Produkte ihrer Zeit

Bei der Internetsuche nach dem Begriff „Ortsbild“ wird man schneller fündig als gedacht. Allerdings fehlt den meisten seriösen Beiträgen immer ein wesentlicher Aspekt: Wer hat das „Ortsbild“ eigentlich erfunden? Wer hat den Begriff in die Welt gebracht und warum?

Und weil es das „intakte Ortsbild“ gibt, muss es auch eines geben, das dies nicht ist und gleich kommt die Frage: Was ist denn intakt? Was bringt das Ortsbild, wie es sein soll, denn an Attributen mit sich, um – wenn intakt – deckungsgleich mit dem Ideal zu sein? Es muss und damit sind wir mitten im hier besprochenen Buch, „raumbezogene Werte“ widerspiegeln, die weniger über Bauliniepläne als viel mehr durch „politische Überzeugungsarbeit, regio­nale Wissensproduktion und privatwirtschaftliche Motivationen“ geformt und durchgesetzt wurden. Natürlich ist dabei ein Wechselspiel zwischen kommunalem und privatwirtschaftlichem Handeln einerseits wie staatlicher Ordnungspolitik andererseits vorhanden, das eine reagiert auf das andere und umgekehrt.

Wie sieht nun aber ein intaktes Ortsbild aus und wer sind die Akteure, die die raumbezogenen Werte definieren? Und was sind ihr Ziele?

Diesen Fragen geht die Arbeit, deren Textmenge auf bilderlosen Seite herausfordernde Lesearbeit ist, im Detail nach (der schmale Abbildungsteil ist im Anhang untergebracht). Untersucht werden zwölf Ortsbilder in Bayern um 1900 und deren Erhaltungsziele seitens der beteiligten Akteur:innen. Die Studie bildet dabei ein großes Spektrum an Veränderungsszenarien ab, bezogen auf das gesamte Ensemble, auf Einzelbauten, Landschaftsübergänge etc. Theoretische Bezugsgrößen dabei sind die zeitgenössische Denkmaldebatte, die geprägt wurde von Georg Dehio, Max Dvorak, Alois Riegl und Camillo Sitte. Aber natürlich auch die für den Jahrhunderteübergang wesentliche Veränderung der Wahrnehmung des Heimatlichen, die sich im Zuge rasant entwickelnder Mobilität veränderte. Einmal in dem Sinne der Horizonterweiterung, dann – direkt darauf bezogen und als Abwehrreaktion erkannt – im Sinne der Selbstvergewisserung des eigenen Herkommens. Das Ortsbild steht dann für historisch verbürgtes Zuhausesein, dessen Bildhaftigkeit überhöht und in seinen authentischen Details herausgearbeitet werden muss.

Der Autorin gelingt es, trotz aller sprachlicher Sperrigkeit und dem Aufhäufen von Details, den Hintergrund dieser Ortsbildentwicklung aufzuhellen, die Akteur:innen und ihre Motivationen zu beschreiben und am Ende gar eine, allerdings recht allgemein gehaltene, Schlussfolgerung zu ziehen: Ortsbilder sind nicht per se die Bilder, die wir heute nur noch auf Postkarten finden und in der Wirklichkeit längst nicht mehr – was wiederum denen Auftrieb gibt, die der guten alten Zeit hinterherjammern. Ortsbilder sind nichts anderes als das sichtbare Ergebnis einer Strategie interessierter Netzwerker:innen, die vor allem das eine anstrebten: positive Aufmerksamkeit. Dass das so ist, das kann man hier lesen. Was wir damit machen? Geschichte verstehen und Ortsbilder als das erkennen, was sie sind: Produkte ihrer Zeit. Be. K.

Judith Sandmeier, Die Erfindung des Ortsbildes. Malerischer Städtebau, Ortsbildpflege und Heimatschutz in Bayern um 1900. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2023, 412 S. m. 32 Farb- u. 23 sw-Abb.69 €, ISBN 978-3-7861-2900-4
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