Der Wald ist klein in Münster
Ein Gespräch mit modulorbeat in Münster
www.modulorbeat.de

Architektur, nicht für die Ewigkeit gemacht? Darf das sein? Muss das sein? Wir trafen Marc Günnewig und Jan Kampshoff, bekannter als modulorbeat, an ihrem Pavillon „Goldene Pracht“ in Münster, der jetzt nur noch in der Erinnerung der Gäste und dort Arbeitenden, den Fotos und natürlich in den Köpfen des kreativen Teams ruht, das dieses Kleinod im Domschatten für wenige Wochen realisierte. Ein Gespräch über Arbeitsalltag und große Vorbilder.

Strenge Theorie und fröhliches Feiern: Lässt sich dieses Spektrum, das modulorbeat kennzeichnet, auch in diesem Projekt finden?

Jan Kampshoff: Wirkliches Feiern ist vielleicht schon länger nicht mehr so präsent. Aber das Temporäre des Feierns interessiert uns nach wie vor sehr. Also die Frage, wie lange darf ein Gebäude stehen, wie lange muss es stehen. So wollen wir immer noch wissen, was Architektur ist und welche Formate das beinhaltet.

Marc Günnewig: Uns ging es immer darum – und ich glaube das ist heute noch so – über die Party hinaus Leute für andere Themen zu begeistern. Unsere Vortragsveranstaltungen sollten immer zunächst locken und dann die Zuhörer für konkrete Sachthemen begeistern.Wie gesagt, das ist vielleicht immer noch so.

Seid Ihr mit dem aktuellen Pavillon-Projekt zufrieden?

MG: Das Hin und Her mit dem Standort hat uns schon extrem genervt. Vielleicht wären hier ein paar Dinge anders geworden in der Umsetzung. Wir mussten beispielsweise in sehr kurzer Zeit mit dem starken Gefälle am aktuellen Standort umgehen, woraus eine ganze Reihe kleinerer Kompromisse folgten. Aber über das Ganze gesehen sind wir super zufrieden! Wir hatten hier einen sehr komplizierten Prozess zu managen.

JK: Auf der anderen Seite haben Zeitdruck und komplizierte Entscheidungshierachie zu Lösungen geführt, auf die wir sonst wohl nicht gekommen wären … Aber ich glaube ohnehin nicht, dass es das „Alles war toll“ überhaupt gibt.

Sicher nicht. Aber gab es nicht doch auch Überraschungen?

JK: Wir wären noch tiefer in die Holzbauthematik eingestiegen, in Fräs­techniken beispielsweise, also das ganze skulpturale Arbeiten. Viele Detailideen, die am Ende nicht so wichtig waren, hätten wir hier gerne erprobt, auch mit Blick auf zukünftige Projekte. Das andere Ding ist die Fassade, deren Konzept und Realisierung in relativ kurzer Zeit entstanden ist. Dass sich hier ein einfaches Konzept in der Realisierung so komplex darstellt, das freut uns.

Die Fassade …

JK: Hier muss man von der Grundform des Pavillons ausgehen, die in der Grundstruktur kreuzförmig, aber nicht rektangulär ist. Das liest sich von außen eher als Y-Form. Von hier ausgehend, haben wir die Ansichten entwickelt. Die Reihung und gleichsam auch Wiederholung der einzelnen Armansichten haben wir verstärkt beziehungsweise modifiziert, indem wir die Kantungen der Profile zu den Ecken hin immer dichter gesetzt haben.

MG: In der Entwurfsphase mit den Studenten haben wir nach der Umsetzung des Themas „Gold“ gesucht. Hier natürlich auch die unterschiedlichen Techniken, wie man goldenes oder goldfarbenes Material zum Glänzen bringen kann.


Habt Ihr das mit KME zusammen entwickelt?

MG: Wir haben uns ganz sicher mit KME über Fertigungsmethoden unterhalten. Dabei mussten wir uns mit unseren Vorstellungen der Verarbeitung und Wirkung des Materials auf die möglichen und gängigen Verfahren einlassen. Das war beim anderen Pavillon [switch+ im Rahmen der „Skulpturen 2007“, Be. K.] auch so.

JK: Die Blechbearbeitung hier hat MN Metall gemacht. Die haben viel Erfahrung im Architekturbereich … das merkt man auch, dass die für ganz spezielle Probleme die richtige Sensibilität haben; KME sowieso.


Ihr habt das Pavillon-Projekt mit Studenten gemacht. War das für das Ergebnis entscheidend?

JK: Es war anders, als wir gedacht haben. Gerade die offenbare Unvereinbarkeit zwischen Ausbildung und realem Büroalltag – den wir hier simmuliert haben – ergab Probleme in der Abwicklung. Die Bauherren wollen die Termine dann und dann, hier aber haben die Studenten Semesterferien und so weiter. Wie aber das Ergebnis aussehen würde, wenn wir beide das allein gemacht hätten, kann ich mir nicht vorstellen, halte ich jetzt auch für irrelevant. Das Projekt ist in Teamarbeit mit den Studierenden entstanden, die Projektverantwortung lag natürlich bei uns im Büro.

MG: Die Frage ist ja auch, was will man an Realität vermitteln. Sicher haben die Studenten nicht gelernt, wie man Kosten ermittelt und diese dem Bauherren gegenüber vertritt. Ich vermute, dass die Studenten jetzt besser verstehen, wie die Prozesse an einem Projekt laufen, dass es Unwägbarkeiten geben kann, die das Ganze sogar
infrage stellen können.

JK: Und manchmal kommt man zu einem Punkt, von dem aus es nicht weitergeht, an dem man wieder und noch einmal von vorne anfangen muss. In einem Entwurfskurs geht das nicht, hier wird auf ein Ergebnis hingearbeitet und fertig. Und das war bei diesem Projekt extrem schwierig den Leuten zu vermitteln, dass sie mit einem aus ihrer Sicht runden Entwurf nicht zum Ziel kommen können.

Ende Mai ist der Pavillon verschwunden. Schmerzt das?

MG: Eigentlich hatten wir das nie, dieses Gefühl von Verlust oder so. Der war ja von Anfang an geplant. Dass da einmal etwas gestanden hat, davon wissen wir ja noch. Wir haben dazu unsere persönlichen Erinnerungen, nette Geschichten …

Steht eigentlich noch etwas von Euch?

MG: Wir machen ja auch ganz konventionelle Sachen, ein Haus sanieren oder so etwas. Aber das ordnen wir gedanklich ganz anders ein. Und dann macht es ja einfach auch Spaß, einen Bau aus den 20er Jahren unter die Finger zu bekommen, ihn konstruktiv zu erforschen, an ihm zu arbeiten, Erfahrungen zu sammeln … Aber da geht es um andere Dinge. Bei den temporären Projekten kann man viel mehr ausprobieren.

Ausprobieren für das nächste Experiment?

JK: Ich glaube, das ist eine falsche Vorstellung davon, wie sich eine Biografie, ein Werk entwickelt. Das was man macht – wenn man es gut macht – hinterlässt Spuren, einen Eindruck. Man wird dann hierfür gebucht. Klar, das ergibt schnell eine Art von Label, das man so leicht nicht ablegt. Inzwischen kommen wir aber auch bei Verfahren rein, einfach weil man wohl gemerkt hat, dass modulorbeat nicht nur Party ist sondern für viele Bereiche ausgewiesene Kompetenz. Ohne das wären wir ja auch niemals auf dem Domplatz gelandet!

Forschen und ausprobieren?! Noch mal: Wann sehen wir von euch ein Mehrfamilienhaus?

MG: Wenn man Architekt ist, dann kommt natürlich immer der Wunsch auf, ein Haus zu machen ... Klar, Du hast es gerade angesprochen, man braucht Durchsetzungfähigkeit am Markt. Viele Büros haben eine Strategie, nach welcher sie agieren, das haben wir bis heute nicht. Wir haben über unser Tun in den Jahren einfach unterschiedliche Felder aufgemacht, die viel Zeit brauchen, um intensiv und mit Wirkung beackert zu werden. Wir fragen uns aber schon, ob wir das nicht einmal verdichten wollen …

JK: Aber drehen wir das doch einmal um, welche drei Büros in NRW sind denn im Business angekommen und machen geile Sachen?! Wir kennen die Verhältnisse in Belgien, in Holland. Und wir schielen da rüber und fragen uns, mein Gott, wie kann das sein, dass es in Holland ein Büro gibt, das sich um Recycling kümmert und damit auch noch große Sachen baut, und warum ist das in Deutschland nicht so. Hier gibt es Strukturen der Förderung, die Marktstrukturen, die bauherrenorganisiert sind, es gibt die großen Konzerne, die es nicht gewohnt sind, mit Architekten, geschweige denn jungen Architekten zu reden … Wir beklagen uns aber auch nicht. Nur wenn diese Frage nach „Marktfähigkeit“ kommt, dann muss man auch die Gegenfrage stellen, wo gibt es denn die Förderprogramme, wie es sie in Holland gibt?! Hier hat ein Land erkannt, dass eine gute Ausbildung allein nicht ausreichend ist.

Aber wirklich wollen wollt Ihr das nicht …?

JK: Nein, wir wollen kein Dreißigleutebüro werden. Aber wir wollen in einer Größenordnung sein, wo man am Objekt noch dran ist, wo ich nicht Projektsteuerer meines eigenen Apparates bin.

Bleibt Ihr in Münster?

MG: Warum sollen wir weggehen?! [beide lachen]

JK: Münster hat doch seine Qualitäten wenn man sich darüber bewusst ist, was fehlt und das zu kompensieren weiß. Wir sind aber auch viel unterwegs …

Ihr seid hier die Platzhirsche?

JK: Das ist wohl nur die Außensicht, hier sind wir eher die Freaks!

MG: Platzhirsche in Münster, davon gibt es doch gar nicht so viele, der Wald ist klein in Münster!

Letzte Frage: Was habt Ihr noch mit Le Corbusier zu tun?

MG: Also [JK lacht] der Modulor als Proportionslehre … aber im Ernst: Wir haben immer ein Raster, auch wenn man es nicht sieht.

JK: Er ist bis heute vielleicht der beste Architekt, und an irgendjemand muss man sich ja messen, oder?!

Das Gespräch führte DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 13. April am Pavillon in Münster.

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