Im Gespräch mit … Prof. Dipl.-Ing. Annette Hillebrandt, Bergische Universität Wuppertal www.sde21.eu, www.eplusbauko-arch.uni-wuppertal.de

Im Grunde gibt es nur noch einen Ausweg aus der Klimakrise

Nun zum ersten Mal in Deutschland: der Solar Decathlon Europe. In Wuppertal, keine 15 Gehminuten vom Zentrum entfernt, 16 gebaute 1:1 Modelle für eine zukunftsfähige Architektur im Bestand, erarbeitet von Hochschulteams nicht nur aus Europa. Was sie uns zeigen? Mehr, als nur eine technische Lösung. Über das „mehr“ sprachen wir mit einer ungeduldigen Prof. Dipl.-Ing. Annette Hillebrandt von der Wuppertaler Universität, die in die Inhalte eines der 10 Contest ausgearbeitet hat.

Liebe Frau Hillebrandt, warum ein Solar De­cathlon Europe in Wuppertal?

Annette Hillebrandt: Das haben wir dem Kollegen Karsten Voss zu verdanken; der ist bei uns im Fachbereich für Energie und Haustechnik zuständig und war 2010 in Madrid beim SDE dabei. Durch seine Initiative haben sich dann die Universität Wuppertal, das Wuppertal-Institut und die Stadt Wuppertal gemeinsam mit diesem Standort in der Wuppertaler Nordstadt beworben. Dass sie den Zuschlag am Ende erhalten haben, ist wohl dem Fokus auf das Bauen mit dem/in dem Bestand zu verdanken.

Ein neuer Fokus. Aber: Der Wettbewerb heißt immer noch „Solar Decathlon“. Energieautarkie war – und ist sicherlich immer noch – das Wettbewerbsthema. Und wirklich haben auch die vorhergehenden Wettbewerbe den Bestand irgendwie immer mitberücksichtigt.

Manchmal vielleicht schon, aber hier ging es gar nicht ohne den Bestand! Es gab eine „Design-Challenge“, die das Gesamtprojekt abbildet und es gibt die sogenannte „Building Challenge“, deren „Demonstratoren“ hier gebaut sind und die exemplarisch auf einen Teil des Gesamtprojekts fokussieren.

Bei diesem Solar Decathlon wurden Bestands-aufgaben wie Aufstocken, Lückenschließen und Sanierung adressiert. Aber passt das zum Solaren des Decathlon?

Warum nicht! Dass wir in Zukunft nur noch auf schon versiegelten Flächen planen sollten, muss wirklich fester Bestandteil eines solchen Wettbewerbs sein. Ob der Name „Solar Decathlon“ das wirklich abbildet und ob man ihn dann umbe-nennen sollte? Ich bin keine Marketingexpertin, aber gut eingeführte Markennamen einfach umzubenennen, ist vielleicht schwierig für ein System, das offenbar funktioniert?! Nichtsdestotrotz sind Aspekte wie Sustainability oder eben die Integration in den Bestand für diese Wettbewerbe wesentlich wichtiger als vorher. Wir konnten zu Beginn der Auslobung noch an den Bewertungskriterien der einzelnen Contests herumschrauben und wir haben die Sustainability im Ranking ein bisschen weiter nach oben geschoben und auch andere Dinge deutlich gepusht.

Das heißt, „Solar Decathlon“ wird es erst mal bleiben?

Das ist doch gar nicht die entscheidende Frage. Ich frage einmal provozierend: Dürfen wir ihn so überhaupt noch machen?

Da bin ich aber gespannt … !

Dieser Wettbewerb hat einen Haken und das sind die Transportemissionen. Wenn auch Solar De­cathlon Europe, so bezieht sich das nicht auf den Teilnehmer:innenkreis, der ist international. Und man könnte fast froh sein – so traurig es für die Teams war – dass es zwei Teams aus Thailand nicht geschafft haben, hier aufzubauen. Weil ihnen das Geld ausgegangen ist aufgrund der weltweit explodierenden Transportkosten. Ich denke, der Wettbewerb sollte auf Europa begrenzt sein, auch wenn der internationale Wissens- und Kulturaustausch natürlich super interessant ist.

Sagen Sie mir doch etwas zu der Rolle, die Ihre Universität, Ihr Fachbereich beim SDE Wuppertal gespielt hat.

In erster Linie hat Karsten Voss hier den Hut auf und damit auch die Gesamtverantwortung für dieses Projekt. Aber natürlich gibt es sehr strenge Rahmenbedingungen, die kommen aus der Organisation des Solar Decathlon. Die zu erfüllen, das ist wirklich sehr, sehr schwierig. Das ist wie in jedem verwalterischen System: Es gibt immer mehr Papierkram und keiner entmüllt, bis es sich am Ende blockiert. Die Wahl des Ausstellungsortes, seiner Erschließung, Versorgung, die Frage, ob man die vorhandenen Gewerbehallen mieten kann, Entfluchtung, Brandschutzkonzepte etc., das ist alles von der Universität und dem dafür gebildeten Sustainability-Team mit ca. 30 Leuten gewuppt worden.

Gewuppt in Wuppertal. Was hat die Universität von ihrem Engagement?

Großes Renommee!? Doch, auf jeden Fall. Und wir haben es geschafft, das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, die Stadt Wuppertal ...

Sogar die Stadtwerke!

... zudem noch die Initiative Utopiastadt und die Neue Effizienz GmbH für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Alle zusammen, das ist  ein Gewinn!

Für wen jetzt genau? Für die Stadt? Die Universität? Für alle gar?

Ja, für alle in Wuppertal. Mindestens. Die Wuppertaler jedenfalls kommen, sind sehr interessiert, sind bei vielen Vorträgen und anderen Rahmenveranstaltungen dabei. Sie setzen sich wieder mit ihrer Stadt auseinander. Und vor allen Dingen mit ihrem Baubestand.

Wie das gehen könnte, haben Sie mit drei Bauplätzen in nächster Nähe anschaulich gemacht: Aufstocken, Nachverdichten, Sanieren. Wurde das von den Teams angenommen?

Von einigen ja. Natürlich wird es weniger anschaulich, wenn Projekte für eine Aufstockung bearbeitet werden, die in Asien stehen. Aber auch hier braucht man als Laie die nötige Fantasie, eine Anleitung, weil hier nur die Aufbauten gezeigt werden und nicht der Bestand als Sockel. Deshalb wirkt es teilweise auch kurios wie hier nebenan beim KIT. Da steht der Aufbau auf einem Gerüstbau und mancher denkt sich, wieso die hier ein so eigenartiges Erdgeschoss haben? Und andere Bauten wirken, als wären sie wie auf der grünen Wiese gelandet. Dabei ist das verwendete Podest exakt das, das auf dem Bestand so zu finden wäre.

Hat Sie hier etwas überrascht? Oder ist das Erwartbare abgeliefert worden? Gab es Verweigerer, die die Rahmen verlassen haben ... Wobei, wer ausbricht, gewinnt nicht!

Also Verweigerer gab es nicht. Alle haben die Aufgabe und die Regeln ernst genommen, vor allem mit Blick auf eine Kreislaufgerechtigkeit. Ich habe in vielen Gesprächen erkennen können, dass alle voll hinter der Aufgabe stehen. Ja, prinzipiell hätte man erwarten können, dass jemand sagt, dass das Nichtbauen das Nachhaltigste wäre.

Nichtbauen ist (noch) nicht die Lösung.

Und bringt auch kein gutes Modell (lacht)!

Wie wird der SDE finanziert? Über Geld- und Sach-Sponsoren?

In den einzelnen Hochschulprojekten auf jeden Fall. Aber das wäre nicht ausreichend. Insgesamt belaufen sich die Kosten des SDE mit allem – also Pacht, Personal, Material- und Energieaufwände, Erschließungs- und Baumaßnahmen, Veranstaltungen etc. – auf rund 12 Mio. €. Die wurden beim BMWi, jetzt dem BMWK [Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz; Be. K.] beantragt und bewilligt. Meines Wissens erhält jedes Team aus diesem Topf 100 000 € als Startfinanzierung. Den teils nicht unerheblichen Fehlbetrag begleichen die involvierten Firmen.

Nehmen die Firmen Einfluss?

Es kommt schon vor, dass die Teams die von Firmen angebotenen Systeme für Tragwerke oder Fassaden nicht modifizieren, aber sie könnten das. Ich frage mich allerdings, was passiert, wenn, wie beim schwedischen Pavillon, dieser nicht rechtzeitig zur Jurierung fertig geworden ist. Das dürfte den Sponsoren nicht gefallen. Aber wie auch immer, der Bau der Schweden hat interessante Aspekte: Hier werden Holztragstrukturen und Fassadentafeln mittels 3D-Druck gefertigt. Allerdings ist das Bindemittel, wie wir erfahren durften, PET – Altflaschenrecycling. Klingt erst einmal gut, um den Altkunststoff unterzubringen, ist aber meiner Einschätzung nach nicht recyclingfähig. Das End of Life ist letztlich die Verbrennung.

Der Nachteil von diesem Wettbewerb ist, dass es am Schluss einen Gewinner gibt. Wäre es nicht sinnvoller, die besten Details aus jedem einzelnen Projekt zu einem Gesamten zu formen und daraus ein Planungshandbuch für den Nachwuchs zu machen?

Eine gute Idee. Aber was ist denn der beste Wandaufbau? Der mit dem kleinsten CO2-Footprint? Der mit der besten Kreislauffähigkeit, dem nachhaltigsten Detail? Schauen Sie sich den Wasserspeier da drüben an: Eine Eisenkette am Ende einer vom Dach abgespreizten Rinne, die zuviel Wasser ganz einfach auf das Gelände abführt. Klar könnte man soetwas küren. Aber wieviele Kategorien sollte es dafür geben? Es gibt ja nicht generell nur das einzige, richtige Detail für einen bestimmten Zweck. Vielleicht könnte man aus all diesen Reallaboren am Ende einen Detailkatalog machen oder ein Verzeichnis der wirklich recycelbaren Materialien oder der besten rückbaubaren Konstruktionen. Ja, hier noch mehr aus dem Vorhandenen zu machen, wäre spannend.

Konjunktiv … Heißt das, dass alles, was hier an Ergebnissen steht, nicht weiterfließt?

Zunächst einmal ist alles digital vorhanden. Aber wie immer bei Massen von digitalen Daten steht die Frage im Raum, wer schaut sich das noch an? Das ist der Vorteil dieses Wettbewerbs: Wir haben die Möglichkeit, uns verschiedenste Lösungen verschiedenster Problemstellungen vor Ort anzuschauen. Ich glaube, ohne diese Möglichkeit des direkten Anschauens weiß man gar nicht, wonach man suchen soll.

Was passiert mit all dem hier, wenn der SDE Ende Juni ausläuft?

Teile des Geländes werden weiter genutzt, für einzelne Pavillons gibt es im Rahmen eines Forschungsauftrags noch über mehrere Monate ein Monitoring. Es geht darum, die Performance der Gebäude „on a long run“ zu studieren.

Einige Pavillons sind sehr teuer. Wie bekommen wir die hier formulierten Statements dann in die nötige Breite?

In die Breite bekommen wir es, wenn wir alle mit Lebenszykluskosten rechnen müssten. Das muss endlich von der Politik gefördert und durchgesetzt werden. Wir brauchen ein anderes Denken, ein Denken vom Ende her. Manchmal wünsche ich mir, wir alle hätten ein bisschen mehr von Greta Thunberg: Erkenntnisse, die wir haben, einfach umsetzen, statt sie zu ignorieren. Wir haben all dieses Wissen um die Grenzen der Weltkapazität, aber wir ändern nichts an unserem Verhalten. Und da muss die Politik uns wirklich helfen. Wir brauchen ein Flächenmoratorium mit der Option, Flächen tauschen zu können. Wir brauchen allen zugängliche, digitale Plattformen, um beispielsweise Leerstände offenzulegen, und Tauschbörsen für effektiveres Wohnflächenmanagement.

Ich lebe zum Beispiel in einer viel zu großen Wohnung, wie wir fast alle. 1975 hatten wir so ca. 25 m² Wohnfläche pro Person, heute sind es fast 50 m².

Und um noch einmal auf das „sehr teuer“ zu sprechen zu kommen: Ich bin diese Diskus­sion um die Kosten von Nachhaltigkeit wirklich leid! Denn im Grunde genommen ist doch egal, was es kostet. Sehen Sie, es gibt nur noch einen Ausweg aus der Klimakrise und das ist nachhaltiges Wirtschaften. Und da ist völlig egal, wie teuer das ist. Wenn wir keine Erde mehr haben, zum Leben, dann erübrigt sich alles andere.

Wie geht Ihre Ungeduld mit diesem Wettbewerb zusammen, in dessen Rahmen so viel Altbekanntes in neuen Kleidern auftritt? Was kann der SDE Wuppertal bewirken?

Wenn er bewirken würde, dass diese „Demonstratoren“ tatsächlich die Baulücke schließen würden oder damit das Café Ada tatsächlich aufgestockt würde, dann wären wir angekommen. Das wäre der Traum.

Geht der Traum in Erfüllung, hat er Chancen?

Hat er Chancen? Eher nicht. Ich komme aus Köln, wo immer noch Baulücken von 1945 vorhanden sind. Da brauchen wir endlich eine rechtliche Regelung. Eigentum verpflichtet, das sollte auch eine Stadt verstehen.

Wird da spekuliert auf noch mehr Ertrag?

Das ist das eine. Das andere ist, dass der Kiosk in der Baulücke jetzt schon so viel Geld abwirft, das ein bauliches Engagement vielleicht zu viel Arbeit ist. Oder vielleicht hat er oder sie es auch geerbt und selber kein Kapital, um aufzustocken. Da ist man mit den 5 000 € im Monat zufrieden und keiner bewegt sich, wenn er nicht verpflichtet wird. Ich bin überzeugt, dass die Politik uns ruhig zum städtebaulichem Engagement drängen darf oder  dieses Engagement entsprechend fördern sollte. Auf dem Weg der Freiwilligkeit passiert mir einfach viel zu wenig. Das noch mal zu der von Ihnen angesprochenen „Ungeduld“: Geduld können wir uns doch gar nicht mehr leisten, oder?

Dafür haben wir tatsächlich keine Zeit mehr. Haben Sie noch ein positives Schlusswort?

Wenn ich etwas über die Atmosphäre hier sagen soll: Die ist wirklich super. Die Studierenden, die das hier gebaut haben, und die Absolvent:innen sind klasse, so unglaublich engagiert. Ich glaube, dass ihre so positive Stimmung sich vervielfältigen wird. Und das brauchen wir auch. Auch, dass sie mehr Druck machen von unten. Technisch gesehen können wir anders bauen. Wir brauchen aber eine starke Bottom-up-Bewegung, die drängt, das alles jetzt sofort anzugehen, weil heute unsere Zukunft festgeschrieben wird. Im Moment geschieht das nicht mit gerechter Teilhabe zukünftiger Generationen, sondern unter Bevorzugung der heutigen Generationen. Wissenschaft und junge Generation, diese beiden sollten gemeinsam die Politik – ich sage das einmal deutlich – in die Zange nehmen. Dann wird sich auch in der Gesetzgebung etwas ändern. Das ist mein Traum.

Mit „Traum“ höre ich gerne auf.

Mit Prof. Dipl.-Ing. Annette Hillebrandt unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft auf dem Solar Campus am 15. Juni 2022 in Wuppertal.

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