Ein Modell für die Bauwende

Die wenigsten Modelle, die sich in den Arbeitsräumen von Architekturfakultäten finden, sind realistische Darstellungen von Projekten. Mit Modelleisenbahnen haben sie wenig gemeinsam. Vielmehr dokumentieren sie Entwurfsprozesse, vermitteln Volumen und Materialitäten oder treffen Aussagen über städtebauliche Zusammenhänge. Die Betrachterinnen füllen dann den Rest aus der Vogelperspektive mit etwas Fantasie aus. So zählen Architekturmodelle im Studium nicht nur zu den vielen Abgabeleistungen, sondern sind auch ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung von Planerinnen. Doch die Fertigkeiten, die zum Modellbau notwendig sind, werden im Studium meist nicht als eigenständige Kurseinheit angeboten. Da hilft mal wieder nur: selbst machen!

Im Rahmen der Projektwerkstatt „Modellbauwende“ hat sich im Sommersemester 2024 eine Gruppe von Studierenden des Instituts für Architektur (IfA) der TU Berlin zusammengetan, darun­ter Blanca Heinrich und Lucas Pichler. Seitdem bieten sie fakultät- und hochschulüber­greifend ein selbstorganisiertes Seminar rund um das Modellbauen an. Der Schwerpunkt liegt dabei jedoch nicht nur auf Techniken und Materialien: „Wir möchten Architektur als elitären Studiengang ein Stückchen bezahlbarer machen und gleichzeitig den Fußabdruck der Universität senken“, so Karl Batteux, einer der Beteiligten der Projektwerkstatt. Zum Sommersemester 2026 wurde die Förderung des Projekts für weitere vier Semester von der Kooperations- und Beratungsstelle für Umweltfragen (kubus) der TU Berlin gesichert.

„Das Projekt ‚Modellbauwende‘ ist aus der Überzeugung heraus entstanden, den Modellbau in der Lehre nachhaltiger und finanziell erschwinglicher zu machen. Aber auch vielfältiger: Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, mir die Finger mit Graupappe wundzuschneiden“, so Mitgründerin und baldige Absolventin Blanca Heinrich. Karl Batteux, gelernter Zimmerer und kürzlich ins Team gekommen, bringt es auf den Punkt: „Nachhaltigkeit in den Entwürfen wird zwar immer präsenter, doch werden diese noch zu oft durch umweltschädliche Materialien wie Styrodur oder Beton dargestellt. Das Know-how über den Umgang mit nachhaltigeren Materialien im Modellbau möchten wir niedrigschwellig vermitteln.“

Der Kurs wird von den Studierenden geleitet und die Semesterprojekte werden „aus der Gruppe heraus erarbeitet“, erklärt Blanca Heinrich. So wird jedes Semester ein neues übergeordnetes Thema gewählt und die Arbeit sowie die Abgabeleistungen werden eigenständig organisiert. In den vergangenen vier Semestern haben die Teil­nehmenden unter anderem ein Handbuch des nachhaltigen Modellbaus erstellt und wiederver­wendbare Modellbaukästen entwickelt. Im vergangenen Wintersemester widmete sich die Werkstatt den Kreisläufen innerhalb des Instituts und konzipierte Aufbewahrungs- und Organisationsmethoden für das Materialdepot des IfA.

Die Teilnehmerinnen des Kurses sind zur knappen Mehrheit Architekturstudierende, aber er ist inzwischen auch bei Landschaftsarchitektinnen beliebt. „Die Möglichkeit, etwas Praktisches zu machen, zieht auch Studierende anderer Disziplinen zu unserem Kurs. Von den 25 Teil­neh­mer*innen sind 70 Prozent Architekt*innen und 30 Prozent kommen aus anderen Studiengängen“, so Karl Batteux.

Ein aktuell drängendes Problem ist jedoch die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für den Kurs. Zwar ist das IfA-Gebäude noch zugänglich – anders als das Hauptgebäude der TU –, doch die verschärften Brandschutzauflagen machen es immer schwieriger, geeignete Räume zu finden. „Wir passen uns an und freuen uns trotzdem, dass der Kurs erstmal für die nächsten vier Semester stattfinden kann“, sagt Blanca Heinrich.

Im aktuellen Sommersemester widmet sich der Kurs der Kommunikation des Projekts nach außen, beispielsweise durch die Gestaltung einer Webseite, und zielt auch für kommende Semes­ter auf eine „campusinterne Wertschöpfung von Materialien“, so Batteux.

Das Projekt „Modellbauwende“ reiht sich zwar in die Modellbau-Initiativen anderer Hochschulen wie die „Materialbörse“ der Universität Kassel oder „Closing the Circle“ der TU München ein, doch bleibt diese Projektwerkstatt in der Art und Weise, wie Wissen und Techniken über die eigene Fakultät hinaus vermittelt werden, ein Unikum. Den Studierenden ist das Bedürfnis nach einer Lehre, die nicht nur das Endprodukt nachhaltig denkt, sondern auch den Prozess dorthin ökologisch und finanziell nachhaltig gestaltet, sehr wohl bekannt – sicher auch über Berlin, München oder Kassel hinaus.

Planerinnen haben ihren Materialverbrauch auf der Baustelle bereits in vielfacher Hinsicht überdacht, hinterfragt und teilweise angepasst. In der Ausbildung dieser Planerinnen muss ebenso darüber gesprochen und gehandelt werden, damit sich ein neues Selbstverständnis bilden kann, das weitergetragen wird. Diese Verantwortung darf nicht allein bei motivierten Studierenden liegen, sondern muss institutionell getragen werden. Dafür Räume und Mittel zur Verfügung zu stellen, ist nicht nur ein Zugeständnis, sondern struktureller Wandel. Gleichzeitig zeigen solche Initiativen, wo die so oft zitierte Bauwende stattfindet: im kleinen Maßstab. AGh

www.blogs.tu-berlin.de/architektur_modellbauwende
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