Von DesignBuild zum Reallabor Bauwende –Entwurf und Forschung als Prozess
Die gegenwärtigen Herausforderungen im Bausektor zeigen, wie stark technische, politische und soziale Faktoren ineinandergreifen. Die Entnahme von Ressourcen und die CO2-Emissionen müssen drastisch verringert werden, um unsere Klimaziele zu erreichen. Die Baupraxis steht somit vor gewaltigen Transformationsprozessen. Diese „Bauwende“ ist an den Universitäten und Hochschulen zunehmend Thema in Lehre und Forschung.
Mit dem 2024 auf Initiative von Architects 4 Future gegründeten Hochschulnetzwerk „Gemeinsam für die Bauwende“ signalisieren Hochschulen in Deutschland ausdrücklich, dass nachhaltiges, sozial und ökologisch verantwortliches Planen und Bauen zum festen Bestandteil der Ausbildung/Lehrpläne werden soll. Die Frage stellt sich jedoch, wie das erarbeitete Wissen in praktische Kontexte übersetzt werden kann. Wie gelingt der Schritt von der Wissensproduktion zur Anwendung?
Reallabore bieten hierfür einen zunehmend etablierten Ansatz: Sie verbinden Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft, indem sie Akteur*innen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenbringen, um Lösungen unter realen Bedingungen zu entwickeln, zu testen und weiterzuentwickeln. Durch diese Struktur schließen sie die Lücke zwischen theoretischer Erkenntnis und praktischer Umsetzung. Der Bedarf an Lehrformaten wächst, die interdisziplinäres und gesellschaftlich eingebettetes Arbeiten ermöglichen. Reallabore erfüllen genau diese Funktion – und gewinnen nicht zuletzt deshalb in Förderprogrammen, bei der Industrie und in der Baupraxis kontinuierlich an Bedeutung; weil sie Forschungsergebnisse nicht nur sichtbar machen, sondern unmittelbar in Transformationsprozesse einfließen lassen.
DesignBuild als Lehrmethode
Die Einbettung von praxisnahen Formaten, die die Relevanz von Architekturausbildung für die praktische Tätigkeit als Architekt*in stärker in den Vordergrund rücken und dabei auch den Anspruch formulieren, praxistrans-formierend zu wirken, ist nicht neu und wurde bislang in der Architekturausbildung stark mit der DesignBuild-Methode assoziiert: DesignBuild-Studios realisieren Bauprojekte mit Studierenden im Rahmen ihrer Ausbildung und bewegen sich mit ihrem Ansatz an der Schnittstelle zwischen akademischem und nichtakademischem Umfeld. Viel mehr als praxisnah beabsichtigen viele DesignBuild-Studios, durch ihre thematische Themensetzung, praxistransformierend zu wirken. Dies wird insbesondere bei der geschichtlichen Betrachtung von DesignBuild als Lehrmethode deutlich. Häufig wird das Bauhaus in Weimar als erste Institution genannt, die, einem der Kerngedanken des DesignBuilds entsprechend, Handwerk als pädagogische Methode einsetzte. Eine breitere Sichtbarkeit gewann DesignBuild im Zuge der Protest- und Reformbewegungen der 1960er-Jahre. In den USA entwickelten sich erste explizite Programme an Hochschulen wie der Yale School of Architecture; 1993 folgte mit dem Rural Studio der Auburn University ein bis heute prägendes Modell, das sich gezielt für benachteiligte Gemeinschaften in sozial herausfordernden Regionen einsetzt und dabei kontinuierliche, lokale Präsenz zeigt.
In Europa hat sich DesignBuild in den vergangenen zwei Jahrzehnten als eigenständige Lernmethode etabliert – mit realisierten Bauprojekten, kooperativen Prozessen und interdisziplinären Arbeitsformen. Zugleich erweiterten sich die Formate: Ressourcenknappheit, Klimaschutzziele, gesellschaftlicher Wandel, partizipative Verfahren, Materialexperimente und internationale Kooperationen haben DesignBuild als pädagogische Strategie erneut geschärft. Sie fordern Studierende heute mehr denn je dazu heraus, neue Wege zu gehen und aktiv zu erproben, wie Architektur einen Beitrag zu gesellschaftlicher Transformation leisten kann.
Zusammen mit der Forderung nach einer Architekturausbildung, die sich stärker an den Bedarfen des nichtakademischen Umfelds orientiert, gewinnt das Format des Reallabors nun zunehmend an Bedeutung. Vormals fand das Reallabor insbesondere Anwendung im Bereich der urbanen Transformation, z. B. in den Bereichen Mobilität oder Energieversorgung. Aktuell betten immer mehr Akteur*innen der Bauwende Reallaborformate in ihre Arbeit ein.
Eine Definition des Begriffs Reallabors gibt es nicht. Übergreifend lässt sich jedoch feststellen, dass laut der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags mit dem Begriff eine Kooperation zwischen Wissenschaft und
Zivilgesellschaft bezeichnet wird, die das gegenseitige Lernen in einem experimentellen Umfeld ermöglicht. Es handelt sich somit um ein Testfeld außerhalb des geschützten akademischen Umfelds, auf dem bestehende Rechts- oder Regulierungsrahmen teilweise ausgesetzt werden können und auf dem Theorie, Lehre und Praxis nicht mehr getrennt sind, sondern gemeinsam wirken. Reallabor und DesignBuild verstehen sich demnach als sozial-räumliche, kulturelle und ökologische Verhandlungsräume, jedoch mit anderem Fokus. DesignBuild baut, um zu lernen. Reallabor lernt, um zu erproben.
Reallabore bringen Praxisnähe und Bauwende
Während DesignBuild-Projekte ihre Themensetzung meist aus dem direkten Projektkontext generieren, entwickeln Reallabore diese aus einer übergeordneten Forschungsfrage. Lehrgebiete und auch einzelne Studierende arbeiten nicht an einem Entwurf und dessen Realisierung, sondern an einer Fragestellung, deren gesellschaftliche Relevanz sie aktiv mitgestalten. Dadurch verschiebt sich die Gewichtung von der handwerklich-praktischen Umsetzung hin zur forschenden und prototypisch erprobenden Auseinandersetzung mit Prozessen, Akteursstrukturen und Wirkungen. Planung in der Lehre wird zum Teil eines größeren Erkenntnisprozesses: eine Praxis des Teilens, Reparierens und Transformierens führt zu reflektiertem Denken und verantwortungsvollem Handeln. In der Architektur entsteht so eine neue Form des Forschens und Lernens, in der sich Entwurf und Forschung produktiv überlagern, um der Komplexität der Herausforderungen der Bauwende Rechnung zu tragen.
Im Reallabor spielt die Netzwerkbildung und die Weitergabe von Wissen eine zentrale Rolle: Praxisnahes Erproben wird mit wissenschaftlicher Datenerhebung verbunden, um Kennzahlen und Parameter für die Transformation des Bausektors zu generieren. Diese inter- und auch transdisziplinären Erkenntnisse unterstützen die öffentliche Hand, Planungsbüros, Bauwirtschaft und Bildungsinstitutionen bei der Umsetzung nachhaltiger Strategien auf dem Weg zu einer Kreislaufwirtschaft.
Die Komplexität in den Bauaufgaben wächst – und mit ihnen die Verantwortung. Architektur und Bauingenieurwesen müssen heute nicht nur ästhetisch oder funktional denken, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
Reallabore können dabei als Schlüsselinstrument der Bauwende wirken. Doch was macht sie aus? Entscheidend ist die Trans- und Interdisziplinarität: Architektur, Ingenieurwesen, Umwelt- und Sozialwissenschaften arbeiten gemeinsam im Dialog mit der Gesellschaft an Lösungen. Zentral bleibt der reale Kontext – kein Experiment unter Laborbedingungen, sondern Forschung im Stadtraum, mit echten Nutzer*innen und Akteur*innen. Hier werden Entwurf, Baupraxis und Alltagswissen produktiv miteinander verknüpft. Ein gutes Reallabor ist Lern- und Forschungsraum zugleich. Studierende, Forschende und Praktiker:innen erproben neue Wege, reflektieren Prozesse und bewerten Wirkungen. Der Erkenntnisgewinn liegt weniger im fertigen Objekt als im gemeinsamen Handeln. Wesentlich ist die Übertragbarkeit: Reallabore geben Impulse für neue Verfahren, Normen und Wertschöpfungsketten – etwa im Projekt „Reallabor B(e) Ware“, das die Wiederverwendung von Sekundärmaterialien systemisch erforscht.
Die Chancen liegen auf der Hand: Reallabore ermöglichen nicht nur Bildung und Forschung, sondern bringen Innovation direkt in die Baupraxis – prototypisch, sichtbar, erlebbar. Nur so kann die Bauwende gelingen.
Reallabor B(e) Ware
In dem durch die Berliner Senatsverwaltung für Energie, Wirtschaft und Betriebe geförderten Reallabor B(e) Ware wird die langjährige Forschung des Natural Building Lab, TU Berlin, zur Rückführung von lokalen Sekundärmaterialien in den Bausektor weitergeführt, umgesetzt und skaliert. In enger Zusammenarbeit mit ZRS Architekten Ingenieure werden Planungs- und Bauprozesse entwickelt und erprobt, die es ermöglichen, Baustoffe aus Sanierungs- und Rückbauvorhaben nicht als „Abfall“ zu behandeln, sondern sie möglichst in gleicher Funktion wiederzuverwenden – noch bevor Recycling überhaupt in Betracht gezogen wird. In der Praxis ist dies bislang kaum umgesetzt. Eine qualitativ gleichwertige Wiederverwendung beschränkt sich derzeit überwiegend auf Innenausbau und Ausstattung, während der Großteil der verbauten Ressourcen, etwa in Konstruktionen und Tragwerken, unberücksichtigt bleibt. Ursachen hierfür liegen u. a. im bestehenden Rechtsrahmen, in etablierten Planungs- und Bauprozessen sowie im Fehlen geeigneter Wertschöpfungsketten, die eine systematische Wiederverwendung bislang erschweren.
Hier setzt das Reallabor B(e) Ware an und erprobt Lösungsansätze. In Anbetracht der Komplexität von kreislaufgerechten Bau- und Planungsprozessen und damit verbundenen technischen, logistischen und baurechtlichen Fragestellungen formuliert das Reallabor B(e) Ware einen ganzheitlichen Ansatz. Es deckt die gesamte Wertschöpfungskette ab, von der Rück-gewinnung und Aufbereitung von Baumaterialien bis hin zur Schaffung der regulatorischen Rahmenbedingungen für ihre Wiederverwendung. Konkret werden im Rahmen des Reallabors B(e) Ware aktuell in drei assoziierten Bauvorhaben tragende Bauteile aus Sekundärrohstoffen entwickelt, mit Industriepartnern hergestellt und eingesetzt. Darüber hinaus sollen Erkenntnisse in Aus- und Fortbildungsformate weitergegeben werden. Die assoziierten Bauvorhaben TU Museum Tulium der TU Berlin sowie die Wasserrettungsstation Friedrichshagen im Auftrag der BIM wurden dabei in Lehrformaten entwickelt und begleitet. In einer iterativen Arbeitsweise wurden somit Erkenntnisse aus der Forschung in der Lehre erprobt und Ansätze aus der Lehre in der Forschung vertiefend bearbeitet.
Mehr Informationen: www.beware.berlin
Reallabor Makassar Bong's Place / Honswerk-Pavillon
Das Projekt Bong’s Place entstand als Kollaboration der University of Cape Town, der Social Impact Studios/ HSD und der RWTH Aachen. In einem Reallabor wurden das Potenzial der Straßenräume analysiert und Strategien entwickelt, wie Bereiche zwischen Straßenrand und Grundstücksgrenze als gemeinschaftlich nutzbarer Stadtraum aktiviert werden können. Gespräche und Zeichnungen machten Routinen, Bedürfnisse und räumliche Qualitäten sichtbar und eröffneten neue Perspektiven auf die gemeinsame Nutzung privater Bereiche. Konkrete Vertiefung fand dies in Bong‘s Place im Rückbau eines undichten Bestandsdach. Das Gebäude blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: vom Kinderspielraum über einen Gemüseladen und ein Taxiunternehmen bis hin zur Bar, jede Umnutzung spiegelte gesellschaftliche Bedingungen vor Ort. Nach der Transformation mit rückgebauten und rezyklierten Materialien ist der Ort ein multifunktionaler Treffpunkt – für informelle Versammlungen, Feiern oder Ausstellungen.
Ganz anders im Maßstab, aber ähnlich im Denken, entstand der Honswerk-Pavillon. Studierende des Social Impact Studio/ HSD und TH Köln/ Lehrgebiet Tragwerksplanung haben in Kooperation mit der Urbanen Nachbarschaft Honsberg einen Nachbarschaftspavillon auf der Allmendewiese des Projekts Honswerk in Remscheid entworfen, konstruiert und gebaut. Auch die Nachbarschaft konnte die Entwicklung der Entwürfe mitsteuern. Das Gebäude ist großteils aus rezyklierten Materialien gebaut und rückbaubar.
Beide Projekte verbindet eine gemeinsame Haltung: Bauen als kollektiver Lernprozess. Entwurf, Bau und Aktivierung sind Teil eines fortlaufenden Forschungs- und Transformationsprozesses – zwischen Architektur, Handwerk und Gesellschaft.
Mehr Informationen: www.dbxchange.eu/project/bongs-place-macassars-storytelling-shack, www.honswerk.de/projekte
Reallabor KoHaB - Bauteillager für die Bauwende
Mit dem KoHaB entsteht in Düsseldorf ein zukunftsweisendes Reallabor für zirkuläres Bauen. Ziel des Projekts ist es, Materialkreisläufe in der Bauwirtschaft sichtbar, messbar und praktisch nutzbar zu machen – und damit einen entscheidenden Beitrag zur CO₂-Reduktion und Ressourcenschonung zu leisten. Im Zentrum steht die Rückgewinnung und Wiederverwendung von Baustoffen, Bauteilen und Materialien. KoHaB kombiniert digitale Innovation mit handwerklicher Praxis: Eine eigens entwickelte Plattform ermöglicht die Nachverfolgung von Materialflüssen und schafft Transparenz über Herkunft, Qualität und Verfügbarkeit von Bauteilen. Ergänzend wird ein physisches Bauteillager aufgebaut, das als logistischer Knotenpunkt und Lernort fungiert. Hier werden Prozesse des Urban Mining, der Sortierung und Wiederverwendung praktisch erprobt und weiterentwickelt.
Als Wissens- und Transferzentrum richtet sich KoHaB an Fachkräfte, Studierende, Auszubildende und die interessierte Öffentlichkeit. Durch Schulungen, Workshops, Ausstellungen und Pop-up-Formate in der Stadt werden Wissen und Bewusstsein für zirkuläres Bauen gestärkt. Temporäre Quartierbüros fungieren als Schnittstellen zwischen Forschung, Handwerk, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Langfristig soll das prototypische Bauteillager zu einer permanenten Instanz der Kreislaufwirtschaft in Düsseldorf werden – und als Modell für andere Städte dienen. KoHaB verknüpft ökologische Nachhaltigkeit, wirtschaftliche Effizienz und gesellschaftliche Teilhabe zu einem integrativen Ansatz für die Bauwende.
Mehr Informationen: https://lust.hs-duesseldorf.de
