Dichte und Durchlässigkeit

Transformation einer Garage zu 63 Wohnungen, Paris/FR

Ein ehemaliges Parkhaus im Herzen von Paris wurde zu 63 Sozialwohnungen umgebaut, die trotz der dichten Bebauung licht- und luftdurchflutet sind. Gezielte Eingriffe in die bestehende Substanz zeigen, dass sich auch diese vermeintlich schwierige und zunehmend obsolete Typologie für neue, notwendige Nutzungen eignen kann, ohne dabei ihren Charakter oder ihre Geschichte zu verlieren.

Das Auto ist aus unseren Städten heute (noch) nicht wegzudenken. So sind auch Parkhäuser wie selbstverständlich Teil unserer urbanen Infrastruktur. Einst waren sie Zeichen des technischen Fortschritts und dienten nicht nur als Lagerflächen für die Maschinen auf vier Rädern. Waschanlagen, Reparaturwerkstätten und Treffpunkte befanden sich an diesen Orten. In den 1970er-Jahren erlebten sie einen Bauboom, der zu anfälliger Bausubstanz führte. Heute sind sie zunehmend unbeliebte (Angst-)Räume und dienen hauptsächlich Kaufhäusern oder Einkaufsstraßen, deren Bedeutung ebenfalls immer mehr in Frage gestellt wird. Und obwohl die sogenannte Mobilitätswende in den wenigsten Städten Europas zu sehen ist, verschwindet der ruhende Individualverkehr immer mehr von den Straßen unter die Erde.

Das Versprechen der Parkhäuser, als Erweiterung des eigenen Wohnraums zu fungieren, kann heute guten Gewissens gebrochen werden. Das Auto ist zwar immer noch präsent und un­abdingbar bei der Stadtplanung, aber kein selbstverständliches Familienmitglied mehr. Vor allem in Metropolen: 2025 wurden in Berlin 334,5 Pkws je 1  000 Einwohnerinnen gezählt, in Baden-Württemberg dagegen doppelt so viele. Deutschlandweit wurden 590 Pkws je 1 000 Einwohnerinnen gezählt (Quelle: Kraftfahrtbundesamt, KBA).

In Paris, der am dichtesten besiedelten Stadt Europas, sind es laut Eurostat im Jahr 2022 ebenfalls nur rund 350 Pkws je 1 000 Einwohnerinnen im Stadtzentrum. Zudem hat Paris ein stadtweites Tempolimit von 30 km/h sowie sogenannte „Ruhe­zonen“ eingeführt, um den Durchgangsverkehr zu kontrollieren (Quelle: EU Urban Mobility Observatory). Das lässt den Schluss zu, dass – auch angesichts der steigenden Kosten für den Individualverkehr – ein enges ­ÖPNV-Netz dazu führt, dass die Nutzung von Pkws deutlich sinkt.

In bester Lage

Parkhäuser verlieren an Nutzen und viele sind zunehmend vom Verfall bedroht. Einigen droht der Abriss. Für andere – auch hierzulande – werden Konzepte entwickelt, wie die meist innerstädtisch gelegenen Gebäude neu genutzt werden können: Kitas, Co-Working-Spaces, Ateliers, Gewerbe … Wohnen? Die Schwierigkeiten scheinen die Skepsis gegenüber solchen Transformationen aufrechtzuerhalten. Schadstoffe, niedrige Raumhöhen, eine schlechte Isolierung etc. machen Umnutzungen schwierig und kostspielig.

Atelier Téqui Architectes hat es jedoch in der Pariser Innenstadt geschafft, ein ungenutztes Parkhaus zu transformieren und eine Wohnnutzung in bester Lage zu realisieren. Der 1957 als zweigeschossiges Gebäude errichtete Bau wurde bereits in den 1960er-Jahren um sechs Obergeschosse aufgestockt. Zur Fassade hin präsentiert er sich mit den  damals typischen Bandfenstern und dünnen Profilen. Dieses Erscheinungsbild ist bis heute erhalten geblieben und trägt dazu bei, dass sich das Gebäude gut in die Nachbarschaft einfügt. Nachdem das Parkhaus kurze Zeit leer stand, wurde 2018 ein Wettbewerb ausgelobt, der sowohl eine Umnutzung als auch einen Abriss zuließ. Das Pariser Büro konnte mit seiner Vision für das Parkhaus überzeugen und baute es zwischen 2022 und 2025 zu sozialem Wohnraum um.

Das Grundstück befindet sich im 11. Arrondissement, im beliebten Viertel Saint-Ambroise nördlich der Seine. Die enge Bebauung stellte die erste große Herausforderung dar: Das tiefe Parkhausgebäude musste durch Einschnitte in die Substanz für die Wohnnutzung angepasst werden, um auch den innenliegenden Wohnungen ausreichend natürliches Licht zu ermöglichen. Dafür hat Atelier Téqui die Rampen des Parkhauses vollständig entfernt und Lichthöfe geschaffen. Die Bauweise des Bestands hätte allgemein eine hohe Anpassungsfähigkeit gezeigt, erklären die Architektinnen: Sechs innere Stützen verteilen die Last auf ein Netz aus Haupt- und Nebenträgern, die wiederum dünne Betonplatten tragen. Somit konnten die Einschnitte relativ unproblematisch ausgeführt werden, wobei die Träger im Freiraum sichtbar bleiben und „die Geschichte des Gebäudes weitererzählen“.

Höhen und Tiefen

Bei der Transformation der Garage wurden ihre ursprüngliche Volumetrie und Proportionen berücksichtigt. Während der vordere Teil des Gebäudes zur Straße hin sechsgeschossig war, war der hintere dreigeschossig. In den beiden Gebäudeteilen sind die Geschosse auch in der Höhe leicht versetzt, sodass Halbgeschosse entstehen. Durch die Aufstockung weist das Gebäude heute eine noch abwechslungsreiche Höhenlandschaft auf, um eine möglichst hohe Wohnqualität und einen optimalen Lichteinfall auch für die hinteren Wohnungen zu schaffen: Der straßenseitige Gebäudeteil verfügt nun über neun Obergeschosse, der hintere Teil erreicht sechs Obergeschosse.

In Anbetracht der verschiedenen Höhen wurde eine einzige zentrale vertikale Achse für die Erschließung eingefügt, die beide Teile bedient. Zwei versetzt verlaufende Aufzüge gewährleisten Barrierefreiheit. Pro Geschoss wurden drei bis fünf Wohnungen realisiert. Durch die Innenhöfe sind diese immer aus mehreren Richtungen belichtet, sodass natürliches Licht überwiegt. Der hinterste Gebäudeteil, von allen Seiten von Häuser umgeben, wird durch ein eigenes Treppenhaus erschlossen. Hier sind die Wohnungen kleiner und öffnen sich zu Terrassen, die sich auf unterschiedlichen Höhen befinden.

Das Parkhaus behält somit zwar seine Kubatur, verliert aber seine verschlossene Massivität. Es wird licht- und luftdurchlässiger und gleichzeitig ist eine Versickerung des Regenwassers durch Begrünung und Terrassierung möglich.

Der Garten im Erdgeschoss sowie die Begrünungen der Dächer und der Terrassen erzeugen ein angenehmes Klima und eine hohe Aufenthaltsqualität als Erweiterung des Wohnraums. Ein Gemüsegarten auf dem Dach der Aufstockung ist für alle Bewohnerinnen zugänglich und schafft einen gemeinschaftlichen Treffpunkt für das gesamte Haus. So verfügen alle Wohnungen über Wintergärten, Loggien oder Terrassen auf der Rückseite über einen direkten oder indirekten Zugang zum Außen­bereich.

Doppelte Fassade

Die originale Fassade des Parkhauses zur Avenue Parmentier hat Atelier Téqui fast vollständig konserviert. Die auskragenden Betonträger wurden restauriert und weiß gestrichen, sodass sich hier die Tragstruktur anhand der sich verjüngenden Träger ablesen lässt. Das schmale Fensterband oberhalb der Fensteröffnungen blieb erhalten und nur die originalen Blenden der Parkhaus-Fassade wurden durch Aluminium-Schiebefenster ersetzt. Durch das Zurücksetzen einer neuen ­Trockenbau-Fassade aus Gipskartonplatten, mit Sperrholz verkleidet, haben die Architektinnen einen überdachten und bei Bedarf schließbaren Zwischenraum geschaffen. Dieser steht den Wohnungen als Außenraum zur Verfügung und erweitert als Wintergarten im geschlossenen Zustand die Innenräume: Faltbare Holzfenster ermöglichen zudem die großzügige Öffnung des Wohnraums zu dieser Pufferzone hin.

Die zweite, innere Fassade schafft mit ihrer Holzverkleidung und einer schmalen, durchlaufenden Fuge den gewünschten Kontrast zu den Bestandsmaterialien. Gleichzeitig zeichnen die Träger eine räumliche und zeitliche Kontinuität zwischen Innen und Außen sowie zwischen Alt und Neu.

Die Aufstockung

Die dreigeschossige Aufstockung ruht auf einem Stahl-Traggerüst, während die Wände und die Decken jeweils in Holzrahmenbauweise beziehungsweise aus verleimtem Massivholz (Fichte) gefertigt sind. Um die hinzukommende Last zu tragen, führen zusätzliche Betonstützen durch die gesamte Höhe des Bestands in eigene Fundamente, die aus einem Netz aus Mikropfählen und Fundamentbalken bestehen und somit die bestehende Struktur entlasten.

Um das Neue im Kontrast zum Alten ablesbar zu machen, setzt sich die Fassade der Aufstockung durch eine Bekleidung aus dunklen Lärchenlamellen von der sonst weiß verputzten Oberfläche des Bestands ab. Durch die Verjüngung der Geschosstiefe nach oben haben auch diese Wohnungen einen Zugang zum Außenraum in Form von Balkonen sowie zum Dach. Im gesamten Gebäude sind die Grundrisse an die unregelmäßige Gebäudeform und die Durchbrüche angepasst, sodass eine Vielzahl an Grundriss-Typologien und Wohnungsgrößen entsteht, darunter auch zwei Maisonette-Wohnungen. Maßgebend war dabei die jeweils unterschiedliche Ausrichtung der 63 Wohnungen zu ihren natürlichen Lichtquellen, wodurch sich innerhalb des dichten Gebäudeensembles immer wieder unterschiedliche Wohnqualitäten ergeben.

Möglichkeiten nutzen

Die Architektinnen von Atelier Téqui konnten das ungenutzte Parkhaus in relativ kurzer Zeit sanieren, in eine ganz andere Typologie transformieren, und gleichzeitig das meiste der Bestandsubstanz erhalten – von der Fassade bis zum Tragwerk. Die Eingriffe, die zur Erschließung des Gebäudes und zu seiner Belichtung notwendig waren, wurden auf ein Minimum reduziert. Von außen ist diese Transformation kaum erkennbar, nur die Fassade erinnert ein geschultes Auge an die Geschichte des Gebäudes – und natürlich die Aufstockung, die zwar Kontrast schafft, aber sich zurückhaltend zum Bestand verhält. Im Inneren und in den Lichthöfen sind es die Träger, die an die ehemalige Nutzung erinnern.

Projekte, die einen Umbau von Parkhäusern oder Garagen zu anderen Nutzungsformen vorsehen, sind noch vergleichsweise gering an der Zahl. Doch sie sind nicht unauffindbar. In ihnen stecken unweigerlich Herausforderungen, die Anpassungen – vor allem an die bekannterweise anspruchsvolle Wohnnutzung – erst einmal unmöglich erscheinen lassen. Aber sie beinhalten auch große Potenziale, wie sie zum Beispiel in ihrer regelmäßigen Geschossstruktur, den offenen Grundrissen und oftmals robusten Materialien zu finden sind. Diese zu erkennen und in ihnen nicht Grenzen, sondern Spielräume zu sehen, ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll, wie das Projekt von Atelier Téqui in Paris zeigt: Alt und neu wechseln sich in Materialität und Formen ab. Dabei wertet die Architektur nicht nur den Bestand auf, sondern transformiert ihn in etwas gänzlich Neues.⇥

Amina Ghisu/DBZ

Das Projekt zeigt, welches Potenzial für die urbane Transformation selbst in notorisch schwierig zu entwickelnden Objekten wie Parkhäusern verborgen liegt, wenn man zu pragmatischen Lösungen greift und unsere Komfort-Standards hinterfragt.«
DBZ-Heftpartner ksg architekten, Köln/Leipzig/Berlin

Projektdaten

Objekt: Umbau und Erweiterung einer ehemaligen Garage zu 63 Wohnungen und einem Gewerbe

Standort: Paris/FR

Typologie: Wohnen

Bauherrschaft: Quadral Promotion, Batigère Habitat

Architektur: Atelier Téqui Architectes, Paris/FR, www.ateliertequi.fr

Bauleitung: Bouygues Bâtiment Ile-de-France, Paris/FR, www.bouygues-construction.com/fr

Bauzeit: 04.2022 – 04.2025

Bruttogeschossfläche (Bestand): 5 294 m²

Abgerissen: 1 726 m²

Saniert: 3 568 m²

Neubau: 1 160 m²

Bruttogeschossfläche (Transformation): 4 707 m²

Nutzfläche gesamt: 4 313 m²

Baukosten: 10,5 Mio. €, 2 434 €/m² (Netto)

Fachplanung

Tragwerksplanung: CET ingénierie, technical and environnemental design office, Paris/FR,

www.cet-ingenerie.fr

TGA-Planung: CET ingénierie

Energieplanung: CET ingénierie

Elektroplanung: CET ingénierie

Energiekonzept

Nach dem „Paris Climate Plan“ realisiert, Biobasiertes Planen

Sanierung Primärenergiebedarf:

68 kWh (m²a) (Label B)
Sanierung Gesamtenergieeffizienz:

12 kg CO₂eq (m²a)

Neubau Primärenergiebedarf:

43 kWh (m²a) (Label)
Neubau Gesamtenergieeffizienz:

10 kg CO₂eq (m²a)

Hersteller

Fassade: GIPEN

Böden: Stora Enso

Fenster: Solarlux

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