Pilotprojekt im sozialen Wohnungsbau

Atriumhaus, Bremen-Tenever

Am Rande der Großsiedlung aus den 1970er-Jahren in Bremen-Tenever ist im September 2019 ein Atriumhaus nach den Plänen vom Atelier Kempe Thill aus Rotterdam fertiggestellt worden. In den beiden Obergeschossen gibt es 28 geförderte Wohnungen mit 2 bis 5 Zimmern von 45 bis 105 m² Größe, im Erdgeschoss eine Kindertagesstätte und ein Stadtteilbüro. 

Das Atriumhaus ist Teil einer Kleinstsiedlung, die zurzeit in Bremen-Tenever entsteht. Die Großwohnsiedlung Osterholz-Tenever im Osten Bremens wurde in den 1970er-Jahren mit mehr als 2 000 Wohnungen für 7 700 Menschen als Demonstrativbauvorhaben errichtet und galt jahrelang als sozialer Brennpunkt. Durch Immobilienspekulationen waren die Gebäude verfallen. Anfang der 2000er-Jahre begann die Bremer Wohnungsbaugesellschaft GEWOBA mit dem Ankauf der Gebäude aus dem Eigentum Dritter und ließ dann über 900 Wohnungen abreißen, um so die Grundlage für ein neues Quartier zu schaffen – mit offenen Blickachsen und klaren städtebaulichen Strukturen.

Heute leben hier 10 000 Menschen aus 90 Nationen in intakten Nachbarschaften. „Die Menschen leben gerne hier und wissen die Vorzüge des Wohnorts zu schätzen: eine gute Anbindung an den ÖPNV, intakte Nachbarschaften sowie eine breite Palette von sozialen und kulturellen Angeboten und vielfältigen Sport- und Freizeitangeboten. Heute freuen wir uns über vollvermietete Wohnungen“, sagte GEWOBA-Vorstandsvorsitzender Peter Stubbe im Mai 2018 bei der Grundsteinlegung für das Atriumhaus auf einer der ehemaligen Abrissflächen. Seit September 2019 steht da nun das dreigeschossige Atriumhaus mit 28 geförderten Wohnungen, entworfen vom niederländischen Architekturbüro Atelier Kempe Thill. Daneben werden sechs dreigeschossige Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 42 geförderten Wohnungen gebaut; das Ganze als „Kleinstsiedlung“ innerhalb der Großsiedlung.

Strenge Vorgaben in Deutschland

„Als Folge des demografischen Wandels müssen wir umdenken. Die Leute werden älter und leben immer öfter allein. Daher gibt es zunehmend Single-Haushalte“, stellt Architekt Oliver Thill im Gespräch fest. „Während es in der Großsiedlung aus den 1970ern vor allem modernisierte Dreizimmerwohnungen gibt, benötigen wir heute viel mehr kleinere Wohnungen für Einpersonenhaushalte.“ Der Entwurf für Bremen-Tenever basiert auf einem Wettbewerbsbeitrag aus dem Jahr 2011. Damals hatte die GEWOBA unter dem Motto „Ungewöhnlich wohnen“ nach neuen Ideen für den sozialen Wohnungsbau gesucht, mit denen zugleich die Siedlungen der Nachkriegszeit verdichtet und aufgewertet werden sollten. „Im Vergleich zum europäischen Ausland ist der Spielraum beim sozialen Wohnungsbau in Deutschland nicht sehr groß. Hier gelten strenge gesetzliche Vorgaben, z. B. beim Brand- und Schallschutz, zum behindertengerechten Bauen sowie zum Energieverbrauch. Diese schmälern das Budget und den Spielraum für die Gestaltung“, betont Thill. Bei ihrem ersten Sozialwohnungsbauprojekt in Deutschland versuchten die Planer, die Kosten zu optimieren, indem sie die Erschließungsflächen reduzierten, um mehr Platz für die Wohnungen und mehr Raum für die Fassadengestaltung zu haben, als es sonst in Deutschland im sozialen Wohnungsbau üblich ist. Entstanden ist ein Pilotprojekt.

Atriumhaus als Pilotprojekt

Das dreigeschossige Gebäude hat eine Tiefe von 25 m. Der Clou sind die Erschließungszone und die Atriumzone im Zentrum des kompakten Baukörpers. Dabei machten die Architekten sich die Erfahrungen zunutze, die sie bei zwei ähnlich konzipierten Bauten aus dem Gesundheitsektor in den Niederlanden und Belgien gemacht hatten (Junky Hotel in Amsterdam/NL und Seniorenwohnen in Heist-op-den-Berg/BE). Die 28 Wohnungen in den beiden Obergeschossen werden an der Stirnseite im Norden nur über eine lange, schmale, einläufige Treppe sowie einen einzigen Aufzug erschlossen. Eine zweite Treppe im Süden dient lediglich als Fluchttreppe. Die Kindertagesstätte wird in der Mitte seitlich von Osten erschlossen und nimmt den größten Teil im Erdgeschoss ein. Alle Gruppenräume der Kita liegen an der großzügig verglasten Fassade. Ein besonders spannender Raum ist das zentrale Atrium, das von oben und über seitliche Glaswände belichtet wird. Dieser schmale, 11 m hohe Raum in der Mitte der Kita kann vielfältig genutzt werden, zum Spielen, Verweilen oder als Treffpunkt. Obwohl die Kita 25 m tief ist, hat man überall das Gefühl, nach draußen in die Natur zu schauen.

An der Nordseite im Erdgeschoss schließt ein Stadtteilbüro an. In den Obergeschossen gibt es 20 Zweizimmerwohnungen für Singles mit jeweils ca. 45 m² Größe. An den Ecken liegen 105 m² große 5-Zimmerwohnungen für Familien mit Kindern, die von zwei Seiten belichtet sind.

Holzverkleidung, Energiestandard, Brand- und Schallschutz

„Wir haben das Gebäude mit einer Balkonzone umhüllt und so den relativ kleinen Wohnungen einen großzügigen Außen- und Aufenthaltsbereich mit Blick ins Grüne gegeben“, sagt der Architekt. „Die eigentliche Gebäudehülle besteht aus dem für Deutschland typischen Wärmedämm-Verbundsystem. Der Wunsch des Bauherrn war, dem Ganzen eine Holzfassade zu geben. So ist diese Hülle aus Holzlamellen vor den Balkonen entstanden. Solche Fassaden planen wir im sozialen Wohnungsbau normalerweise eher selten“, merkt er an und zeigt ein Foto von einem vergleichbaren Projekt in Belgien mit schwarz durchgefärbten Betonfertigteilen und geschosshohen Verglasungen. Der Bauherr, die GEWOBA, erklärt ihre Entscheidung für die Holzfassade: „Die Planungsidee mit einer nahezu 100 % verglasten Fassade wäre nach deutschem Baurecht 1 : 1 nicht umsetzbar gewesen. Und das Thema Holz als nachhaltiger Baustoff für Fassaden war von uns bereits bei anderen Projekten vorher angedacht, allerdings aufgrund verschiedener Probleme (z. B. Brandschutz) noch nicht umgesetzt worden. Das Atriumhaus bot sich gerade durch die Ausbildung der zweiten Fassade vor den Balkonen sowie durch die niedrige Bauweise zusammen mit den benachbarten Gebäuden als Pilotprojekt an. Die konstruktiven Lösungen und die Entscheidung für die Beschichtung des Holzes mit einer Farbe, die den Effekt des natürlichen Vergrauens vorwegnehmen soll, wurden von uns mit besonderer Sorgfalt begleitet und getroffen.“ Die Gebäude sind alle im KfW-Effizienzhaus 55 Standard errichtet. Sie werden über einen Eisspeicher beheizt. Durch die Neubebauung einer Fläche, die bereits vorher in einem höheren Maß bebaut war, werden keine weiteren Naturflächen durch Versiegelung reduziert. Der Brandschutz war bei diesem Projekt verhältnismäßig unproblematisch, da alle Gebäude maximal drei Geschosse aufweisen. Deshalb waren auch die Holzfassaden im Hinblick auf den Brandschutz relativ problemlos herzustellen. Der Schallschutz war durch die Lärmbelastung von der Otto-Brenner-Allee (Kfz-Verkehr und Straßenbahn) ein Thema: Die Balkone liegen teilweise in einem lärmbelasteten Bereich, dafür wurden in dem Quartier hausnahe ruhige Gemeinschaftsflächen als Ausgleich angeordnet.

Europäischer Vergleich

Oliver Thill und André Kempe sind „europäisch unterwegs“ und können so Vergleiche ziehen zwischen dem Planen und Bauen von kostengünstigem Wohnungsbau in verschiedenen europäischen Ländern. Sie gründeten ihr Büro Atelier Kempe Thill 2000 in Rotterdam, weil sie im EUROPAN 5-Wettbewerb mit dem Thema „Mobilität und Nähe – Neue Landschaften urbanen Wohnens“ einen Preis für 300 Wohnungen im Rotterdamer Stadtteil Kop van Zuid gewonnen hatten. Seitdem haben sie an mehr als 170 internationalen Wettbewerben teilgenommen und so Aufträge in den Niederlanden, Frankreich, Belgien, Österreich, der Schweiz und nun auch Deutschland realisiert. Auf die Frage, wie sich die Realisierung von kostengünstigem Wohnraum innerhalb Europas unterscheide, antwortet Oliver Thill: „Es sind immer folgende Fragen: Wie groß ist das Budget und wofür wird es ausgegeben? Welche Normen gelten? Und wer entscheidet?“ In Deutschland würden im Vergleich zu den europäischen Nachbarn oft strengere Vorschriften und Normen gelten. Durch die föderale Struktur gäbe es viele verschiedene Zuständigkeiten und Gesetzgebungen sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Dazu kämen viele Entscheider, die im Bauprozess mitbestimmten. In Frankreich entscheide sehr oft der Bürgermeister. In Belgien seien die Bauherrn oft kleinere Familienunternehmen, die eine Verantwortung für gute Gestaltung und Qualität spüren und entsprechende Entscheidungen träfen. In den Niederlanden gäbe es oft Stadtbaumeister. Hier werde bei einem Bauvorhaben der Gestaltungsprozess vom Städtebau bis zur Fertigstellung durchgehend von einem Verantwortlichen der Stadt weiterverfolgt und begleitet. Während man in Deutschland immer noch ein bisschen „Angst vor dem großen Maßstab“ habe, denke man in den Nachbarländern bereits weiter. So plant das Team von Atelier Kempe Thill, das übrigens seinen Sitz in einer Inkunabel der Moderne hat – in der Van Nelle Fabrik –, zurzeit Hochhäuser für den sozialen Wohnungsbau unter anderem in Amsterdam und Rennes.⇥Susanne Kreykenbohm, Hannover

Ein schönes Beispiel typologischer Neuentwicklung. Die Stapelung von Kita und Wohnhaus wird durch die Verwebung dieser unterschiedlichen Bautypen optimiert. Es entsteht ein kompakter Baukörper mit minimalem Grundflächenverbrauch. Es ist ein wahrer Hybrid, sogar die Belichtung des zentralen Raums der Kita verläuft durch die Haupterschließung des Wohnhauses.«

⇥DBZ Heftpartner Molestina Architekten

Baudaten

Objekt: Atriumhaus, Bremen-Tenever

Standort: Otto-Brenner-Allee, Bremen

Typologie: Mehrfamilienhaus mit Kindertagesstätte und Büro

Bauherr: GEWOBA AG Wohnen und Bauen, Bremen, www.gewoba.de

Architekten: Atelier Kempe Thill architects and planners, Rotterdam/NL, www.atelierkempethill.com

Mitarbeiter (Team): André Kempe, Oliver Thill, Laura Paschke mit: Jan Gerrit Wessels, Martins Duselis, Kento Tanabe

Partner Architekt: IMP Ingenieurbüro Mirsanaye+ Partner, Bremen, www.imp-bremen.de

Generalunternehmer: Liason Nederland BV, Büro Bremen, www.liason.nl

Planungs- und Bauzeit: April 2015–September 2019

Fachplaner

Stadtplanung (Masterplan): Spengler Wiescholek Architekten, Hamburg, www.spengler-wiescholek.de

Landschaftplaner: Spalink Sievers Landschaftsarchitekten, Hannover, www.spalink-sievers.de

Tragwerksplaner: IMP Ingenieurbüro Mirsanaye+ Partner, Bremen, www.imp-bremen.de

TGA-Planer: GIG GmbH, Bremen, www.gig-gmbh.eu

ELT-Planer: Ingenieurbüro Haake, Bremen

Energieplaner: BZE Ökoplan, Hamburg,

www.bze-oekoplan.de

Brandschutzplaner: Brandschutzplanung Nord, Bremen, www.brandschutzplanung-nord.de

Projektdaten

Brutto-Grundfläche: 4 758 m²

Brutto-Rauminhalt: 17 436 m³

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