Gleichwertig, aber nicht gleich

Lange Zeit war die Rollenverteilung klar: Die Universitäten betreiben Grundlagenforschung und bilden den wissenschaftlichen Nachwuchs aus, während die Fachhochschulen für eine praxisnahe Ausbildung vor Ort sorgen. Doch dieses Bild verschwimmt zunehmend – auch und gerade in den Disziplinen Architektur und Bauingenieurwesen. Gleichen sich die beiden Hochschultypen immer mehr an? Und ist das gut so? Wir haben nachgefragt.

Forschung, Promotion und wissenschaftliche Karrierewege sowie eine stärkere Internationalisierung sind inzwischen auch an Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) möglich, wie die Fachhochschulen heute heißen. Angelehnt ist der neue Name übrigens an die englische Bezeichnung „University of Applied Sciences“, die häufig ebenfalls als Namenszusatz genutzt wird. Im Gegensatz zu den oft Jahrhunderte alten Universitäten wurde dieser Hochschultyp als Fachhochschule erst 1968 per Beschluss der Minis-terpräsidenten der Länder in die Hochschullandschaft gesetzt.

In den vergangenen zehn Jahren haben sich viele dieser Hochschulen zu forschungsstarken Einrichtungen mit eigenen wissenschaftlichen Schwerpunkten gewandelt. Oft ging das mit einer Umbenennung in Technische Hochschule (TH) einher– die Namensähnlichkeit zur Technischen Universität (TU) dürfte kein Zufall sein. Ist aber eine Angleichung von Uni und HAW/TH erstrebenswert?

Wandel an den Hochschulen

„Der Anspruch an der TH Köln ist – und ich denke, das gilt für viele ehemalige Fachhochschulen – dass man Forschung betreiben, Drittmittel einwerben und perspektivisch auch Promotionsrecht erhalten möchte“, sagt Prof. Dr.-Ing. Michaela Lambertz, die seit 2013 an der TH Köln das Lehr– und Forschungsgebiet „Green Building Engineering“ leitet. Die Bauingenieurin hat selbst an der RWTH Aachen studiert – einer der größten Universitäten im Land. Sie hat also Erfahrung mit beiden Hochschultypen.

Bis heute hat die RWTH einen ausgezeichneten Ruf für die beiden Fachrichtungen Architektur und Bauingenieurwesen. Doch große Universitäten mit entsprechender Reputation bedeuten oft wenig Kontakt mit den Lehrenden. So ging es auch Lambertz: „An der RWTH Aachen habe ich in meinem Studium des Bauingenieurwesens kaum bis gar nicht mit Professoren – damals tatsächlich nur Männern – gesprochen. Die Betreuung lief ausschließlich über wissenschaftliche Mitarbeitende, die häufig selbst gerade erst frisch von der Uni kamen.“ Der direkte Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden sei ein klarer Vorteil der oft kleineren Hochschulen für angewandte Wissenschaften, so Lambertz. Auch ein fester Stundenplan im Gegensatz zur akademischen Freiheit der Vorlesungs– und Seminarwahl an der Uni kann für manchen Studierenden von Vorteil sein.

Promovieren ohne Universität

Mit dem Ausbau von Forschungseinrichtungen und der Gründung von Promotionskollegien wächst auch der Anspruch der HAW und TH, wissenschaftlich zu arbeiten. Das Promotionskolleg NRW, gegründet 2020, gilt hier als Meilenstein. Es ermöglicht Promotionsverfahren an 20 Hochschulen für angewandte Wissenschaften und THs in NRW. 2022 hatte das Land dem Promotionskolleg NRW (PK NRW) das eigenständige Promotionsrecht verliehen. Als hochschulübergreifende wissenschaftliche Einrichtung der 20 Trägerhochschulen führt das PK NRW nun eigenständige Promotionsverfahren durch und verleiht Doktorgrade. Ähnliche Modelle gibt es mittlerweile auch in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg.

„Am Anfang gab es Gegenwind von Seiten der Universitäten“, erinnert sich Lambertz. „Heute spüre ich das kaum noch. Klar ist aber auch: Der Wettbewerb um Forschungsmittel wird dadurch größer, aber die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten.“

Wie sieht eine Universitätsdozentin das? „Einhergehend mit der Erweiterung des Promotionsrechts an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften stellt sich mir die Frage, ob der Bedarf nach mehr wissenschaftlichem Nachwuchs und mehr promovierten Absolventinnen und Absolventen im Bauwesen gegeben ist“, sagt Prof. Elisabeth Endres, die an der Technischen Universität Braunschweig das Institut für Bauklimatik und Energie der Architektur leitet. Das Bauwesen stehe vor großen Herausforderungen, die Aufgaben in der Architektur und im Bauingenieurwesen seien in vielen Belangen sehr angewandt und praxisnah. Endres: „Ich persönlich sehe das Potential daher nicht unbedingt in der Erhöhung des Wissenschaftsanteils und dem Angleichen der Ausbildung von HAW an die Universitäten.“ Wenn sich die Charakteristika der Universitäten und Hochschulen immer mehr angleichen, dann auch die Voraussetzungen zur Einstellung von Professorinnen und Professoren. „Ich sehe daher keine Begründung oder den Bedarf, Zweitbetreuungen oder Strukturen wie Promotionskollegien für Promovierende der Hochschulen an den Universitäten zu belassen“, so Endres.

Gleich in mehreren Bundesländern geht man noch einen Schritt weiter: So haben beispielsweise in Hessen und Baden-Württemberg HAWs und THs bereits ein eigenes Promotionsrecht erhalten. Damit können Promotionen unabhängig von Universitäten erfolgen – eine wesentliche Weichenstellung für die Gleichberechtigung im Hochschulsystem.

Lambertz: „Man merkt, dass das Bewusstsein wächst, auch an einer Fachhochschule promovieren zu können. Das ist ein großer Unterschied zu früher.“

Forschung ja – aber praxisnah

Der Spagat zwischen wissenschaftlicher Tiefe und Praxisnähe bleibt herausfordernd. An der TH Köln ist für Masterstudiengänge die Wissenschafts­orientierung verpflichtend. „Wir wollen keine rein anwendungsorientierten Master“, betont Lambertz. „Lehrende im Master sollen auch selbst in der Forschung aktiv sein – also Drittmittel einwerben oder wissenschaftlich publizieren.“ Damit verändert sich auch das Selbstverständnis der ehemaligen Fachhochschulen: weg von der reinen Lehre hin zur forschenden Hochschule. Das Ziel ist klar: eigenes Promotionsrecht, wissenschaftliche Karrieren und mehr Sichtbarkeit im akademischen System.

Mehr Sichtbarkeit schafft eine Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie ist die größte Forschungsfördereinrichtung und zentrale Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft in Deutschland. Bei ihr sind HAWs und THs bislang noch selten vertreten. „DFG-Anträge kommen überwiegend von Universitäten“, bestätigt Lambertz, die selbst Mitglied im DFG-Fachkollegium Bauwesen und Architektur ist. „Aber das liegt auch an der starken Grundlagenorientierung der Förderlinien. Die ehemaligen Fachhochschulen greifen häufig auf andere Programme zurück, etwa anwendungsorientierte Forschungsförderung.“

„Die Forschung im Bauwesen ist aus meiner Erfahrung nur in einzelnen Bereichen in Anwendungsorientierte und Grundlagenforschung einzuteilen“, so Endres. Daher sei es schwierig zu differenzieren, welcher Institution welche Forschung zuzuordnen ist. „Es sind eher die Fragestellungen, welche Fachbereiche in welchen Maßstäben forschen“, so Endres. So lägen beispielsweise in der Materialforschung viel Potentiale der Grundlagenforschung, an die dann auch immer die Frage der Anwendbarkeit anschließe. Fachgebiete der Baugeschichte hingegen seien in der theoretischen Auseinandersetzung verankert. Wesentlich sei, dass die Forschung sowohl in der eigenen Disziplin Erkenntnisse bringe, darüber hinaus jedoch inter- und transdisziplinär vernetzt sei. Bauen sei neben der Ingenieurleistung auch eine gesellschaftliche Aufgabe mit wesentlichen Aspekten für die Wirtschaft, so Endres. Dazu werde mehr als nur die Fachkenntnis der Ingenieurwissenschaften benötigt. „In diesem Punkt ist die Bauforschung aktuell gegenüber den Forschungsprogrammen anderer Ingenieur– und Geisteswissenschaften zu gering ausgestattet“, meint Endres und ergänzt: „Entsprechend der Relevanz für Klimapolitik, ­Wirtschaft und Gesellschaft wäre ein größerer Fokus in der Forschungslandschaft auf das Bauen wichtig.“

Zwischen Bachelorpraxis und Masterforschung

Trotz aller Angleichung bleiben Unterschiede bestehen – und vielleicht ist das gut so. „Im Bachelorstudium ist die Ausbildung an Fachhochschulen klar anwendungsorientierter“, sagt Lambertz. „Viele Studierende wollen direkt in den Beruf und streben keinen Master an.“ Das unterscheidet sie von Universitätsabsolventinnen und -absolventen, die häufiger in einem Masterstudiengang weiterstudieren. „Wir brauchen Ingenieurinnen und Ingenieure, die nicht alle wissenschaftlich arbeiten wollen, sondern für die Praxis qualifiziert sind“, so Lambertz.

Zudem seien die Voraussetzungen der Studierenden oft unterschiedlich. „Wir haben viele Studierende ohne klassisches Abitur“, sagt Lambertz. „Das verändert die Ausgangslage – und auch das Lehrniveau in manchen Bereichen, etwa in der Mathematik.“

Wechsel von der HAW zur Universität

Die größere „Durchlässigkeit“ des deutschen Bildungssystems zeigt sich hier als Chance: Viele beginnen mit einem HAW/TH-Bachelor und wechseln für den Master an eine Universität; manchmal auch umgekehrt. Wäre also eine komplette, gegenseitige Anerkennung von Credits (Leistungspunkten) wünschenswert?

„Studieren sollte immer mehr darstellen als ‚Punktesammeln‘, das ist seit dem Bologna-Prozess meines Erachtens etwas in den Hintergrund getreten. Bildung ist eine grundlegende Voraussetzung für unsere Gesellschaft und Demokratie“, meint Endres. Daher gewinne sie aktuell noch mehr an Bedeutung. Wir sollten uns nicht mit solcher „Erbsenzählerei“ beschäftigen, meint Endres, und weiter: „Promovieren ist keine Inflationsware und sollte sie auch nicht werden.“ Wenn sich jemand für die Promotion entscheidet, dann bedarf es des gegenseitigen Kennenlernens von Betreuenden und Studierenden. Voraussetzung sollte die Befähigung sein, wissenschaftlich-theoretisch eine Aufgabenstellung bearbeiten zu können. „Das müssen Hochschulen meines Erachtens aus dem Curriculum heraus leisten, wenn sie Promotionsrecht haben, sonst ergeben sich unterschiedliche Qualitäten in Promotionen“, so Endres. „Ich persönlich bedauere etwas, wenn dadurch die praxisorientierte Lehre der Hochschulen aus dem Fokus gerät.“ Nach ihrer Erfahrung an der Universität und der eigenen Praxis sei die originäre Struktur von Hochschulen und Universitäten sinnhaft und führe zu einer sich sehr gut ergänzenden Fachwelt. Sie biete den unterschiedlichen Fähigkeiten der Studierenden ein breitgefächertes Angebot, die den diversen Aufgaben im Bauwesen entsprächen, so Endres.

Und auch bei einem weiteren Punkt holen die ehemaligen Fachhochschulen zu den Universitäten auf: bei der Internationalisierung. Auch bei Studierenden an einer regional verankerten HAW oder TH gehört ein Auslandssemes­ter inzwischen fast selbstverständlich zum Studium hinzu.

Fehlender Mittelbau

Ein zentrales „Problem“ der ehemaligen Fachhochschulen bleibt der sogenannte „Mittelbau“ – also die wissenschaftlich Mitarbeitenden in Forschung und Lehre jenseits der Professorenschaft. „Wir sind da nicht so ausgestattet wie die Universitäten“, bedauert Lambertz. „Diesen Mittelbau bekommt man nur über Drittmittel. Und attraktiv wird man für wissenschaftliches Personal erst, wenn auch Promotionen möglich sind.“ Das Promotionsrecht sei daher nicht nur eine Frage des Prestiges, sondern entscheidend für die Forschungsfähigkeit und Personalentwicklung. Lambertz: „Sonst ist es schwer, Menschen zu gewinnen, die mit Begeisterung an Forschungsprojekten mitarbeiten.“

Zwischen Gleichwertigkeit und Eigenständigkeit

Braucht es also überhaupt noch Unterschiede zwischen Uni und HAW/TH? Lambertz ist skeptisch, ob eine vollständige Angleichung sinnvoll wäre. „Im Bachelor sollte der Fokus auf der Praxis bleiben – wir brauchen schließlich viele Ingenieurinnen und Ingenieure, die direkt in die Anwendung gehen.“ Auf Masterniveau sei das anders: „Da geht es um wissenschaftliche Befähigung, Forschung, Publikationen – das unterscheidet sich kaum noch.“

Die Bologna-Reform mit Einführung von Bachelor und Master hat das Hochschul-System ohnehin durchlässiger gemacht. „Die Anerkennung von Leistungen ist heute viel einfacher“, sagt Lambertz. „Die Grenzen verschwimmen.“

Fazit

Die Hochschullandschaft im Bauwesen ist in Bewegung. Hochschulen der angewandten Wissenschaften und Technische Hochschulen forschen, Universitäten öffnen sich der Praxis – beide Systeme lernen voneinander. Das Promotionskolleg NRW zeigt, wie akademische Gleichberechtigung gelingen kann, ohne den Charakter der ehemaligen Fachhochschulen zu verwässern.

„Ich finde die Bewegung gut“, resümiert Michaela Lambertz. „Es ist eine ­Annäherung, die den Hochschulen mehr Möglichkeiten gibt und den Studierenden mehr Wege eröffnet.“ Elisabeth Endres ergänzt: „Am Ende wird nicht wesentlich sein, in welcher Institution gute Gedanken entstehen. Wichtig ist, dass sie Raum bekommen und von klugen Köpfen mit gutem Instinkt für die Wissenschaft und Praxis bearbeitet werden.“

Vielleicht liegen genau darin Gegenwart wie Zukunft des deutschen Hochschulsystems: nicht in der Gleichmacherei, sondern in der Ergänzung.

Heide Teschner/DBZ

Gesprächspartnerinnen

Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW)

• praxisorientiertes Studium, enger Kontakt zu Lehrenden

• Schwerpunkt auf anwendungsbezogener Forschung

• ideal für Studierende mit berufspraktischer Erfahrung oder Ausbildung

• stärkere regionale Vernetzung mit Unternehmen und Kommunen

• Zugang mit Allgemeiner Hochschulreife (Abitur), Fachgebundener Hochschulreife, Fachhochschulreife, beruflicher Qualifikation

Universität

• theoretisch und wissenschaftlich orientiert

• größere Fächerauswahl

• größere Forschungsinstitute und mehr DFG-Förderchancen

• besser geeignet für Grundlagenforschung und akademische Laufbahn

• häufig internationaler ausgerichtet

• üblicherweise Zugang mit Abitur, einzelne Studiengänge können davon abweichen

Promotionskolleg NRW

• Gründung im Jahr 2020 mit dem hochschulpolitischen Auftrag, kooperative Promotionen zu stärken und auszubauen sowie die Voraussetzungen für Promotionen an HAW zu schaffen

• Zusammenschluss von 20 Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) in NRW

• seit 2022 Promotionsrecht, verliehen durch das Land NRW: eigenständige Betreuung und Durchführung von Promotionen

• seither zwei Wege der Promotion in NRW:

1. Promotionsprogramme – strukturierte Programme mit Betreuungsteams und regelmäßigen Kolloquien

2. Kooperative Promotionen – gemeinsame Betreuung durch HAW- und Universitätsprofessorinnen und -professoren; der Titel wird durch die promotionsberechtigte Universität verliehen

• Ziel: Stärkung des wissenschaftlichen Profils der HAW

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