Kalifornischer Spirit in Ostwestfalen
Vor gut einem halben Jahr starb hochbetagt Frank Gehry in Santa Monica/US. Sein Werk erfährt gerade eine Art Renaissance mit Fokus auf die frühen Jahre und Gehrys Verwobensein mit der Kunstszene. Beidem, Architektur und Kunst, bietet der Gehry-Bau in Herford nun Raum für Bewusstseinserweiterung. Wir sprachen vorab mit den Kuratorinnen, dem Gehry-Diktum folgend: Be creative!
Wir sitzen hier in einem tageslichthellen Büroraum, helle Holzrahmen fassen die Fenster, schlichte, einem rektangulären Raster folgende Grundrisse: Wir sitzen im Museum Marta, Herford … Gehry?! Frau Rahn, von dieser schönen Nüchternheit aus geschaut, welches Bauwerk verbinden Sie sofort mit Frank Gehry?
Kathleen Rahn (KR): Natürlich Bilbao, das Guggenheim Museum, sofort. Aber dann kommt schnell auch die Gehry Residence, eben nicht die glatte Oberfläche, der organisch geschwungene Baukörper, sondern die Idee von Assemblage, eine unglaubliche Formensprache. Und Licht, das bei Gehry eine zentrale Rolle spielt.
Und Sie, Frau Kreisel?
Ann Kristin Kreisel (AKK): Natürlich ebenfalls Bilbao, aber auch all die anderen Arbeiten, die mit Formen und dem Material spielen, beispielsweise die drei Türme am Düsseldorfer Hafen, Klinker, Putz, Bleche … Das Spiel mit Materialität ist ein zentraler Aspekt, aus dem sich alle späteren Bauten entwickeln.
Architektur sei nicht ausstellbar: Vielleicht wollen Sie das hier auch gar nicht, denn der Fokus geht eher in Richtung Schnittstelle Architektur/Kunst. Dennoch die Frage, ob es hier eine besondere Herausforderung war, den Gehry im Gehry zu zeigen? Oder hat die Architektur Ihre kuratorische Arbeit gar beflügelt?
KR: Wir wollen ja tatsächlich nicht Architektur als Architektur zeigen, wir sind schließlich ein Kunstmuseum. Aber unser Konzept funktioniert supergut, weil Frank Gehry so sehr mit der Kunst verwoben war. Für ihn war das wesentlich für seine Arbeit. Als ich ihn in der Vorbereitung unserer Ausstellung in seinem Büro besucht habe, hat er mir seine kleine Kunstsammlung gezeigt, die sehr direkt in seinen Arbeitsräumen anwesend ist. Er selbst hat Kunst gemacht, Ausstellungen gehabt. Wir wollten eine Ausstellung machen, die weit über das Fachinteresse der ArchitekturexpertInnen hinausgeht.
Wir möchten in Herford zeigen, dass sein Spielen mit Material und Form aus der Kunst kommt, heute sämtlich Hochkaräter der Kunstgeschichte, die wir hier zusammengetragen haben.
Welchen Stellenwert hat Frank Gehry dem Marta in seinem Werk eingeräumt?
AKK: Dazu gibt es wohl keine belegbare Aussage. Oder, Kathleen? Was hier aber erlebbar ist, sind extrem viele Bezüge zu den frühen Arbeiten, der Umgang mit dem Bestand, die Assemblage, Collage, die Bezüge zum Ort, alles das macht diesen Bau wichtig. Wir sehen in unserem Schriftzug, in der Signature Wall, Bezüge zur Billboard-Ästhetik Los Angeles. Wir sehen Alltagsmaterialien wie Backstein. Das Marta ist nicht einer der wichtigsten Bauten Gehrys, aber er bringt sehr viele Ansätze zusammen, die in ganz klarem Bezug stehen zum Künstlerischen. Und darum geht es in der Ausstellung, um die künstlerische Prägung.
Nach der intensiven Beschäftigung mit der Architektur: Gehen Sie beide ab heute anders durch Ihren Arbeitsort?
KR: Komplett. Und es ist überraschend, wie sehr unsere Büroräume in Herford denen im Studio Gehry gleichen. Ja, wir haben auch zurückgebaut. Als ich hier angefangen habe, haben wir Wände weggerissen, die der Gründungsdirektor Jan Hoet in der Eingangsgalerie hat einbauen lassen. Mir war von Anfang an wichtig, zum ursprünglichen Gehry zurückzukommen. So haben wir ein Fenster wieder geöffnet und sofort gemerkt, dass der Raum nun einfach besser funktioniert, dass die Planung nicht auf Unnötiges zielte, sondern auf den Kern. Das Licht … das sind vielleicht Kleinigkeiten, die aber sehr viel ausmachen.
AKK: Vielleicht verstehe ich jetzt manches besser: dieses radikale Auf- und Durchbrechen und der sehr grundsätzliche Umgang mit Materialien und mit Volumina, das Umkehren und Verweben des Äußeren mit dem Inneren. Unser Foyer erlebe ich viel bewusster als Public Street, als transitorischen Raum. Offenheit, Offenheit der Konstruktion, wie Gehry sie sehr klar beispielsweise beim Atelier/Workshop Gemini G.E.L. umgesetzt hat, Offenheit als Teil des Bauprozesses, das sehe ich jetzt insgesamt, aber auch in vielen Details, deutlicher als vorher.
Inwieweit hat Ihnen Frank Gehry ins Kuratieren hineingesprochen? Oder war er da ganz lässig?
KR: Er war total lässig und hat häufig kommentiert, dass ich machen sollte, was ich für richtig erachte: „Be creative!“
Worauf stützen Sie sich in Ihrem Konzept, was sind die Quellen?
AKK: Da gibt es zum einen eine reiche Überlieferung mündlicher Quellen, Interviews, Vorträge etc. Aber wir greifen hier seine Erzählung über sich selbst auf. Auch die Projektbeschreibungen im Katalog basieren auf seinen Beschreibungen und Berichten.
KR: Es gibt ein unglaublich gut geführtes Archiv, in dem jedes Schnipselchen aufbewahrt wird, jede Soundspur und jedes Filminterview – und davon gibt es jede Menge. Aber wir lassen Frank Gehry bewusst selbst zu Wort kommen, weil er den Kern seines Arbeitens hervorragend auf den Punkt gebracht hat.
AKK: Ja, aber dann ist seine Sicht auf die Dinge auch von Spontaneität geprägt, von Machertum, einer No-Rules-Architecture. Er hat viel darüber gesprochen, sehr anekdotisch. Dieses Offene war auch das Besondere der L.A.-Kunstszene, die passte einfach in keine kunsthistorische Schublade: Hier waren das Experiment und Freigeist angesagt, alles schien möglich; im Gegensatz zu New York, wo in KünstlerInnengruppen, in Stilen gedacht wurde.
KR: Gehry meinte, dass man unter dem Radar unterwegs war, man konnte experimentieren. Die ganze Beat-Generation war geprägt vom Freiheitsgedanken, der Revolution …
Revolution im Marta!? Können Sie beide in Kürze Ihr kuratorisches Konzept vorstellen? Gehry und die Cool School …
AKK: Es geht um den Dialog zwischen Kunst und Architektur, Gehrys architektonischem Wirken und den künstlerischen Einflüssen. Und das in einem Umfeld Ende der 1950er-, 1960er-Jahre, wo KünstlerInnen auf eine ganz neue Weise mit Materialien, mit Oberflächen, mit neuen Technologien gearbeitet haben. Das ist L.A.-spezifisch, hier erkennen wir einen L.A.-Spirit. Mit dem Licht und seine Reflektionen, weg vom Objekt, hin zur Raumwahrnehmung. Ganz klar, dass das einen Architekten interessiert, der sich mit Licht beschäftigt hat, der Raumöffnungen so plante, dass ein Atelier eine ganz eigene Lichtquelle für die Studioarbeit hatte.
„Light & Space“, dazu gab es vor kurzem eine interessante Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld.
AKK: „Light & Space“, genau. Wir zeigen hier viele KünstlerInnen, die aus dieser Bewegung kommen und eine direkte Nahtstelle zu Gehrys Denken über Licht und Raum darstellen.
KR: Wir haben den Vorteil, dass wir von Frank Gehry ausgehend die Ausstellung entwickelt haben und nicht bloß versuchen, die Nachkriegs-avantgarde der US-amerikanischen Kunstgeschichte abzubilden. Wir wollen formale Bezüge herstellen zwischen einem Architekturmodell und einer Skulptur, zwischen einer Zeichnung und einem Foto. Zudem haben wir Arbeiten der sogenannten Cool School ausgewählt, weil Frank Gehry hier mittendrin war.
Warum sollten sich ArchitektInnen nach Herford aufmachen?
KR: Weil sie hier erstmals die frühen Modelle sehen können.
Im Kontext Kunst.
KR: Genau, wir sind immer aufgefordert, diese Hürden zu brechen. Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig ArchitektInnen zum Stammpublikum in der Kunstrezeption zählen. Wir bauen hier in jedem Fall eine schöne Brücke! Denn dass die Grenzen zwischen „Freie“ und „Angewandte“ fließend sind, das wird man sicher in unser Ausstellung wahrnehmen können.↓
Gehry gilt, wie manche andere seiner Generation, als Star-Architekt. Sehen Sie hier Parallelitäten zur Kunst, in der es die großen Meister gibt, deren Arbeiten für Normalsterbliche unerreichbar sind? In Krisenzeiten, so scheint es, hängen wir wieder an den Stars. Warum gucken wir jetzt auf das Frühwerk eines Star-Architekten?
AKK: Weil sein früher Ansatz enorm interessant ist, auch für alles Nachfolgende. Was aber ist ein Star-Architekt? Dazu wird man gemacht, durch die Medien, die Öffentlichkeit. Dass Gehry ein internationaler Star wurde, hat mit seiner freigeistigen Haltung zu tun. Er hat mit Konventionen gebrochen und Etabliertes hinterfragt, das ist in dieser Form, die er für seine Architekturen gefunden hat, einmalig. Und so ist er zu einer Ikone der Architekturgeschichte geworden, so wie viele seiner KünstlerfreundInnen zu Ikonen der Kunstgeschichte geworden sind.
Wird die Ausstellung wandern? Wäre ökonomisch betrachtet ein Vorteil.
KR: Wäre vorteilhaft, aber leider nein. Das ist wohl auch den ganz besonderen Umständen hier geschuldet. Ursprünglich wollten wir die Ausstellung zum 20-Jährigen des Marta machen, dann kamen die Sanierungsarbeiten, heikel bei Anfragen für Leihgaben.
Und möglicherweise ist Ihre Ausstellung auch sehr auf den Museumsbau selbst bezogen …
KR: Wenn Sie hier die räumlichen Gegebenheiten meinen, sehe ich das nicht so, aber grundsätzlich gibt es wenige Häuser wie das unsere mit dann doch sehr speziellem Profil.
Viele der hier gezeigten künstlerischen Arbeiten haben wir aus Museen des näheren Umfelds geliehen, aus Krefeld, Mönchengladbach, Köln, also die Ludwigs, die ganzen Nachkriegsmuseumsgründungen, die die amerikanische Pop- und Minimal-Art nach Europa, nach Deutschland gebracht haben. Unter den Weitgereisten sind zum Beispiel die Stücke von Gehry.
AKK: Nicht zu vergessen die Werke von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen. Da ist ein ganzes Bühnenbild nach Herford gereist, zusammen mit einer vergrößerten Version des Kostüms von Frank Gehry als Figur des „Frankie P. Torontos“ und Originalzeichnungen von Oldenburg und Gehry.
KR: Die „Coltello-Performance“ füllt einen ganzen Raum, ein Riesenprojekt.
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Neben den „Ludwigs“ sehen wir auch Arbeiten aus der Schürmann-Sammlung. Sind die so etwas wie das Missing Link zwischen Architektur und Kunst?
KR: Das Marta ist schon lange mit Gaby und Wilhelm Schürmann verbunden, vergangenes oder vorletztes Jahr haben sie uns Arbeiten von Rodney McMillian geschenkt, einem L.A. Künstler. Wilhelm Schürmann ist seit den 1980er-Jahren regelmäßig an die Westküste gereist, er kennt die Szene wie kaum ein anderer. Davon haben wir profitiert, konnten gezielt auf unterschiedlichste Arbeiten aus der Sammlung zugreifen. Und dann haben hier nochmal fantastische Entdeckungen machen können, aus den 1960er- bis 1980er-Jahren, mit Corita Kent, mit Deborah Remington, die mit genau den gleichen Themen wie Ed Ruscha oder andere gearbeitet haben, aber nochmal in anderer Form. Die konnten wir hier in unsere Ausstellung als sehr bereichernd aufnehmen ... also Missing Link passt, aber weniger bezogen auf Kunst/Architektur.
Als Kuratorinnen möchten Sie beide mit dieser Ausstellung auch eine Botschaft in die Welt senden? Wie könnte die lauten?
AKK: Zuerst geht es uns wohl darum, die künstlerische Seite Gehrys, seinen Blick auf die Kunst in den Mittelpunkt zu rücken. Von dort aus entsteht einfach ein riesengroßer Dialog, der Kunst und Architektur als etwas Zusammenhängendes verbindet. Dabei soll auch das Marta als Gebäude selbst thematisiert werden, ein Gebäude, in dem wir tagtäglich arbeiten, das ein Wahrzeichen der Region ist und natürlich Identifikationspunkt der Stadtgesellschaft. Wir werden, indirekt, die Geschichte des Marta auch nochmal erzählen und, das ist vielleicht mein Traum, diesen sehr eigenen kalifornischen Spirit hier im ostwestfälischen Herford aufblitzen zu lassen.
KR: Wir wollen mit dieser Ausstellung zeigen, dass es hier wahnsinnig viel zu entdecken gibt – in Städten, die nicht im Zentrum sind, die aber das Glück haben, eine außergewöhnliche Architektur zu besitzen, die unglaublich inspirieren kann. Und wir zeigen auch, dass das Improvisierte, das Ungewisse, das „Do it yourself“ aus dieser Zeit, auch wenn wir hier eine Reihe heute großer Namen versammeln, immer noch unglaublich inspirierend ist.
Mit den Kuratorinnen der Ausstellung „Mindset Los Angeles – Frank Gehry und die Cool School“, Kathleen Rahn, Direktorin Marta, sowie Ann Kris-tin Kreisel, Kuratorin, unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 10. Juni 2026 im Marta in Herford.
