Bleibt leidenschaftlich und optimistisch!
Daniel Libeskind ist ein Star-Architekt. Auch wenn er selbst die vordergründige Verwendung dieses Markensiegels ablehnt. Sagen wir also: Er ist in der internationalen Architekturwelt eine unübersehbare Größe. Anlässlich seines achtzigsten Geburtstag (12. Mai) fragten wir nach einem Gespräch, wir bekamen es. Und damit exakt eine Stunde Zeit, um mit diesem immer noch vielbeschäftigten, sehr wachen, nachdenklichen und überraschend naheseienden Menschen zu sprechen. In Berlin.
Nachträglich alles Gute zum 80. Geburtstag! Runde Geburtstage werden gerne zum Anlass genommen, zurückzublicken. Ich mache das einmal kurz: Anfang der 1990er-Jahre schrieben Sie, dass die Architektur einen Endpunkt erreicht habe. Mehr als drei Jahrzehnte später: Sehen Sie das immer noch so?
Daniel Libeskind: Danke für die Glückwünsche … Nun, die damals von mir angesprochene Architektur haben ich vor dem Hintergund der Ausstellung „Deconstructivist Architecture“ im MoMA gesehen, das war 1988. Im MoMA wurden Arbeiten und Positionen von Zaha Hadid, Frank Gehry, CoopHimmelb(l)au, Rem Koolhaas und anderen – einschließlich meiner Person – gezeigt. Ich spürte damals den Bruch mit den Traditionen, spürte, dass sich etwas wesentlich verändern würde in der internationalen Architektur. Heute können wir die Auswirkungen dieses Bruchs mit den Gewissheiten weltweit sehen. Ich sehe die „Deconstructivist Architecture“ ähnlich bedeutend wie die von Philip Johnson kuratierte MoMA-Ausstellung zum Internationalen Stil in den 1930er-Jahren.
Ich hatte damals das Ende einer bestimmten Ära erkannt – einer reglementierten Architektur und einer bestimmten Form architektonischer Hegemonie. Eine neue Periode startete. Ich würde sie nicht unbedingt „dekonstruktivistisch“ nennen, obwohl das der Titel der Ausstellung war. Es war vielmehr eine Zeit, die andere Energien in der architektonischen Praxis freisetzte und die Haltung zum Städtebau und zum Bauen insgesamt veränderte.
Damals hatte ich noch kein einziges gebautes Projekt. Ich glaube, ich war der Einzige in dieser MoMA-Ausstellung ohne auch nur ein realisiertes Gebäude – sogar Zaha hatte schon eins. Ich arbeitete kreativ mit Zeichnungen und Modellen und versuchte, andere Ansätze für Architektur vorzuschlagen.
Jetzt sind Sie in Berlin. Es gibt eine große Ausstellung im Rahmen der Jubiläumsfeier des Jüdischen Museums. Sind Sie vor allem deshalb hier?
Nein, nein, ich liebe Berlin. Wann immer ich kann, komme ich hierher. Vor ein paar Tagen kam ich gerade aus Prag, wo wir ein großes Projekt haben. Heute habe ich mit meinem Team hier in Berlin gearbeitet. In einigen Tagen reisen wir weiter nach Afrika und nach Warschau. Außerdem habe ich Familie in Berlin, mein Sohn lebt hier, ebenso meine drei Enkelkinder.
Berlin spielt eine zentrale Rolle in Ihrer architektonischen Karriere, während New York die Stadt war, in der nach Ihrer Auswanderung aus Polen alles neu begann und in der Sie beschlossen zu bleiben. Was unterscheidet beide Städte, was haben sie gemeinsam?
New York ist ganz klar die Neue Welt. Die Wildnis der Neuen Welt, die bis heute wild geblieben ist. Berlin dagegen ist Europa. Es verkörpert die europäische Kultur in ihrer Essenz. Natürlich sind die Städte sehr unterschiedlich. Wenn ich aus meinem Fenster in New York schaue, sehe ich wahrscheinlich an einem einzigen Tag mehr Menschen aus der U-Bahn kommen, als ich auf dieser Straße hier in Berlin in einem Jahr sehe. Beide Städte sind großartig, aber auch sehr verschieden. Gleichzeitig teilen sie etwas: einen intellektuellen Schwung, eine bestimmte Form von Intelligenz …
Sie sprachen gerade die Wildnis an: Ist das wilde, kämpferische, unangepasste Berlin verschwunden?
Über die Jahre geschaut ist es hier natürlich anders geworden. Als ich 1989, noch vor dem Fall der Mauer, hierherkam, war Berlin deutlich wilder. Dennoch glaube ich, hat sich die Stadt eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt – trotz Regierungssitz und Bürokratiemaschinerie. Immer noch ist Berlin eine Stadt, in der man Freiheit spürt. Das verbindet übrigens wieder Berlin mit New York. Man kann sein, wer man ist.
Was in Ihrer Wahlheimat gerade anders ist … In Berlin gab es den Senatsbaudirektor Hans Stimmann …
Nun ja ...
Stimmann stand für Rigidität, 22 m Traufhöhe, steinerne Fassaden … nicht unbedingt für das Liberale!
Behörden sind generell, vielleicht strukturell, repressiv, – das ist ihrer Funktion inhärent, technokratische und bürokratische Kontrolle über einen bestimmten Bereich auszuüben. Baubehörden, Planungsbehörden müssen Architektur in einem engen Korsett halten. Dass sie dabei auch das Neue verhindern, ist manchmal tragisch. Aber das ist wohl in jeder Stadt so. In Berlin hatte man damals ein besonders starkes, ich würde sagen, reaktionäres Selbstverständnis. Man tat so, als sei nach 1939 nichts passiert und nach 1945 einfach alles unverändert weitergegangen.
Der Mythos von der „Stunde Null“, nicht nur ein deutsches Phänomen. Wie fühlt es sich an, in den USA unter einem Präsidenten zu leben, dessen Intoleranz den Eindruck vermittelt, dass auch ein erheblicher Teil der amerikanischen Gesellschaft intolerant ist?
Es fühlt sich nicht gut an. Wir haben eine Regierung, die daran arbeitet, die Demokratie zu zerstören. Das ist kein Geheimnis. Man sieht es jeden Tag in den Nachrichten. Wir haben einen Tyrannen.
Trotzdem: Ich bin grundsätzlich Optimist. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben immer mal wieder Phasen erlebt, in denen die Demokratie geschwächt wurde. Aber sie haben sich immer wieder erholt. Wir sind ein Einwanderungsland, ein Land, in dem Freiheit nicht nur ein Wort ist. Ich glaube, nicht mehr lange, dann werden die Menschen aufwachen und ich weiß, dass ein solches Regime langfristig keinen Erfolg haben wird.
Freiheit ist nicht nur ein Wort, sondern auch ein Gebäude?
Ja, genau.
Vielleicht kommen wir später noch auf Ihren „Freedom Tower“ zurück. Der Begriff des „Star-Architekten“ scheint an Bedeutung zu verlieren. Gleichzeitig gibt es offenbar gerade in Krisenzeiten wie diesen wieder eine Sehnsucht nach überlebensgroßen Architektenfiguren.
Ich denke, der Begriff „Star-Architekt“ ist eine kommerzielle Erfindung. Star-Architekten gibt es nicht. Es gibt gute Architekten und schlechte Architekten. Architekten, die etwas Bedeutendes leisten und andere, die das nicht tun. Wir brauchen die Stars nicht. Wir brauchen Architekten mit Charakter, mit Originalität und Erfindungsgeist. Und: Gute Gebäude überleben ihre Architekten. Vielleicht sind sie ja die Stars!
Aber was macht gute Architektur aus und wozu ist sie gut?
Nun, sie vereint das Gute, das Wahre und das Schöne. Heute ist es fast schon ein wenig peinlich, diese Worte zu benutzen, viele lachen darüber. Aber denken Sie einmal darüber nach: Ein gutes Gebäude besitzt Integrität, es hat etwas Wahrhaftiges. Diese Wahrhaftigkeit vermittelt es durch seine Räume, seine Funktionalität und seine Erscheinung im Stadtraum. Deshalb halte ich das für eine ebenso gute Definition.
Das klingt auch nach Singularität ... Ist das Einzigartige heute noch wichtig?
Absolut, solange Menschen existieren, wird es Einzigartigkeit geben. Vielleicht dann nicht mehr, wenn wir zu binären Einheiten in irgendeinem KI-System werden.
Apropos: Wo sehen Sie heute die großen Chancen und Herausforderungen der Architektur? Welche Rolle sollten Architekten in der Gesellschaft spielen und welche könnten sie künftig übernehmen? Verändert sich diese Rolle?
Ja, sie verändert sich. Die Herausforderungen kennen wir alle: der Verlust sozialer Gleichheit, unbezahlbarer Wohnraum, wachsende Einkommensunterschiede, der Klimawandel, Migration und der technologische Wandel.
Die Welt steht heute vor gewaltigen Herausforderungen. Sie ist instabil – und vielleicht haben wir Architekten eine entscheidende Rolle, eine neue Stabilität zu schaffen. Schon bei den einfachen Dingen, der Straße, der Fenster, der Haustür. Sie sind viel beständiger, als wir ihnen oft zugestehen.
Architektur schenkt den Menschen ein Zuhause. Deshalb tragen Architekten die Verantwortung, dieses Zuhause auch in Zeiten vielfältiger Krisen zu schaffen. Ein Zuhause zu schaffen, bedeutet weit mehr, als einfach nur ein Grundstück zu bebauen. Es bedeutet, die eigentlichen Grundlagen des menschlichen Lebens und Geistes zu berühren. Nicht die Größe einer Wohnung oder eines Hauses macht es gut, sondern sein Geist. Das war wohl immer so.
In unserer Zeit müssen wir uns um die demokratische Stadt kümmern – eine Stadt, die jedem Menschen die Chance auf ein Zuhause gibt und zwar auf ein Zuhause in Würde.
Deshalb war ich glücklich darüber, in New York zwei Projekte für sozialen Wohnungsbau realisieren zu können, darunter eines für die New Yorker Wohnungsbaugesellschaft in Brooklyn. Dort leben zu etwa 30 Prozent ehemals obdachlose Menschen, außerdem ältere und sehr einkommensschwache Bewohner.
Wenn ich Ihr Gesamtwerk betrachte, macht sozialer Wohnungsbau dort nur einen winzigen Teil davon aus. Ein neuer Schwerpunkt?
Ja, es ist nur ein kleiner Teil meines Werks, aber ein sehr wichtiger – vielleicht sogar der wichtigste. Ich habe viele Luxusprojekte realisiert, doch bezahlbarer Wohnraum ist überall auf der Welt von zentraler Bedeutung – ob in New York, Berlin oder Peking.
Kommen wir zu Themen wie Low-Tech-Lösungen, Ressourcenschonung, nachhaltiges Bauen und weiteren Stichworten, die den gegenwärtigen, zumindest deutschen Architekturdiskurs prägen. Welchen Stellenwert haben diese Themen in Ihrer Arbeit?
Einen sehr hohen. Die Wiederentdeckung grundlegender Fragen – wie ein Gebäude ausgerichtet ist, aus welchen Materialien es besteht und wie es auf Natur und globale Zusammenhänge reagiert – ist von entscheidender Bedeutung. Diese Aspekte waren eigentlich schon immer wichtig.
Spiegelt sich das auch in Ihren großen, durchaus spektakulären Projekten wider?
Absolut! Schauen Sie sich mein Projekt in Mailand an. Dort habe ich den Wohnungsbau in einem der drei Türme entworfen und den Mas-terplan für das gesamte Quartier erstellt. Dieses Projekt erhielt als Stadtviertel die höchste Nachhaltigkeitsauszeichnung der Europäischen Union. Dabei ging es nicht nur um ein einzelnes Gebäude. Auch in New York, am Ground Zero, habe ich die ökologischen Leitlinien für sämtliche Gebäude entwickelt. Diese gingen weit über die Anforderungen der Stadt und des Bundesstaates New York hinaus.
Nachhaltigkeit ist außerordentlich wichtig, aber ich glaube, viele vergessen einen ihrer grundlegendsten Aspekte: die Erinnerung. Das Nachhaltigste überhaupt ist ein Gebäude, um das sich Menschen kümmern.
Meinen Sie damit den Erhalt bestehender Gebäude?
Ja – bestehende Gebäude, aber ebenso neue Gebäude, die so bedeutend werden, dass die Menschen sie wertschätzen und erhalten wollen.
In Europa erfährt das frühe Werk des Ende 2025 verstorbenen Frank Gehry neue Aufmerksamkeit. Ihre eigene Laufbahn war zunächst durch Lehre, Theorie und Bücher geprägt, bevor Sie mit großen Museumsbauten international bekannt wurden. Gibt es eine Verbindung zwischen dem Schriftsteller und Theoretiker einerseits und dem Architekten und Baukünstler andererseits?
Natürlich. Da fehlt nichts. Architektur entsteht nicht auf der Baustelle und auch nicht aus Bautechniken heraus. Leon Battista Alberti war der Erste, der dies wirklich formulierte: Die Renaissance entstand aus einer Idee. Man setzte nicht einfach die mittelalterlichen Bauweisen fort. Man erkannte, dass Wissen, die Wiederentdeckung der Geschichte und die Philosophie die eigentlichen Triebkräfte des menschlichen Denkens und damit auch der Architektur sind.
Die Wiederentdeckung der Traditionen über ein intensives Studium ist die Voraussetzung dafür, Traditionen zu brechen. Genau das habe ich getan, und ich glaube, viele andere Architekten sind denselben Weg gegangen. Sie haben sich nicht einfach dem angepasst, was gerade gebaut wurde, was gerade in Mode war. Und deshalb bin ich davon überzeugt, dass Architektur aus einem geistigen Umfeld hervorgehen muss.
Welches war das kleinste Projekt Ihrer Karriere? Und welches könnte künftig Ihr kleinstes werden? Klein meint ja auch „Kleinod“ …
Ja, Kleinod, ein schönes Wort … Vor Kurzem habe ich ein Projekt für Richard Hennessy abgeschlossen – die produzieren den teuersten Cognac der Welt. Man bat mich, den Dekanter aus Baccarat-Kristall sowie die passenden Gläser zu entwerfen.
Ich meinte allerdings eher Architektur und nicht Produktdesign.
Aber auch das ist Architektur. Selbst ein kleines Objekt wie dieses verlangt dieselbe architektonische Leidenschaft wie ein großer Stadtentwicklungsplan. Natürlich hatte ich auch das Glück, ein kleines Wohnhaus in Connecticut zu entwerfen, eigentlich mein erstes richtiges Haus. Das erste gebaute Projekt war zuvor ein Atelier für einen Künstler auf Mallorca. Es folgten ein weiteres Wohnhaus in Tel Aviv … Ja, Kleinode, kleine Juwelen. Klein im Maßstab, aber äußerst faszinierend.
Ein weiteres Projekt, das mit einer anderen Art von Maßstab zu tun hat, ist ein Filmprojekt, an dem ich derzeit mit einer dänischen Filmgesellschaft arbeite. Der Regisseur ist Michael Madsen, der Film handelt von architektonischer Kreativität – und von mir. Soweit ich weiß, soll der Film im Herbst vorgestellt werden.
Wer macht eigentlich Architektur? Sie als genialer Entwerfer? Das Kollektiv? Das Architekturbüro als Organisation?
Das ist eine gute Frage. Wer macht Musik? Ist es Mozart, der kurz vor der Aufführung die Ouvertüre zu „Don Giovanni“ in seinem Zimmer niederschreibt? Oder ist es das Orchester in Prag, das das Werk in kürzester Zeit einstudieren musste und es am selben Abend unter großem Beifall aufführte?
Ich denke, mit Architektur verhält es sich ähnlich. Natürlich ist sie eine gemeinschaftliche Leistung und niemand schafft Architektur allein – genauso wenig wie Musik allein entsteht. Aber: Ohne Mozarts Partitur gäbe es keinen Klang. Gar keinen.
Man braucht Mitstreiter, kreative Menschen. Doch der Ausgangspunkt bist immer du selbst. Es muss deine Idee sein. Ob du sie auf eine Serviette zeichnest oder auf ein Blatt Papier – das war schon immer so. Und ich glaube nicht, dass sich das durch neue Technologien grundlegend ändern wird.
Machen Sie Ihre Skizzen inzwischen auf einem Tablet?
Auch, aber meistens auf Papier. Manchmal benutze ich ein Tablet, wenn ich unterwegs und weit von New York entfernt arbeite.
Der Maler David Hockney hat sehr intensiv mit dem Tablet gearbeitet, da war er schon über 80!
Er war fantastisch! Er hat auf dem iPad gemalt und gezeigt, dass neue Technologien durchaus kreative Werkzeuge sein können. Aber für mich bleibt das Zeichnen auf Papier etwas Besonderes. Trotzdem nutze ich digitale Mittel für die Kommunikation und für bestimmte Arbeitsprozesse.
Wo tritt die digitale Welt in Ihre Arbeit ein? Welche Rolle spielen digitale Werkzeuge, Daten und rationale Prozesse für Ihr architektonisches Denken?
Nun, ich könnte die Gebäude, die ich heute baue, ohne die digitale Welt überhaupt nicht realisieren. Um Gebäude termingerecht und innerhalb des Budgets umzusetzen, braucht man all diese Technologien, das gehört heute selbstverständlich zum Realisierungsprozess, einen anderen Weg gibt es nicht. Ich persönlich nutze sie jedoch nicht.
Ihr Jüdisches Museum: Wie erleben Sie das Gebäude heute – viele Jahre nach seiner Eröffnung? Hat sich Ihr Blick darauf verändert?
Wenn ich ins Jüdische Museum zurückkehre – und das habe ich sehr oft getan –, sehe ich Menschen, junge, ältere, und all die entdecken das Gebäude auf ihre ganz eigene Weise. Das zu sehen, zu beobachten ist ein wunderbares Gefühl. Wirklich großartig.
Als ich zum ersten Mal den Erweiterungsbau des Berlin Museums – das spätere Jüdische Museum – sah, befand er sich noch im Bau. Ich war tief beeindruckt von seiner Radikalität. Nachdem die Ausstellung eingezogen war, wirkte das Gebäude auf mich weniger radikal, weniger skulptural, weniger wie eine Zeichnung, die in Raum übersetzt wurde. Wie haben Sie diese Veränderung damals erlebt?
Nun, ich denke, die erste Ausstellung war eher schwach. Aber längst gibt es ein viel besseres Verständnis dafür, wie eine produktive Beziehung zwischen den Exponaten und dem Gebäude geschaffen werden kann. Natürlich habe ich – Sie spielen wohl darauf an – das Gebäude nicht als eine Skulptur entworfen. Ich habe es als Museum entworfen. Deshalb muss es Objekte enthalten und deren Geschichten erzählen. Ich habe längst verstanden, dass Kuratoren und Direktoren Zeit brauchen, um ein Gebäude wirklich zu verstehen. Diese Zeit haben sie sich genommen.
Ich trauere immer noch so mancher räumlichen Singularität hinterher.
Da bin ich wohl weniger nostalgisch als Sie!
Da das Jüdische Museum auch aus einer Stadtplanzeichnungen entwickelt wurde: Zeichnen wird oft als „Denken mit der Hand“ beschrieben. Wie viel zeichnen Sie jeden Tag?
Ich zeichne ständig. Ich fertige unzählige Zeichnungen an. Besonders während und nach der COVID-Zeit, als sich alles verlangsamte, habe ich sehr viel gezeichnet – neue Ideen für Architektur, neue Vorstellungen davon, wie man etwas zeigen kann, das gerade entsteht. Für mich ist das Zeichnen der eigentliche Weg zur Architektur.
Wie bin ich Architekt geworden? Indem ich die Meister studiert habe. Also Piranesi, Alberti und die großen Meister der Architektur. Ich bin nicht Architekt geworden, weil ich gut vernetzt war, ich bin ausschließlich durch das Zeichnen Architekt geworden.
Sind die ersten Skizzen immer Schwarz auf Weiß?
Sie entstehen fast immer mit schwarzer Tinte auf weißem Papier. Das hat sich eigentlich kaum verändert. Ich liebe Tinte, und ich liebe Papier. Sie sind schneller als der Computer. Sehr viel schneller. Zu zeichnen ist wesentlich effizienter und auch nachhaltiger, als all die Energie aufzuwenden, die Computer verbrauchen. Außerdem kann man beim Zeichnen ganz einfach radieren oder etwas überarbeiten. Am Computer ist das Löschen paradoxerweise viel schwieriger. Ein Bleistift und ein Blatt Papier, das sind ziemlich gute Symbole für die Zukunft.
Ist Zeichnen eher Meditation oder wirkliches Denken?
Zeichnen ist wirkliches Denken, Nachdenken, ja, vielleicht auch Meditation, denn es kann einen in Richtungen führen, auf die man allein mit dem Verstand niemals gekommen wäre. Wenn Zeichnungen von etwas inspiriert werden, das über einen selbst hinausgeht, dann weisen sie einem den Weg.
Mein Eindruck ist, dass die Deutschen sowohl Sie als auch Ihre Gebäude sehr schätzen. Wie stehen Sie zur deutschen Kultur? Und als Sohn von Holocaust-Überlebenden: Ist die deutsche Sprache – die Sie bewusst nie aktiv gesprochen haben – für Sie bis heute etwas Schwieriges?
Die deutsche Kultur hat mich schon immer inspiriert. Das begann nicht erst, als ich nach Deutschland kam. Es war nicht das erste Mal, dass ich Paul Celan las, als ich am Jüdischen Museum arbeitete. Es war auch nicht das erste Mal, dass ich mich mit den Werken Hegels oder Heideggers beschäftigt habe.
Heidegger!?
Ein Nationalsozialist, ich weiß. Aber auch ein großer Denker. Ein Paradox? El Lissitzky, Kommunist und zugleich ein großer Gestalter und Architekt … Die deutsche Kultur steht mir sehr nahe, sie begleitet mein Leben von Anfang an. Die deutsche Literatur gehört dazu – auch wenn ich sie selbstverständlich nicht im Original gelesen habe. Aber mein Deutsch ist im Laufe der Zeit deutlich besser geworden, vor Kurzem habe ich einige Erzählungen von Kafka auf Deutsch gelesen. Ich liebe das deutsche Denken, damit auch die Sprache, die längst die Sprache meiner Kinder ist. Rachel, meine Tochter, spricht fließend Berlinerisch, der Sohn hält Vorlesungen über Relativitätstheorie auf Deutsch. Ich habe also sehr gute Lehrer.
Wie verhält es sich mit Ihrem Jüdischsein? Würden Sie sich selbst als einen jüdischen Architekten bezeichnen oder ist Architektur letztlich eine überkonfessionelle Praxis?
Ich bin ohne Zweifel Jude. Aber ich haben keinen „jüdischen Hut“ auf, wenn ich ein jüdisches Projekt entwerfe, und nehme ihn wieder ab, wenn ich ein säkulares Wohnhaus plane. Mir geht es um eine Haltung, eine Sensibilität.
Und worin besteht diese?
Sie besteht in der Ablehnung von Autoritarismus, in der Suche nach Freiheit, in einer Art Befreiung. Sie richtet sich auf den Menschen, auf Solidarität mit anderen Menschen. Sie besitzt ihre eigenen Werte und diese Werte gehören der ganzen Welt. Sie sind universell.
Nun eine schwierige Frage: Der Schweizer Architekt Miroslav Šik – Erfinder der Analogen Architektur –, sagte mir einmal, dass er trotz seines Erfolgs und seiner internationalen Anerkennung nie wirklich vom architektonischen Establishment der Schweiz akzeptiert worden sei. Der Grund: Er habe sich in seinem Leben niemals eine Braun-Stereoanlage leisten können – jene Art von Hi-Fi-Anlage, auf der die vorgeblichen Kenner zeitgenössischen Jazz hörten. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Das ist eine gute Frage. Wissen Sie, ich halte es mit Groucho Marx, der einmal sagte: „Ich möchte keinem Club angehören, der bereit wäre, mich als Mitglied aufzunehmen.“ In vielerlei Hinsicht war ich tatsächlich immer ein Außenseiter. Das stimmt. Ich gehörte nie wirklich zu dem Kreis, der sich gegenseitig professionelle Anerkennung verschafft.
Mit welcher architektonischen Familie fühlen Sie sich denn verbunden?
Ich fühle mich Schriftstellern, Filmemachern, Künstlern und Philosophen immer schon viel näher als Architekten.
Zum Abschluss: Welchen Rat geben Sie der kommenden Generation von Architektinnen und Architekten?
Bleibt leidenschaftlich und optimistisch in Bezug auf das, was ihr tun möchtet! Bleibt neugierig, kritisch! Und baut keine Gebäude, schafft keine Entwürfe, die sich von autoritären Regimen vereinnahmen lassen. Wenn die Architektur der Jungen nicht von einem Diktator vereinnahmt werden kann – so wie der Jazz niemals von den Nationalsozialisten vereinnahmt werden konnte –, dann befinden sie sich auf einem guten Weg. Und natürlich sollen sie sich einlassen darauf, für was Architektur steht: die freien Künste, die
Poesie, die Sprache, die Geschichte, die Philosophie, die Kunst, die Musik, den Tanz. Das sind die eigentlichen Grundlagen der Architektur. Darin liegt das Feld des Außergewöhnlichen. Und: Zeichnet wieder, schlaft nicht vor dem Computer ein, bleibt lebendig!
Es ist schwer, anderen Ratschläge zu geben. Aber eines weiß ich: Propaganda zu widerstehen und autoritären Ideen entgegenzutreten, verlangt eine bewusste Entscheidung. Es bedeutet, nicht mit allen anderen auf der großen Autobahn zu fahren. Es bedeutet nicht einmal unbedingt, ein festes Ziel zu haben. Es bedeutet, auf seinem eigenen Weg zu bleiben, ohne sich nach links oder nach rechts ziehen zu lassen. Ich sage immer: Man braucht kein Ziel. Man muss nur auf dem eigenen Weg bleiben. Man weiß ohnehin nicht, wohin dieser Weg einen führen wird.
Ich wusste es auch nicht. Ich hatte so viele unterschiedliche Karrieren – als Musiker, als Professor. Ich hatte einfach Glück. Sehr viel Glück. Und eine fantastische Ehefrau. Ich könnte dieses Interview nicht beenden, ohne Nina zu nennen. Wer wäre ich ohne sie? Sie ist nicht nur meine Lebensgefährtin und die Liebe meines Lebens, sie ist auch meine wichtigste Mitarbeiterin – auf eine Weise, die ich mir in der Architektur allein niemals hätte vorstellen können. Ja, man braucht andere Menschen. Man sollte sich mit ein oder zwei Menschen umgeben – vielleicht sogar mit drei, wenn man großes Glück hat –, die an einen glauben. Denn wenn niemand an einen glaubt, wird man nichts zustande bringen.
Mit Daniel Libeskind unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 16. Juni 2026 in einem Café in Berlin.
