Demokratische Ikonographie?
Um mit der richtigen Erwartungshaltung in die Lektüre zu starten, muss man den Titel des Buches genau lesen. Die drei Kapitel stellen zwar die Frage, was demokratische Architektur ist und ob es sie überhaupt gibt – eine proustsche Suche, die hier aber nicht ganz so lang ausfällt. Wer aber glaubt, auf den etwas mehr als 250 Seiten eine Antwort darauf zu finden, sucht vergebens. Eine solche Prämisse sei in der Tat bereits fehlleitend, so der Autor und Politologe Jan-Werner Müller: „Politische Probleme haben keine architektonische Lösung, aber architektonische Probleme haben politische Lösungen.“ Bis zu dieser Schlussfolgerung, die der Autor erst in der Coda ausspricht und die den Leserinnen eigentlich „schon immer klar gewesen sein sollte“, untersucht er die Geschichte und die Bedeutung von Plätzen, Palästen und Straßen der Demokratie.
Die ausgeführten Beispiele haben zwar Architektur als Kulisse, doch im Vordergrund steht das gesellschaftliche Handeln. So soll es schließlich in einer Demokratie sein. Was jedoch fehlt, ist eine Definition von Demokratie. Das antike Athen, Washington, Berlin, Dhaka, Brasília und andere alte wie neue Machtzentren und ihre ganz unterschiedlichen „demokratischen Architekturen“ werden immer wieder verglichen.
Dies lässt den Schluss zu, dass es ein allgemeingültiges Verständnis von Demokratie gab und immer noch gibt. Zwar ist dem Autor bewusst, dass dem nicht so ist, doch dies ist meist nur zwischen den Zeilen lesbar. Müller offenbart schließlich in einer gelungenen rhetorischen Klammer, dass die demokratischste aller Architekturen diejenige ist, die es nicht gibt, die immer neu geschaffen wird. Nicht der Palast oder der Platz … am ehesten vielleicht die Straße? Demokratie ist, das sollte uns allen klar sein, kein Endzustand, schon gar nicht ein materieller.
Das Buch gibt nur wenige Antworten. Es lädt uns (Politologinnen wie Architektinnen) aber ein, über diese vermeintlich demokratischen Orte und über Demokratie selbst nachzudenken. In diesem Sinne hätte es pessimistischer enden können. Der Autor entschied sich letztendlich für einen nüchternen Realismus mit vereinzelten Aufschreien. AGh
