Tragender Kalkstein

Logements Rue Oberkampf, Paris/FR

„Faszinierend an diesem Gebäude ist der Umstand, dass die Außenwand aus Naturstein die tragende Konstruktion des Hauses darstellt! Eine vergleichsweise dünne Wand aus Kalkstein erfüllt auf einen Schlag die statischen Anforderungen und integriert den Bau in die Umgebung. Dem Wärmeschutz wird mit diffusionsoffener Innendämmung und wärmebrückenarm aufgelegten Massivholzdecken ein Schnippchen geschlagen.“
DBZ Heftpaten Ansgar und Benedikt Schulz

Die Architekten von Barrault Pressacco haben in der Rue Oberkampf in Paris eine zeitgemäße bauliche Ergänzung platziert, die den Schulterschluss zwischen historischer Vorgabe und zeitgemäßem Anspruch sucht. Die tragenden Außenwände dafür bestehen vornehmlich aus massivem Kalkstein.

Um die Rue Oberkampf finden sich die für Paris typischen historistischen, oftmals sieben Stockwerke hohen Wohnbauten in dichter Blockrandbebauung, mit einer Ladenzone im Erdgeschoss, durchlaufenden Balkonen im 2. und 5. Obergeschoss sowie markanten Mansardendächern. Sie folgen einem Stil, der im 19. Jahrhundert von dem Stadtplaner Georges-Eugène Baron Haussmann entwickelt wurde.

 

Zeitgemäße Formensprache

In diesem markanten Umfeld nun ging es für die Architekten des Planungsbüros Barrault Pressacco darum, einen zeitgemäßen Neubau zu errichten. Für die Architekten bedeutete das zunächst, aus der Nachbarbebauung wichtige Gestaltungsmerkmale aufzunehmen. So besitzt der Neubau ebenfalls eine markante Ladenzone im Erdgeschoss, darüber folgen vier gleichwertige Geschosse mit Wohnungen, deren Höhe sich am historischen Vorbild orientiert. Zwei weitere Geschosse darüber greifen den Balkon des Nachbarn im fünften Obergeschoss auf und rücken jeweils um einen guten Meter zurück, wodurch das historische Mansardendach weiterinterpretiert wird. Die Idee der Abtreppung findet sich auch an der Hofseite des L-förmigen Gebäudes wieder. Augenfällig an der Fassade sind die Faschen, die die Fenster dreiseitig umranden.

 

Zwei Material-Prinzipien

Die Gesamtkonstruktion des Gebäudes besteht aus unterschiedlichen Materialien, die alle sehr spezifische mechanische oder thermische Rollen spielen. So ist das Erdgeschoss als Sockelgeschoss zunächst aus Stahlbeton gebildet, bei dem die Oberfläche abgeschliffen wurde, um die Farben und Gesteinskörnungen herauszuarbeiten und so die Materialität erlebbar zu machen. Damit wollen die Architekten einen gestalterischen Dialog zu den Geschossen darüber erzeugen, bei denen im Gegensatz zum dunklen, körnigen Beton heller Naturstein zum Einsatz kommt. „Dieser Materialwechsel stellt für uns eine Verbindung zur klassischen Pariser Bautradition dar, nach der das Sockelgeschoss und die Obergeschosse nicht in der gleichen Materialität erscheinen“, erläutern sie ihre Gestaltungsidee. Alle Fassadenebenen der Obergeschosse sind massiv und tragend aus „Bretignac Stone“ gebaut, ein Kalkstein aus Sireuil, einer Gemeinde im Südwesten Frankreichs, im Arrondissement Angoulême.

 

 

Nachhaltiger Naturstein

Diesen Stein haben die Architekten nicht etwa wegen des historischen Umfelds in der Rue Oberkampf gewählt, sondern wegen der Nachhaltigkeit: „Die Verwendung dieses Steins war eine Entscheidung, die wir während des Wettbewerbs getroffen haben. Es war kein Wunsch des Kunden. Sehr früh haben wir bereits verstanden, dass die Gewinnung und Bearbeitung des Materials ein Prozess ist, bei dem sehr wenig Emissionen entstehen. Es war für uns also eher ökologisches Anliegen.“ Beton solle am Bau lieber als besonderes Material eingesetzt werden, Naturstein und Holz dagegen viel öfter.

„Die Verwendung von Beton“, so die Architekten, „wäre zwar einfacher gewesen, aber Beton ist verantwortlich für 45 % der Emissionen in der Bauindustrie, was 5 % aller Emissionen ausmacht.“ Deshalb haben die Architekten Beton nur dort eingesetzt, wo die Konstruktion mit dem weichen Kalkstein zu aufwendig und teuer gewesen wäre, etwa bei den Stürzen großer Öffnungen. Die Wandstärken des Kalksteins variieren zwischen 30 und 35 cm, je nach Belastung. Statisch berechnet wurde die Gesamtkonstruktion nach den DTU, den „Documents Techniqus Unifiés“, einem französischen Regelwerk für das Bauwesen.

Unterstützender Stahl

Beton befindet sich auch in der Wärmedämmung: Hierzu haben die Architekten einen speziellen Hanfbeton – eine Mischung aus Hanf, Kalk und Wasser – eingesetzt, der von innen auf die Steinfassade aufgespritzt und händisch geglättet wurde. Hanfbeton ist gegenüber Zement und Beton besonders leicht, nachhaltig und dient der natürlichen Regulierung der Luftfeuchtigkeit im Innenraum, womit es besonders gut zu Natursteinwänden passt. Die Decken bestehen aus Brettsperrholz, um das Gewicht zu reduzieren. Eine Besonderheit: Sie sind nicht direkt auf die Kalksteine aufgelegt, sondern liegen in Stahl-L-Profilen, die mit den Wänden verschraubt sind und so die Lasten besser in die statische Konstruktion verteilen sollen. Dadurch wird vor allem die Tragfähigkeit der Stürze über den Fenster- und Türöffnungen unterstützt, die somit nach den allgemeinen DTU-Regeln dimensioniert werden konnten, wo auch die Konstruktion mit Naturstein definiert ist.

Die tragenden Außenwände aus Kalkstein und die Stahl-L-Profile bilden zusammen mit Stahlstützen und -trägern im Innenraum ein statisches System, durch das im Innenraum eine maximale Flexibilität bei der Raumaufteilung entsteht. Für die Architekten ist diese Umgestaltbarkeit ebenfalls ein wichtiger Teil ihrer Nachhaltigkeitsmission. Dazu gehört auch, dass es am Ende nur wenige Kalkstein-Formen gab, die im Werk in Angers vorgefertigt und auf der Baustelle nur noch zusammengesetzt werden mussten. Das reduzierte die Kosten für das Gebäude erheblich und ermöglichte außerdem eine recht kurze Bauzeit vor Ort. So gelang es, das erste Obergeschoss, das immerhin das größte der Geschosse mit Natursteinmauern ist, in lediglich einer Woche zu errichten.⇥Thomas Geuder, Stuttgart

Baudaten                                                                                                                                   

Objekt: Logements Rue Oberkampf
Standort: 62 rue Oberkampf, 75011 Paris/FR
Typologie: Sozialwohnungen
Bauherr: RIVP, Régie Immobilière de Ville de Paris, www.rivp.fr
Architekten: Barrault Pressacco, Paris/FR,
www.barraultpressacco.com             
Generalunternehmer: Tempere Construction, Champagne sur Oise, www.tempere-construction.com
Bauzeit: Januar 2016 – Dezember 2017

Fachplaner                                 

Tragwerksplaner: LM ingénieur, Haguenau/FR, www.lm-ingenierie.fr
TGA-Planer: ATELUX, Conflans-Sainte-Honorine/FR, www.atelux.fr
Landschaftsarchitekt: Les Rondeaux, Paris/FR

Projektdaten                               

Grundstücksgröße: 412 m²
Bruttogeschossfläche: 1 222 m²
Nutzfläche gesamt: 1 085 m²

Baukosten

Gesamt brutto: 3,2 Mio. €                  
Hauptnutzfläche: 2 949 €/m²
 

Energiebedarf

Primärenergiebedarf: 48,8 kWh/m²a
Endenergiebedarf: 41,3 kWh/m²a
Jahresheizwärmebedarf: 24 kWh/m²a

Gebäudehülle

U-Wert Außenwand = 0,632 W/(m²K)
U-Wert Bodenplatte = 0,157 W/(m²K)
U-Wert Dach = 0,153 W/(m²K)
Uw-Wert Fenster = 1,40 W/(m²K)
Ug-Wert Verglasung = 1,10 W/(m²K)

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