Ein Zeichen setzen

Quartierszentrum an der Paul-Gerhardt-Allee,
München

Eine Stadt fit für die nächsten Generationen machen heißt, sie weiterzuentwickeln. An den Stellen, wo es sinnvoll ist und mit den Flächen, die für größere Stadtentwicklungs­projekte zur Verfügung stehen. Wie die Konversionsflächen der Bahn, hier das letzte noch zu entwickelnde Gebiet innerhalb der „Zentralen Bahnflächen“ im Stadtteil ­Pasing/Obermenzing in München: in der Paul-Gerhardt-­Allee. ­Bauliches Signet dieser Entwicklung ist das neue Quartierszentrum von Allmann Sattler Wappner Architekten, das über eine simple wie zugleich prägnante Fassade verschiedene Nutzungen gekonnt miteinander vereint.

„Kompakt, grün, urban“ lautet die Leitlinie für die zentralen Bahnflächen aus dem Stadtentwicklungskonzept „Perspektive München“. Auch für die Paul-Gerhardt-Allee hat ein 2013 entschiedener städtebaulicher und landschaftsplanerischer Wettbewerb einen Mix aus lebendigen, eigenständigen und zeitgemäßen Quartieren ermöglicht, die sich gut in die Nach­barschaft einfügen und mit ihren Plätzen, Läden, Gastronomie und kulturellen Einrichtungen neue Angebote schaffen. Wo sich vorher ein hauptsächlich gewerblich und industriell genutztes Gebiet befand, folgt nun auf einen landschaftlich prägenden Saum zu den Bahnflächen eine Schicht aus großzügigen Stadtblöcken. 2 400 Wohnungen, Schulen, Sport- und Kindertageseinrichtungen sowie fast 10 ha öffentliche Grünflächen entstehen seit dem Wettbewerbsverfahren in verschiedenen Realisierungswettbewerben.

Dem Quartierszentrum als Wohn- und Geschäftsgebäude von Allmann Sattler Wappner an der Paul-Gerhardt-Allee kommt hier eine besondere Bedeutung zu: stadträumlich durch den aus der Grundstücksform entstehenden Quartiersplatz, aber auch strukturell durch seine Funktion als Versorgungszentrum. Keine einfache Aufgabe, die eigenwillig polygonale Form des Grundstücks mit Leben zu füllen. Aus der Not wurde eine Tugend. Die 160 Wohnungen verteilen sich auf drei Gebäude über einem gemeinsamen Sockel im Erdgeschoss, der das gesamte Baufeld ausfüllt. Der Clou ist der halböffentlich zugängliche Platz, das „Belvedere“ oder der Dachgarten, der ein paar Meter über Straßenniveau einen Aufenthaltsort generiert und Ausblick in die Umgebung ermöglicht. Die unterschiedlich hohen Gebäude reagieren durch ihre Kubatur und Setzung auf die räumlichen Parameter. Dadurch entsteht eine identitätsstiftende tektonische Verflechtung, die zwischen den bestehenden und den angrenzenden neuen Gebäuden vermittelt. Während sich auf dem Straßenniveau ein angenehm zurückhaltender Möglichkeitsraum öffnet, der den öffentlichen Raum bereichert, hat das Belvedere-Geschoss noch große Potenziale. Eine umlaufende Pergola bildet die räumliche Fassung des Aufenthaltsortes, dazu werden die aktuell noch neu gepflanzten Bäume, Hecken und Beete die Fläche in differenzierte Räume zonieren.

Um den offenen, durchlässigen Stadtbaustein mit seinen verschiedenen Nutzungen zusammenzubinden, Orientierung zu ermöglichen und zugleich ein Signet zu schaffen, wurde besonderer Wert auf die Fassade gelegt. Die heterogene Umgebung der anschließenden bestehenden Bebauung in allen Maßstäben und Nutzungen sowie die bereits neu gebauten Wohnblöcke des Entwicklungsgebiets geben keine Referenz hierfür ab. So ist es ein kluger Schachzug, anstatt einer massiven Optik, die vielleicht die notwendige Erdung des hybriden Bausteins am Auftakt des neuen Quartiers bedeutet hätte, für die aufgehende Wohnbebauung eine elegante Variante aus Metall zu wählen. Eine leichte, je nach Tageszeit schimmernde Gebäudehülle, die wandelbar ihr Gesicht zeigt und damit auf die teils stumpfen Bauten in der Umgebung reagiert.

Ein übergeordnetes und variables Fassadenraster erzeugt eine spannende Gesamtfiguration der unterschiedlichen Baukörper. Im Raster integriert sind Wandelemente aus gefaltetem Metall, die mal geschlossen, mal perforiert, mal fest und mal beweglich sind. Somit wirken die drei Hochbauten auf dem Sockelgeschoss aus jeder Blickrichtung unterschiedlich, der Eindruck wechselt von transparent zu massiv. So lassen sich über die beweglichen Fassadenelemente in den Wohnungen Ausblick und Einsicht individuell steuern, ohne das Haus zu verschließen, wie es Rollläden tun würden.

So simpel die Wirkung, so einfach ist die konstruktive Ausführung. Weiß lackierte Aluminiumblech-Paneele sind im stumpfen Winkel von 130 Grad zu Zackenprofilen gefaltet und vor das Raster aus Beton montiert. Diese werden durch Lisenen aus Aluminiumblech verkleidet, die sich lediglich in der Breite unterscheiden. Die vortretenden Deckenkanten sind umlaufend mit 2 mm starken, reinweiß beschichteten, glatten Aluminiumblechstreifen verkleidet, die von einer hinterlüfteten Aluminiumkonstruktion vor 160 mm Mineralwolle gehalten werden. Im Bereich der Öffnungen ergibt sich durch die schlanke Profilierung und die Positionierung der Paneele die Chance, in einer zweiten Ebene elektromotorisch verschiebbare Zackenprofil-Bleche zu verbergen. Diese sind beweglich, haben die gleichen Abmessungen wie die statischen Elemente und sind im Unterschied dazu in Bezug auf den Ausblick nach außen perforiert. Durch Öffnen und Schließen kann jeder Bewohner die Lichtstimmung in der Wohnung individuell bestimmen und schafft zugleich den Eindruck einer lebendigen Wohnanlage, die sich durch die verschiedenen Nutzungen stets verändert. Weiße Stabgeländer aus Flachstahl sind bündig mit der Wetterschutzschicht vor Fenster und Loggien montiert.

Die ruhige, sachliche Haltung der Fassade zeigt sich somit auch in der betont ruhig gehaltenen Erdgeschosszone, in der sich sogar die einschlägigen Logos der Einzelhändler dem Gesamtkonzept unterordnen. Innerhalb des Komplexes arbeiten die Architekten mit farbigen Flächen und Elementen. So ist der Aufgang auf die Belvedere-Ebene in ein unerwartet wohltuendes Lindgrün getaucht, das mit den Holzelementen der Türen korrespondiert. Der Farbreigen setzt sich in den nicht öffentlich zugänglichen Treppenhäusern mit wohlgesetzten Ausblicken fort. Die Qualität des Quartierszentrums wird stets aufs Neue sichtbar: für die Bewohner:innen der Wohnungen, die mit ihrer individuellen Entscheidung des Öffnens oder Schließens der Schiebeläden den Dialog mit der Umgebung aufnehmen, aber auch für die Anwohner:innen und Besucher:innen, für die das Gebäude aus allen Blickwinkeln ein Zeichen setzt. Eva Maria Herrmann

Die Fassade in ihrer Vielschichtigkeit spielt hier eine wesentliche Rolle: Das strukturierende, übergeordnete Raster schafft im Zusammenspiel mit der Plastizität, Transparenz und Variabilität der Ausfachungen ein polyvalentes Erscheinungsbild im Stadtraum.« DBZ Heftpartner:innen, allmannwappner, München 

Projektdaten

Objekt: Wohn und Geschäftshaus “Belvedere”

Standort: Paul-Gerhardt-Allee, München-Pasing

Typologie: Wohnbau, Hochhaus

Bauherrin: Münchenbau Bauträger GmbH, München

Architektur: allmannwappner (Allmann Sattler Wappner Architekten)

Team: Manfred Sauer (Teamleitung), Katrin Bell (PL), Ulrike Fuchs Lee (PL), Christopher Hazard (PL),
Torsten Salzmann (PL), Pavel Shcherbakov (PL), Philipp Vogeley (PL), Zajnab Ali, Sabrina Bergmann, Viktoria Blum, Markus Böhm, Flo Burkhard, Kevin Chen, Marcela Doležalová, Alexandra Swietlik, Alan Dzhibilov, Kristina Ehrminger, Marcel Fuckel, Jenny Fung, Diego Gnoato, Eugenia Gross, Nicole Hansmeier, Henrike Jahns, Nino Jakovljević, Katja Jantzen, Juliane Klein, Simon Kochhan, Simon Köppl, Maurizio Maggi, Claudia Mehlert, Gregory Nuñez Fructuoso, Philipp Pott, Rebecca Pröbster, Marta Prokop,
Manuel Riavez, Emanuel Schöbe, Pavel Shcherbakov, Kathleen
Streifeneder, Edita Strejčková ,Patrik Uchal, Elisabeth Willeitner, Michael Wondré, Rouven Würfel

Bauleitung: MasterPlan, München; Drees & Sommer Baumanagement, München

Bauzeit: 07.2016 – 08.2021

Grundflächenzahl: 0,81

Geschossflächenzahl: 2,39

Nutzfläche gesamt: 16 494 m²

Brutto-Grundfläche: 39 750 m²

Brutto-Rauminhalt: 143 900 m²

Fachplanung

Tragwerksplanung: Seidl + Partner Gesamtplanung, Regensburg,
www.seidl-partner.de

TGA-Planung: Seidl + Partner Gesamtplanung, Regensburg,
www.seidl-partner.de; IB Trieb, Mühldorf,

www.ibtrieb.de; Erhard Engineering & Consulting, Seefeld, www.ib-erhard.de

Fassadentechnik: R+R Fuchs, ­München,

www.r-r-fuchs.de

Schallschutz: Dipl.-Ing. Peter Mutard Ingenieurgesellschaft für Technische Akustik, Schall- und Wärmeschutz, Unterhaching, www.pmi-ing.de

Landschaftsarchitektur: realgrün Landschaftsarchitekten, München, www.realgruenlandschaftsarchitekten.de

Energieberatung: Dipl.-Ing. Peter Mutard Ingenieurgesellschaft für Technische Akustik, Schall- und Wärmeschutz, Unterhaching,
www.pmi-ing.de

Brandschutz: Ingenieur- und Sachverständigenbüro Dipl. Ing. (Univ), MEng. Sascha Kaefer, Grafing

Herstellerfirmen

Fassadenbaufirma: Feldhaus Fenster + Fassaden, www.feldhaus.de

Pfosten-Riegelfassade, Fassadentüren: Schüco, www.schueco.com

Fassade Balkonverglasung: Solarlux,

www.solarlux.com

Fenster: Gealan, www.gealan.de

Sonnenschutz: Warema,
www.warema.com

Türen/Tore: Jansen, www.jansen.com

Tore Anlieferung: Butzbach,
www.butzbach.com

Rauchschutzvorhänge, Kellertrennwände: Käuferle, www.kaeuferle.de

Wärmedämmung: Rockwool,

www.rockwool.com

Innenwände/Trockenbau: Knauf, www.knauf.de

Betonwerkstein: R. Bayer Gruppe,

www.betonwerkstein.de

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