Stein auf Stein

Casa Rossa, Chemnitz

Beim Erreichen der Klimaziele spielt die Ertüchtigung des Gebäudebestands eine zentrale Rolle. Dass hierbei moderne Energie- und Wohnbedürfnisse nicht nur durch exzessive Dämmung zu befriedigen sind, zeigen bodensteiner fest Architekten aus München. Ganz nach dem Motto: Einfaches Bauen ist auch im Bestand möglich.

Was braucht es wirklich, um modernen Wohnraum zu schaffen? Diese Frage stellten sich bodensteiner fest Architekten aus München. Eine Antwort darauf, so stellte sich heraus, kann lauten: Eine solide Substanz sowie das Vertrauen auf die Qualitäten des Bestands, der sich mit wenigen, gezielten Eingriffen für weitere Jahrzehnte ertüchtigen lässt. Mürbe Substanz, innenstadtnah – möglichst in einem Altbauviertel gelegen und günstig abzugeben.

Mit diesem Profil auf die Suche zu gehen, erfordert Mut. Und die Vorstellungskraft, aus einer Ruine neue Wohnträume entstehen zu lassen. Doch der Markt in der bayerischen Landeshauptstadt „war schon damals völlig aus den Fugen“, konstatiert Christian Bodensteiner. Kaum vorstellbar, dass er ge­meinsam mit seiner Partnerin Annette Fest und einem befreundeten Politologen vor der Haustür ein geeignetes – und bezahlbares – Objekt finden würde, bei dem sie einmal selbst als BauherrInnen eines Sanierungsprojekts auftreten konnten. Also ließen sie den Blick gen Osten schweifen, als sie sich 2016 auf die Suche begaben.

In Chemnitz wurden sie fündig: „Trotz des undichten Daches, den einsturzgefährdeten Decken und den wildwuchernden Farnen in den Zimmern sahen wir auch das Potenzial in der Gießerstraße 41“, erinnert sich Christian Bodensteiner an die erste Begehung. Gelegen im Sonnenberg-Viertel stimmte die Nähe zum Zentrum. Und auch die Nachbarschaft, die sich vorwiegend aus bereits herausgeputzten Gebäuden der Gründerzeit zusammensetzt, war so, wie es sich die Drei gewünscht hatten. Nur war der Kiez bei den Chemnitzern noch nicht sehr beliebt. Und die „Casa Rossa“, wie sie später heißen wird, noch ohne Namen.

Sanieren für Generationen

Das sollte sich ändern: „Wir wollten das Gebäude möglichst in seiner Gestalt und Dimension erhalten, da Objekte wie dieses den Stadtraum definieren, ihm eine Identität verleihen und von der Geschichte des Ortes erzählen“, sagt Christian Bodensteiner „Gleichzeitig wollten wir aber auch, dass neuer, moderner Wohnraum entsteht, der lange Bestand hat und neue Generationen von Bewohnern im Wohnviertel bindet.“

Bevor die eigentliche Sanierung beginnen konnte galt es, das einsturzgefährdete Gebäude zu sichern. Dabei kamen den ArchitektInnen zwei Umstände zu Gute: Zum einen trocknete die Zugluft den vom undichten Dach durchtropfenden Regen wenigstens oberflächlich schnell wieder ab, da einige Fenstergläser  die 30 Jahre Leerstand nicht überdauert hatten. Und das Mauerwerk präsentierte sich überraschend stabil. Sonst wäre die Rettungsaktion wirtschaftlich kaum noch umsetzbar gewesen. Und zum anderen gibt es in Chemnitz unter den Gebäuden der Epoche eine lokale Tradition des gemauerten Treppenhauses, das dem Gebäude zusätzlich Halt verlieh und zum Ankerpunkt während der Sanierung werden sollte.

„Um das Dach sicher über den ersten Winter zu bringen haben wir die Vorder- und Rückseite mit Zuggliedern verspannt“, beschreibt Christian Bodensteiner den Auftakt der Sicherungsmaßnahmen. Dann habe man das gesamte Gebäude vom Keller bis zum Dach abgestützt, um alle baufälligen und lockeren Bauteile entfernen zu können und damit die Sicherheit der Arbeiter beim Austausch der Decken zu gewährleisten. Deckendurchbrüche, zum Teil über mehrere Stockwerke und schwere Einbauteile wie Kachelöfen, welche die maroden Böden an die Grenze ihrer Tragfähigkeit belasteten, erforderten ein ebenso konzertiertes wie behutsames Vorgehen. „Schließlich haben wir die Holzbalkendecken von unten nach oben durch neue Ziegeleinhangdecken ausgetauscht. Nach Vorgabe des Tragwerkplaners musste der Deckenaustausch raumweise im Schachbrettmuster erfolgen um die Gebäudestatik in allen Bauzuständen zu gewährleisten.“

Bauen auf solidem Mauerwerk

Zu modernem Wohnraum gehören jedoch größere, zusammenhängende Flächen, als sie damals geplant wurden. Daher wurden die Ziegeleinhangdecken als Ersatz für die Holzbalkendecke so ausgebildet, dass sie die aussteifende Wirkung der Zwischenwände übernehmen konnten. Nicht nur die Kachelöfen mussten dafür raus, sondern alles, was die Statik belastete, ohne selbst zur Stabilität beizutragen. „Wir sprechen bei der Casa Rossa jedoch von einem massiven Mauerwerk, dass in den unteren Geschossen bis zu 65 cm stark ist und im obersten immer noch 40 cm“, erläutert Christian Bodensteiner. Dem könne man schon Einiges zumuten. Daher entwickelten bodensteiner fest auch schnell die Idee, das charakteristische Baumaterial nicht nur zu erhalten, sondern auch gestalterisch in Szene zu setzen.

„Wie die meisten Gründerzeitviertel ist auch der Sonnenberg innerhalb nur weniger Jahre entstanden. Daraus ergibt sich ein sehr homogenes Gesamtbild, das einen Akzent sehr gut verträgt.“ Eine blanke Fassade aus rohem, rotem Backstein (daher der Name „Casa Rossa“) stünde dem Viertel sicher gut zu Gesicht. Allerdings beschied der Bauphysiker den BauherrInnen zunächst, dass er eine solche Fassade „energetisch nicht gerechnet“ bekomme. Ein Rechenspiel begann, dessen Rahmen durch die energetischen Ansprüche der späteren Bewohner­Innen und den gesetzlichen Forderungen einerseits und den gestalterischen Ansprüchen der ArchitektInnen andererseits gesteckt war. „Uns war es wichtig, weitestgehend die vorhandene Substanz zu erhalten und für die Zukunft zu ertüchtigen“, sagt Christian Bodensteiner.

Wiederverwertung statt Ersatz

Die Ziegel im Brickloft im 3. OG, im Treppenhaus und an der Fassade wurden vom Putz befreit. Notwendige Ergänzungen im Mauerwerk wurden mit Recyclingziegeln aus einem Waschhaus im Hof realisiert, das abgerissen wurde. Mit diesen Steinen wurden die alten Türöffnungen zu den Podesttoiletten geschlossen und das Treppenhaus für das hofseitige Aufklappen der Fassade aufgemauert. „Das Verwenden der kleinteiligen Bestandsziegel scheint auf den ersten Blick ein erheblicher Aufwand zu sein. Wenn man allerdings die graue Energie und die Kosten betrachtet, die zur Entsorgung der alten und zur Herstellung und zum Transport der neuen Materialien anfallen, ist der Aufwand schon gar nicht mehr zu besonders groß.“ Zumal die Wiederverwertung einen weiteren Vorteil bietet: Der technisch einfache, sortenreine Baukörper bietet sich auch kommende Generatio­nen für einen einfachen Um- und Weiterbau an. „Die nachhaltigste Architektur, davon sind wir überzeugt, ist die, die lange genutzt weiterentwickelt werden kann. Dafür bringen die baulich einfachen Objekte aus der Gründerzeit viele Qualitäten mit.“

Interessanterweise kommen neue Ansätze des einfachen Bauens, wie die Forschungshäuser von Florian Nagler in Bad Aibling, auf diese zwischenzeitlich in Vergessenheit geratenen Prinzipien zurück: Die Aktivierung von Speichermasse etwa oder die für die Luftzirkulation günstigen hohen Raumhöhen von rund 3 m als wichtiger Teil des Gesamtkonzepts.

Homogenes Wohnklima

Kompromisse mussten die Architekt­Innen dennoch schließen: Um den anvisierten Energiestandard KfW 100 zu erreichen, erhielt die hofseitige Fassade eine mineralische Dämmung. Zur Straße hin blieb das Mauerwerk roh – die Dämmung verbirgt sich hier in den Zargen und Faschen der Fens­ter. Dieser Kniff reichte den ArchitektInnen letztlich aus, um das Okay des Bauphysikers zu erhalten. Probleme mit Schwitzwasser gebe es trotz der harten Übergänge zwischen Dämmung und ungedämmten Mauerwerk nicht – die soliden Ziegel von 1910 seien massiv genug, um die Heizwärme drinnen und den Winterfrost draußen zu halten. Zudem erzeuge die neue Flächenheizung ein homogenes Klima, dass für einen hohen Wohnkomfort sorge.

„Neu sind vor allem die Decken und der Dachaufbau, der in Holzbauweise entstand“, sagt Christian Bodensteiner. Das sei auch geschehen, um die Fundamente des Hauses zu entlasten, welche durch die höhere Deckenlast nicht mehr viel Spielraum geboten hätten. Der Holzaufbau bot den ArchitektInnen auch die Chance, die Dachfläche hofseitig aufzuklappen und so im 4. und 5. Obergeschoss eine Maisonette mit knapp 170 m2 Grundfläche samt Dachterrasse zu errichten. Dadurch wurde neuer Wohnraum geschaffen, der zur Wirtschaftlichkeit des Projekts beiträgt.

Die erste, zweite und dritte Etage sind heute mit je einer, etwas mehr als 100 m2 großen Familienwohnung belegt. Das EG teilen sich zwei 2-Zimmer-Wohnungen mit je rund 50 m2. „Das variable Platzangebot entspricht unserer Vorstellungen von einem gemischten Kiez, in dem verschiedene Generationen, Einkommensklassen und Familienkonstellationen ein Platz haben“, sagt Christian Bodensteiner. Vor der Umwandlung war die Casa Rossa schon mehr als 100 Jahre Teil des Stadtbilds. „„Wir begreifen die bestehende Bausubstanz weniger als Bürde, sondern vielmehr als eine Inspirationsquelle, als unsere Ressource für etwas Neues. Und mit der behutsamen Sanierung, die wir ihr haben zukommen lassen, sehe ich keinen Grund, warum sie es nicht weitere 100 Jahre sein kann.“ Verglichen damit halte sich der betriebene Aufwand in Grenzen – und sei nicht nur architektonisch, sondern auch gesellschaftlich und städtebaulich eine echte Alternative zu Neubauten, deren technische wie ökologische Haltbarkeit man heute noch gar nicht richtig einschätzen könne.  „Statt immer noch komplexere Haustechnik einzubauen, welche die NutzerInnen am Ende überfordert, verfolgen wir den Ansatz: Keep it simpel. Dafür eignen sich Altbauten ideal.“ ⇥JA

Der Mut, das marode Gebäude zu erhalten und der Respekt, der dem Bestand gezollt wird, stellt einen wichtigen Beitrag zum Thema Umbauwende dar. Nicht nur mit Blick auf die Einsparung grauer Energie, sondern auch in ästhetischer Hinsicht. Die atmosphärische Dichte, die durch das Freilegen der Materialien, das Belassen der Spuren

der Vergangenheit und den Verzicht auf technische Lösungen erzeugt wird, kann selten ein Neubau ­hervorbringen. Werte im Wandel.«  DBZ HeftpartnerInnen Damrau Kusserow Architekten, Köln

Baudaten

Objekt: Casa Rossa Chemnitz

Standort: Gießerstr. 41, 09130 Chemnitz

Typologie: geschlossene Bebauung

Bauherr: Bodensteiner Fest Stroux GbR

Nutzer: privat

Architekt: bodensteiner fest Architekten, München,

www.bodensteiner-fest.de

Mitarbeiter (Team): Nelly Prechtl, Lisa Strandl

Bauleitung: Matthias Taube

Bauzeit: 01.2018 – 01.2020

Fachplaner

Tragwerksplaner: IB Trautvetter, Burgstädt,

www.ingenieurbuero-trautvetter.de

Energieberater: IB Kundisch, VS-Schwnningen,  www.kundisch.de

Projektdaten

Grundstücksgröße: 290 m²

Grundflächenzahl: 0,52

Nutzfläche gesamt: 794 m²

Nutzfläche: 645 m² (578 m² Wohnfläche)

Technikfläche (Keller) 82 m² (19 m² Technik)

Verkehrsfläche (TRH, Erschl.) 67 m²

Brutto-Grundfläche: 1 028 m²

Brutto-Rauminhalt: 3 220 m³

Energiebedarf

Primärenergiebedarf: 62,8 kWh/m²a nach EnEV 2013

Endenergiebedarf: 34.305 kWh/a nach EnEV 2013

Jahresheizwärmebedarf: 55,3 kWh/m²a nach PHPP/EnEV 2013

Energiekonzept

Dach: zertifizierter Dachstuhl aus Nadelholz mit Zellulose-Einblasdämmung, d = 28 cm

Außenwand: hydrophobiertes Sichtmauerwerk,

d = 64/51/39 cm

Fenster:  Holzfenster, d = 92 mm

Boden: Ziegeleinhangdecken, d = 21 cm

Gebäudehülle 

U-Wert Außenwand = 0,51 W/(m²K)

U-Wert Bodenplatte =  0,31 W/(m²K)

U-Wert Dach = 0,12 W/(m²K)

Uw-Wert Fenster = 0,95 W/(m²K)

Haustechnik

Gas-Brennwertkessel unterstützt durch Solarthermie

Solarthermie Kollektorgröße: ca. 20 m²

Solarthermische Anlage zur Trinkwasseraufbereitung: 63 %

und zur Heizungsunterstützung: 28 %

Hersteller

Fenster: Drechsel Fensterbau GmbH, www.drechsel-fensterbau.de, 

Dachfenster: Velux, www.velux.de

Hydrophobierung Fassade: Remmers GmbH,

www.remmers.com

Wandfarben, Bestandsziegel: BEECKsche Farbwerke GmbH, www.beeck.com

Ziegeleinhangdecke: Ziegelwerk Freital Eder GmbH, www.ziegel-eder.de

Dämmung, WDVS mineralisch: Saint-Gobain Weber GmbH, www.de.weber

Türen/Tore: Hörmann KG, www.hoermann.de, Schörg­huber Spezialtüren KG, www.schoerghuber.de,

Türdrücker: FROST A/S, www.frost.dk

RWA-Anlage: Gretsch-Unitas GmbH, www.g-u.com

Rauchmelder: Hekatron, www.hekatron.de

Brennwertkessel und Solarkollektor: Bosch Thermotechnik GmbH,www.buderus.de

Lüfter: Helios, www.heliosventilatoren.de

Fliesen: Mosa, www.mosa.com

Parkett: Georg Gunreben Parkettfabrik, Sägewerk & Holzhandling GmbH & Co. KG, www.gunreben.de

Sanitär: Villeroy & Boch AG, www.villeroy-boch.de, Hansgrohe Deutschland Vertriebs GmbH, www.hansgrohe.de, Duravit Aktiengesellschaft, www.duravit.de, Geberit Vertriebs GmbH, www.geberit.de, Franz Kaldewei GmbH & Co. KG,www.kaldewei.de

Beleuchtung: Mawa, www.mawa-design.de,

LTS www.lts-light.com

Trockenbau: Knauf Gips KG, www.knauf.de

Außenbeleuchtung: Lutec, www.lutec.com,

SLV GmbH, www.slv.com

Terrassenplatten: HANS FUCHS Bauunternehmung Ellwangen GmbH & Co. KG, www.hans-fuchs.de

Software/ CAD/ BIM: Vectorworks

www.computerworks.de

x

Thematisch passende Artikel:

Finalisten beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur

„Die drei Finalisten adressieren auf gelungene Weise drei wesentliche Herausforderungen, denen sich die Architektur- und Baupraxis heute und in Zukunft stellen muss“, erklärt DGNB Präsident Prof....

mehr

Wofür stehen Sie, Herr Kollhoff?

Prof. Hans Kollhoff mit seinem STANDPUNKT zum Heftthema „Mauerwerk“ "Backstein – von je her faszinierend" Prof. Hans Kollhoff: "... denn das Mauerwerk gewinnt seine Faszination nicht zuletzt...

mehr

Geht nach Bad Aiblingen: Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur

Der Preis der DGNB und der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis geht an das Wohnforschungsprojekt "Einfach Bauen" von Florian Nagler und sein Team

„Die Baubranche muss sich in Richtung Nachhaltigkeit wandeln. Das Projekt ‚Einfach Bauen‘ gibt hier im Sinne der Suffizienz einen wertvollen Impuls und zeigt auf vorbildliche Weise, wie wir in...

mehr
Ausgabe 2017-04

Heftpate Uwe Schröder, Bonn: „Mauerwerk ist Handwerk“

Wenn wir das Wort „Mauer“ sagen, so ist vom „Steinbau“ die Rede, „von der steinernen Wand eines Hauses“ oder von der, einer „Stadt“, jedenfalls eines „Ortes“; wenn wir das Wort „Werk“...

mehr
Ausgabe 2018-7/8

Hochwärmedämmendes Mauerwerk für Mehrgeschosser

Mit dem Amboss-Stein hat JASTO einen hoch wärmedämmenden Stein auf Basis von Naturbims im Verfahren der bauaufsichtlichen Zulassung, der auch die Festigkeitsklasse 6 einschließt. Damit eignet sich...

mehr