Wohnen ruut-wieß

Naumannsiedlung, Köln-Riehl

Unter der Devise „Lich, Luff un Bäumcher” betrieb die GAG in Köln schon vor 100 Jahren beispielhaften Siedlungsbau, der sich an der Gartenstadtbewegung orientierte. Doch auch Vorzeigeprojekte altern. Die Naumannsiedlung in Köln-Riehl wurde nun denkmalgerecht saniert und mit Bedacht so weiterentwickelt, dass 161 neue Wohnungen in den Bestand integriert werden konnten.

Um die prekären Wohnverhältnisse der ärmeren Bevölkerungsschichten umfassend zu verbessern, initiierte Konrad Adenauer 1913 als stellvertretender Oberbürgermeister der Stadt Köln die Gründung der Gemeinnützigen AG für Wohnungsbau (heute: GAG Immobilien AG). Die großen Kölner Industriellen beteiligten sich gerne an der Wohnungsbaugesellschaft, konnte die doch einen Teil ihrer Fürsorgepflicht übernehmen. Die andere Hälfte der Aktienanteile übernahm die Stadt. Während bei vielen der schnell im Stadtgebiet errichteten Siedlungen mit Wohnungsamtswohnungen die rationelle Großform genügen musste, setzte die GAG auf die Zukunft des Neuen Bauens und arbeitete mit namhaften Architekten wie Wilhelm Riphahn zusammen. Im Rahmen des Notprogramms zur Linderung der Wohnungsnot für die ArbeiterInnen der nahegelegenen Ford-Werke, der Rheinkabelwerke und anderer Industriebetriebe beauftragte sie nach Durchführung eines Wettbewerbs das Architektenkonsortium um Manfred Faber mit Fritz Fuß, Hans Heinz Lüttgens und Otto Scheib mit Planung und Bau der Naumannsiedlung im neuen Vorort Riehl. Trotz hohen Kostendrucks gelang es ihnen, die 450 Wohnungen sowie 11 Gewerbeeinheiten zu einer städtebaulichen Figur zusammenzufügen, die in urbaner Dichte reizvolle öffentliche und halböffentliche Bereiche erzeugt. Kennzeichnend für die von 1927 – 29 errichtete Siedlung sind die markanten Kubaturen mit starker Betonung der Eckgebäude und die expressionistischen Dekorationen, die mit Ziegeln und in ziegelrot gestrichenen Putzelementen ausgeführt waren. Als herausragendes Beispiel für die frühe gemeinnützige Wohnungsbaupolitik der Weimarer Republik steht die Naumannsiedlung seit 1995 unter Denkmalschutz.

Doch die Siedlung war in die Jahre gekommen, weder die Sub­stanz noch die Haustechnik, die Wohnungsgrundrisse oder die Organisation der Außenbereiche entsprachen heutigen Wohnbedürfnissen. Trotz des erwartbar großen Aufwands entschied sich die GAG (heute nicht mehr gemeinnützig aber mit rund 42 000 Wohnungen Kölns größte Vermieterin) nach Abstimmung mit ArchitektInnen und Denkmalpflege gegen Abriss und Neubau und für die denkmalgerechte Sanierung und Modernisierung. Obwohl das Wohnen in der Naumannsiedlung nie öffentlich gefördert war, waren die Mieten auch aufgrund langjähriger Mietverträge sehr günstig, teilweise lagen sie sogar unter dem Niveau des damaligen geförderten Wohnungsbaus. Wirtschaftlicher wurde die Maßnahme durch die Schaffung von zusätzlichem Wohnraum in den bislang als Trockenböden genutzten Dachgeschossen und in den hofseitig gelegenen Garagen. 2018 wurde die in zwei Bauabschnitten von Architekt Peter Sandleben/Generalplanung forstbachconsulting GmbH, Köln/ab 2013: meuterarchitekturbüro, Köln – heute florczak plan-ing, Köln – über zehn Jahre durchgeführte Sanierung abgeschlossen. 2021 wurde die Naumannsiedlung mit dem Kölner Architekturpreis ausgezeichnet, weil sie zeigt, so die Jury, „wie ein Denkmal mit nötigem Bedacht und Weitblick weiterentwickelt werden kann.“

Der Stadtbaustein

Zum Funktionieren der Siedlung als Nachbarschaft trägt sicherlich auch die feine Dosierung der gemischten Nutzung bei. Während in den oberen Geschossen ausschließlich gewohnt wird, liegen in den Erdgeschossen, vorzugsweise in den Eckhäusern, kleine Gewerbeeinheiten. So gibt es dort heute eine Änderungsschneiderei, ein Büdchen, eine Kita in der ehemaligen Kneipe und ein Quartiersbüro direkt am Naumannnplatz. Da die Siedlung in einem ehemaligen Rheinarm, der später als Kiesgrube diente, gebaut wurde, stehen die Häuser auf Pfahlgründungen und die Höfe, über die die einzelnen Garagen im Untergeschoss angefahren wurden, lagen bis zu zwei Geschosse unter Straßenniveau. Um die trotz der innerstädtischen Lage große Zahl von Autos, die Platz im öffentlichen Raum beanspruchten, zu reduzieren, wurden in jedem der drei Höfe eine Tiefgarage angelegt. Dadurch wurde die charakteristisch bewegte Topografie etwas nivelliert, blieb aber erhalten. Da die begrünten Höfe nicht nur für Licht und Luft in den Häusern sorgten, sondern Alt und Jung schon immer zum Spielen, zum Wäschetrocknen oder einfach zur Begegnung zur Verfügung standen, wurden auf dem Dach der Tiefgaragen nach Planungen von Lill + Sparla neue Spiel- und Grünflächen angelegt, mit überdachten Fahrradstellplätzen und Bänken ergänzt und neue Bäume gepflanzt.

Raumgewinn

Ohne die Struktur der Siedlung und die Erscheinung der einzelnen Häuser maßgeblich zu verändern, konnten im Einvernehmen mit der Denkmalpflege 161 neue Wohnungen geschaffen werden. Hofseitig wurden an einigen Häusern ehemalige Garagen und Kellerräume zu kleinen Gartenwohnungen umgebaut. Um die für Wohnräume erforderliche Höhe zu erreichen, musste der Rohboden etwa 60 cm tiefer gelegt werden, was durch Hohlräume unter den pfahlgegründeten Häusern möglich war. Auch die Dachgeschosse ließen sich zu Wohnungen ausbauen, dazu wurde bei gleichbleibender Traufhöhe der First der Satteldächer um etwa 60 cm angehoben. Zusätzliche Dachflächenfenster und eine eingeschnittene Dachterrasse pro Einheit bringen Licht in die Räume. Sämtliche Wohnungsgrundrisse der ursprünglich als Zwei- oder Dreispänner organisierten 9-Familien-Häuser wurden zeitgemäß überplant. Statt vieler kleiner Zimmer, wie sie für kinderreiche Familien geplant waren, gibt es nun in den meisten Wohnungen zwei größere, gut belichtete Räume und offene Wohnküchen. Für mehr Wohnfläche mit bis zu vier Räumen auf 122 m2 wurden Wohnungen zusammengelegt oder als Maisonette organisiert, so dass die Nachbarschaft weiterhin vielfältig bleibt.

Schon in der ursprünglichen Planung besaß jede Wohnung eine Loggia, zum Teil waren diese Freiplätze aber so klein, dass sie kaum nutzbar waren. Bei gleicher Breite sind die hofseitig gelegenen Loggien nun doppelt so tief, die Rundung ihrer freien Ecke passt sie harmonisch ins Gesamtbild der wohlproportionierten Ansichten ein.

Neues altes Gewand

Die Dämmung der Fassade war für ArchitektInnen und BauphysikerInnen eine besondere Herausforderung, sollte doch das historische Bild erhalten werden. In Absprache mit der Denkmalpflege wurde 6 cm Wärmedämmung aufgebracht, darauf ein weißer Kratzputz, der im Sockelbereich als Reibeputz Anthrazit gestrichen wurde. Für sämtliche plastischen Dekorationen mussten Sonderlösungen entwickelt werden. So bleiben Bereiche mit Ziegelbändern, wie sie an Haustüren und an den Tordurchfahrten zu finden sind, von außen ungedämmt. Für die breiten Faschen um die Fenster wurden Unterkonstruk­tionen aus Holz und Dämmung gefertigt, auf denen der charakteristische Filzputz aufgetragen wird. Zwei über die volle Höhe der Fassade laufender Kamine wurde mit Riemchen entsprechend aufgedoppelt. Auch die zahlreichen Schornsteine auf den Dächern, die technisch nicht mehr erforderlich sind, wurden als Attrappen wieder aufgebaut, da sie, wie die drei Varianten der Regensammelkästen, als gestaltprägend bewertet wurden.

Die aufwendig profilierten ziegelroten Sprossenfenster, zum Teil mit weißen Fensterflügeln oder über Eck sitzend, wurden in ihren originalen Proportionen, wohl aber mit Wärmeschutzverglasung und Wiener Sprossen nachgebaut. Zur Bestimmung der historischen Farbtöne wurden Untersuchungen an noch vorhandenen Originalfenstern vorgenommen und mit bauzeitlichen schwarz-weiß Fotos abgeglichen.

Heute ist die Naumannsiedlung vielleicht schöner und wohnlicher denn je, ganz sicher aber ist sie ein sehr gelungenes Beispiel für die Ertüchtigung und Erhalt von qualitätvollem Wohnraum in der Stadt. Hinwegsehen muss man allerdings darüber, dass manches Bauteil nun ein wenig hohl klingt, wenn es beklopft wird. Uta Winterhager, Bonn

Projektdaten

Objekt: Naumannsiedlung

Standort: Naumannstr. 1-22, Goldfußstr. 1-14, Ehrenbergstr. 1-14, Barbarastr. 62-78, Boltensternstr. 131,

50735 Köln

Typologie: Geschosswohnungsbau

Bauherr: GAG Immobilien AG, Köln, www.gag-koeln.de

Nutzer: MieterInnen

Architektur: Dipl.-Ing. Architekt Peter Sandleben, Generalplanung forstbachconsulting GmbH, Köln, www.ktw-consulting.de

ab 2013: meuterarchitekturbüro, Köln, / heute florczak plan-ing, Köln, www.plan-ing.koeln

Bauzeit: 2008 – 2018

Grundstücksgröße: 29 795 m²

Grundflächenzahl: 0,4

Geschossflächenzahl: 1,96

Wohnen: 38 140 m²

Gewerbe: 688 m²

Tiefgaragen: 4 262 m²

Brutto-Grundfläche: 11 780 m²

FachplanerInnen

Tragwerksplaner: Ingenieurbüro Dipl.-Ing. H. Koopmann, Köln / heute emons ingenieure, Köln,

www.emons-ing.de

Prüfstatik: Jeromin + Vester, Köln

TGA-PlanerInnen: IFTG Faxel und Partner GmbH, Köln, www.faxel-partner.de

BrandschutzplanerInnen: GB Brandschutz, Dipl.-Ing. (FH) Hans – Peter Gornik, Leverkusen,
www.gb-brandschutz.de

Außenanlagen: Lill & Sparla Landschaftsarchitekten, Köln, www.lill-sparla.de

Bauphysik: Heinrichs Bauphysik, Köln,

www.ibheinrichs.de

VermesserInnen: SEAD Vermessung – Dieper & Henkel, Köln, www.vermessung-sead.com

Baugrund: Kühn Geoconsulting, Bonn,

www.geoconsulting.de

Denkmalpflegerische Abstimmung: Amt für Denkmalschutz und Denkmalpflege, Stadt Köln,

www.stadt-koeln.de

Energie (nach EnEV 2009/2014/2016)

Durchschnittswert der verschiedenen Bauabschnitte

Primärenergiebedarf: 2,14 kWh/m²a

Endenergiebedarf: 92,93 kWh/m²a

Jahresheizwärmebedarf: 66,53 kWh/m²a

HerstellerInnen

Dach: Braas GmbH, www.bmigroup.com

Fassade: Alsecco, www.alsecco.de   

Sanitär: Geberit, www.geberit.de, Kaldewei,

www.kaldewei.de

Beleuchtung: Performance lighting,

www.performanceinlighting.com

Software / CAD / BIM: Allplan,

www.allplan.com

Mehr Wohnraum, höherer Standard – und das, ohne die Grundstruktur zu zerstören. Dieses hervorragende Beispiel zeigt, wie großflächiger und zudem denkmalgeschützter Wohnungsbau saniert und weiterentwickelt werden kann.«
Heftpartnerinnen RKW Architektur +, Düsseldorf
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