Querlesen und erkunden

Es scheint klar und unbestritten, dass Architektur niemals eine autonome Schöpfung, ein über den Dingen stehendes Produkt von Planung sein kann. Das überall Gebaute ist nicht nur „bei genauerer Betrachtung“ (Verlag) als von äußeren Bedingungen bestimmt erkennbar. Die Abhängigkeiten von Größe, Form, Material und auch der Qualität des Gebauten insgesamt zeigt sich sehr deutlich in jedem Haus, jeder Straße, jedem Viertel. Aber ist uns beispielsweise auch bewusst, dass die Normung unserer Schreibpapiere am Ende auch die Formung unserer Häuser (mit)bestimmt?

Architektinnen und Bauherren sprechen nicht gerne über das Abhängigsein, es sei denn, das Ergebnis hat nicht überzeugt. Meist wird „die Macht dieser Bedingungen, die Architektur und die gebaute Umwelt prägen“ (Verlag), schlicht ausgeblendet. Der vorliegende kleine Band mit elf Essays unterschiedlicher Qualität versucht nun in einer Art freier Perspektivensammlung das Thema grob zu umreissen. Dabei führen uns die Autorinnen über Stichworte wie DB als städtebaulicher Akteur, Strategisches Immobilienmarketing, Deep Adaption Agenda oder DIN-Normen: Papier­architektur oder bürokratischer Exzess zu tieferer Einsicht; oder auch zu einem Ja, aber?! Denn über alles betrachtet, wird es teils redundant, werden wir nicht selten mit Selbstverständlichem konfrontiert oder zu Begriffen geleitet (Architektur als Modus), deren Gehalt sich als überschaubar zeigt. Oder das im Titel implizierte Einengende (Macht der Bedingungen) wird am Ende eines Beitrags zur Erfolgsgeschichte, bei der die Erfolgstreiber weniger die Bedingungen als vielmehr Ideen, Überzeugung und Können waren.

Vielleicht hilft das – auch von den Herausgeberinnen empfohlene – Querlesen, die individuelle Erkundung, Aspekte der Macht zu entziffern und diese zu den Sowiesobedingungen, die wir alle kennen, horizonterweiternd hinzuzufügen. Die DIN-Normen-Geschichte wäre so etwas.    Be. K.

Die Macht der Bedingungen. Architektur zwischen Abhängigkeit und Wirkung. Hrsg. v. Benedikt Boucsein, Elettra Carnelli, Daniel Zwangsleitner. Spector Books, Leipzig 2025, 214 S., 65 sw- u. Farbabb.

26 €, ISBN 978-3-95905-827-8

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 01/2022

Verknüpfung von Theorie und Praxis

Architektur ist ein Spiegel ihrer Zeit. Technische und künstlerische Aspekte bedingen eine Ausbildung, die den aktuellen ökonomischen, ökologischen und sozialen Bedingungen einer Gesellschaft...

mehr
Ausgabe 02/2019

Mit Beton frei über Architektur nachdenken

Aus einem absoluten Gestaltungswillen heraus begann man in der modernistischen Architektur, Beton als Material zu verwenden und zwar in Form von Sichtbeton. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde...

mehr
Ausgabe 05/2021

Autonome Baustelle

ForscherInnen der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) entwickeln derzeit ein autonomes Baustellensystem, das sie auf der Hannover Messe 2021 vorstellten. „Closed-Loop Systems Engineering“...

mehr
Ausgabe 09/2021

Sehr fein in allen Dingen

Ein Mythos sei er, ein verehrter Meis-ter, und mit Gunnar Asplund – mit dem er das Geburtsjahr 1885 gemeinsam hat sowie ein für Schweden sehr bedeutendes Architekturprojekt, den „Waldfriedhof“ –...

mehr
Ausgabe 13/2023 Interview mit Elke Krasny

Architektur und Sorgearbeit

Frau Krasny, was heißt es, intersektional über Architektur nachzudenken? Raum und urbane öffentliche Räume sind nie neutral. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die anknüpfend an Henri...

mehr