DBZ-Heftpartner Burckhardt Architektur

Orte zwischen Tag und Nacht

Der französische Biologe und Nobelpreisträger François Jacob unterteilt Forschung in eine Tages- und eine Nachtwissenschaft. Mit der Tageswissenschaft ist die gut organisierte und rationale Konstruktion der Forschung gemeint. Dazu zählen ausführende Bereiche wie Laboruntersuchungen und kontrollierte Experimente, die Ideen verifizieren oder falsifizieren. Die Nachtwissenschaft hingegen beschreibt die Phase, in der Ideen entstehen, in der Theorien und Modelle koexistieren. Es ist die Zeit der Intuition, der Zwischenräume, des interdisziplinären Austauschs und, wie Jacob betont, des Sprechens in Metaphern. Kreativität wird hier zur Grundlage des wissenschaftlichen Arbeitens. Anders ausgedrückt: Ohne Imagination glückt Forschung nicht, das ist Jacobs Botschaft. Wir denken, Architektur fällt dabei die Aufgabe zu, diese Kreativität als Rahmen und Möglichkeit zu unterstützen. Dafür muss sie Orte des informellen Dialogs schaffen.

Die Geschichte von Burckhardt ist eng mit Labor- und Forschungseinrichtungen verwoben. Bereits kurz nach der Bürogründung im Jahr 1951 zählten Chemie- und Pharmaunternehmen wie Roche, Ciba und Sandoz zu unseren Auftraggebern. In den folgenden zwanzig Jahren erweiterten wir unser Portfolio um Hochschul- und Versorgungsbauten, etwa für die Universität Basel. Wer in diese 1970er-Jahre hineinblickt, erkennt, wie viele der Laborbauten eine rigide Anordnung forcierten. Priorität hatte die dichte Aneinanderreihung der Labore oder das effiziente Arrangement der Versorgungsstränge, nicht der gegenseitige Austausch. Für Letzteres blieb oftmals nur die Cafeteria im Erdgeschoss. Doch vor 30 Jahren setzte ein Umdenken ein, das Jacobs Konzept indirekt beistimmt: Bauherren erkannten den Wert informeller Begegnungen für die Forschung und passten sukzessive die Raumprogramme an. Reinräume wurden nicht mehr nur starr gekoppelt, man verpflichtete sich nun dem Dazwischen, der angenehmen Arbeitsumgebung, und der Frage, wie verschiedene Atmosphären wissenschaftliche Tätigkeiten bereichern können. Überhaupt wuchs der gestalterische Anspruch: Durchdachte Proportionen, neue Materialien, sorgfältig konzipierte Außenräume definierten mehr und mehr das Erscheinungsbild der Einrichtungen. Nach dieser Abkehr von reiner Funktionalität etablierten sich die Gebäude als Gefüge produktiver Gegensätze, in denen Tages- und Nachtwissenschaft, Forschung und Imagination zusammenwirken.

Die Metapher der Nachtwissenschaft eignet sich, die Rolle der Architektur im Forschungsbau zu verdeutlichen. Einerseits gilt es, aus einzelnen Funktionsbereichen einen Organismus, das heißt, einen guten Ort zu formen. Dabei stellen sich strukturelle Fragen: Welche Arbeitsabläufe sind zentral? Wie lassen sie sich optimieren? Durch Clusterbildung? Wie bewältigen und reduzieren wir die Komplexität, die sich aus einer Vielzahl an (sicherheits-)technischen, infrastrukturellen und haustechnischen Anforderungen ergibt? Doch erst, wenn wir darüber hinaus die kommunikativen Bedürfnisse und Zusammenhänge der Forschungsgemeinschaften verstehen, können wir interdisziplinäre Zusammenarbeit und Kreativität in flexiblen Gebäudezuschnitten ermöglichen.

Andererseits arbeiten Architektinnen selbst nachtwissenschaftlich. Im Entwurfsprozess greifen sie auf eigene Erkenntnisse und Erfahrungen zurück, tüfteln am Formenfundus, experimentieren mit theoretischen Versatzstücken aus verschiedenen Disziplinen. Das ist die Kreativität, die wiederum zu typologischer Varianz in Forschungsbauten führt.

Durch detaillierte CO₂-Berechnungen und vorausschauende Planung unterstützen wir unsere Bauherrinnen dabei, fundierte Anforderungen zu formulieren. Im wechselseitigen Austausch entwickeln wir Lösungen für die Zukunft, die sich etwa in einer ressourcenschonenden Planung mit modularen Bauweisen, Re-use-Potenzial und nachhaltigen Materialien zeigen, aber auch in der Flexibilität. Sie bleibt der Schlüssel für Forschungsbauten: Funktionalität basiert auf Versorgungsflexibilität, Flexibilität auf Raumfunktionalität. Und wie Forschung selbst, so der Zirkelschluss, weist Flexibilität in die Zukunft.

Am Ende entsteht eine Architektur, die Zwischenräume denkt und den Nutzerinnen und Nutzern ein Gefühl der Selbstverständlichkeit vermittelt. Sie schafft die räumlichen Voraussetzungen für die Tages- und die Nachtwissenschaft, damit Ideen, Modelle und letztlich wissenschaftliche Erkenntnis Gestalt annehmen können.

Carsten Krafft und Gunnar Rekersdrees
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