Husarenstück
Früher waren Telefonbücher so: dick, schwer, hunderte Seiten dünnen Papiers. Telefonbücher stehen heute für das Analoge des eigentlich digital sein Müssende schlechthin: Namenslisten, Zahlenlisten, streng logische Ordnung. Die Albanian Files genannte Publikation ist so ein Telefonbuch, ein Nachschlagewerk, durch das man sich treiben lassen kann. Weniger Zahlen – aber auch –, mehr Bilder. Bilder vom Gebauten, von Visionen, von Absichten, Anbiederungen. Visitenkarten, die 60 internationale Architekturbüros auf der Landkarte Albaniens platziert haben, die einen mit offensichtlichem Erfolg, andere vergeblich, wieder andere in Wartestellung.
2019 erschien bei About Books, Zürich/Berlin, die wunderbar unverblümt geschriebene Geschichte Peter Wilsons („Some Reasons for Traveling to Albania“), in welcher der Architekt die Arbeiten von Bolles+Wilson in Tirana und im Land beschreibt. Hier findet man unter anderem den Satz: „This is no normal prime minister [gemeint ist Edi Rama], but a man of vision.“ Und tatsächlich haben es Stadt und Land Albaniens ihrem seit vielen Jahren regierenden Bürgermeis-ter (Tiranas) und nachfolgend Ministerpräsidenten (Albaniens) Edi Rama zu verdanken, dass Planungsbüros der so genannten westlichen Welt zum Um- und Auf- und Weiterbauen des Landes eingeladen wurden. Seit 12 Jahren Ministerpräsident wurde der schillernde Sozialist (und, wie er sich selbst auch sieht, Künstler) zuerst gefeiert und geliebt, auch von den westlichen Nachbarn. Mittlerweile gehen Bürgerinnen auf die Straßen und protestieren, u. a. gegen allgemein zunehmende Korruption und Ramas häufig eigenmächtige Vergabepraxis für Bauprojekte in geschützten Gebieten an US-amerikanische Investoren.
Womit wir wieder beim Telefonbuch wären. Die hier auf jeweils acht oder 16 Seiten sich mit Albanien-Projekten präsentierenden Büros sind sicherlich gut vernetzt, die Durchwahlen der Eigner sind in allen Mobilfunktelefonen gespeichert: Man kennt sich. So wird der eine den anderen weiterempfehlen in einem Land, das gerade einen rasanten Wandel erlebt und in dem ganz offensichtlich der Ministerpräsident Bauaufträge gerne direkt vergibt. Und das auch weiterhin so machen soll, jedenfalls nach Meinung von Reinier de Graaf (OMA), dessen unwahrscheinlich huldigender „open letter to Edi Rama“ u. a. diesen Satz enthält: „I can only hope they [Ramas Partei] succeed. It is difficult to picture a new regime taking care of architects as well as the current one.” Taking care of „architects“, also nicht „architecture“.
Es gibt andere, weniger Enfant terrible seiende Planerinnen in diesem Buch. Doch alle sind sie nach Albanien gegangen, um dort etwas zu gestalten, zu bauen. Vielleicht etwas, das in anderen Ländern (Deutschland zum Beispiel) an Vorschriften, Verfahren, Auflagen häufig scheitert?! Die Lesereise durch die (meist) bunten Projekte ist eine hoch spannende, die der Projekteschau jeweils vorgeschaltete Kurzcharakterisierung der Büros aufschlussreich wie gleichermaßen auch die Beantwortung (meist auch nur Reaktion) auf die von der Herausgeberin vorgelegten, für alle gleichen Fragen. Ihr Vorwort – nach dem von Edi Rama, der hier gleichsam das Grußwort schreiben durfte – endet mit dem Hinweis, dass man erst später weiß, warum was wie entschieden wurde: Das eine aus einer Ambition heraus, einiges aus der Notwendigkeit, wieder anderes aus Überzeugung, und einiges „undeniably, by opportunism.“ Albanien files? Aber ja! Gesponsort by … „sponsors“, Namen werden leider nicht genannt. Ein Husarenstück in der aktuellen Architekturpublikation. Be. K.
Lars Müller Publishers, Zürich 2026,
796 S., ca 1 500 Farbabb.
The Albanian Files. Freedom and Architecture. Hrsg. v Anneke Abhelakh, mit einem Vorw. v. Edi Rama. Lars Müller Publishers, Zürich 2026, 796 S., ca 1500 Abb.
65 €, ISBN 978-3-03778-800-4 1
