Leise Architektur in flacher Graslandschaft

Tipperne Bird Sanctuary, Tipperne/DK

Mit der Umsetzung verschiedener kleiner Projekte in einem der bekanntesten Vogelschutzgebiete Dänemarks sollte das Areal der breiten Öffentlichkeit leichter zugänglich gemacht werden. Eine der Kleinarchitekturen ist der Vogelbeobachtungsturm „Tower“.

Man muss kein/e OrnithologIn sein, um sich für die Besonderheit von Tipperne, einer Halbinsel im dänischen Ring­købing Fjord, zu begeistern – eine gewisse Vorliebe für skandinavische Landschaften, zuweilen raues Wetter und endlose Weite ist allerdings von Vorteil. Das Gebiet an der Westküste des dänischen Festlands entstand erst in den letzten 200 Jahren durch Sandablagerungen und dient jährlich Tausenden von Zug­vögeln als Rastplatz auf dem Weg in den Süden und zurück. Zudem bevorzugen Wasservögel die flache Graslandschaft mit ihren aufgestauten Gräben und Prielen, da sie hier ideale Brutbedingungen finden. Seit 1928 ist Tipperne Naturschutzgebiet und heute eines der bekanntesten des Landes. Allerdings war der Ort lange nur sehr eingeschränkt der Öffentlichkeit zugänglich. Erst seit der Fertigstellung des Projekts 2017 kann das Gebiet (entsprechend den jeweiligen Öffnungszeiten) von jedem besucht werden. Die dänische Organisation Realdania hatte eine Kampagne mit insgesamt zehn Projekten gestartet und Architekturbüros dazu eingeladen, besondere Orte in der dänischen Natur durch sanfte architektonische Maßnahmen dem Menschen näher zu bringen – Architektur als Schnittstelle zwischen Natur und Mensch.

„Birds Watchtower“

Drei solcher Schnittstellen entwarfen und realisierten die Architekten Johansen und Skovsted aus Kopenhagen, die über die oben genannte Kampagne die Einladung erhielten, an der Vogelbeobachtungsstation Tipperne verschiedene kleine Projekte zu realisieren. „Wir haben den ‚Birds Watchtower‘, das ‚Hide‘ und den ‚Workshop‘ gleichzeitig und als drei Teile desselben Projekts entworfen“, erzählt Søren Johansen, einer der beiden Partner des Büros. Eines dieser Objekte – oder Instrumente, wie die Architekten sie auch nennen – ist der „Tower“, ein filigran wirkender, stark aufgegliederter Turm, der lediglich auf der obersten Ebene durch geschlossene Flächen stärker in Erscheinung tritt. „Es war uns wichtig, dass die Objekte selbst nicht zu stark in Szene gesetzt werden. Die zurückhaltende Landschaft des Tipperne verträgt nur eine leise Architektur, die dennoch eine Brücke schlagen soll zwischen dem Ort und seinen Besuchern“, so Johansen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ergriff das Architektenteam in Bezug auf den Turm vor allen Dingen zwei Maßnahmen: Sie lösten in den unteren vier Ebenen die Seitenansichten des Turms in Säulen und Streben auf und ließen ihn sich außerdem nach unten verjüngen. So ist oben eine für das 2,30 m lange Teleskop notwendige Aufstellfläche gegeben und trotzdem der Fußabdruck des Turms am Boden so klein wie möglich.

Die Auflösung der seitlichen Begrenzungsflächen ist auch wegen der Windlasten günstig, da dem teilweise starken Wind so eine geringe Angriffsfläche geboten wird. Eine Vorgabe war nämlich, dass sich der Turm nicht bewegen darf. Für die Observation und Zählung der Vögel auf extrem weite Distanzen von bis zu 3,5 km mit entsprechend sensiblen Geräten waren hier keine Toleranzen erlaubt. Um diesen hohen Anforderungen an die Stabilität und Steifigkeit des Turms gerecht zu werden, sind alle Elemente wie Treppen, Balustraden oder Plattformen auch statisch wirksam. Zudem bilden die Grundform aus inneren und äußeren Dreiecken, die über die Treppen und andere Elemente miteinander verbunden sind, sowie sämtliche vertikale und diagonale Säulen, Streben und Stäbe aus verzinktem Stahl ein komplexes, gut ausgesteiftes Grundgerüst.

Statik und Konstruktion

Bei der Materialwahl hatten sich die Architekten durch die in der umgebenden Landschaft stehenden Strom- und Telekommunikationsmasten und in der Landwirtschaft verwendeten Stahlgatter anregen lassen. „Wir wollten unbedingt diese Stahlpylonen, um damit eine für die Gegend typische Struktur zu schaffen“, erläutert der Architekt. „Dass wir einen Hersteller direkt am Ringkøbing Fjord gefunden haben, war Zufall. Wir haben dann sehr viel Zeit investiert, um im Werk zu verstehen, wie die Firma arbeitet und was für Möglichkeiten dies für unser Projekt bietet.“ Die Carl C. A/S produzierte am Ende nicht nur die einzelnen Pylonen, sondern stellte gemeinsam mit verschiedenen Subunternehmen den gesamten Turm in fünf einzelnen Abschnitten her. Die dreieckigen, horizontalen Rahmen setzen sich dabei aus einzelnen Segmenten zusammen, die im Plasmaverfahren aus Schwarzstahlplatten geschnitten, galvanisiert und anschließend untereinander verschraubt und verschweißt wurden. Die Größen der Segmente mussten sich am Volumen des Galvanisierungsbeckens orientieren.

Alle Bauelemente wurden zum einen verzinkt, um die Wartung des Turms möglichst gering zu halten, zum anderen, weil das helle Grau der Oberfläche gegen den hier häufig weißgrauen Himmel dezent in den Hintergrund tritt.

Die unterste Ebene des Turms wurde auf dem kreisförmigen Plattenfundament verschraubt. Um die Ankerpunkte hier exakt am untersten Stahldreieck zu positionieren, war die Herstellerfirma mit einer Vorlage aus Stahl auf die Baustelle gefahren und hatte die Position der Anker zunächst auf die Vorlage und im Werk wiederum auf den Basisrahmen übertragen.

Der Turm wurde dann Etage für Etage gestapelt und verschraubt. Eine Besonderheit entstand hier dadurch, dass der Turm nach oben größer wird, die tragenden Pylonen also nicht übereinander stehen konnten. Daher wurden die von unten kommenden Streben von oben, die weiter nach oben führenden Streben von unten durch die Stahlrahmen mit Bolzen ­fixiert.

Die oberste Ebene, der eigentliche Beobachtungsposten, ist ebenfalls von verzinkten Schwarzstahl- und transluzenten Kunststoffstegplatten eingefasst und bildet einen geschlossenen Raum, dessen Wände dennoch durch Schiebeelemente geöffnet werden können, um den Blick auf die weite Landschaft freizugeben.

„Bird Sanctuary“

Der Titel des Projekts, „Tipperne Bird Sanctuary“, lässt in der deutschen Übersetzung schnell die an dieser Stelle übersteigerte Bedeutung „Heiligtum“ mitschwingen. Tatsächlich aber heißt Sanctuary auch Zuflucht, Zufluchtsort oder auch (Natur-)Schutzgebiet. Ein Bird Sanctuary ist also einfach ein Vogelschutzgebiet. Und doch wird vermutlich jedem Besucher an diesem Ort ganz besonders die Bedeutung unserer „heiligen“ Natur und die Wichtigkeit ihres Schutzes bewusst.

⇥Nina Greve, Lübeck

Der Aussichtsturm besticht dadurch, dass der Kontext auf subtile und gleichzeitig selbstverständliche Weise über das aus einer lokalen Mastenproduktion stammende Material eingeführt wird. Durch die Aufgliederung der Lasten kann das filigrane Tragwerk aus dem standardisierten Baumaterial das Raumvolumen der Aussichtsplattform scheinbar leichtfüßig tragen.«

⇥DBZ Heftpartner Jan Theissen und Björn Martenson, ⇥AMUNT

Baudaten

Objekt: Beobachtungsturm

Standort: Tipperne, Ringkøbing Fjord/DK

Bauherr: Dänische Naturschutzbehörde,

www.de.naturstyrelsen.dek

Architektur: Johansen Skovsted Arkitekter,

Kopenhagen/DK www.johansenskovsted.de

Standortanalyse und Programm: Christoffer Thorborg, Aarhus/DK, www.aarch.dk in Zusammenarbeit mit Bertelsen & Scheving Arkitekter, Kopenhagen/DK,

www.bsarkitekter.dk

Ingenieur: NordBase Engineering ApS, Skovlunde/DK, www.nordbase.com

Ausführung: Carl C A/S, Skjern/DK, www.carl-c.com

Bauzeit: 2017

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