Iterativ hybrid entwickelt

Open Innovation Center JKU Linz, Linz/AT

Dass zurzeit alles hybrid sein soll, könnte man als Trend erkennen und als Mode abtun. Betrachtet man aber hybride Bauformen, deren Angemessenheit sich in Stichworten wie rational, ökonomisch, effizient und entwicklungsfähig manifestiert, kann man von einem Vorankommen in den Bauprozessen sprechen. In Linz steht nun ein Gebäude, an dem einiges davon
deutlich ablesbar ist.

Campus-Universitäten sind eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Die womöglich erste Lehranstalt dieser Art ist die bis heute renommierteste, die Princeton University in New Jersey. Mit dieser gemein hat der Campus der JKU Johannes Kepler Universität im österreichischen Linz den See, in Linz ist dieser allerdings eher ein Teich. Für Campus Universitäten üblich ist die lockere Streuung der (Fakultäts-)Gebäude auf einem ansonsten möglichst grünen Landschafts-, auch Parkgelände. Hier soll Lehren und Lernen in einem (damals eher elitär verschlossenen) konzentrierten wie zugleich entspannenden Umfeld disziplinenübergreifend möglich werden.

Der Nachteil der Randlage – mangelnde Urbanität z. B. –, aber auch erste Sanierungsaufgaben an Gebäuden, die aus dem Hochschulgründungsjahr 1966 stammen, veranlasste die Hochschule 2016, einen Wettbewerb für Sanierung, Ergänzung und Neubauten auszuloben, den das Linzer Büro RIEPL RIEPL ARCHITEKTEN für sich entschied. Der Planungsumfang des Wettbewerbs, der, wie der Uni-Rektor kommentierte, eine „Attraktivierung“ des Campus erzeugen sollte, beinhaltete die Errichtung eines Eingangs- und Veranstaltungsgebäudes (Kepler Hall), die Umformung und Neugestaltung der Bibliothek (Aufstockung durch ein „Learning Center“) und die Sanierung plus Erhöhung des Turms der Technisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät (TNF-Turm) durch einen begehbaren und für Vieles nutzbaren Dachgarten, dem sogenannten „Somnium“.

Während der Bauarbeiten an den drei vorgenannten Projekten erhielt das Linzer Büro 2018 über einen Ergänzungsauftrag die Möglichkeit, dem Campus einen weiteren Baustein hinzuzufügen: das hier vorgestellte „Linz Institute of Technology LIT Open Innovation Center“.

Alles hybrid?!

Als die letzten der drei erstgenannten Projekte in die Abschluss-phase gingen, war das LIT open bereits eröffnet. Gerade einmal 14 Monate Arbeitens lagen da zwischen erstem Bleistiftstrich und Schlüsselübergabe, so erzählte, durchaus mit Stolz, Christof Pernkopf, Partner bei RIEPL RIEPL ARCHITEKTEN. Und nicht nur das Tragwerk sei ja hybrid, so der Architekt am Telefon weiter, der ganze Bau sei ein Hybrid: Forschung, Produktion, Start-up, Spin-off, Büroflächen für vielerart gemeinsamen Arbeitens, Lehre … Gemischt kombinierte Nutzungen verlangen zwar nicht nach ­hybridem Tragwerk, hier allerdings sei das ohne viel Fragen schnell entschieden gewesen. Zusammen mit den Kollegen von Bollinger+Grohmann, Wien – beim LIT unter der Leitung von Thomas Schaumberger –, wurde zwar nichts revolutionär Neues entwickelt, doch das Hybride der Nutzung erhielt ein hybrides Tragwerk, das eine ganze Menge zu bieten hat.

Auf dem Ortbetonsockel, der aus Gründen des ansteigenden Terrains nur unter etwa der Hälfte des langgestreckten Volumens liegt – die andere liegt auf Punktfundamenten – stehen in ­den darüber liegenden zwei Geschossen schlanke BS-Holzstützen (25 x 25 cm), auf die die Stahlverbundträger mit 5,6m Spannweite als Gerberträgersystem aufgelagert sind. Der Brandschutz der Stahlträger ist durch eine Brandbewehrung gewährleistet, die im Träger verlegt ist. Die Holzbetonverbunddecke (160 mm BSP plus 120 mm Ortbeton) erfüllt die Brandschutzanforderung R60. Da im Brandfall der Flansch des Stahlträgers versagen kann und damit auch das Auflager der Deckenelemente, wurden die Brettsperrholzplatten winklig zugeschnitten, damit sich diese im Brandfall verkeilen. In die Brettsperrholzplatten der Decken wurden vor Ort Holz-Beton-Schubverbinder mit Neigung eingeschraubt. Im Nahbereich zum Stahlverbundträger sind die Schubverbinder in beiden Richtungen schräg eingeschraubt, um auch eine ungewollte Einspannung am Auflager/Stahlverbundträger aufnehmen zu können. Die Bewehrung wurde durch die Stahlverbundträger durchgeführt, so werden die einzelnen ­Deckenfelder verbunden und die Scheibenwirkung sichergestellt. Unter der Bewehrung liegt das Klimasystem mit seinen Kühl- und Heizschläuchen auf der Holzdecke, das Ganze wurde mit Ortbeton vergossen. Nach dem Aufbringen einer Ausgleichsmasse wurde ein Teppichboden für das Finish verlegt.

Die übersichtlich einfache Konstruktion wird zudem von zwei Fluchttreppenhäusern aus Ortbeton ausgesteift. Über und neben dem als Betontreppe formuliertem Veranstaltungsraum (154 Sitzplätze) liegt ein geschossübergreifender, stützenfreier Luftraum, den Leimbinder mit der etwa doppelten Raster­weite überspannen. Auf den Bindern lagert das Sheddach derart selbstverständlich, dass die Holzelemente beinahe gar nicht als tragende Teile, sondern lediglich als Abschluss der Dachschrägen mit den großen Glasflächen erscheinen.

In der Rückschau formuliert Thomas Schaumberger das Werden des Projekts als einen iterativen Prozess, der sich im Zusammenspiel von ArchitektInnen und IngenieurInnen, von gestalterischen Anforderungen und konstruktiven Lösungsansätzen entwickelte. Die ArchitektInnen wollten eine Lösung im Holzbau (Holzuntersicht), die allerdings nicht in einer zimmermanns­ähnlichen Weise über Stützen und Balken gelöst werden sollte. Denn natürlich wollten die LinzerInnen eine unterzugsfreie, möglichst schlanke Decke, die den bauphysikalischen und auch haustechnischen Anforderungen genügen sollte. Ökonomisch gesehen wurde die Decke auch deshalb schlank, weil man mit dem Verzicht auf den konventionellen Aufbau mit Trittschalldämmung und Heiz-/Kühlestrich Material und Arbeitszeit einsparen konnte.

Fazit

Christof Pernkopf spielt den Aspekt des hybriden Bauens zwar nicht herunter – im Gegenteil sieht er hier nur Vorteile. Allerdings sieht er das LIT vor allem als einen weiteren Punkt in der Entwicklung gemischter, hybrider Bauweisen, die RIEPL RIEPL seit den 1990er-Jahren verfolgen und eben weiterentwickeln. Tatsächlich passe diese Bauweise auch nicht zu jeder Bauaufgabe, der Mehraufwand in der Planung und Ausführung, den es durchaus gebe, rechtfertige nicht immer und ausschließlich die hybride Konstruktion, die zudem auch spannweitenabhängig betrachtet werden müsse. Beim LIT allerdings war die Entscheidung, auf ein hybrides Tragwerk zu gehen, schnell gefallen. Das offen konzipierte Volumen, ein „Möglichkeitsraum“ (Pernkopf), der vor allem durch die Möblierung gestaltete werde, ließ die Holz-/Betonkonstruktion als die optimale erscheinen: kürzere Bauzeiten, Materialeffizienz und der Einsatz nachwachsenden Baumaterials haben den Ausschlag gegeben. Holz biete zudem eine bessere Schwingungs- und Schalldämpfung und die angenehmere Haptik.

Dass mit dem Neubau und seinem reichen Funktionsangebot – so gibt es neben den Büroflächen, den Laboren und der Produk­tion von Prototypen einen Lebensmittelladen – die vom Campus-Rektor Meinhard Lukas angesprochene „Attraktivierung“ des Campus gelungen ist, erscheint offensichtlich: „Mit den umfangreichen Erweiterungsmaßnahmen wollen wir noch stärker als Lebensraum wahrgenommen werden.“ Was mit dem LIT und seinen Nachbarneubauten erst einmal gelungen ist. Be. K.

Baudaten

Objekt: JKU Campus – LIT Open Innovation Center

Standort: Altenberger Straße 69, 4040 Linz/AT

Typologie: Hybridgebäude Büro, Reinraum und Werkhallen für angewandte Forschung, Einzelhandel

Bauherr: OIC Open Innovation Center GmbH, Trabrennstraße 2c, 1020 Wien/AT

Nutzer: JKU, Linz/AT

Architektur: RIEPL RIEPL ARCHITEKTEN ZT GMBH, Linz/AT, www.rieplriepl.com

Mitarbeiter (Team): DI Nadin Augustiniok, DI Debby Haepers, DI Alexander Jaklitsch, Marcus Kettl, DI Vanessa Konec, DI Cristina Lorente Cabello,
Mag. DI Hanna Moosbauer, DI Berenice Vallade

Bauleitung: L-Bau-Engineering-GmbH, Linz/AT, www.lbauengineering.at

Generalplanung: RIEPL RIEPL ARCHITEKTEN ZT GMBH, Linz/AT

Bauzeit: 04.2018 – 06.2019

Fachplaner

Tragwerksplaner: Bollinger+ Grohmann,
Wien/AT, www.bollinger-grohmann.com

TGA-Planer: E-LITE GmbH, Linz/AT,
www.elite-zettl.at

Akustik-/Energieplaner: IBTS Bauphysik, Neukirchen/AT, www.ibts.at

Landschaftsarchitekt: DnD Landschaftsplanung ZT KG, Wien/AT, www.dnd.at

Brandschutzplaner: FireX Greßlehner GmbH,
Leonding/AT, www.firex.at

Reinraumplanug: Focus Life Science, Ferschnitz/AT

www.reinraum.co.at/

Projektdaten

Grundstücksgröße: 5 992 m²

Grundflächenzahl: 0,68

Geschossflächenzahl: 1,48

Nutzfläche: 6 596 m²

Technikfläche: 936 m²

Verkehrsfläche: 454 m²

Brutto-Grundfläche: 8 881 m²

Brutto-Rauminhalt: 42 410 m3

Baukosten (nach DIN 276) k. A.

Energiebedarf

Primärenergiebedarf: 194,1 kWh/m²a OIB RL6

Endenergiebedarf: 105,3 kWh/m²a nach OIB RL6

Jahresheizwärmebedarf: 20,3 kWh/m²a nach OIB RL6

Gebäudehülle

U-Wert Außenwand = 0,23W/(m²K)

U-Wert Fassadenpaneel = 0,22 W/(m²K)

U-Wert Bodenplatte = 0,25 W/(m²K)

U-Wert Dach = 0,15 W/(m²K)

Uw-Wert Fenster = 1,18 – 1,4 W/(m²K)

Ug-Wert Verglasung = 0,7 – 1,1 W/(m²K)

Haustechnik

WC Lüftung mechanisch, innenliegende Räume werden mechanisch be- und entlüftet, Hallen mit Zu- und Abluftanlage, Reinraumbereich mit Umluftanlagen inklusive notwendigen Außenluftanteil

Hersteller

Holzbau: Graf-Holztechnik GmbH,

www.graf-holztechnik.at

Verbundstahlträger: Peikko, www.peikko.de

Fassaden und Fenster: Schüco, www.schueco.com

Sektionaltore: Schneider Tore, www.schneider.co.at

Betonfertigteile: HABAU, www.habau.com

Löschwasserbarrieren: THOMAS SYS TECH GmbH, www.gardnerdenver.com/thomas

Innenwände, -türen: Wenna Glas,
www.wennaglas.com

Teppich: Fletco Carpets, www.fletco.eu

Sonnenschutz: Warema, www.warema.de

Beleuchtung: Zumtobel, www.zumtobel.com

Fenster und Torantriebe: GEZE, www.geze.de

Fliesen: Mosa, www.mosa.com

Konstruktionselemente aus Stahl, Holz und Beton bilden das hybride Tragwerk für die Campus-Pilotfabrik. Jedes Material wird nach seinen besonderen Leistungsmerkmalen angemessen eingesetzt. Im Ergebnis ist ein rationaler, einfacher Bau mit hoher Nutzungsflexibilität und offenen Raumsequenzen entstanden.« ⇥

⇥DBZ Heftpartner Prof. Dr.-Ing. Jürgen Graf und

⇥Prof. Stephan Birk, TU Kaiserslautern

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