Sanierung und Neubauen am Kampnagel, demnächst Baustart

Das Hamburger Kampnagel ist Legende. Obwohl erst seit Anfang der 1980er-Jahre als Kulturort aktiv, erscheint das ehemalige Hallenensemble zweier Hamburger Großmaschinenproduzenten schon immer da, Vorbild für zahlreiche weitere Kulturorte, nicht nur in Deutschland. Jetzt soll der Tanz-, Musik-, Theater- und Kinoraum saniert, erweitert, umgebaut werden. Glücklicherweise von einem Büro, das mit Aufgaben dieser sehr speziellen Art bereits sehr erfolgreich ­reüssierte: Lacaton & Vassal, Paris. Wir schauten uns den Ort an und sprachen mit Anne Lacaton.

Östlich der Außenalster gelegen und über den Osterbekkanal ans Hamburger Wasser angeschlossen, gründete sich dort, wo heute internationale Künstlerinnen produzieren und präsentieren, 1865 das Eisenwerk Nagel & Kaemp. Das Unternehmen produzierte bis 1968 vor allem Lade­geschirr und Kräne. 1981 schloss die Anlage endgültig. Vielleicht zehn Jahre zu früh, wurde doch der städtische Umbau – Stichwort Konversion –  erst in den 1990er-Jahren zum Aushängeschild fortschrittlicher Stadtplanung und zum Acker für Architekturbüros, die mit großen Volumen und rauer Patina umzugehen wussten. Da war noch nicht von Resilienz oder CO2-Bilanzierung die Rede. Wir erhielten auf besten innerstädtischen Grundstücken inspirierende Büro­räume, Konzertsäle oder Sportanlagen.

Aber noch sind die 1980er-Jahre und dass Senat und Bezirk den Abriss der Hallen und die Bebauung mit Wohnanlagen planen, hatte damals niemanden irritiert. Gerettet hat das Ensemble mit seinem Kern von sechs großen Hallen die Sanierung des Deutschen Schauspielhauses an der Kirchenallee und dem damit verbundenen Einzug von Intendanz, Verwaltung, Werkstätten, Probe- und Spielbühnen. Und weil die nicht alles nutzen mussten, schlichen sich Teile der freien Theatergruppen aufs Gelände. Nach dem Auszug des Schauspielhauses 1984 und der Forderung an den Senat, Kampnagel den freien Gruppen zur Dauer­nutzung zur Verfügung zu stellen, beschließt dieser die Aussetzung des Abrissbeschlusses und den Erhalt der Hallen 1 bis 6, „solange sie vom Publikum angenommen werden“.

Preise, Auszeichnungen und eine Übernahme

Das wurden sie in den ersten Jahren vielleicht eher weniger. Zu suspekt war dem Publikum dieser sehr raue Ort, das Anarchische, Improvisierte, das auf der Bühne gewünscht, im Rahmen aber eher unbequem erschien. Trägerin des Geländes ist zunächst die Hamburger Kulturbehörde. Und die sah sich mit Erfolgen, Auszeichnungen, wachsender Aufmerksamkeit konfrontiert, wie zugleich auch  mit den Forderungen der Kreativen nach einem sicheren Rahmen (Festanstellung des Kernteams).

Es gab viele nationale und internationale Auszeichnungen des Projekts, einzelner Produktionen aber auch Personen, die das Kampnagel künstlerisch gelenkt haben. Und: Der Abrissstop „solange sie [Hallen auf Kampnagel; Be. K.] vom Publikum angenommen werden“ sollte angesichts stetig wachsenden Interesses endgültig vom Tisch sein. Was man auch daran erkennen kann, dass im Mai 2020 die Hamburgische Kulturstiftung ihre Gesellschafteranteile der Kampnagel Internationale Kulturfabrik GmbH an die Stadt Hamburg übertrug, die damit Alleingesellschafterin wird und das Kampnagel zum Staatstheater macht. Zudem wurden die sechs großen Hallen als Kulturimmobilien in das Mieter-Vermieter-Modell mit der Sprinkenhof GmbH aufgenommen.

Zuerst: Die Dinge so belassen, wie sie sind

Das Kampnagel scheint also angekommen, ein Kulturpfund, mit dem die Stadt auch international wuchern kann. Könnte, wäre da nicht die fehlende Technik für zeitgenössischen Tanz oder Theater, wären da nicht der Energieverbrauch, die undichten Dächer, das fehlende Tageslicht, zumindest mangelhafter Brandschutz. Wäre da also nicht das ganze Sanierungsprogramm einer in die Jahre, Jahrzehnte gekommenen Immobilie. Will das Kampnagel also glänzen, braucht es die Sanierung, und mehr Platz: für internationale Gäste, die selbstverständlich ein Studio (im Probenzentrum) und einen Wohnort brauchen (Residenzgebäude, neu); für die Aufnahme des überall gelagerten Materials, das demnächst störend im Raum stehen würde; für mehr und modernere Werkstätten; für Verwaltung, die bis heute recht improvisiert in Resträumen auf dem Gelände oder auch weiter weg untergebracht ist. Raum für die Besucherinnen sowieso, die nicht nur zu Konzerten kommen, sondern auch zum Essen oder einfach nur zum Dasein mit anderen.

Wie soll das gehen? Wer könnte hier erste Planungsweichen stellen? Kampnagel und Senat wandten sich an Lacaton & Vasall, die schon mit ihren Arbeiten am Palais de Tokyo in Paris und dem FRAC in Dünkirchen gezeigt hatten, dass sie Vitalisierung können; und zwar auf einfachstem wie gleichzeitig höchstem Niveau. „Wir sollten für Kampnagel einige zentrale Ideen formulieren – Ideen, aber auch Gefühle“, so Anne Lacaton im Gespräch mit der DBZ (erscheint in der April-Ausgabe). „Wir schauten sehr intensiv auf den Ort und konnten allgemeine Grundsätze formulieren. Zum Beispiel: Das Erste ist, die Dinge so zu belassen, wie sie sind. Wir wollten keine Transformation, denn jede größere Veränderung würde den sehr eigenen Geist dieses Ortes zerstören.“ Das war vor Corona. Nach der Pandemie gab es einen Wettbewerb nach VgV-Verfahren, am Ende waren noch drei Teams in der Konkurrenz – darunter auch Lacaton & Vassal. Alle stützten sich auf die Voruntersuchung des Pariser Büros, das den Wettbewerb mit einem Strategievorschlag für sich entschied: „Vielleicht war ein wichtiger Punkt, warum wir ausgewählt wurden, dass wir vorgeschlagen hatten, im ersten Jahr vor Baustart Workshops zu machen. Denn die Bedürfnisse an einem solchen Ort kann man nicht theoretisch festlegen.“

Zwei Bauphasen bei laufendem Betrieb

Es wird zwei Bauphasen (im laufenden Spielbetrieb) geben: Von September 2026 bis Frühjahr 2028 wird der südliche Gebäudeteil neu- bzw. umgebaut. Neben den Hallen und den Foyers ist das vor allem der neu über dem Foyer zu bauende­ Bereich k7 (u. a. die Gästeateliers, Proberäume, Lager, Dachterrasse etc.). In der Bauphase wird es Auslagerungen geben, über eine Interims­gastronomie wird aktuell verhandelt. Der Probenbetrieb wird weitestgehend ausgelagert.

In der Bauphase 2 (Sommer 2028 bis Mitte 2029) wird der Nordteil saniert. Betroffen sind die Halle k6, deren Vorhalle und das Verwaltungsgebäude. Zudem wird ein neues Residenzgebäude über eine jetzt noch als Parkplatz genutzte Fläche gestellt und der alte Kassenbereich wird zu einem Restaurant umgebaut. Die bereits fertiggestellten Räume (inklusive Probenzentrum k7) gehen in Betrieb. Ob zur Spielzeit 2029/2030 schon alle Hallen wieder in Betrieb genommen werden können? Die Architekten rechnen noch mit weiteren Umbauarbeiten in Folge, die aber nicht die Bühnen und Probenflächen betreffen.

Grundsätzlich sollen sich sämtliche Produktionen in der Bauzeit auf die beengte Situation einstellen: Die Baustelle soll zum inspirierenden Ort werden. So ist u. a. geplant, die Baustelle selbst Teil der Inszenierung werden zu lassen und auch, das „Programm k“ in den Stadtraum auszuweiten.

Wir wollen, dass alle am Ende zufrieden sind

Es wird nicht leicht, das Kampnagel als gewachsene Struktur mit seinem sehr speziellen „Geist“ zu erhalten. Die Architekten werden sich mit allen so zu verständigen haben, dass am Ende der Arbeit zwar Neues zu sehen sein wird, andere innere Wege vorhanden sind, die großen Hallen wieder Tageslicht haben und eine Verdunkelung, neue Treppenhäuser und Aufzüge, andere Eingänge und leistungsfähigere Technik (Sound, Licht, Klima). Doch das alles soll so realisiert werden, dass kaum etwas zerstört wird und Einbauten dorthin kommen, wo sie passen, räumlich, materiell und maßstäblich. Die Oberflächen sollen bleiben, auch die Einscheibenverglasung. Trotzdem sollen über ein ausgeklügeltes Energiemanagement (entwickelt mit dem Londoner Büro atmos lab) gut 70 Prozent der Energie fürs Gebäudeklima gespart werden. Ursprünglich hatten die Bauherren noch daran gedacht, unterdimensionierte Bauteile (zum Beispiel die Einscheibenfenster) auszubauen und einer Bauteilebörse zur Wiederverwendung zu überlassen. Anne Lacaton habe auf diesen Vorschlag mit dem Satz reagiert: „Wenn andere diese Bauteile verwenden können, warum dann nicht wir auch!?“

Wie radikal das Büro aus Paris denkt, wird auch in der Präsentation des fertiggestellten Projekts deutlich: Anstatt mit viel Rechnerleistung und professionellen Bildgestaltern wirklichkeitsüberhöhende Renderings zu präsentieren, haben sie Fotos aus dem Jetztzustand mit den Neuzutaten ausgestattet. So, sehr dezent im Hintergrund einer Foyerszene, eine vom Dach herunterkommende Stahlstütze, die den Überbau trägt.

Dass die Bauherrschaft den Ehrgeiz entwickelt, die Stahlkonstruktion zum Teil aus den alten Hebekränen auszubauen, die vor Jahrzehnten an diesem Ort errichtet und in die Welt geliefert wurden, macht es wahrscheinlich, dass das Kampnagel, wenn nicht seine bauliche Struktur, so doch seinen „Geist“ retten kann. Ob das mit den 120 Mio. € Bausumme, die hälftig Stadt und Bund tragen, gelingen kann? Die Architekten sagen Ja. Anne Lacaton: „Wir wollen, dass am Ende alle mit dem Ergebnis zufrieden sind – und den Geist von Kampnagel wiedererkennen. Aber nicht nur den, sondern alle Details, die wir zusammen diskutiert haben. Weil wir hier gemeinsam gebaut haben.“⇥Benedikt Kraft/DBZ

www.kampnagel.de, www.lacatonvassal.com

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