Dachbegrünung mit Mehrwert

REWE Green Farming, Wiesbaden

Wie können wir Verkaufsflächen effizienter und nachhaltiger nutzen? Diese Frage stellte sich die REWE Group und beauftragte Architekt:innen damit, nicht nur die Energiebilanz ihrer Märkte zu optimieren, sondern auch einen positiven Beitrag zum regionalen Konsum zu leisten. Die Büros ACME und knippershelbig entwickelten hierzu einen Markt, der gleichzeitig auch Produktionsstätte für Lebensmittel ist.

Text: Anna Scheuermann, Offenbach


Foto: REWE

Foto: REWE

„I Love Shopping“ – für viele ist diese allseits beliebte Tätigkeit in den vergangenen drei Jahren mehr und mehr in die virtuelle Welt gewandert. Doch ein analoges Erlebnis ist weiterhin fest im Alltag verankert, eventuell sogar verstärkt durch die Schließung der Gastronomiebetriebe in den vergangenen Corona-Lockdowns: der Lebensmitteleinkauf. Unter den beliebtesten und größten Supermarktketten in Deutschland rangiert seit Jahren die REWE Group (hervorgegangen aus dem 1927 gegründeten „Revisionsverband der Westkaufgenossenschaften“). 2009 eröffnete der erste REWE Green Building Markt in Berlin, 2021 folgte das REWE Green Farming Pilotprojekt in Wiesbaden. Hier wurde erstmals ein ganzheitlicher Ansatz umgesetzt, der das nachhaltige Bauen und Betreiben eines Supermarkts mit der lokalen Lebensmittelproduktion verknüpft und für die Kund:innen anschaulich macht.

Schauwert: Das nachhaltige Holztragwerk macht die ökologische Ausrichtung des Projekts auch für die Kund:innen ­erlebbar
Foto: ACME

Schauwert: Das nachhaltige Holztragwerk macht die ökologische Ausrichtung des Projekts auch für die Kund:innen ­erlebbar
Foto: ACME

Während das bisher verfolgte Green Building-Konzept besonders auf einen energieeffizienten und CO2-neutralen Betrieb der Handelsimmobilien abzielte, wurde mit dem Start der Green Farming-Kampagne der Fokus auf das ressourcenschonende und klimaneutrale Bauen gelegt. Um dieses hehre Ziel nicht nur in Marketingfloskeln zu bearbeiten, startete die Entwicklung der neuen Generation von Supermärkten 2016 mit einem geladenen Wettbewerb, bei dem REWE als Auslober sich mit fachlichem Input für die Arbeit komplett herausgehalten hat, damit die Teilnehmenden unbefangen ihre Ideen entwickeln konnten und den Kreativen größtmögliche Denkfreiheiten eingeräumt wurde. Heraus kam ein modularer und flexibler Holzbau-Prototyp von ACME (London / Berlin) und den Tragwerksplanern von knippershelbig (Stuttgart / New York / Berlin), der nach der ersten Umsetzung in Wiesbaden-Erbenheim verfeinert und an verschiedene andere Standorte übertragen werden soll – ähnlich einem Baukasten-Prinzip.

Maximal-regionaler Anbau: Die Basilikumpflanzen, die auf dem Dach gezüchtet werden, sind für den Verkauf in den umliegenden Filialen bestimmt
Foto: REWE

Maximal-regionaler Anbau: Die Basilikumpflanzen, die auf dem Dach gezüchtet werden, sind für den Verkauf in den umliegenden Filialen bestimmt
Foto: REWE

Hybrid aus Holz und Stahlbeton

Der Stadtteil Erbenheim liegt im Südosten der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden und ist durch die Nähe zur Stadtmitte und zur Autobahn A66 attraktiv als Wohngegend und Gewerbestandort. Bis 2004 befand sich im Süden des Viertels noch die Zementfabrik und der Betriebshof von Dyckerhoff & Widmann, besser bekannt als Dywidag. An eben diesem Grundstück, am Rande einer neuen Wohnsiedlung mit bereits vorhandener Infrastruktur, ergab sich für REWE die Option, den ersten Green Farming Markt zu realisieren. In dieser prototypischen Umsetzung entschied man sich allerdings für keine reine Holzkonstruktion. Für die notwendigen Bohrpfähle, das Fundament und zwei sogenannte Serviceboxen musste der ganz und gar nicht klimafreundliche Baustoff Stahlbeton eingesetzt werden – dieser macht rund 60 % der eingesetzten Gesamtkonstruktion aus. Mehr dazu im Interview mit Klaus Wiens, der bei REWE den Bau neuer Filialen verantwortet.

Nachschub: Ein Mitarbeiter pflanzt neue Setzlinge für das Gewächshaus
Foto: ACME

Nachschub: Ein Mitarbeiter pflanzt neue Setzlinge für das Gewächshaus
Foto: ACME

Die beiden seitlichen, zweigeschossigen Gebäuderiegel fassen die nichtöffentlichen Funktionen wie Lager und Büros und ermöglichen eine großflächige Öffnung des Markts in Richtung des Kundenparkplatzes und zur Rückseite, in Richtung der neuen Wohnbebauung. Die Inszenierung des eigentlichen Prunkstücks des Gebäudes, die skulpturale Holzkonstruktion, wird dadurch zwar nicht gänzlich verdeckt, aber doch deutlich geschmälert. Als Abschluss des Komplexes thront das großzügige Gewächshaus für den Anbau von Basilikumpflanzen mit integrierter Aquaponik-Anlage auf dem Dach. Hinweis für Besucher des Marktes: Über eine versteckte Wendeltreppe im angegliederten Café kann ein kleines Infozentrum auf dem Dach besucht werden, wo ein anschaulicher Film zur Entstehung des Gebäudes läuft und ein kleiner Einblick in die Basilikumzucht ermöglicht wird. Wünschenswert wäre an dieser Stelle ein prominenterer und barrierefreier Aufstieg sowie ein öffentlicher Umgang im Außenbereich des Daches, um die gesamte „Urban Farming“-Anlage für die Konsument:innen begreifbarer zu machen.

Nach oben offen:
Das große Oberlicht
verstärkt den Eindruck einer Markthalle
Foto: ACME

Nach oben offen:
Das große Oberlicht
verstärkt den Eindruck einer Markthalle
Foto: ACME

Digital planen, Ressourcen schonen

In einem integralen Planungsprozess entwarfen und entwickelten die Planer von ACME und knippershelbig gemeinsam das gestaltprägende, nachhaltige Holztragwerk. Die auf der Tradition asiatischer Baukunst basierende Grundidee für die Konstruktion wurde in einem parametrischen Prozess optimiert und angepasst, so dass die natürliche Ressource Holz am Ende möglichst materialschonend und materialgerecht in diesem Projekt eingesetzt wird. Das in Wiesbaden verwendete Nadelholz, rund 1 100 m³, stammt zwar nicht aus dem nahen Taunus, sondern aus dem österreichischen Vorarlberg und dem Schwarzwald. Dafür fungiert aber allein die verbaute Menge Holz bereits als CO2-Speicher von rund 700 t CO2.. Dank des vergleichsweise geringen CO2-Verbrauchs in der Verarbeitung und beim Transport – besonders im Vergleich zu herkömmlichen Baustoffen wie Ziegel, Beton oder Stahl – stellt die Verwendung von Holz hier also trotz der Anlieferung aus dem Schwarzwald und aus Österreich einen klimapositiven Beitrag dar.

Fischzucht: In großen Bottichen wachsen Buntbarsche heran, deren Ausscheidungen als Dünger für die Pflanzen genutzt werden
Foto: ACME

Fischzucht: In großen Bottichen wachsen Buntbarsche heran, deren Ausscheidungen als Dünger für die Pflanzen genutzt werden
Foto: ACME

Die Deckenkonstruktion aus gestapelten Brettschichtholzträgern mit den Maßen 12 x 20 cm sowie massiven Brettsperrholzplatten mit einer Stärke von 10 cm werden in einem 8 m-Raster von 42 Brettschichtholz-Stützen in den Dimensionen 48 x 48 cm getragen. Im Innenraum bestehen diese aus Fichte, im Außenraum aus Lärche. Durch die umgekehrt pyramidenförmig ausgeformten Stützenköpfe scheint der Markt eine gewölbeförmige Decke zu haben. Die zentrale Öffnung der Deckenplatte sowie das dort eingebaute Oberlicht bringen viel natürliche Helligkeit in den Innenraum und verstärken die Wirkung eines überdachten Marktplatzes. 

Sind die Fische ausgewachsen, werden sie den Kunden:innen im Markt zum Kauf angeboten
Foto: ACME

Sind die Fische ausgewachsen, werden sie den Kunden:innen im Markt zum Kauf angeboten
Foto: ACME

Potenzial für den Stadtteil

Interessanterweise wurden die in einem orthogonalen Raster im Verkaufsraum stehenden Stützen sehr gut in die schräg stehenden Verkaufsregale integriert. Hier hatte sich der Bauherr glücklicherweise von einer Abweichung seiner bisherigen stützenfreien Maxime überzeugen lassen. Der großzügig überdachte Eingangsbereich zum Parkplatz kann, je nach Jahreszeit, als kommunikativer Treffpunkt für die Bewohner:innen und Besucher:innen, Marktplatz oder Erweiterungsfläche des Cafés, aber auch für den Direktverkauf von regionalen landwirtschaftlichen Produkten genutzt werden. Es bleibt zu hoffen, dass der Vordachbereich in der kalten Jahreszeit nicht nur für die Lagerung von Einkaufswagen und als Aktionsverkaufsfläche benutzt wird. In Verbindung mit der innovativen, kreisförmigen Anlage der Parkplätze und der außergewöhnlichen Bepflanzung der zugehörigen Grünflächen gibt es hier ein enormes Potenzial für den sich noch entwickelnden Stadtteil.

Isometrie, o. M.

Isometrie, o. M.

Kreislaufwirtschaft und Lebenszyklusanalyse

Doch wirklich zukunftsweisend wird das Pilotprojekt in zwei darüber hinausgehenden Aspekten, die mittlerweile zum Standard des (nachhaltigen) Planens und Bauens gehören sollten: die Kreislaufwirtschaft und die Lebenszyklusanalyse. Der zirkuläre Gedanke wurde bei diesem Projekt gleich auf zwei Ebenen umgesetzt. Einerseits erlaubt die Verschraubung der ­einzelnen Holz-Konstruktionsteile deren Rückbau und Wiederverwendung, sollte das Gebäude nicht mehr wie geplant weitergenutzt werden. Zudem funktioniert die Dachfarm in Form eines Kreislaufs: Die Ausscheidungen der dort gehaltenen Zuchtbarsche düngen die Basilikumpflanzen, die über das aufgefangene Regenwasser vom Dach und Kondenswasser aus dem Gewächshaus mit Feuchtigkeit versorgt werden.

Lageplan / Grundriss, M 1 : 1 000

Lageplan / Grundriss, M 1 : 1 000

Die erntereifen Pflanzen wandern, plastikfrei, in die Verkaufsräume der regionalen REWE-Märkte, der ausgewachsene Fisch wird an der eigenen Theke als „Landeshauptstadtbarsch“ verkauft. Die zur Fertigstellung des Gesamtprojekts durchgeführte Lebenszyklus-Analyse von der Herstellung, über die Nutzung und den Abbruch bzw. Abbau bis zum Recycling und zur Wiederverwendung ergab, dass der Supermarkt nicht nur eine ausgeglichene, sondern bereits eine positive CO2-Bilanz hat. Da kann man gespannt sein, was die weiterentwickelten Märkte den kommenden Generationen bieten werden.

ACME
Friedrich Ludewig
www.acme.ac
Foto: ACME

ACME
Friedrich Ludewig
www.acme.ac
Foto: ACME

Leider hat man oft den Eindruck, dass Lebensmittelhandel und Architektur nicht vereinbar sind. REWE Green Farming zeigt uns, wie es geht. Ist die Idee nur wiederentdeckt oder neu? Uns begeistert das ganzheitliche Betreiberkonzept. Die Architektur ist durch die Konstruktion und den Umgang mit Tageslicht eindrucksvoll.« DBZ Heftpartner Caspar Schmitz-Morkramer, caspar., Köln

Projektdaten

Objekt: REWE Green Farming

Standort: Berliner Straße 275,

65205 Wiesbaden

Typologie: Handelsimmobilie / Retail

Bauherr/Bauherrin: REWE Markt GmbH, www.rewe.de

Nutzer/Nutzerin: REWE Markt GmbH

Architektur: ACME, London/GB, Berlin, www.acme.ac

Konzept/Vorplanung: Monica Capitanio, Alia Centofanti, Anna Czigler, Jon Iriondo Goena, Friedrich, Ludewig, Dirk Müller, Heidrun Schuhmann, Sheena Seeley, Jack Taylor

Entwurfsplanung/Genehmigung: Rangel Karaivanov, Tim Laubinger, Friedrich Ludewig, Dirk Müller, Pia Schreckenbach, Sheena Seeley, Jack Taylor

Ausführungsplanung: Claudia Faust, Tim Laubinger, Friedrich Ludewig, Dirk Müller, Sheena Seeley, Matei Vlăsceanu

Künstlerische Oberleitung: Friedrich Ludewig, Dirk Müller, Sheena Seeley

Ausschreibung/Vergabe/Bauleitung: BGF+ Architekten, Wiesbaden, www.bgf-plus.de

Bauzeit: 01.2020 – 05.2021

Grundstücksgröße: 13 200 m²

Nutzfläche: 4075 m²

Fachplanung

Tragwerksplanung: knippershelbig GmbH, Berlin,

www.knippershelbig.com

TGA-Planung:

LP 1-7: ZWP Ingenieur AG, Wiesbaden, www.zwp.de

LP 5-9: House of Engineers, Mainz, www.hoe-ing.de

Fassadentechnik: Huhle Stahl- und Metallbau GmbH, Wiesbaden,

www.huhle-stahlbau.de

Lichtplanung: Oktalite Lichttechnik GmbH, Köln, www.oktalite.com

Landschaftsarchitektur: GLT I Michael Triebswetter Landschafts-architekt, Kassel,

www.gtl-landschaftsarchitektur.de

Energieberatung: e²energieberatung GmbH, Düsseldorf,

www.equadrat.de

Brandschutz: Krebs Kiefer Service GmbH, Darmstadt, www.kuk.de

Aquaponisches Farmsystem:

ECF Farmsystems GmbH, Berlin,

www.ecf-farmsystems.com

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