„Ich versuche, mich zu befreien“.
Frank Gehry in Herford

„Mindset Los Angeles“: Das hier mitklingende Gefühl von Freiheit und Ausprobierenkönnen „unter dem Radar“ der etablierten Ostküstengalerien scheint lange her zu sein. Der Ende letzten Jahres verstorbene Frank Gehry hat in dieser Aufbruchzeit allerdings seinen gestalterischen Horizont erweitert. Ganz neu sehen wir auf sein Frühwerk und den Menschen, die wir gerade wieder- und neuentdecken hinter dem Bilbao-Effekt-Gehry. Architektur und Kunst werden in Herford gefeiert, Kunst und Architektur und alles sehr nahe beisammen. Ein Besuch.

Kalifornien ist immer noch Mythos und als Ort ein Palimsest der Coolness, erwärmt von einer Sonne, die im westlichsten Bundesstaat der USA immer am Himmel steht. Trotz mancher Veränderung im Land größter Freiheiten gilt gerade Los Angeles und hier Santa Monica, Frank Gehrys Heimat seit 1947, mit seiner sehr eigenen Landschaft, dem besonderen Licht und natürlich der Weite der Pazifikküstenstrände als Sehnsuchtsort. Durchtrainierte Surferinnen und braungebrannte Easy Rider hatten enormen Einfluss auf die Lebenskultur und Hollywood reagierte darauf mit einer ständig wachsenden Produktion von immer stärkeren Klischeebildern. So vielleicht auch die gleißenden Poolbilder des jüngst verstorbenen Briten David Hockney, die allerdings damals schon das Paradies mit ihrer beunruhigend unverständlichen Stille (vor dem Sturm?) kommentierten. Das ganze Setting begeisterte den jungen Architekten Frank Gehry sofort: „There was an amazing energy in the city, an openness and a sense that new things were happening.“ Neue Dinge passierten, ausnahmslos in der Literautur, der bildenden Kunst, die dem jungen Architekten das gab, was die akademische Architektur ihm nicht vermitteln konnte: Experiment, Abweichung und nicht zuletzt: das Selbermachen. Bereits während seines Studiums an der University of Southern California hatte er persönliche Kontakte zur Kunstszene – Architekten und Künstlerinnen lernten im gleichen Gebäude – und zuletzt beschrieb Gehry seine Verbindung zur Kunst als Teil seiner (Architekten-)DNA.

Kontextualisierung von Kunst und Architektur

Dieses Zusammenspiel herauszustellen und auch nachvollziehbar für uns zu machen, die wir eher von der Architektur- und weniger der Kunstseite aus schauen, haben sich die Kuratorinnen des Marta in Herford aufgemacht (dazu auch hier im Heft auf S. 12f.). Zu Beginn liefen die Planungen und Gespräche noch mit Frank Gehry selbst, vor Ort in Santa Monica, aber auch via Internet, damals noch mit Blick auf „20 Jahre Marta“, was 2025 hätte gefeiert werden können. Dann kamen die notwendige Fassadensanierung und weitere kleinere Arbeiten, so dass an den Erhalt von Ausleihen hochkarätiger Kunst nicht zu denken war.

Was sehen wir noch bis zum 10. Januar 2027 in den wunderbar hohen, in sanfter Bewegung eingeforenen Gehry-Galerien? Ikonische Werke der amerikanischen Nachkriegskunst u. a. von John Altoon, John Baldessari, John Chamberlain, Judy Chicago, Meg Cranston / John Baldessari, David Hockney, Corita Kent, Edward Kienholz, Ed Moses, Claes Oldenburg / Coosje van Bruggen, Robert Rauschenberg, Ed Ruscha und Richard Serra, für dessen Großplastiken der Architekt in Bilbao einen eigenen Raum konzipierte. Und wir sehen Kunst, eine filmische Dokumentation einer chaotischen Performance, ein wunderbares Zitat des „Triadischen Balletts“ Oskar Schlemmers aus den frühen 1920er-Jahren. Die Architekturen von Frank Gehry werden auf Fotografien und in Modellen, Skizzen und Zeichnungen gezeigt.

Richard Meier was doing white buildings, and everybody loved that

Neben dieser Schau mit Gehry im Zentrum, das von Kunst umkreist wird, sehen wir unter dem Titel „Mindset Los Angeles – Werke aus der Sammlung Schürmann“ ebenfalls Arbeiten aus dem gerade skizzierten künstlerischen Umfeld Gehrys. Die Arbeiten, unter dem speziellen Sammler-Fokus des Sammlerehepaars Gaby und Wilhelm Schürmann, sind gleichsam die Fortsetzung der Cool School im Erdgeschoss ab den 1990er-Jahre bis fast hinein in die Gegenwart (in der Lippold-Galerie im 1.OG). Das Herzstück hier ist – nach Auffassung des Autoren – die labor-artige Installation The Great See Battles of Wilhelm Schürmann (1994–95) von Jason Rhoades, die auf Fotografien des Sammlers (und eben seines „Sehens“=See) basiert. Themen sind hier – anders als vielleicht im mehr experimentell zu verortenden Kontext der Cool School – sehr ­explizit gesellschaftliche Spannungen und Gewissheiten-Brüche, oft im Kontext der US-ame­ri­kanischen (Konsum-)Kultur. Dass die raumgreifende, vielteilige Skulptur von Jason Rhoades in Herford zu sehen ist – vielleicht die visuelle Mani­festation laborhaften Arbeitens/Bastelns am Alltäglichen und an möglichen Erkenntnissen –, ist dem Autor eine Überraschung und möglicherweise der Grund, nach Herford zu reisen. Für eine tiefe Meditation und Improvisation über das Thema des Entdeckens ist sie ideal.

„The architecture world at the time”, so Frank Gehry in einem Interview 2021, „wasn’t interested in me or what I was doing. I wasn’t upset by it — I wasn’t connecting with those people. Richard Meier was doing white buildings, and everybody loved that. There was a barrage of philosophy that had nothing to do with what I was interested in at the time.“ (Frank Gehry. A Reflection on His Legacy, Pin up magazine 30, 2021) Das Business kam später. Seine großen, durchaus auch kommerziellen Projekte sind „It‘s a Gehry“ geworden, erscheinen heute wie übergroße, perfektionierte Wiedergänger dessen, was einmal sehr klein, sehr initim und handwerklich begonnen wurde: das eigene Wohnhaus, eine ewige Weiterbaustelle, oder die Galerie Gemini G.E.L. (Graphics Editions Limited), ebenfalls mit zahlreichen Fortsetzungen. Ich besprach begeistert in der März-Ausgabe den von Tom Emerson (Texte) und Johan Dehlin (Fotos) produzierten Band zu fünf frühen Gehry-Bauten, über die nachvollziehbar ist, was die spätere Arbeit prägte: Konstruktion, Raum, Licht und (Gebäude-) Form sowie Materialisierung. In diesen Häusern wird deutlich, wie grundsätzlich Gehry das Bauen, also das konkrete Fügen als etwas sehr Wesentliches ansah, ein Aspekt, der in den späten Bauten vielleicht noch auf Modell-Ebene erfahrbar ist. „The artists were more intuitive [than architects]. They came to see my buildings under construction.” (ebenda)

Das Marta, das kleine Geschwister

Damit – Intuition – bin ich dort angelangt, wohin Architektinnen nicht so gerne gehen: ins Vage, Offene, die bewusste Leerstelle im Baukörper, ein kleines Rätsel, das nicht so einfach zu lösen und vielleicht überhaupt nur als Rätsel zu erkennen ist. Weg vom Plan, weg vom digitalen Zwilling, weg von Details im Maßstab 1 : 5 oder noch weniger gerne offen, eher insgeheim: weg von Normen über das Normenbrechen zum Setzen eigener Normen. Was können Ingenieure von Künstlern lernen? Wie entwickelt sich ein Architekt, der mit der Kunst in einem Bett lag?
„8 Spruce Street“, ein Luxuswohnturm in Manhattan, eine gigantische Skulptur, die die drei Türmchen am Düsseldorfer Medienhafen lächerlich aussehen lassen, und natürlich das Guggenheim in Bilbao, neben dem das Marta ein kleines Geschwister ist, das, im Schatten stehend, auf immer neue Auftritte hofft und diese immer wieder bekommt – der Direktorenschaft, den Kuratorinnen und überhaupt dem ganzen Team dort sei Dank.

Es wird Ende Juli einen Katalog geben (Walther König), wir werden ihn hier vorstellen. Es wird ein Rahmenprogramm geben, u. a. ein umfangreiches und kostenfrei zugängliches Filmprogramm in den Marta-Räumen.

Frank Gehry wird – in Europa jedenfalls – gerade gefeiert, vielleicht, weil sein Frühwerk Antworten gibt auf das Bauen heute, jenseits des Luxus von Markenarchitekturen. Zum Schluss noch einmal Frank Gehry: „My approach to architecture is different. I search out the work of artists, and use art as means of inspiration. I try to rid myself […], of the burden of culture and look for new ways to approach the work. I want to be open-ended. There are no rules, no right or wrong.” (J. Nairn, Frank Gehry. The Search for ‚No Rules‘ Architecture. AR, Juni 1976, S. 95.) Benedikt Kraft/DBZ

https://marta-herford.de

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