KI in Transformationsprozessen
Michael Schuster: Passend zum Heftthema „Transformation“ führen wir dieses Gespräch im Büro Lengfeld & Wilisch Architekten in Darmstadt, denn das Büro vollzieht derzeit mit der Staffelübergabe an die dritte Generation einen umfassenden Transformationsprozess. Maßgeblich involviert: die beiden neuen Partner Katharina Körber, Fabian P. Dahinten und Alexander Heinigk. Warum erleben wir derzeit einen so starken Veränderungsdruck? Alle sprechen von Transformation – nicht nur Architekturbüros, sondern nahezu jede Branche.
Jan R. Krause: Transformation hat viele Dimensionen: Wir erleben demografischen Wandel, neue Bauaufgaben und eine neue Wertschätzung des Bestands. Wir sprechen über digitale Transformation, aber auch über die Transformation des Gebäudebestands, der Städte und unserer Gesellschaft insgesamt. Auch unser Berufsbild befindet sich in einem Transformationsprozess. Wir fragen uns: Was ist eigentlich die Aufgabe von Architektinnen und Architekten? Wie verändert sich Planung in Zeiten von Klimawandel und Künstlicher Intelligenz? Hinzu kommt der Generationenwechsel in vielen Büros. Da geht es um Wissensmanagement, aber auch um Beziehungsmanagement und Vertrauensbildung.
Michael Schuster: Das klingt nach einem umfassenden Change Management im Architekturbüro. Wird Change Management hier auch zum Chancen Management?
Jan R. Krause: So jedenfalls berichten es Katharina Körber und Fabian P. Dahinten von Lengfeld & Wilisch Architekten. Sie wollen etwas verändern, weil sie sich davon eine Verbesserung versprechen. Dabei stellen sie auch die Frage: Welche KI kann uns helfen, bestimmte Aufgaben besser umzusetzen? Dass hier der Generationenwechsel in der Unternehmensführung und die KI-Implementierung im Architekturbüro zusammenfallen, darf wohl als Glücksfall bezeichnet werden. Denn es geht um mehr als um die Auswahl einzelner KI-Tools. Es geht vielmehr um ein bestimmtes Mindset.
Michael Schuster: Wie weit ist denn der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Architekturbüros verbreitet?
Jan R. Krause: Interessant ist, dass es derzeit zwei unterschiedliche Studien gibt: Die Competitionline-Studie sagt, dass 81,5 Prozent der Planungsbüros KI nutzen. Eine Studie der Architektenkammern kommt dagegen auf nur 29 Prozent.
Michael Schuster: Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?
Jan R. Krause: Das liegt wahrscheinlich an einem unterschiedlichen Teilnehmerkreis der Befragten und zum anderen an einer gewissen Unschärfe des KI-Begriffs. Manche Tools, wie Übersetzungsprogramme, werden inzwischen als so selbstverständlich wahrgenommen, dass sie gar nicht als KI benannt werden. Unabhängig von der Richtigkeit der einen oder anderen Zahl ist zu beobachten, dass es sehr viel mehr KI-Nutzung gibt als sichtbar ist. In vielen Architekturbüros, in denen KI nicht offiziell eingeführt wurde und keine Regeln existieren, wird sie trotzdem genutzt – oft in einer organisatorischen und rechtlichen Grauzone. Dafür gibt es inzwischen den Begriff „Schatten-KI“.
Michael Schuster: Wieweit schafft der EU AI Act einen sicheren Rechtsrahmen für den KI-Einsatz im Architekturbüro?
Jan R. Krause: Der AI Act ist weltweit die erste länderübergreifende Regelung zu Entwicklung und Einsatz von KI-Tools. Ziel ist es, Chancen von KI zu fördern und gleichzeitig Risiken für Menschen zu begrenzen und Sicherheit sowie Grundrechte zu gewährleisten. Das Regelwerk unterscheidet KIs in vier verschiedene Risikoklassen von „geringes Risiko“ bis „inakzeptables Risiko“. Zu Letzteren zählen KI-Tools für Soziales Scoring durch Behörden, Emotionserkennung in Schulen oder Unternehmen, biometrische Massenüberwachung mit Gesichtserkennung im öffentlichen Raum. Diese sind in der EU verboten. Die meisten Architekturanwendungen sind den Kategorien „geringes und begrenztes Risiko“ zuzuordnen. Für diese Tools gelten Transparenzpflichten, z. B. beim KI generierten Erstellen von fotorealistischen Bildern, sogenannten „Deep Fakes“. Im Übrigen gelten Verbraucherrechte, Persönlichkeitsrechte, das Urheberrecht und die Datenschutzgrundverordnung DSGVO zum rechtssicheren Umgang mit Kundendaten.
Michael Schuster: Wissen die Architekturbüros das?
Jan R. Krause: Seit Februar 2025 besteht laut EU AI Act für alle, die KIs entwickeln oder im professionellen Kontext einsetzen, die Verpflichtung, sich zu schulen und „KI-Kompetenz“ nachzuweisen. Das scheint mir weitgehend unbekannt zu sein. Ebenso ist vielen Anwendern nicht bewusst, dass sie mit ihren Anfragen die webbasierten KI-Tools trainieren und ihre Daten den Maschinen und anderen Usern zur Verfügung stellen. Wer nicht im geschützten Raum mit lokal installierten KIs arbeitet oder Daten in Anfragen nicht anonymisiert verarbeitet, läuft Gefahr, Rechte anderer zu verletzen.
Michael Schuster: Wer kann den Architekten hier Orientierung geben?
Jan R. Krause: Die Bundesarchitektenkammer erarbeitet gerade einen KI-Kodex für den eigenen Berufsstand. Denn KI-gestützte Werkzeuge sind in vielen Planungsbüros längst Teil des Arbeitsalltags: für Entwurf, Analyse, Kommunikation oder Dokumentation. Was bislang aber fehlte, sind klare, berufsständische Leitlinien dafür, wie dieser Einsatz fachlich und ethisch verantwortungsvoll gestaltet werden kann. Damit nicht 140 000 Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner das selbst erfinden müssen, wird der Kodex von der Ad-hoc-Gruppe KI der Bundesarchitektenkammer, federführend durch die Architektenkammer Berlin, entwickelt. Er soll „konkrete Orientierung zu Fragen des Datenschutzes und der Datenhoheit, der Urheberschaft, der digitalen Souveränität sowie der Nachvollziehbarkeit bei KI-gestützten Entscheidungen geben“, verrät Dr. Gloria Gaviria von der Architektenkammer.
Michael Schuster: Wie wird solch ein komplexes Werk entwickelt?
Jan R. Krause: Ein Kodex ist eine freiwillige Selbstverpflichtung. Um größtmögliche Akzeptanz – aber vor allem größtmögliche Relevanz zu schaffen, hat die Architektenkammer ein partizipatives Verfahren gewählt: In Digital Talks, regionalen Veranstaltungen und Umfragen im Berufsstand wurden die thematischen Grundlagen des Kodex diskutiert. Die konkreten Formulierungen werden aktuell in einem zweistufigen, interdisziplinären Workshop-Prozess mit Experten aus Praxis, Wissenschaft und Recht sowie Mitgliedern der Länderarchitektenkammern erarbeitet. Wichtig zum Verständnis ist: Der Kodex ersetzt nicht das eigene Urteilsvermögen, gibt aber Orientierung, wo bislang keine klaren Leitlinien existierten. Das ist sicherlich gerade für die Vielzahl der kleinen und mittelgroßen Architekturbüros ein wertvolles Dokument. Die Fertigstellung ist für 2026 geplant.
Michael Schuster: Wie wird die Verfügbarkeit von KI-Tools die Rolle und die Erwartungshaltung von Auftraggebern verändern? Müssen wir damit rechnen, dass sie sich von der KI Machbarkeitsstudien oder Entwürfe generieren lassen und Architekten für überflüssig halten?
Jan R. Krause: Wer so denkt, wird schnell feststellen, wie komplex Architektur tatsächlich ist. Ein Bild zu erzeugen ist das eine. Die Übersetzung in gebaute Realität ist etwas völlig anderes. Dafür braucht es Erfahrung und Expertise, Vorstellungskraft und Managementkompetenz. Das werden Kernkompetenzen von Architekten bleiben. Und trotzdem verändert die frühe Möglichkeit, perfekte Bilder zu erzeugen, nicht nur den Dialog mit Bauherren, sondern den ganzen Entwurfsprozess erheblich. Mit KI existiert sehr früh eine brillant wirkende Vision eines Gebäudes. Danach beginnt ein Re-Engineering-Prozess, um Grundrisse, Schnitte, Tragwerke, Details, Materialkonzepte zu entwickeln, die diese Vision funktional, nachhaltig und ökonomisch einlösen.
Michael Schuster: Wie wird sich im Zuge der digitalen Transformation mit KI das Berufsbild des Architekten verändern?
Jan R. Krause: Ich bin überzeugt, die wesentlichen Kernkompetenzen werden bleiben: Als Architekten müssen wir das bieten, was KI nicht kann. Die KI hat kein Bewusstsein, keine Ambition, keine Empathie. Sie kann komplexe Planungsprozesse nicht moderieren, kann kein Schnittstellenmanagement zwischen Akteuren unterschiedlicher Fachdisziplinen organisieren. Sie hat keine Vorstellungskraft und sie übernimmt keine Verantwortung. Jedoch wird sich die Arbeitsweise stark verändern. Recherchearbeit wird zunehmend von KI übernommen. Prozesse werden umgedreht: Wir kommen schneller zu Ergebnissen und starten dann einen Re-Engineering-Prozess. So entstehen neue Rollen im Büro. Es wird im Architekturbüro Datenmanager und Datenkuratoren geben. Vor drei Jahren war Prompt-Engineer ein neues Berufsbild, das es auch im Architekturbüro gibt. Jetzt kommt neu dazu der AI-Verification Manager: ein Experte, der mit architektonischem Fachverstand die Ergebnisse auf Plausibilität prüfen kann, die die Promptmanager erzeugen.
Michael Schuster: Früher standen vielleicht 50 Arbeitsmodelle im Büro. Heute lassen sich zahlreiche Varianten KI-gestützt in kürzester Zeit generieren. Inwiefern verändert der Faktor Zeit die Arbeitsweise von Architekten?
Jan R. Krause: Gute Architektur und gute Planung brauchen Zeit, vor allem Zeit für Abstimmungsprozesse. Wir müssen mit Auftraggebern klare Entwurfsziele und Nachhaltigkeitsziele formulieren und daraus Kriterien ableiten, die bei allen Entscheidungen im Planungsprozess Orientierung geben. Die schnelle Verfügbarkeit von Ergebnissen und Antworten mit KI ist verführerisch und trügerisch zugleich. Der nachgelagerte Prozess für Re-Engineering und Verifikation erfordert Zeit und Know-how. Sicherlich verbindet sich mit dem Einsatz von KI bei Auftraggebern wie bei Architekten die Hoffnung auf Effizienzsteigerungen. Ich halte es aber für elementar wichtig, dass wir den Einsatz von KI gegenüber den Bauherren nicht als Effizienzgewinn darstellen, sondern als Qualitätssteigerung für das Projekt.
Michael Schuster: Architektur lebt vom Dialog. Inwiefern wird Kommunikation zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor – intern wie extern?
Jan R. Krause: Interessanterweise hat die Digitalisierung den Kommunikationsaufwand erhöht – so wird mir aus vielen Büros berichtet. Reichte früher eine wöchentliche Bausitzung, um wesentliche Planungsfortschritte miteinander abzustimmen, erfordern die Einführung von BIM und die gleichzeitige Arbeit am selben Modell ein kontinuierliches Kommunikationsmanagement.
Michael Schuster: Bereiten wir Studierende auf digitale Planungsprozesse und KI ausreichend vor?
Jan R. Krause: Die aktuelle Herausforderung ist: Viele Studierende kommen bereits mit mehreren Jahren KI-Erfahrung aus der Schule an die Hochschule – allerdings unbegleitet. Niemand hat ihnen bisher Orientierung gegeben. Das müssen wir jetzt nachholen. Wichtig bleibt ein substanzieller Wissensaufbau in Architektur, Geschichte, Theorie, Konstruktion und Materialität. Nur wer auf seinem Fachgebiet etwas weiß, kann auch die KI-generierten Ergebnisse beurteilen. Daneben werden andere Kompetenzen an Bedeutung gewinnen: Kommunikationsmanagement im Planungsprozess kann man im Master Architektur Media Management an der Hochschule Bochum lernen. Coding kann man künftig im neuen Studiengang Architektur-informatik in Stuttgart studieren. Und an der Hochschule Augsburg kann man den Studiengang Digitale Baumeister absolvieren. Ähnlich wie die Berufspraxis erlebt auch die Hochschullandschaft einen interessanten Transformationsprozess.
Michael Schuster: Diese Transformation, diese Notwendigkeit, sich auf Neues einzustellen, wird von vielen als anstrengend erlebt. Wie schaffen wir es, Veränderung stärker als Chance zu verstehen?
Jan R. Krause: Wenn wir KI nicht nur als Technik, sondern als Kulturtechnik verstehen, dann wird sie Teil unserer Arbeitsweise und Unternehmenskultur. Dann geht es nicht um Revolution, sondern um Evolution. Gerade im Zusammenhang mit dem Generationenwechsel im Architekturbüro entsteht die Chance, Prozesse grundsätzlich neu zu denken. Bei Lengfeld & Wilisch erleben wir, dass die KI-Implementierung integrierter Bestandteil des generationenbedingten Managementwechsels ist. Vielleicht wird KI-Implementierung in anderen Büros zum Impulsgeber, um einen Generationenwechsel einzuleiten. Auch auf Auftraggeberseite erleben wir einen Generationenwechsel. Es ist interessant zu beobachten, wie sich dort Haltungen und Erwartungen verändern.
Michael Schuster: Transformation bedeutet: Man verlässt einen Zustand und bewegt sich in einen anderen. Gibt es denn ein Ende in diesem Transformationsprozess – oder wird Transformation zum Dauerzustand?
Jan R. Krause: Ich habe den Eindruck, KI macht nur deutlicher spürbar, was wir schon seit vielen Jahren erleben: Architektur und Stadt sind geprägt von Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit. Zukunftsfähige Räume zu gestalten, bedeutet, wandlungsfähige Strukturen zu entwerfen. Selbst zukunftsfähig zu bleiben, bedeutet auch für Gestalter, sich kontinuierlich zu verändern und neugierig zu bleiben auf Neues.
Michael Schuster: Was sollten Architekturbüros jetzt konkret tun?
Jan R. Krause: Zunächst braucht es Veränderungsbereitschaft und Technologieoffenheit – verbunden mit kritischer Reflexion. KI findet bereits statt, ob bewusst oder unbewusst. Als wichtige Schritte empfehle ich: eine KI-Inventur im Büro durchzuführen, Schatten-KI sichtbar zu machen, eine interne KI-Policy zu entwickeln, datenschutzrelevante Handlungsfelder zu prüfen, Verantwortlichkeiten zu definieren und Mitarbeitende in KI-Kompetenz zu schulen. Parallel dazu sollte man eine eigene KI-Vision entwickeln: Wie wollen wir KI in unsere Prozesse integrieren? Welche Qualitätssteigerung können wir mit KI bieten? Welche Effizienzgewinne erwarten wir? Je klarer die Zielvorstellung, umso fokussierter lassen sich dann konkrete Aufgaben beschreiben, für die sich ein angemessener KI-Einsatz lohnt. In Zusammenhang damit sind Prozesse kritisch zu überprüfen. Und auch etablierte Rollen neu zu verhandeln. Dann können KI-Tools ausgewählt, Serverstrukturen eingerichtet und KIs trainiert werden. Bei allen technischen, rechtlichen und prozessualen Regelungen, die zu treffen sind, empfehle ich dreimal täglich an den Menschen zu denken. Erstens: The human in the loop – der Mensch trifft die Entscheidung und trägt die Verantwortung. Zweitens: Der Mensch im Architekturbüro – wie erhalten wir Arbeitsplätze, Arbeitsplatzqualität und Unternehmenskultur. Und drittens: Wir bauen für Menschen. Dieser Aspekt ist in der KI-Diskussion um Technik und Recht zuletzt etwas ins Hintertreffen geraten. In jeder KI-Reflexion sollte der Mensch im Mittelpunkt stehen, damit das Entwerfen von Architektur und Stadträumen ein Beitrag ist für Lebensqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Viele Architekturbüros funktionieren bis heute über implizites Wissen: über Erfahrung, persönliche Zuständigkeiten, informelle Abstimmungen und historisch gewachsene Routinen. Mit KI werden diese Strukturen hinterfragt. Wissen muss dokumentiert, verknüpft und zugänglich organisiert werden. KI wird im Büro bereits genutzt, um Kommunikationsverläufe auszuwerten, Informationen schneller auffindbar zu machen oder bei Urlaubsausfällen relevantes Projektwissen aus E-Mails und Besprechungen kurzfristig verfügbar zu halten.
Für das 1987 gegründete Büro mit rund 50 Mitarbeitenden stellt sich diese Transformation konkret. Mit Katharina Körber und Fabian P. Dahinten tritt gemeinsam mit Alexander Heinigk die dritte Generation in die Büroführung ein. Damit beginnt die nächste Stufe der Transformation des Büros. KI ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein Baustein eines größeren organisatorischen und kulturellen Veränderungsprozesses. Jede Generation hatte ihre eigene Transformationsaufgabe: Aufbau, Öffnung bestehender Strukturen und heute Anpassungsfähigkeit und Wissensorganisation.
KI kann Prozesse beschleunigen und repetitive Arbeit reduzieren. Gleichzeitig wächst die Gefahr, visuelle Überzeugungskraft mit fachlicher Kompetenz zu verwechseln. Ein Patient mit KI-Diagnose ersetzt keinen Arzt. Ein Bauherr mit KI-Bild ersetzt keine Architektur. Information wird zugänglicher, Verantwortung nicht.
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