die Bürgerschaft Mitspracherecht. Solche Prozesse moderieren zu können, ist eine wichtige Kompetenz, die ja auch bei Ihnen und an anderen Architekturfakultäten gelehrt wird.
„Studierende wollen nicht auf die Rolle eines lernenden Subjekts reduziert werden, sie wollen die Welt bewegen!“
TR: In der Architekturausbildung hat das Projektstudium eine zentrale Funktion. Der Grund dafür ist ganz simpel. Man versucht mit dem Projektstudium, die Berufstätigkeit von Architekt*innen zu simulieren: Die Studierenden entwerfen Gebäude oder müssen andere Projektaufgaben erfüllen, ganz ähnlich, wie es auch professionelle Architekt*innen in ihrem beruflichen Alltag tun. Der Unterschied ist, dass die Studierenden diese Aufgabe unter vereinfachteren Bedingungen erfüllen als ihre professionellen Kolleg*innen und dass sie kontinuierlich von Lehrenden begleitet werden. Auch dieses Lehrformat ist überhaupt nicht neu, sondern ist vermutlich so alt wie das Architekturstudium selbst. Ich habe aber den Eindruck, dass sich dieses Lehrformat eines wachsenden Interesses in der Hochschuldidaktik erfreut. Warum ist das so? Was ist so interessant am Projektstudium?↓
JG: Jeder Student und jede Studentin fragt sich irgendwann: „Was hat dieses Studium eigentlich mit mir zu tun? Und was hat das mit der Welt da draußen zu tun?“ Wenn sich Studierende diese Frage nicht beantworten können, dann fällt es ihnen schwer, eine intrinsische Motivation für ihr Studium zu entwickeln. Das ist bei vielen Studiengängen ein echtes Problem. Anders ist es, wenn die Studierenden einen Bezug zu den realen gesellschaftlichen Herausforderungen erkennen können. Im Architekturstudium gelingt das ziemlich gut, weil es dort ein Projektstudium mit einem erkennbaren Wirklichkeitsbezug gibt. Die Studierenden müssen sich zu keiner Minute die Frage stellen „Was mache ich hier eigentlich?“
TR: Man muss aber der Vollständigkeit halber sagen, dass das Projektstudium in der Architektur nicht immer einen Realitätsbezug hat. Da beschäftigen sich die Studierenden auch schon mal mit Projekten, die weit jenseits der Realität liegen. Aber das finde ich legitim, denn würden wir den Studierenden ausschließlich das beibringen, was auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt wird, würden die Universitäten ihrem Auftrag nicht gerecht werden, innovatives und kritisches Denken nach außen zu tragen.
Es ist aber auch eine gegenteilige Entwicklung an vielen Architekturfakultäten zu beobachten, die sich beispielsweise im Angebot von so genannten Design-Built-Projekten widerspiegelt. Das sind sehr kleine Bauaufgaben, die von den Studierenden vom Entwurf bis zur Realisierung durchgeführt werden. Bei solchen Projekten können die Studierenden durch ihre eigene, handwerkliche Tätigkeit erfahren, wie gut sich ihre Entwürfe in der Realität bewähren. Außerdem müssen sie Teamgeist zeigen und gewisse Fähigkeiten im Projektmanagement mitbringen. Aber was meiner Meinung nach noch viel wichtiger ist: Die Studierenden können dank solcher Projekte die Erfahrung machen, dass sie mit ihrer Arbeit Wirksamkeit entfalten.
JG: Diesen Effekt kann man gar nicht hoch genug bewerten! Wir müssen uns klar machen, dass wir es mit jungen Erwachsenen zu tun haben, die etwas schaffen wollen. Sie wollen nicht auf die Rolle eines passiven, lernenden Subjekts reduziert werden, sie wollen die Welt bewegen! Ich erlebe das vor allem bei Studiengängen, bei denen Nachhaltigkeit ein zentrales Thema ist. Ich denke, das Architekturstudium kann man inzwischen durchaus dazu zählen. Dort verzeichnen wir hohe Bewerber*innenzahlen und einen überdurchschnittlich hohen Anteil weiblicher Studierender. Darunter sind viele, die einen hohen ethischen Anspruch an sich und ihr Tun haben. Für diese Gruppe von Studierenden ist die Möglichkeit, selbstwirksam zu werden, ein ausschlaggebendes Argument für die Wahl ihres Studiums.
TR: Das Architekturstudium hat sich in dieser Hinsicht stark gewandelt. Als ich studiert habe, ging es schwerpunktmäßig um ästhetische und intellektuelle Aspekte von Architektur. Rückblickend würde ich sagen, es war ein durch und durch apolitisches Studium. Aber heute ist das anders. Da gibt es viel mehr Studierende, die in ihrem Beruf eine gesellschaftliche Verantwortung sehen und dieser Verantwortung auch im Studium gerecht werden wollen. Da ist zum einen die soziale Verantwortung, die vor allem durch den Wohnraummangel in Deutschland ins Bewusstsein gerückt ist. Aber auch die Unterbringung von Geflüchteten und die anhaltende Debatte über Integration und Inklusion haben das Bewusstsein für die soziale Dimension von Architektur geschärft.
Noch mehr bewegt die Studierenden aber der Klimawandel. In unserer Zunft hat man lange geglaubt, man würde seiner umweltpolitischen Verantwortung dadurch gerecht werden, in dem man neue, sparsamere Häuser baut. Aber das war ein Trugschluss, denn inzwischen wissen wir, dass das Neubauen von Gebäuden wesentlich kritischere Auswirkungen auf die Umwelt hat als der Erhalt von Bestandsgebäuden. Das alte Berufsbild vom Architekten, der die Welt ständig mit neuen Gebäuden beglückt, ist durch diese Erkenntnis ziemlich ins Wanken geraten. Auch viele Studierende sehen dieses Berufsbild kritisch und fordern Veränderungen. Nicht so wie 1968, als sich die Studierenden gegen die gesellschaftlichen Konventionen aufgelehnt haben, die von ihren Eltern und Professoren verkörpert wurden. Heute fordern sie die Veränderung ihrer Profession.
JG: Ich nehme auch wahr, dass die Studierenden politisierter und kritischer geworden sind, vor allem in den gestaltenden und geisteswissenschaftlichen Studiengängen. Ich finde, dass wir über diese Entwicklung sehr dankbar sein können, weil das die Daseinsberechtigung der Universitäten unter-streicht. Zur Zeit der 1968er hatten die Hochschulen keine Probleme damit, ihre Existenz zu rechtfertigen, weil sie – bei allen Widersprüchen und Konflikten – als Orte der gesellschaftlichen Veränderungen wahrgenommen wurden. Es wäre doch zu begrüßen, wenn Hochschulen auch in Zukunft wieder so wahrgenommen werden würden! Der politische Anspruch der Studierenden weist genau in diese Richtung.
Es gibt aber auch viele Kollegen, die sich damit schwertun. Das sind häufig Menschen, die selber einen klassisch wissenschaftlichen Hintergrund haben und deren eigene Biografie von dem Leistungs- und Erfolgsdenken der Nachkriegszeit bestimmt wurde. Von denen hört man häufig die Warnung, dass man die Qualität und das Leistungsniveau des Studiums gefährden würde, wenn man zu sehr von den alten Leistungsanforderungen abweicht.
TR: Wie kann man dieses Dilemma auflösen? Und was könnte das für das Projektstudium bedeuten?
JG: Das Projektstudium hat den entscheidenden Vorteil, dass die Lernenden zu Verantwortungsträgern ihres eigenen Lernprozesses werden. Das heißt, dass sie sich im Rahmen ihres Projektstudiums selber mit diesem Dilemma auseinandersetzen können. Nicht gleich zu Beginn ihres Studiums, aber wenn sie etwas fortgeschritten sind. Dann sollten sie in der Lage sein, den Wertewandel zu realisieren und ihre eigene Haltung zu entwickeln und zu begründen.
TR: Das ist eine sehr gute Anregung, wie das Projektstudium weiterentwickelt werden könnte – auch an den Architekturfakultäten. Denn auch in unserer Profession verändern sich die Bedingungen rasant. Die Studierenden müssen lernen, sich auf Veränderungen einzulassen. Und wichtiger noch: Sie müssen lernen, diese Veränderungen aktiv und verantwortungsvoll mitzugestalten.
