Campus Germany: Der deutsche Pavillon für die Expo 2020 Dubai/AE

Als Anfang September die Messe Köln ins 13. Geschoss des Messeturms einlud, konnte man auch ein paar Kollegen der Architekturfachpresse ausmachen. Wurden in der Vergangenheit die Repräsen­tationsarchitekturen Deutschlands – also der deutsche Pavillon – eher als funktionale Präsentationsflächen für ein irgendwie unterhaltsames Edutainment-Programm verstanden, lockte zur Vorstellung des Pavillonentwurfs für die Expo 2020 in Dubai der Name eines Architekturbüros, das nicht im Verdacht steht, langweilige Präsentationskisten abzuliefern. Mit LAVA (Laboratory for Visionary Architecture), Berlin, zusammen mit Bollinger + Grohmann Ingenieure hat das Expo-Team eine Planermannschaft mit an Bord, die für innovative, bunte, dynamische und eben zeitgenössisch frische Projekte steht. Vor allem auch dafür, dass sie Architektur macht (zum Architekturentwurf in Heft 11. Mit Tobias Wallisser, einem der LAVA-Partner, sprachen wir im Anschluss der Pressekonferenz; das Gespräch lesen Sie im Monatsinterview in der Novemberausgabe der DBZ).

Finanziert wird der Pavillon (rund 50 Mio. €) vom Bundeswirtschaftsministerium, dessen Referatsleiter „Messepolitik/EXPO-Beteiligungen“ und verantwortlicher Generalkommissar für den Pavillon in Dubai, Dietmar Schmitz, mehrfach darauf verwies, dass die Bundesrepublik den deutschen Auftritt in Dubai nicht als Leistungsschau verstehe. Ziel sei es vielmehr, „den Besuchern einen unvergesslichen, abwechslungsreichen und unterhaltsamen Tag auf der Expo zu bieten.“ Edutainment eben, das mittels unterhaltsam aufbereiteter Fakten „für globale Probleme […] sensibilisieren“ möchte. Und so entstand die Idee des „Campus Germany“, mit welchem der deutsche Pavillon in Dubai ein Thema anspreche, „das in der Region großgeschrieben und gefördert wird: die Bildung.“

Nun erscheint es fast selbstverständlich, dass sich Deutschland kompetent mit diesem Thema in Szene setzen kann – auch wenn einschlägige Studien in jüngster Vergangenheit immer wieder behauptet haben, dass das Land der Dichter und Denker bildungstechnisch internationalen Standards hinterherhinkt. Vielleicht, weil wir Deutschen dem Digitalen in typisch deutscher, aber nicht unsympatischer Manier skeptisch gegenüberstehen und – Stichworte „schnelles Internet“ und „Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt“ – wir erst heute und mit großer Verspätung so richtig loslegen. Und als wollten wir der Welt zeigen, dass wir nicht bloß Lehrmeisterkompetenz haben, die sich aus vergangenen Jahrhunderten immer noch zu speisen scheint, setzen die Ausstellungsmacher auf das Digitale.

Unterhaltsam soll das werden und überraschend, haptisch ebenso wie digital flüchtig. Wie unterhaltsam, erläutert die Messe so: „Während die Besucherinnen und Besucher auf den Einlass warten, werden sie ‚immatrikuliert‘: An einem Terminal geben sie ihren Vornamen, das Herkunftsland und ihre bevorzugte Sprache an. Sie erhalten ein Namensschild, das sie durch den Campus Germany begleiten wird. Darin verbirgt sich eine raffinierte Technik, die allen ein ganz
individuelles Ausstellungserlebnis ermöglicht.“ Es folgt eine „Ein­führungsveranstaltung“ (warum nicht „Einführungsvorlesung“?) in der „Welcome Hall“, in welcher die wissenschaftliche Grundlage des Deutschen Pavillons erklärt wird; Edutainment für jedermann? Von hier geht es zum „Energy Lab“, dem „Future City Lab“ und dem
„Biodiversity Lab“. Die Summe alles dessen bezeichnen die Ausstellungsmacher, „facts and fiction“, Köln, als „Curriculum“, nach dessen Durchlauf sich die Besucher „von Fachleuten zu Spezialisten, dann zu Experten und schließlich zu Koryphäen entwickeln.“

Koryphäe war in jedem Fall derjenige, der das Indoor-Navigationssystem „IAMU“ konzipiert und programmiert hat. So erhält jeder
Besucher bei der Anmeldung ein personalisiertes und interaktives Namensschild ausgehändigt, das Licht, Ton oder auch Medien der Sprache des Gastes anpassen kann. Das Assistenz-System, das aus der Logistik kommt, wird in Dubai in dieser Anwendung seine Weltpremiere feiern. Woher dieses Verwaltungssystem kommt, deutet
eine Meldung an, dass in der dem Expo-Gelände anliegenden, im Bau befindlichen Wohnstadt einer der Ankermieter der Siemenskonzern sein wird. Siemens wird hier sein Weltlogistikzentrum einrichten.

Der Pavillon schließlich besteht aus gestapelten Containern unter einem weiten Flugdach. Er muss – das ist die Vorgabe – nach der Expo wieder abgebaut werden, seine Nachnutzung kann allein über ein Recycling der Materialien geschehen. Tobias Wallisser hätte sich hier auch anderes vorstellen können. Doch sehen er und sein Team den Materialaufwand gerechtfertigt, sprechen der Pavillon und sein Ausstellungskonzept ganz konkret zum Thema Nachhaltigkeit und könnten damit mehr bewegen, als ein ausgeklügeltes Nachnutzungskonzept. Warum beides nicht möglich ist, wird man „Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, den Herrscher von Dubai“ (Pressetext Messe) fragen müssen. Die Expo wird vom 20. Oktober 2020 bis zum 10. April 2021 stattfinden, man rechnet mit 25 Mio. Besuchen. Be. K.

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