Nicht Verzicht? Aber Poesie! 17. BDA-Tag in Nürnberg

Was bringen uns Baumeistertage, was BDA-Tage? Veranstaltungsformate aus einer Zeit, in der von Aufbruch und (Mitglieder-)Partizipation sowie natürlich von der notwendigen Schärfung des eigenen Profils die Rede war und immer noch ist. Schaut man auf die zurückliegenden Verbandsmitglieder­zusammenkünfte – was für ein schönes Wort! – hat man den Eindruck, dass innerhalb des Veranstaltungsrahmens dieser Tage viel in die Zukunft gegangen wurde. Aber auch außerhalb dieser meist festlichen Rahmen, im Planungsalltag beispielsweise?

Die der Schwerfälligkeit, Überalterung und dem Festhalten am Bewährten verdächtigten Ver­bände zeigten sich in ihrer Führungsspitze meist deutlich weiter voraus im Diskurs über anstehende und noch ausstehende Arbeit: Verantwortung war einmal das Thema des Deutschen Architek­tentags 2011 in Dresden gewesen. Hier hatten sich Architekt:innen, Innenarchitekt:nnen, Land­schaftsarchitekt:innen und Stadtplaner:innen „ausdrücklich zu ihrer Verantwortung für die ganzheitliche und nachhaltige Gestaltung der gebauten Umwelt“ bekannt. In Halle an der Saale, acht Jahre später, hatte der aus dem Amt scheidende BDA-Präsident Heiner Farwick vor der Verabschiedung des Thesenpapiers „Das Haus der Erde“ in mahnenden Worten darauf hingewiesen, dass „milde Zerknirschung“ und „Besorgnis“ längst nicht mehr ausreichten, man dürfe nicht länger die Lebensgrundlagen der Menschheit dem freien Spiel der Märkte überlassen. Er sprach von zivilem Ungehorsam, forderte zumindest das kritische Hinterfragen des Zwangs zu Wachstum und sprach schließlich aus, was alle im Saal fürchteten: „Bauen muss wieder teurer werden!“

Drei Jahre später, die CO2-Werte haben global gesehen einen Höchststand erreicht und jeder weiß, dass da noch eine Menge hinzukommt, selbst bei sofortiger CO2-Neutralität überall auf der Welt, gab es in Nürnberg wieder so einen Tag. Der 17. BDA-Tag, dem auch die Bundesbauminis­terin Klara Geywitz (SPD) die Ehre gab. Sie sprach vor den in der wunderbaren Meistersingerhalle Versammelten über anstehende Transformation, darüber, dass wir eine gesamtgesellschaftliche Debatte zum zukünftigen Bauen brauchen, dass die Debatte zum Fleischkonsum und individueller Mobilität endlich auch auf Flächenverbrauch (Wohnen) ausgedehnt werden müsse, dass wir mehr reparieren als konsumieren sollten und – hieran anknüpfend –, dass der Konsumzwang in den Innenstädten zugunsten mehr öffentlichem, allgemein zugänglichem Raum aufzuheben sei.

Die ungemütliche Zukunft als neue Baukultur akzeptieren

Aber bitte keine Verzichtsdebatte! Eigenartigerweise ist dieser Appell ein immer wieder in der grundsätzlichen Diskussion über die Zukunft der Gesellschaft mit Nachdruck vorgetragener Kernsatz, nicht nur der Politik. „Einen Ansatz von heute werde ich dabei auf jeden Fall schon einmal mitnehmen: Im Programm zu Ihrer heutigen Veranstaltung steht, wir sollten die ökologisch erforderliche Reduktion nicht mit Verzicht übersetzen, sondern mit Poesie.“

Das, liebe Ministerin, aber auch liebe Kolleg:innen, wird nicht funktionieren! Ohne Einschränkung unseres konsumistischen Verhaltens in allen Lebensbereichen werden wir absehbar mit essentiellem Verzicht konfrontiert sein, selbst totaler Konsumverzicht ist dann wirkungslos. Verzicht klingt nach Enteignung, wer verzichtet soll vielleicht auch nicht mehr bauen dürfen? Im Rahmen eines Vortrags wurde das Cover von Daniel Fuhrhops Pamphlet „Verbietet das Bauen“ menetekelhaft auf die Leinwand projiziert.

Dass die Bauwirtschaft als größter Ressourcenverbraucher und Treibhausgas-Emittent mit einem neuen strategischen Denken gleichzeitig auch der Retter des Weltklimas sein könnte, das ist längst angekommen auf den Entscheider­ebenen. Nur: Sie entscheiden nichts Wesentliches.

Ein wenig Hoffnung auf die nötige Disruption in der Branche macht die junge Generation, die – fata­ler Weise nicht auf der Entscheiderebene für Zukunftsfragen relevant – höchst betroffen sein wird von der Mutlosigkeit der Politik bzw. dem Ingenieursglauben eines Werner Sobek, wir könnten es schon noch machen, auch ohne Verzicht. Die junge Generation, die auch die Zukunft der Verbände ist, hat beim BDA-Tag traditionell einen Pecha Kucha-Abend. An diesem stellen sich neuberufene Mitglieder in Pecha Kucha-Manier vor. Die überwiegende Zahl hatte noch nichts oder wenig gebaut, dafür aber die Erkenntnis, dass man gegen die Norm arbeiten solle, wenn die Norm Unsinn verlange in jedem Kontext, wie beispielsweise den sich immer mächtiger aufbauenden Veränderungen des globalen Klimas. Den Jungen läuft die Zeit davon; uns Älteren offenbar die Ideen für eine Zeit, die unsere nicht mehr sein wird.

Dass die Zeiten ungemütlicher werden, geht schlecht mit unserer Erfahrung zusammen, dass Häuser Ergebnisse langwieriger Prozesse sind, dass Städte hunderte Jahre Kontinuität verkörpern, dass das Gebaute für Generationen zu denken ist und noch immer die drei Vitruvschen Prinzipien zu gelten scheinen: Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit. Doch Gewissheiten lösen sich auf, schleichen sich fort, wir müssen auf das Ungewisse Antworten finden, die ungemütliche Zukunft als neue Baukultur akzeptieren und endlich loslegen! Mit aktivem Widerspruch (E-Mail an die Ministerin, darum hatte sie explizit gebeten), mit radikalem Design, mit größtmöglichem Konsens über einen neu entfachten, die Gesellschaft umfassenden Verzichtsdiskurs. Wir denken, wir hätten noch Zeit? Ja, Zeit, die Zeiten zu ändern. Be. K.

www.bda-bund.de
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