Ein neuer Anker für den Marktplatz

Haus des Tourismus, Stuttgart

Die Besonderheit des Entwurfs zum Stuttgarter Haus des Tourismus von asp Architekten ergibt sich aus folgenden Aspekten: Das Stahlbetonskelett des Bestands aus den 1950er-Jahren konnte erhalten werden, wurde konstruktiv durch Holz erweitert und mit einer neuen, transparenten Fassade versehen. Damit öffnet sich das vormals introvertierte Gebäude zum Stuttgarter Marktplatz und verleiht diesem eine neue städtebauliche Bedeutung. 

Mit dem ehemaligen Modehaus Breitling steht am Stuttgarter Marktplatz ein typischer Vertreter der Nachkriegsmoderne: ein funktional geprägter Stahlbetonskelettbau, der mehrfach umgebaut wurde. Die Nutzung war weitgehend monofunktional – gedrungene Verkaufsflächen dominierten das Bild, ergänzt durch Technik- und Nebenräume im Untergeschoss. Der Baukörper zeigte erhebliche Defizite: eine geschlossene Fassade zum Marktplatz mit nachträglich ergänztem Treppenhaus, konstruktive Schwächen in späteren Aufstockungen sowie Schadstoffbelastungen durch Asbest und künstliche Mineralfasern (KMF). Hinzu kam der desolate energetische Zustand der Gebäudehülle. Der Eingriff begann folgerichtig mit der Schadstoffsanierung. „Wir haben das Gebäude komplett entkernt und nur den Skelettbau noch stehen lassen“, erläutert Raphael Dietz, verantwortlicher Projektleiter bei asp Architekten. Damit wurde der Bestand auf seine konstruktive Substanz reduziert, die Ausgangspunkt für die Transformation war. Gleichzeitig ermöglichte dieser Schritt eine Bestandsaufnahme, die rasch die Knackpunkte des Umbaus offenbarte: Abweichungen zwischen alten Plänen und gebauter Realität machten deutlich, dass das prozesshafte Weiterbauen nur im Dialog mit dem Vorgefundenen funktionieren würde.

Rückbau und Ergänzungen

Die Tragstruktur blieb beim Rückbau weitgehend erhalten, ergänzt durch punktuelle Eingriffe. Neue Bauteile aus ressourcenschonendem Beton (R-Beton) dienten der Ertüchtigung und Ergänzung. Die Erweiterungen – sowohl in der Fläche als auch in der Höhe – wurden in Holzbauweise realisiert. Insgesamt kamen rund 500 m³ Nadelholz zum Einsatz. Ab dem 3. OG besteht die Konstruktion nahezu vollständig aus Holz, einschließlich massiver Brettschichtholzdecken und -träger. Diese Vorgehensweise verbindet die Nutzung nachwachsender Rohstoffe mit konstruktiver Lesbarkeit: Bestand bleibt Beton, Ergänzung wird Holz.

Bausubstanz und Anschlussprobleme

Die größte Herausforderung während der Bauphase lag im Umgang mit der heterogenen Bestandsstruktur. Überraschungen traten insbesondere in der Tragstruktur auf. „Das ovale Treppenhaus stand leicht schräg. Beschädigt war die Bewehrung der an das Treppenhaus anschließenden Rippendecken. Dort waren  Bewehrungen verbogen und teilweise nicht mehr tragfähig“, berichtet Dietz. Zudem ließ sich der verwendete, schadhafte Stahl in Teilen nicht schweißen. Die Instandsetzung erfolgte mittels aufwendiger Freilegung und dem Einbau ­neuer Bewehrungen über MBT-Muffen: Dabei wurde der beschädigte Stahl herausgeflext und durch neuen ersetzt. Da er nicht schweißbar war, wurde eine Muffe herumgelegt und reingeschraubt – eine aufwendige Lösung, die zudem unter beengten Platzverhältnissen realisiert werden musste.

Auch der Anschluss der neuen Holzdecken an den Bestand erwies sich als komplex. Unebenheiten und Abweichungen im Rohbau – bis zu 9 cm – machten standardisierte Lösungen unmöglich. Stattdessen kamen Spezialmörtel und aufwendige handwerkliche Anpassungen zum Einsatz. So erforderte die Verbindung von Bestand und Holzbau u. a. zahlreiche individuelle Stahlteile. Gleichzeitig musste auf minimale Lastreserven Rücksicht genommen werden. „Die Decken hatten nur sehr geringe Lastreserven – das hat uns konstruktiv stark eingeschränkt“, erklärt Dietz. Diese Restriktion beeinflusste sämtliche weitere Planungsentscheidungen.

Rippendecken: Sanierung, Toleranzen, Schallschutz

Die vorhandenen Rippendecken stellten eine zentrale Herausforderung dar. Neben der Betonsanierung galt es hier, zahlreiche Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen: Brandschutz (F90), Schallschutz, Integration der Haustechnik und Toleranzausgleich. Die Lösung bestand aus einem vielschichtigen Aufbau: Ausgleichsschüttung zur Nivellierung, Trittschalldämmung, Trockenestrich sowie abgehängte Brandschutzdecken. Installationen wurden mittels durch die Brandschutzdecken geführte Gewindestangen abgehängt. Die geringe Tragfähigkeit erforderte extrem leichte Konstruktionen, wodurch sich die Varianten nur in wenigen Kilogramm unterschieden.

Wir haben rund 20 Varianten untersucht, bis wir eine technisch funktionierende Lösung gefunden haben“, so Dietz. Die Komplexität zeigt wieder einmal, dass Bauen im Bestand ein flexibles, prozesshaftes Vorgehen erfordert, bei dem Planung und Ausführung eng verzahnt sind und Entscheidungen oft erst auf der Baustelle getroffen werden können.

Neue Ausrichtung zum Marktplatz

Der Dialog mit dem Vorgefundenen bezieht sich auch auf die städtebauliche Einordnung am Marktplatz. Dort ist das Stuttgarter Rathaus das dominierende Gebäude. Umgeben wird es von einer kleinteiligen Struktur an Gebäuden aus den 1950er-Jahren. Um die Bedeutung des unmittelbar benachbarten Rathauses zu unterstreichen, wurde das Haus des Tourismus bewusst in diese Struktur eingebettet.

Die heutige transparente, vor- und zurückspringende Fassade bildet dabei das zentrale gestalterische Element: Sie gliedert sich konstruktiv in vier Teile, die nach außen hin ablesbar sind. Im gläsernen Sockel des Erdgeschosses sind die Touristen­information (der sogenannte I-Punkt) und Gastronomie untergebracht, in den Obergeschossen Meetingräume und Büro­flächen, das neue Staffelgeschoss beherbergt Dachgarten und -bar, ausgelegt für max. 199 Personen. Dabei gliedert sich das Dachgeschoss in zwei Teile: ein überdachter, wettergeschützter Bereich mit zwei geschlossenen Baukörpern aus Holz, der sich in eine Dachfläche mit lichtdurchlässiger Lamellenstruktur öffnet, die künftig mit Weinreben begrünt sein wird. Davor erstreckt sich zum Marktplatz hin ein offener Dachgarten, der von Koeber Landschaftsarchitektur gestaltet wurde. Der Bodenaufbau beträgt max. 60 cm, an einigen Stellen auch weniger, da das statische System mit flächendeckend 60 cm überfordert gewesen wäre. Das hätten weder die Gründung noch die 33 cm starke Holzdecke ausgehalten.

Von zentraler Bedeutung ist die Verlegung des Eingangs, der vormals an der Gebäudeecke war. „Wir wollten, dass sich der Eingang zentral dem Marktplatz zuwendet und als eine Verlängerung des Platzes wirkt“, so Dietz. Der vormals introvertierte Charakter des Hauses wird damit in einen öffentlichen Stadtbaustein überführt. Gastronomie und Touristinfo im Erdgeschoss fungieren als Schwelle zwischen Innen und Außen und reaktivieren den lange kaum für öffentliche Begegnungen genutzten Marktplatz.

Dabei wurde das Raumprogramm gemeinsam mit Bauherrn und Politik entwickelt. Dieser Prozess spiegelt sich im Gebäude wider: flexible Grundrisse, unterschiedliche Raumangebote und eine Mischung aus öffentlichen und halböffentlichen Bereichen wechseln einander ab. Mit Ausnahme der Gastronomie im EG wurden die Innenräume von Ippolito Fleitz gestaltet.

Die Raumaufteilung und -gestaltung der Bürogeschosse ermöglichen eine flexible Nutzung, bei der Mitarbeitende je nach Bedarf zwischen offenen und geschlossenen Räumen wechseln können. Der Clou aber ist die Öffnung der Geschosse durch einen nachträglich eingeschnittenen Luftraum, der zwar viel Fläche wegnimmt, aber durch seinen großzügigen Haus-im-Haus-Effekt der Raumqualität dient.

Fassade zum Marktplatz und zur Rückseite

Die neue Marktplatzfassade interpretiert die Körnung der gegenüberliegenden Bebauung neu. Die Rahmenstruktur leitet sich aus dem bestehenden Achsraster ab und übersetzt die Tragstruktur in eine plastische Fassadengliederung. Vor- und Rücksprünge erzeugen Tiefe und vermitteln zwischen Maßstab des Platzes und Gebäudestruktur.

Die Rückseite hingegen folgt stärker konstruktiven und ökologischen Anforderungen. Hier wurde das Gebäude erweitert und mit einer hybriden Fassadenkonstruktion aus Holzrahmenwänden, Putz- und Metalloberflächen sowie integrierten Pflanztrögen ergänzt. Die Besonderheit hier: Aufgrund von Abstandsflächen zum Nachbargebäude gibt es einen Knick im Haus, der dazu führt, dass eine Seite 30 cm schmaler ist als die andere. Darüber hinaus wurden auf dem Dach sowie an Teilen der Fassade des Dachgeschosses PV-Module installiert. Drei Fassaden wurden zudem begrünt. Die Dächer wurden mit Gründächern ausgestattet, die zur Regenwasserrückhaltung und Gebäudekühlung beitragen.

„Die Fassadenteile sind geschraubt und zum Teil geklemmt – wir haben so die Möglichkeit, sie sortenrein zu trennen“, so Dietz. Damit wird die Fassade zumindest theoretisch Teil eines künftigen Materialkreislaufs.

Warum es sich gelohnt hat

Trotz des erheblichen Mehraufwands zeigt das Stuttgarter Projekt das Potenzial einer Transformation. Im Vergleich zu einem Neubau konnten laut asp durch den Erhalt der Tragstruktur rund 25–30 Prozent CO₂- Emissionen eingespart werden. Der Einsatz von Holz wirkt zusätzlich als CO₂-Senke, während Recyclingbeton den Verbrauch primärer Rohstoffe reduziert. Zudem erreicht das Haus KfW-40-Standard.

Der Verzicht auf Neubau, Baugrube und aufwendige Gründungsmaßnahmen sowie das damit verbundene Verbleiben im bestehenden Baurecht verkürzte die Genehmigungs- und Bauzeiten erheblich. Vor allem jedoch entstand ein neuer urbaner Ort mit hoher Aufenthaltsqualität. Die Öffnung zum Marktplatz, die Mischung der Nutzungen und die Dachterrasse als öffentlich zugängliche „fünfte Fassade“ transformieren das ehemalige Kaufhaus zu einem lebendigen Stadtbaustein. „Es ist immer noch das Haus Breitling – aber ein völlig anderes Gebäude“, resümiert Dietz. ⇥Heide Teschner/DBZ

Die Fassadenöffnung reintegriert das ehemalige Kaufhaus städtebaulich und schafft so eine neue Erzählung, die zur Wiederbelebung des zentralen Marktplatzes beitragen kann.«
DBZ-Heftpartner ksg architekten, Köln/Leipzig/Berlin

Projektdaten

Objekt: Haus des Tourismus, Marktstraße 2, Stuttgart

Bauherr: Stuttgart Marketing GmbH

Nutzer: Stuttgart Marketing GmbH, Regio Stuttgart Marketing- und Tourismus GmbH, Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg, Knitz Gastronomie GmbH

Architektur/Bauleitung: asp Architekten GmbH, www.asp-architekten.de

Team: Marie-Eve Beyer, Dariia Cherkashyna, Raphael Dietz (Projektleitung), Bernhard Heinnickel, Ellen Henriques, Laura Palamattam, Hannah Kölbl, Sabine Kühn, Manuel Martinez, Marta Martinez, Tugce Sahin, Ralph Stäcker, Melek Türkmen, Matthias Wachter

Projektlaufzeit: 08.2021-10.2025

Grundstücksgröße: 605 m²

Grundflächenzahl: 0,99

Geschossflächenzahl: 4,27

Nutzfläche: 2 496 m²

Technikfläche: 217 m²

Verkehrsfläche: 378 m²

Brutto-Grundfläche: 3 716 m²

Brutto-Rauminhalt: 13 660 m³

Fachplanung

Tragwerksplanung: IGG Gölkel GmbH & Co. KG, www.igg-goelkel.de

TGA-Planung, Akustik, Energieplanung und -beratung: EGS-plan, www.egs-plan.de

Fassadenplanung: IFP Weber GmbH & Co. KG,
www.ifp-weber.de

Fassadentechnik: Ingenieurbüro Dipl.-Ing. Rainer Neumann

Lichtplanung: candela GmbH lighting design, www.candela.de

Innenarchitektur: Ippolito Fleitz Group, www.ifgroup.org

Landschaftsarchitektur: Koeber Landschaftsarchitektur, www.koeber-la.de

Brandschutz: Endreß Ingenieurgesellschaft mbH, www.endress-brandschutz.de

Orientierungssystem: Studio Tillack Knöll, www.studiotillackknoell.com

Energie

Primärenergiebedarf: 46,85 kWh/m²a nach EnEV 2020

Endenergiebedarf: Wärme: 73 kWh/m²a, Strom: 13 Wh/m²a nach EnEV 2020

U-Werte Gebäudehülle:

Außenwand: U = 0,07-0,28 W/(m²K)

PR-Fassade: Uf = 0,90 W/(m²K)

Bodenplatte: U = 0,17-0,50 W/(m²K)

Dach: U = 0,10-0,15 W/(m²K)

Fenster: Uw = 0,90 W/(m²K)

Verglasung: Ug = 0,90 W/(m²K)

Hersteller

Beleuchtung: Candela 

Bodenbeläge: Object Carpet, Noraplan, Florim

Fassade/Außenwand: Sto, Fermacell

Innenwände/Trockenbau: Rigips, Promat

Möbel: Rolf Benz

Sonnenschutz: Warema, Mermet

Türen/Tore: Neuform, Domoferm

x

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