Wohnfläche optimal nutzen

Mehrfamilienhaus Waldmeisterweg, Zürich/CH

Das Quartier Allenmoos im Zürcher Stadtteil Oerlikon ist eine typische Vorstadt aus der Nachkriegszeit mit heterogener Siedlungsstruktur. Reihenhäuser aus den 1950er-Jahren stehen dort neben Einfamilienhäusern und großmaßstäblichen Wohnblocks aus den letzten Jahren. Am Waldmeisterweg 3/5 baute die gemeinnützige Zürcher Wohnbaustiftung PWG mit Lütjens Padmanabhan Architekten  einen fünfstöckigen Neubau, der einen dreigeschossigen Wohnriegel ersetzt.

Der Neubau am Waldmeisterweg nutzt die vorhandene Grundstücksfläche besser aus als der Vorgängerbau. Den 2013 durchgeführten selektiven Wettbewerb entschied das Zürcher Architekturbüro Lütjens Padmanabhan für sich. In zweieinhalbjähriger Planungs- und Bauzeit entstanden 21 Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen mit einer Geschossfläche von rund 3 700 m². Damit  wurde der ursprünglich an dieser Stelle vorhandene Wohnungsbestand nahezu verdreifacht.

Küchendiele und kompakte Zimmer

Eigentlich eine alltägliche Bauaufgabe – doch Oliver Lütjens und Thomas Padmanabhan trauten sich, von dem im Schweizer sozialen Wohnungsbau Üblichen abzuweichen und eigene Akzente zu setzen. Wettbewerbsentscheidend war dabei die von ihnen vorgeschlagene ungewöhnliche Grundrisstypologie mit einer zentralen „Küchendiele“, um die sich Wohn- und Schlafzimmer und eine Loggia gruppieren. „Auf diese Weise lassen sich alle Zimmer ohne Korridore erschließen“, erklärt Thomas Padmanabhan das Konzept. „Erst später wurde uns bewusst, dass wir mit dieser Idee im Wohnungsbau tatsächlich die Ersten waren.“ Durch die effiziente Aufteilung gelang es, fünf Drei- und Vierzimmerwohnungen auf einer Etage unterzubringen, insgesamt also 15 Wohnungen auf den vom Grundriss identischen Etagen 1 – 3. Zwei kleinere Wohnungen liegen, getrennt durch Gemeinschaftsräume und die Einfahrt zu der im rückwärtigen Bereich gelegenen Parkgarage, an den Gebäudeenden im Erdgeschoss und vier weitere Einheiten, darunter zwei große Fünfzimmerwohnungen, wurden im zurückgestaffelten Dachgeschoss untergebracht.

Selbstbehauptung im heterogenen Umfeld

Ungewöhnlich ist auch der Außenauftritt des Gebäudes: Um die vom Vorgängerbau nicht ausgenutzte Flächenreserve optimal zu erschließen, läuft es zur Gartenseite in einem spitzen Winkel aus. Zugleich soll die polygonale Form zwischen den kleinen und großen Bauten der Nachbarschaft vermitteln. Eigenständig und selbstbewusst wirkt auch die Fassade: Das Haus ist rundherum mit hellgrauen, horizontal geschuppten Faserzementplatten verkleidet und wird horizontal durch einen mittig angeordneten Fries aus dunkelgrau gestrichenem Holz und vertikal von ebenfalls dunkelgrauen Holzlisenen gegliedert. „Ein niedriger Sockel wäre wegen der Hanglage in der Erde versunken, deshalb haben wir uns für den Mittelfries entschieden“, beschreibt Thomas Padmanabhan die gestalterische Idee. Abgesehen von solchen praktischen Erwägungen sei das durch die Gliederungen entstandene Fassadenrelief in Hell- und Dunkelgrau auch eine Reminiszenz an den von den Architekten verehrten Renaissance-Baumeister Filippo Brunelleschi.

Zudem lasse das geschuppte Fassadenkleid das Haus trotz seiner Größe „so leicht wie ein Strandhaus“ erscheinen. Um die Leichtigkeit zusätzlich zu betonen, sind die Platten an den Ecken offen gefügt – eine vom Standard abweichende Lösung, die aufwendige Nacharbeiten erforderte. „Die Plattenrückseiten haben eine nicht farbgleiche Beschichtung, sodass alle Überstände nach der Montage noch einmal gestrichen werden mussten“, berichtet Thomas Padmanabhan. Auch sonst sei die Umsetzung der Fassade mit allen Gliederungen und Öffnungen sehr anspruchsvoll gewesen. „Zum Glück hatten wir bei unserem Fassadenbauer einen sehr fähigen Projektleiter, der jedes Problem vorausgesehen hat.“ Von der leichten Anmutung deutlich abgesetzt ist indes die Ausführung des Staffelgeschosses mit seinem mittelgrauen Grobputz und Geländern mit Maschendraht. Damit nahmen die Architekten Bezug auf das egalitäre Prinzip des Bauherrn PWG: Die Miete im Penthouse ist nicht höher als in den anderen Etagen. Deshalb hätten sie jeden Eindruck von Luxus vermeiden wollen und eine „einfache Hütte auf dem Dach“ gebaut.

Postmoderne Anklänge

Als versierte Architekturtheoretiker, die auch immer wieder in der Lehre tätig sind (zurzeit an der Graduate School of Design der Harvard University), lieben Lütjens Padmanabhan Zitate und Reminiszenzen an vergangene Epochen; neben Brunelleschi haben es ihnen vor allem Klassiker der Postmoderne wie Robert Venturi und John Hejduk angetan. Auch deren Spuren findet man am Waldmeisterweg: Die haubenförmigen Metalldächer über den Eingängen kennt man von Hejduks Berliner IBA-Bauten und geschuppte Fassaden gab es auch schon bei Venturi. Im Eingangsbereich und Treppenhaus geht es gleich weiter mit verspiegelten Leitungsschächten, schrägen Wechseln von Bodenbelägen und einer „Klaviertreppe“ aus weißem und schwarzem Kunststein. Und in der Waschküche, die zugleich als Gemeinschaftsraum dient, springen sogleich die breiten blauen und weißen Streifen des Naturkautschukbodens ins Auge. Die farblich eher neutral gehaltenen Wohnungen warten ebenfalls mit kleinen Überraschungen auf: Besonders stolz sind Oliver Lütjens und Thomas Padmanabhan auf die Terrazzostütze in den Küchendielen, die mit einem „hölzernen Schatten“ den Übergang zum Wohnzimmer markiert.

Mit diesen postmodern anmutenden Details wollten die Architekten keineswegs ironische Distanz, sondern vielmehr Wertschätzung gegenüber den Bewohnern zum Ausdruck bringen, wie Thomas Padmanabhan betont. „Selbst wenn man unsere historischen Zitate nicht lesen kann, machen die Details einfach als solche Freude und das Haus wohnlicher“, ist er überzeugt und liefert noch eine architekturtheoretische Begründung nach: „Heute nutzen wir beim Bauen vielfach industrielle Materialien mit einer eher kalten, technischen Anmutung. Das Menschliche, das bei historischen Gebäuden im handwerklichen Enstehungsprozess enthalten war, wollen wir über unsere Details wieder hineinbringen.“

Ein Geben und Nehmen

Und was hielt die PWG von diesen natürlich nicht kostenlosen Extras? „Der Bauherr hat uns total unterstützt“, lobt Thomas Padmanabhan. „Aber wir haben auch von unserer Seite immer versucht, eine Balance zu finden – also an einer Stelle etwas weniger zu machen, um an anderer Stelle etwas mehr machen zu können.“ So verzichteten die Architekten auf Sichtbetonqualität für die Decken und Wände in den Gemeinschaftsbereichen und wählten als Zimmertüren in den Wohnungen günstige, kunststoffbeschichtete Holztüren in Metallzargen. Auch weitere Sparpotentiale wurden konsequent ausgereizt: Dazu gehörte eine Low-Tech-Strategie in der Haustechnik, wie der Verzicht auf eine zentrale Lüftungsanlage. Die kostengünstigere Lösung wurde durch die Entscheidung des Bauherrn ermöglicht, sich zwar am Schweizer Minergie-Energiestandard zu orientieren, aber auf die einschlägige Zertifizierung zu verzichten. Stattdessen gibt es in den allesamt an der Fassade gelegenen Familienbädern große, nicht kippbare Fenster zum Lüften, beim Puffern der Feuchtigkeit hilft eine Lehmputzdecke.

Da in den Beton-Geschossdecken nun keine Lüftungsrohre mehr unterzubringen waren, konnten diese deutlich verschlankt werden, was nochmals eine signifikante Einsparung ermöglich­te. Aufgrund der dadurch verringerten Spannweiten mussten die Innenwände allesamt gemauert und tragend ausgeführt werden. Die demzufolge unveränderlichen Grundrisse sahen die Architekten aufgrund der flexibel nutzbaren Zimmer als akzeptablen Kompromiss an.

Für die Heizung und Warmwasserbereitung wurde statt eines Fernwärmeanschlusses eine – langfristig kostengünstigere – Erdsonden-Wärmepumpe gewählt. Einen großen Batzen brachte schließlich die Ausnutzung der Hanglage: Die ursprünglich geplante Tiefgarage konnte nahezu ebenerdig in das ansteigende Gelände geschoben werden. „Durch die Anhebung des Hauses haben wir fast 1 Mio. CHF gespart“, freut sich Thomas Padmanabhan.

Ausnutzung der Spielräume

Dafür konnten sich die Architekten dann kleine Extravaganzen leisten. Die seien auch gar nicht immer teurer gewesen als Standardlösungen: „Wir haben durchweg auf handelsübliche und eher günstige Materialien zurückgegriffen und nur deren Möglichkeiten ausgereizt.“ So sei beispielsweise die Farbe und Struktur von Kunststein nahezu beliebig wählbar, sodass eine schwarz-weiße Klaviertreppe auch nicht mehr koste als eine einfarbige Ausführung. „Es gibt mehr Spielräume, als man denkt. Die muss man einfach nur entdecken und nutzen.“ Alles in allem ist die Rechnung aufgegangen: Mit knapp 4 500  CHF/m2 für Wohn- und Nutzfläche blieben die Baukosten in dem für einen gemeinnützigen Geschosswohnungsbau in Zürich üblichem Rahmen.

⇥Reinhard Huschke, Freiburg

Baudaten

Objekt: Mehrfamilienhaus

Waldmeisterweg, Zürich/CH

Standort: Waldmeisterweg 3/5, Zürich/CH

Typologie: Wohnungsbau

Bauherr: Stiftung PWG, Zürich/CH, www.pwg.ch

Architekten: Lütjens Padmanabhan Architekten, Zürich/CH,

www.luetjens-padmanabhan.ch

Team: Oliver Lütjens, Thomas Padmanabhan, Moritz Hoernle (Projektleitung Ausführung), Hannah Klein (Projektleitung Wettbewerb – Bauprojekt), Marine de Dardel, Géraldine Recker , Julia Grosse Darrelmann, Henrike Heuer, Andrea Micanovic, Nadine Käser Cenoz, Luca Bazelli

Bauleitung: Vollenweider Baurealisation GmbH, Schlieren/CH,

www.piusvollenweider.ch

Bauzeit: April 2016 – November 2018

Fachplaner

Tragwerksplaner: SJB Kempter Fitze AG, Frauenfeld/CH, www.sjb.ch

Landschaftsarchitekt: Lütjens Padmanabhan Architekten, Zürich/CH

Energieplaner: Waldhauser + Hermann AG, Münchenstein/CH,

www.waldhauser-hermann.ch

Elektroplaner: Mettler + Partner, Zürich/CH, www.mettlerpartner.ch

Sanitär: Friedrich Haustechnik AG, Schlieren/CH, www.friedri.ch

Bauphysik und Akustik: Bakus Bauphysik und Akustik, Zürich/CH, www.bakus.ch ↓

Projektdaten

Grundstücksgröße: 3 230m²

Nutzfläche gesamt: 3 205m²

(Nettogeschossfläche SIA 416)

Nutzfläche: 2 801 m² (Nutzfläche SIA 416)

Technikfläche: 77 m²

(Funktionsfläche SIA 416)

Verkehrsfläche: 326 m²

Brutto-Grundfläche: 929 m²

(Gebäudegrundfläche SIA 416)

Brutto-Rauminhalt: 10 374 m³ (Gebäudevolumen)

Baukosten

Gesamt brutto: 9,3 Mio. €

Hauptnutzfläche: 4 219 €/m²

Brutto-Rauminhalt: 4 742 €/m³

Energiekonzept

Dach: Extensiv begrüntes Dach, Wärmedämmung 160 mm, Betondecke 220 mm

Außenwand: Eternitfassade hinterlüftet, Wärmedämmung 160 mm, Backstein 150 mm, Innenputz 10 mm

Fenster: Holzfenster mit 3-fach-Isolierverglasung

Boden zu Erdreich: Plattenbelag 20 mm, Unterlagsboden mit Bodenheizung 80 mm, Trittschalldämmung 20 mm, Wärmedämmung 20 mm, Betondecke 300 mm, Wärmedämmung 140 mm

Gebäudehülle

U-Wert Außenwand = 0,17 W/(m²K)

U-Wert Bodenplatte = 0,19 W/(m²K)

U-Wert Dach = 0,17 W/(m²K)

Uw-Wert Fenster = 0,95 W/(m²K)

Ug-Wert Verglasung = 0,70 W/(m²K)

Haustechnik

Das Haus wird mit einer Erdsonden-Wärmepumpe beheizt. Es wurde darauf geachtet, möglichst wenig Technik einzubauen. So gibt es in den Wohnungen einzig eine Abluft für die Küchen und ein Lüftung für die innenliegenden Bäder und Reduits. Die Hauptbäder liegen alle an der Fassade und werden natürlich (per Fensteröffnung) entlüftet.

Hersteller

Fassade: Eternit GmbH,

www.eternit.de
Bodenfliesen: Zhana-fliesen GmbH, www.zhana-fliesen.de Dämmung: Swisspor AG,

www.swisspor.ch
RWA-Anlage: Cupolux AG,

www.cupolix.ch

Eine verspielte Wohnhausform mit bemerkenswerter Bautiefe liefert eine humorvolle Antwort auf die Frage nach Innovation im geförderten Wohnen. Liebevoll detaillierte Gemeinschaftsflächen samt Sonderräumen im Erdgeschoss und ambitionierte konstruktive Details schaffen den Eindruck hochwertiger Funktionalität.«

⇥DBZ Heftpartner Molestina Architekten

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