Wir möchten uns zügig überflüssig machen!

Architects for Future (A4F) ist ein gemeinnütziger Verein, der allen in der Baubranche ein Begriff ist. Doch woran ­arbeiten die engagierten PlanerInnen hinter dem großen Namen? Einige Mitglieder nahmen sich die Zeit für die Beantwortung unserer Fragen.

Was passiert aktuell mit der (Um-)Bauordnung?

A4F: Wir haben uns seit dem Versand des Offenen Briefs an die Bauministerkonferenz Anfang Juli 2021 auf zwei Themen fokussiert: Lobbyarbeit und Öffentlichkeitsarbeit. So können wir mit Stolz sagen, dass die Zahl der UnterstützerInnen für eine MusterUMbauordnung mit unseren ­Änderungsvorschlägen stetig wächst und mittlerweile fast 40 Verbände/Institutionen, 20 ProfessorInnen und auch schon fast so viele Unternehmen unseren Offenen Brief mitgezeichnet haben. Bis zur Bauministerkonferenz im November war eine Gruppe von A4F sehr aktiv und hat eine Vielzahl baupolitischer SprecherInnen der Länder über unseren Brief und unsere Forderungen an die BauministerInnen informiert.

Ob bei der Bauministerkonferenz die Inhalte unserer Änderungsvorschläge im Detail diskutiert wurden, darüber haben wir leider keine Kenntnis. Wir haben jedoch einige Signale erhalten, dass es auch innerhalb der Gruppe der BauministerInnen einige Personen gibt, die das Vorhaben unterstützen.

Welche Ziele setzt sich A4F für die Zukunft?

A4F: Wir denken, unsere Botschaft, dass die Bauwende JETZT in die Wege geleitet werden muss, ist schon an vielen Stellen angekommen, die Dringlichkeit jedoch nicht. Was jetzt in Politik, Planung, Produktion und Bau ansteht, ist vom Reden ins Handeln zu kommen und der Klimakrise aktiv und angemessen zu begegnen. Nachhaltigkeit muss vom Nice-to-Have zum Grundgedanken und zur Basisausstattung und somit zum neuen Normal werden. Das bedeutet Veränderungen in der Planung, der Projektabwicklung und auch bei den rechtlichen Rahmenbedingungen. Die große strukturelle Trägheit bei Veränderungen  im Bausektor können wir uns angesichts der Klimakrise und Ressourcenknappheit nicht mehr leisten, ohne die kommenden Generationen übermäßig zu belasten. Das Trägheitsmoment überwinden, bedeutet jetzt viele mühsame Fragen zu stellen und konkrete, schnelle Antworten (im Krisenmodus!) darauf zu finden. Wer übernimmt die Verantwortung für die Ausführung von innovativen Ansätzen? Welche Versicherung deckt nicht nur ab, was bereits länger bewährt ist? Wie lösen wir den Sanierungsstau auf, ohne kopflos zukünftige Sanierungsfälle zu schaffen, weil unsere Energieeffizienzstandards in Bezug auf klimagerechtes Bauen jetzt schon veraltet sind?

Wir als A4F werden konkreter in unseren Forderungen und versuchen, auch konkrete Anregungen zu geben: Beispielsweise stellen wir in unseren Web-Seminaren gelungene Ansätze, Experimente und Projekte vor. Wir wollen Lust auf Veränderung machen, sie aber auch konsequent einfordern. Zum Beispiel haben wir in unserem 100-Tage-10-Punkte-Plan für die neue Regierung im November 2021 ein Bauministerium vorgeschlagen und das GEG zu einem Gebäude-Klimaneutralitätsgesetz auszuweiten. Daher hat uns die Entscheidung der neuen Koalition für ein Bauministerium gefreut: Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Wir merken, dass wir da einen Nerv in der Baubranche und auch in der Gesellschaft allgemein treffen. Spätestens seit der Petition BauwendeJETZT! und den Vorschlägen für eine MusterUMbauordnung häufen sich die Anfragen, denen wir im Ehrenamt kaum mehr hinterherkommen. Mit dem Bekanntheitsgrad steigt auch die Erwartungshaltung an uns. Der möchten wir gerecht werden, uns aber gleichzeitig am besten zügig überflüssig machen.

Wo liegen die Risiken generell und für euch?

A4F: Die Klimakrise ist eine riesige Herausforderung. Was wir gerade oft beobachten: Als Antwort auf die drängende Krise werden nur Ziele formuliert, ohne direkt konkrete, überprüfbar wirksame Maßnahmen zu ergreifen – ein Ausweichmanöver. Psychologisch machen Ziele aus einem Gegenwartsproblem ein Zukunftsproblem. Manchmal wirkt es fast wie die Abwehrreaktion eines Süchtigen: „Im neuen Jahr höre ich mit dem Rauchen auf … Wie, kann ich mir dann überlegen.”, „Bis 2045 wird der Gebäudebestand klimaneutral, auch ohne einschneidende Eingriffe im Hier und Jetzt ...”. So kann Nachhaltigkeit aktuell Marketingthema Nr. 1 sein, ohne ein wirkliches Richtungsthema zu werden.

Natürlich droht Überforderung, weil angemessene Reaktionen auf den Klimanotstand unsere Lebensweise und unser Wirtschaften im Kern in Frage stellen – und damit ein Stück unserer Identität. Ganz grundsätzlich ist die aktuell übliche Planungs- und Baupraxis nicht zukunftsfähig, weil sie die planetaren Grenzen sprengt. Aber unser Herz hängt an der üblichen Planungs- und Baupraxis und wir fürchten vielleicht, wenn wir uns abwenden und zugunsten von anderen Herangehensweisen an klimagerechtes Bauen und Entwerfen – von denen es schon zahlreiche Beispiele gibt – weiterentwickeln, dann bedeute das mangelnde Wertschätzung gegenüber dem Erreichten und Einschränkungen in den kreativen Möglichkeiten. Da sind jede Menge Stoppstellen in den Köpfen. Dabei hat sich einfach der Erkenntnisstand und die Dringlichkeit der Klimakrise weiterentwickelt, was nichts an geschaffenen, architektonischen Qualitäten ändert. Wir können unsere Kreativität darauf richten, qualitätvolle, resiliente Räume für eine symbiotische Lebensweise zu entwerfen. Das bietet spannende Herausforderungen, erfordert aber auch den Mut, Liebgewonnenes hinter sich zu lassen, Ungewohntes zu probieren und womöglich zu scheitern. Planungskultur muss darum zukünftig auch Fehlerkultur beinhalten, damit wir uns nicht nur trauen, Fehler zu machen, sondern auch davon zu berichten, damit wir schnell aus ihnen lernen. Davon sind wir im Moment noch weit entfernt.

Angesichts der Herausforderungen durch die Klimakrise sind Gewohnheit, Verzagtheit und Resignation unangebracht, aber allzu verständlich. Wenn wir weiter unzureichend handeln, verpassen wir unsere Chance die Krise selbst zu gestalten, sondern lassen uns von ihr überrennen.

Die Risiken für uns als A4F liegen zum einen darin, dass wir uns in Detail-Debatten aufreiben könnten, je konkreter wir in unseren Forderungen und Vorschlägen werden. Auch besteht die Gefahr, dass wir mit unseren öffentlichen Auftritten den Eindruck erwecken, wir hätten das Thema Klimagerechtigkeit im Bausektor jetzt besetzt, dann muss sich sonst niemand mehr kümmern – das wäre ein fatales Missverständnis. Wir wollen ja gerade dazu anregen, selbst aktiv zu werden, sich Verbündete zu suchen und sich gemeinsam für einen nachhaltigen Wandel in der Baubranche einzusetzen.

Wie alle Klimabewegungen riskieren wir inzwischen die Überlastung von Ehrenamtlichen. Da müssen wir aufpassen, mit unseren eigenen Ressourcen achtsam umgehen und neue Strukturen schaffen.

Wie wollt Ihr die gesetzten Ziele erreichen?

A4F: Derzeit priorisieren wir die Unterstützung des Ehrenamts durch Hauptamtliche als Teil von A4F. Dazu haben wir uns auf eine EU Förderung beworben und starten eine Crowdfunding Kampagne über den Jahreswechsel 2021/2022. Unser Ziel ist es, dadurch eine Geschäftsstelle und hauptamtliche Unterstützung für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung, in Bildungsprojekten und bei dem Aufbau einer Wissensdatenbank zu schaffen.

Selbstverständlich schauen wir genau hin, was die neue Regierung vorhat. Wie schon zur Mus-terbauordnung werden wir auch zu den aktuellen Themen Positionspapiere und Stellungnahmen verfassen. Ein Gesetz mit enormem Hebel, das 2023 novelliert werden soll und das wir gerade unter die Lupe nehmen, ist das Gebäudeenergiegesetz (GEG). Wir werden unsere Positionspapiere öffentlich vorstellen und an der Politik dran bleiben, damit auf Worte Taten folgen.

Neben den vielen lokalen Projekten, unseren regelmäßig stattfinden Web-Seminaren sowie einer Vielzahl von öffentlichen Auftritten in der Presse, bei Veranstaltungen und an Universitäten, planen wir derzeit ein A4F-Vernetzungstreffen im Frühjahr 2022. Die Aufklärung von Planenden, AuftraggeberInnen und PolitikerInnen über wissenschaftliche Erkenntnisse zu Klimaschutz im Bauwesen sehen wir als zentrale Aufgabe an. Im Rahmen einer mehrtägigen Veranstaltung wird es Workshops zur Weiterbildung, aber auch die Möglichkeit zur Vernetzung mit Kooperationspartnern, der Politik und der Öffentlichkeit geben.

Wie soll in Zukunft gebaut werden?

A4F: Deutschland ist gebaut! Der Neubau als Aufgabe muss in den Hintergrund rücken und der Sanierung Platz machen! In diesem Zuge muss jede Neubauaufgabe kritisch hinterfragt werden und der tatsächliche Bedarf überprüft werden. Aufbauend darauf muss die Energiewende beschleunigt werden und gerade der Gebäudebestand energetisch saniert werden, sodass die graue Energie auf ein Minimum reduziert wird, gleichzeitig aber auch die Nutzenergieverbräuche deutlich sinken.

Ob im Neubau oder im Bestand – die Konstruktionsweise und die Wahl der Materialien muss stärker in den Fokus genommen werden. Das Ziel ist es, geschlossene Materialkreisläufe zu etablieren, im gesamten klimapositiv zu bauen und gesunde Umgebungen zu schaffen.

Ob wir in der Planung, Entwicklung, oder Herstellung tätig sind, als HandwerkerInnen oder AuftraggeberInnen – wir alle müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen für das, was wir in die Welt setzen. Wir müssen uns wieder bewusst werden, welchen Einfluss wir haben, für wen wir bauen und wer auch in Zukunft davon profitieren soll. Unsere Gebäude müssen sich verändern, klimaresilient werden und die Biodiversität fördern. Das alles ist keine leichte Aufgabe und deshalb müssen wir zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen.

Was sind realistische Ziele, was sind Träume?

A4F: Ist 1,5 °C noch realistisch? Das wissen wir nicht. Es sieht nicht gut aus. Alles darüber ist aber ökologischer Notstand und über 2 °C eine Katastrophe. Traurigerweise müssen wir uns inzwischen darauf einstellen und gleichzeitig entschlossen alles dafür tun, dass es nicht so weit kommt. Wir können Siedlungsgebiete resilienter machen und z. B. zu Schwammstädten umbauen, wir können den Flächenverbrauch stoppen und klimaneutral sanieren, umbauen und aufstocken.

Ist Klimaneutralität in Deutschland 2045 ein realistisches Ziel? Wir finden es müßig, über Jahreszahlen zu streiten, während es doch eigentlich um die Gesamtmenge der Emissionen geht, die bis dahin noch in die Atmosphäre gelangt. Das Ziel ist hilfreich, um beispielsweise zu bewerten, dass zu 35 Prozent fossile Heizungen noch im Jahr 2025 und darüber ­hinaus einbauen zu lassen, keine gute Idee ist, wenngleich damit im Koalitionsvertrag eine Verbesserung zum Ist-Zustand beabsichtigt wird.

Was aus unserer Sicht realistisch ist: jetzt auch beim Thema Klima in den Krisenmodus zu wechseln! Wir würden die Frage daher gerne umdrehen: Was sind die notwendigen Etappenziele für eine Krisenstrategie, die unseren Planeten langfristig bewohnbar hält? Was sind zielführende Schritte und welche Träume helfen uns dabei, diese Schritte jetzt zu gehen? Denn die Zukunft müssen wir uns erst entwerfen, bevor wir uns auf sie zu bewegen wollen. Sonst laufen wir ohne Richtung einfach nur davon. Zwei Kolleginnen haben gerade eine kleine Utopie in einer Kolumne im Fachportal ‘Wohnungswirtschaft heute’ veröffentlicht. Da skizzieren sie ein lebenswertes, überraschend alltägliches Umfeld einer Enkelin, die staunend von den Umbrüchen im Leben ihrer Oma erzählt: Bauwende, Energiewende, Verkehrswende, Ressourcenwende, Sharing-Konzepte und Kreislaufwirtschaft… „So sehr man sich anfangs gegen einen Wandel gesträubt hat, umso schneller ging es dann zum Glück auch”, erzählt sie.

Was sagt Ihr zur neuen Regierung?

A4F: Die neue Regierung hat aufgrund des Mangels an bezahlbarem Wohnraum 400 000 neue Wohnungen pro Jahr versprochen. Wir fänden es besser, wenn diese Offensive keine für Neubau, sondern eine für Sanierungen und Umnutzungen sein könnte. Wenn man ähnlich viele Wohnungen im oder auf dem Bestand schafft, könnte man die bereits investierte Graue Energie aktivieren und weiterer Zersiedelung Einhalt gebieten. Allein in Hamburg gibt es das Potential für 100 000 zusätzliche Wohnungen nur durch Aufstockung von Mehrfamilienhäusern und Supermärkten. Falls sich das neu geschaffene Bauministerium darauf fokussiert, nur irgendwie möglichst viele Wohnungen zu schaffen, geht das an den aktuellen Erfordernissen vorbei. Wir erhoffen uns jedoch, dass Frau Geywitz – jetzt, da dieses wichtige Thema endlich in einem eigenen Ressort gebündelt wird – mit ihrem Ministerium die Bauwende einleitet.

www.architects4future.de
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