Ruhendes Massiv

Krematorium Siesegem, Aalst/BE

„Das Projekt zeigt auf beeindruckende Weise das Zusammenspiel von Körper, Raum und Licht beim massiven Bauen. Der flache Bau wird durch unterschiedlich umschlossene und verschieden hohe Außen- und Innenräume gegliedert. Raum und Licht sind dort präsent, wo es der besonderen Würde des Ortes bedarf. Unterschiedliche Oberflächenmaterialien der umschließenden Konstruktion schaffen subtile Differenzierungen.“ DBZ Heftpaten Ansgar und Benedikt Schulz

KAAN Architecten schufen mit dem Krematorium Siesegem einen massiven Bau, dessen Perforierungen in Wand und Dach mittels indirektem, sanftem Licht eine gediegene Stimmung generiert, die den Hinterbliebenen meditative Selbstreflexion in einem in sich gekehrten Raum der Stille gestattet.

In Aalst, knapp 25 km westlich von Brüssel, haben KAAN Architecten jüngst ein Krematorium fertiggestellt, dessen Bezeichnung sich am Regionsnamen Siesegemkouter orientiert. An der Ringstraße im Westen der Kleinstadt gelegen, schmiegt sich das flache, 74 x 74 m messende Gebäude in die Landschaft. Seine einfache Kubatur, Wandflächen und Fügungen veranschaulichen das kompakte Bauen in adäquater Weise. Insbesondere das Nebeneinander von geschlossenen und offenen Partien in den wohlproportionierten Ansichten intensiviert den Eindruck von Masse.

Geschliffenes Gebilde

2012 hatte sich das Rotterdamer Büro (bzw. dessen Vorgänger Claus en Kaan) in einem internationalen Wettbewerb durchgesetzt. Erfahrungen mit diesem speziellen Typus konnten die Planer bereits im Jahre 2008 bei einem Krematoriumsentwurf im unweit entfernten Sint Niklaas sammeln. „Die angenehme Zusammenarbeit mit dem gleichen Bauherrn – nach belgischem Recht übrigens eine Non-Profit-Organisation – hat der Durchführung natürlich gut getan“, so Vincent Panhuysen, Partner im Architekturbüro. Ausgreifende, monolithische Wandscheiben und Betonrahmen hüllen den gedrungenen Baukörper. Dank geklebter, hellgrau eingefärbter PVC-Membran stören keine Attikableche seine scharfkantige Form. Außenbündige, und haushohe Glasscheiben in Pfosten-Riegel-Konstruktion und massive Betonwände fügen den mannigfaltigen Quader, randlos überdeckt von einer gewaltigen betonierten Dachplatte. Die Betonwände bestehen aus zwei selbsttragenden Schalen mit innenliegender 12 cm breiten Kerndämmung und einem 3 cm schmalen Luftspalt. Während das Äußere ein hellgrauer, 30 cm starker Sichtbeton ziert – vor Ort als Stahlbeton in Sperrholzschalung erstellt, gerastert durch unverschlossene Mulden der Ankerlöcher – kamen innenseitig mit gebürstetem Putz überzogene Betonblocksteine (39 cm x 19 cm x 19 cm) zur Anwendung. „Für das Innere hatten wir einen spezifischen Zementputz als Veredelung im Sinn, dessen Rauheit sich nach den Dimensionen des jeweiligen Raums richtet, um dort eine entsprechend weiche, warme Atmosphäre zu erzeugen“, erläutert Projektleiter Walter Hoogerwerf die naheliegende Entscheidung. Ferner galt es, die Baukosten von 1 600 €/m² nicht zu überschreiten. Sämtliche Innenwände bestehen aus ebendiesen Betonblocksteinen, als Ausfachung eines aus Stützen und Trägern bestehenden Stahlbetongerüsts, bisweilen als tragende Wand. Ihre massive Beschaffenheit dient der Wärmespeicherung und erfüllt zeitgleich akustische Belange.

Die massiven Wandscheiben

Die Herstellung der den Bau rahmenden Wandscheiben beschreibt Hoogerwerf als äußerst komplex. „Pro Abschnitt wurden die Wände über 8 m hoch gegossen. Eine besondere Herausforderung, da es sich nicht um selbstverdichtenden Beton handelt und folglich besondere Aufmerksamkeit bzw. Kontrolle in Bezug auf Bewehrung, Vibration, Organisation und insbesondere Schalung erforderte, um die fortlaufenden Plattenlinien sicherstellen zu können.“ Ein Spalt zwischen zwei dieser Betonwände im Südwesten der Anlage leitet den Besucher zu einem großzügigen Innenhof. Die umarmende, einladende Geste deutet zeichenhaft auf den Eingang. Linkerhand des Windfangs befindet sich ein durchgängiger Flur in Ost-West-Richtung, mit mächtigen Fensteröffnungen an beiden Enden, der das solide Volumen etwa im Verhältnis 2 : 3 in einen weltlichen und einen rituellen Teil gliedert. Der südliche Bereich nimmt Küche und unterschiedlich große Räume zum örtlichen Verzehr des Leichenschmauses auf – eine Gepflogenheit, die ihre Wurzeln in der belgisch-katholischen Tradition hat. Im nördlichen Abschnitt liegt der Empfang hinter dem Entrée. Von hier führt besagter Flur am rechten bzw. linken Ende jeweils in einer Art Rundgang zu den Zeremonienhallen mit angrenzenden Familien- und Kondolenzzimmern. Der Bauherr wünschte sich introvertierte, nahezu fensterlose Räume, weswegen die natürliche Belichtung rückseitig der Säle erfolgt und damit die volle Aufmerksamkeit Richtung Pult mit Sarg oder Urne lenkt. In den Seitenwänden der Auditorien wurden schallabsorbierende Betonblocksteine vermauert; die Verputzung der Schlitze mit einer 15 mm dicken Zementschicht verlangte höchste Präzision. Zeitgleich sind zwei exklusive Trauerfeiern möglich, bis zu zehn finden täglich statt. Das erhebliche Personenaufkommen verlangt selbstredend eine ständig arbeitende Klimatisierung. „Die Wärme der Verbrennungsöfen wird für diesen Zweck weiterverwertet. Eine heizungs-, kühlungs- und feuchtigkeitsregulierende Quelllüftung erfolgt über linear angeordnete Bodenauslässe. Diskrete Absaugpunkte in den Wänden sorgen für Luftzirkulation. Alle Leitungen sind unsichtbar in die Fundamente integriert, so dass keine technischen Gerätschaften oder abgehängte Decken den Raumeindruck beeinträchtigen“, veranschaulicht Hoogerwerf die Versorgungstechnik. Im Fußboden eingelassene Heizungsschlaufen bewirken eine Betonkernaktivierung mit schwankungsarmer Regelung. Diverse Patios mit raumhoher Verglasung waren bei der enormen Gebäudetiefe eine logische Konsequenz; sie vereinen innen mit außen und zerklüften sogleich jegliche Monumentalität des Bauwerks. Über zahlreiche Deckenöffnungen fällt schräg Licht auf das streng orthogonale Raumgefüge, akzentuiert dabei dessen Masse und inszeniert eine geradezu sakrale Aura. Die Räume sind 6,40 m hoch, so dass die Architekten oberhalb der Nebenräume ein nicht wahrnehmbares, zweites Geschoss für die Verwaltung einziehen konnten.

Asketische Materialansammlung

Vor einem guten Jahr gelangte ein graublaues Muster Breccia Alba in die Hände der Architekten. Nach Sichtung des Steinbruchs in Albanien wurden diverse Blöcke ausgewählt, in 4 cm dicke sowie bis zu 240 cm hohe Scheiben geschnitten und fotografisch dokumentiert. „Anhand der Aufnahmen der sich abzeichnenden Muster – eine gewölbte Struktur mit großen Gerölleinschlüssen – ließen sich durch Spiegelungen und Wiederholungen wunderbare grafische Designs kreieren und hiermit bestimmte, der Würde entsprechende Zonen einsäumen“, sagen diese. Interessanterweise fand sich auf einem lokalen Schuttplatz ein ähnlich charakteristischer Stein – allerdings in rötlicher, wärmerer Färbung. Nach Ermittlung seines Ursprungsorts zieren diese Platten nun den Eingangsbereich; da ihre Größe dem Maß benachbarter Schaltafeln entspricht, zeichnet sich trotz Materialwechsels in der Ansicht ein schlüssiges Kreuzfugenbild ab, das die wuchtige Erscheinung des Gebäudes unterstreicht. Weil obendrein sämtliche Innenraumgestaltung und Möblierung den Niederländern überlassen wurde, wirkt die gesamte Anlage wie aus einem Guss. Empfangstresen und Kanzeln der Feierhallen sind im selben Naturstein wie die Bekleidung anliegender Innenwände und Böden gehalten, Polymerbeton und Eichenparkett bilden den übrigen Boden, hellgrauer Rau- und Spritzputz an Wänden und Decken dient der akustischen Dämmung, dezente Eichenstühle wurden sandfarben gepolstert. Hartmut Möller, Hannover

Baudaten                                                                                                                                    

Objekt: Krematorium Siesegem

Standort: Merestraat 169, Aalst/BE

Bauherr: Intergemeentelijke Samenwerking Westlede

Architekt: KAAN Architecten, Rotterdam/NL, www.kaanarchitecten.com

Mitarbeiter (Team): Bas Barendse, Dante Borgo, Maicol Cardelli, Timo Cardol, Sebastian van Damme, Paolo Faleschini, Raluca Firicel, Cristina Gonzalo Cuairán, Michael Geensen, Walter Hoogerwerf, Marco Lanna, Giuseppe Mazzaglia, Exequiel Mulder, Ismael Planelles Naya, Giulia Rapizza, Ana Rivero Esteban, Giacomo Rizzi

Projektleitung: KAAN Architecten, Rotterdam/NL; Büro Bouwtechniek, Antwerpen/BE, www.b-b.be/nl

Bauzeit: April 2016 – September 2018

 

Fachplaner                                  

ELS-Planer/Überwachung: Henk Pijpaert Engineering, Oudenaarde/BE, www.hpengineers.be

Akustik-, Klima-, Physikplaner: DGMR, Arnhem/NL, www.dgmr.nl

Landschaftsarchitekt: Erik Dhont, Brüssel/BE, www.erikdhont.com

Multimedia: BIS, Ridderkerk/NL, www.bis.nl

Projektdaten                                

Brutto-Grundfläche: 5 000 m²

Hersteller

Steinbedarf und Möbel: marble´us, Tirana/AL, www.marble-us.com

Möbel: Bulvano, Mechelen/BE,

www.bulvano.be

Holzbänke: Luxor interieur, Meldegem/BE, www.luxor.be

Feste Möbel: Bekaert Building Company – BBC, Waregem/BE,

www.bekaert-bbc.be

Ausstellungsmöbel: Meyvaert, Gent/BE, www.meyvaert.com

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