PTT Tower, Bern/CH
Wo einst die PTT Forschung und Entwicklung betrieb, wird in Bern heute gewohnt. Das Büro LYRA aus Zürich transformierte dafür das ikonische Hochhaus des ehemaligen Schweizer Staatsbetriebs zu insgesamt 87 Wohnungen, was durch die lichte Höhe der Geschosse gut gelang und nun beispielhaft für die Umnutzung von Beständen der Typologie Labor stehen kann.
Der PTT Tower in der Schweizer Hauptstadt Bern geht zurück auf die Zentralisierungsplanungen der namensgebenden Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe, der bis 1998 bestehenden staatlichen Behörde für den Post-, Telefon-, Telegraf- und Telefaxbetrieb in der Schweiz und Liechtenstein. Die Zentralisierung betraf die Abteilung V Forschung und Entwicklung. Dessen Direktor Dipl.-Ing. Willi Klein setzte die Aufgaben während einer Pressekonferenz im Rahmen der offiziellen Übergabe des fertiggestellten Hochhauses am 1. Februar 1973 nicht zu niedrig an, als er von der Vision eines „Heiminformationszentrums“ sprach, mit dem der „Zukunftsmensch fast alles von seinem Lehnstuhl aus erledigt: Informationen ab Datenbank, Bestellungen, Geldgeschäfte, Briefe, Zeitungen ausdrucken, seine berufliche Arbeit samt Konferenzgesprächen mit und ohne Fernsehen usw.“. Die Digitalisierung stand offenkundig bereits im Raum und man erkannte pragmatisch an, dass „Unter dem Einfluss der allgemeinen Entwicklung in der Elektronik, der zunehmenden Miniaturisierung und der Computer, (…) der technische Fortschritt (…) ein bisher nie erreichtes Tempo angenommen“ hatte.
Rasantes Wachstum
Bereits 1908 bewilligten die Eidgenössischen Räte einen Kredit von 98 000 Schweizer Franken für den Kauf von knapp 10 000 m2 Land von den Ostermundiger Steinbrüchen in Liquidation. Zunächst wurde dort ein Magazingebäude errichtet. Doch bereits wenige Jahre später stieg mit dem Siegeszug der Telefonie der Platzbedarf rasant, weswegen die PTT 1920 die außerhalb der Stadtgrenze liegende Meyersche Besitzung und in den 1940ern eine Parzelle mit einer ehemaligen Kiesgrube dazukaufte. In den 1950ern kamen dann unter anderem Verwaltungen, Lager und Werkstätten hinzu. Das Hochhaus war das letzte Bauwerk, das für das sogenannte Technische Zentrum Obermundingen entstand, dessen Grundstück sich an der östlichen Grenze Berns befindet. Mit dem Neubau wurde Platz für 60 weitere Mitarbeiter der 240 Personen großen Abteilung geschaffen.
Wer hat’s gebaut?
Die ursprüngliche Planung des Areals aus den 1950ern geht auf den Berner Architekten Hans Brechbühler zurück, einen Schüler von Hans Poelzig und Karl Moser, für den er auch arbeitete. Hinzu kam, dass Brechbühler eine Zeit in Le Corbusiers Atelier verbrachte. Das ist insofern anzumerken, als dass es mehrere Elemente beim PTT Hochhaus gibt, die aus Le Corbusiers Werk bekannt sind. Umgesetzt wurde der Turm allerdings von Frey, Egger + Peterhans Architekten, die sich bereits 1966 einen Namen mit dem Stadthaus Olten in Solothurn gemacht hatten. Dieses hat frappierende Ähnlichkeit mit dem PTT-Hochhaus, aber eben auch mit Le Corbusiers Unité d’Habitation. Wem nun das Lob der Autorenschaft gebührt, darf hinterfragt werden; jenes der Umsetzung gebührt wohl oder übel Frey, Egger + Peterhans.
Im Geiste Le Corbusiers
Für den Turmbau mussten zunächst die nötigen Sonderbaulinien vom Volk genehmigt werden. Erst im Winter 1967 konnte dann mit den Fundamenten begonnen werden. Im Juni 1972 folgte der gestaffelte Einzug. Geplant war eine kürzere Bauzeit, da man die Sockelbauten aber schadenspräventiv erst nach dem Hochhaus errichten wollte, brauchte man länger als die geplanten vier Jahre. Auf die drei massiv betonierten Kellergeschosse folgt eine Stützenkonstruktion aus Beton, die von zwei Kernen ausgesteift wird. Ganz im Geiste Le Corbusiers „Domino“ ein „Plan libre“. Die Fassade wurde in zwei Schichten ausgeführt. Nach innen eine Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Aluminium, die von der äußeren Fassade abgerückt im Zwischenraum einerseits die Revision ermöglicht, aber auch einen Fluchtweg von Treppenhaus zu Treppenhaus bietet und den Brandüberschlag von Stockwerk zu Stockwerk erschwert. Die äußere Beton-Fassade dient auch dem Sonnenschutz als horizontales „Brise-soleil-Element“, was erneut Le Corbusier referenziert, der solche Elemente vertikal bei der Unité d’Habitation verwendete. Die innere Raumaufteilung erfolgte dann mit Backsteinwänden. Die obersten Geschosse nahmen Labore für die drahtlose Nachrichtentechnik auf, die mittleren jene für die leitergebundene und die unteren Chemie- und Physiklabore. Im zehnten Obergeschoss residierte die Direktion, darüber im elften die Computeranlage. Neben einem Auditorium wurden Speziallabore in den Untergeschossen eingerichtet. Zwischen diesen Ober- und Untergeschossen befand sich eine doppelt hohe Lobby samt Zwischengeschoss. Im typischen Grundriss wurden die Büros zur Südseite ausgerichtet und die Labore, entlang eines Mittelflurs zwischen den Kernen, nach Ost und Süd.
Direktverbindung zum Jungfraujoch
Da ein Laborbau einer erheblichen technischen Ausstattung bedarf, wurden in einer Unterstation die Anlagen für die Gas- und Wasserversorgung und in einem Nebengebäude die Heizung untergebracht. Die hauseigene Transformatorenstation sicherte die Stromversorgung auch bei einem Netzausfall. Da nicht alle Labore dieselbe technische Ausstattung benötigten, man aber flexibel bleiben wollte, wurden vorsorglich alle Geschosse so ausgelegt, dass sie zum Labor aufgerüstet werden konnten. Der im Laborbau seltene Typus Hochhaus wurde gewählt, um einen Anschluss an das Richtstrahl- und Fernseh-netz zu gewährleisten. Eine direkte Sendeverbindung beispielsweise zum benachbarten Jungfraujoch (3 450 m ü. M.) war dafür ausschlaggebend. Die Bezeichnung „Modernes Stadttor“ lässt durchblicken, dass es auch um Repräsentation ging, zumal das Hochhaus nach seiner Errichtung das zweithöchste Gebäude der Schweiz war.
Auszug, Zwischennutzung, Umbau
Die PTT ging 1998 in der Schweizerischen Post und der Swisscom auf, die das Hochhaus zunächst als Büro nutzte, dann verkaufte und 2014 auszog. Ab 2017 hauchte eine künstlerische Zwischennutzung und eine Bar auf dem Dach dem Haus nochmal Leben ein. Erste Studien zur Umnutzung zum Wohnen gab es da bereits vom Züricher Architekturbüro LYRA, die 2019 ein entsprechendes Baugesuch stellten. Das im Bauantrag enthaltende Umnutzungskonzept sah vor, dass der bis dahin als Untergeschoss gelesene Sockel zum Erdgeschoss umgewidmet wird. Damit wurde die Adresse auf Straßenhöhe gelegt. Entsprechend der Kerne wurde ein Zugang auf der Süd- und einer auf der Ostseite geschaffen; der östliche stellt eine eher pragmatische Verbindung zu den Parkplätzen her, der südliche fällt zur Straße repräsentativer aus. Von diesem gelangt man rechts und links des südlichen Kerns zu zwei Treppen, die in die Lobby führen. Die dort eingezogene Zwischenebene wurde zurückgebaut, womit dieser für die Gemeinschaft gedachte Raum deutlich an Höhe gewinnt und die Skelettbaukonstruktion ablesbar wird. „Hans Brechbühler hat immer von einem Hochhaus auf Stützen gesprochen und das wollten wir wieder sichtbar machen“, erläutert Yves Reinacher dazu, Partner bei LYRA. Die Lobby sei einer von zwei Bereichen des Hauses, von dem beide Treppenkerne erreichbar sind. Der andere ist der Gemeinschaftsbereich im Dachgeschoss. Hinzu kommt die gemeinschaftlich nutzbare Dachterrasse mit der anliegenden, in markanter Schiffsbrücken-Optik gestalteten Gästewohnung im Obergeschoss des nördlichen Treppenkerns.
Von Empfindlichkeitsklassen …
Um in den 17 Geschossen zwischen Lobby und Dachgeschoss eine Umnutzung zum Wohnen zu erwirken, musste zunächst ein Nachweis der örtlichen Lärmemissionen erbracht werden. Dabei ist zu bedenken, dass es sich bei dem Areal um eine Gewerbe- und Industriezone handelt, in der aufgrund der benachbarten Gleise und Autobahn sowie eines Recyclinghofs erhöhte Emissionen zu erwarten sind. In diesem Sinne ordnet das Schweizer Lärmschutzrecht Nutzungszonen nach vier Empfindlichkeitsstufen (ES), wobei nach Berner Bauordnung das Wohnen auf 50 Prozent der Hauptnutzflächen grundsätzlich zulässig ist. Um bis zu 100 Prozent zu ermöglichen, muss eine Lärmemission entsprechend ES II vorliegen, was einen Grenzwert von 50 dB bei Nacht und 60 dB am Tag bedeutet. Nach unbefriedigenden Modellrechnungen konnten im Falle des Hochhauses erst Messungen vor Ort Emissionen entsprechend der ES II nachweisen. Damit konnte ein Ausnahmegesuch gestellt werden, mehr als 50 Prozent Wohnnutzung zu erlauben.
… und Altlastensanierung
Als diesem stattgegeben wurde, waren die Komplikationen allerdings noch nicht vorbei. Da das Hochhaus seit 2017 als schützenswertes Bauinventar gelistet ist, sind Veränderungen am Bestand nur bedingt möglich, was vornehmlich die Fassade betrifft. Bei den Rückbauarbeiten im Inneren entdeckte man allerdings Asbest. Obwohl schon seit der Umnutzung der Swisscom von Labor zu Büro bekannt, war das Thema von der Swisscom nur nach den damals gültigen Standards behandelt worden. „Beim Rückbau der Radiatoren kam dann das Probleme auf, dass die Steigleitungen geschossweise mit Spritzasbest abgeschottet waren, das Asbest sich allerdings auch auf Boden und Decke rund um die Durchstöße verteilt hatte“, erzählt Reinacher dazu. Die Swisscom begnügte sich mit einem versiegelnden Überstrich, was den heutigen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird. Also musste man Geschoss für Geschoss in einer Art Zelt auf Unterdruck bringen, um die Rohbauoberflächen abtragen zu können. Dafür gab es wiederum keine Erfahrungswerte, wie Reinacher berichtet, weswegen die beauftragten Unternehmen im Zweifel zurückzogen und allein die Altlastensanierung fast zwei Jahre in Anspruch nahm.
Die Vorteile des Labors nutzen
Erst als diese abgeschlossen war, konnte mit der Umnutzung begonnen werden. Was sich positiv auswirkte, war die ursprüngliche Konstruktion entsprechend der Labornutzung. So boten die 3,4 m lichte Geschosshöhe im Rohbau genug Platz, um die rückgebauten Radiatoren mit einer Fußbodenheizung zu kompensieren. Dies war auch insofern nötig, als die Böden nach dem Asbestabtrag eine nicht mehr ausreichende Armierungsabdeckung aufwiesen. Auch nach einer Abkofferung der Decken zur Unterbringung der Stromleitungsführung blieb immer noch eine lichte Raumhöhe von 3 m übrig. Die bei Laborbauten groß bemessenen Schächte ermöglichten zudem eine problemlose Einbringung der nötigen TGA, die auch den Überdruck der Treppenhäuser entsprechend dem Brandschutz besorgt. Die zwischen den Kernen eingezogenen Steigleitungen werden wiederum unter der abgehängten Decke der ohnehin großzügig bemessenen Lobby in die Kerne verzogen. Auch die Tatsache, dass die Erschließung einer Arbeitsstätte entsprach und nicht den Verkehrslasten eines Wohngebäudes, erwies sich als vorteilhaft. Letztlich hätten auch weniger Aufzüge und ein Treppenhaus für die Erschließung gereicht, da es nun aber zwei Kerne gab, konnte man auf Flure verzichten, was der Menge und Größe der Wohnungen entgegenkam.
Ein Haus für alle
Insgesamt konnten auf den 17 Geschossen 87 Wohnungen mit 1,5 bis 5,5 Zimmern eingerichtet werden. Pro Geschoss sind dabei zwischen drei und zwölf Wohnungen vorgesehen, alle zur Miete. „Wir wollten immer ein Hochhaus, dass durchmischt ist. Wir wollen WGs, wir wollen Familien und Kinder und Alleinstehende, wir wollen das ganze soziale Spektrum“, betont Reinacher in diesem Zusammenhang. Die Stadt Bern stand der Wohnnutzung dabei positiv gegenüber und wünscht sich eine weitere Transformation des Areals zum Quartier. Ein passender Entwurf von Meinard Morger für den benachbarten Baukörper liegt vor und wartet auf die Umsetzung. Bis dahin geht das PTT-Hochhaus mit gutem Beispiel voran. Hartmut Raendchen/DBZ
Projektdaten
Projektname: Transformation PTT-Hochhaus
Architektur: LYRA / Lara Yves Reinacher Architekten, Zürich/CH, www.lyr-a.ch
Team: Yves Reinacher, Lara Reinacher, Maximilian Fritz
Standort: Bern/CH
Bauherrin: Anlagestiftung Turidomus c/o Pensimo Management, www.pensimo.ch
Bauleitung: HRS Real Estate AG, www.hrs.ch
Generalunternehmung: HRS Real Estate AG
Wettbewerb: 2017
Vergabe: 2018
Bauzeit: 01.2024 – 04.2026
Nutzfläche: 8 450 m²
Brutto-Grundfläche: 18 320 m² (Geschossfläche)
Brutto-Rauminhalt: 71 670 m³
Brutto-Baukosten gesamt: 50 Mio. €
Fachplanung
Tragwerksplanung: Ingenta AG, www.ingenta.ch
TGA-Planung: Strahm AG, www.strahm-ag.ch
Fassadentechnik: Prometplan AG, www.prometplan.ch
Akustik/ Bauphysik: Amstein & Walthert AG,
www.amstein-walthert.ch
Landschaftsarchitektur: estra Landschaftsarchitekten AG, www.extra-ag.ch
Energieplanung: SSE AG, www.sse.ch
Brandschutz: Amstein & Walthert AG, www.extra-ag.ch
Aerodynamik RDA: IFI Aachen, www.ifi-ac.com
Kunst am Bau: Shirana Shabazi
Energie
U-Werte Gebäudehülle
Außenwand: U < 0,2 W/(m²K)
Dach: U = 0,16 Neu / 0,22 Bestand W/(m²K)
Fenster: Uw 1,0 W/(m²K)
Verglasung: Ug = 0,5 W/(m²K)
Hersteller
Beleuchtung: Deltalight, Zumtobel
Fassade: Reynaers Aluminium
Fenster: Reynaers Aluminium
RDA-Anlage: Foppa
Türen: Comvit (Metalltüren), RWD Schlatter (Holztüren)
Aufzüge: Schindler
