Freiraum als letzte Schicht

Orientierung bieten, den Zeitenlauf abbilden und Begegnungs- sowie Rückzugsräume schaffen – der Außenraum kann bei Pflegeimmobilien zahlreiche Funktionen übernehmen, vorausgesetzt, er wird von Beginn an mitgedacht. Warum die Zeichen früh auf Grün stehen sollten ...

Am Ende kommt das Grün. Häufig beginnt die Planung dessen, was später als Freiraum wahrgenommen werden soll, erst dann, wenn die wesentlichen planerischen Entscheidungen im Gesundheitsbau bereits getroffen sind. Kubatur, Erschließung und Funktionsverteilung sind festgelegt, Wegebeziehungen definiert, Schnittstellen gesetzt. Zurück bleiben Freiflächen, die bepflanzt, möbliert und atmosphärisch aufgeladen werden. Landschaft wird damit zu einer Form architektonischer Nachsorge, obwohl ihr Potenzial weit über die atmosphärische Gestaltung hinausreicht.

Gerade dort, wo Architektur den Anspruch ­erhebt, Gesundheit und Wohlbefinden zu un­terstützen, liegt darin ein bemerkenswerter ­Widerspruch. Gesundheitsfördernde Architektur be­ginnt nicht erst mit der Reaktion auf Krank­heit, sondern mit räumlichen Bedingungen, die Wohlbefinden, Genesungsprozesse und gute Arbeitsbedingungen von vornherein unterstützen.

Auch der Freiraum ist ein integraler Bestandteil räumlicher Vorsorge. Er muss wesentlich früher gedacht werden und beginnt mit der Setzung des Gebäudes im Gelände, mit der Ausbildung und Proportionierung seiner Höfe, mit Blickbeziehungen und den Übergängen zwischen Innen und Außen. Nur unter dieser Voraussetzung ist er nicht ein nachträglich applizierter Außenraum, der den Gesundheitsbau umgibt, sondern Teil seiner architektonischen Qualität.

Dass sich die Bedeutung des Freiraums historisch immer wieder verändert hat, lässt sich an der Entwicklung des Krankenhaustyps ablesen. Einrichtungen für ansteckende Krankheiten wurden bereits früh bewusst außerhalb der Stadt angeordnet. Distanz, Luft und offene Flächen waren dabei nicht gestalterischer Mehrwert, sondern Teil einer hygienisch begründeten Ordnung. Mit dem Krankenhaus der Aufklärung und später dem Pavillonkrankenhaus wurde dieser Zusammenhang noch deutlicher: Einzelne Baukörper lagen eingebettet in weitläufigen Landschaftsräumen; Frischluftversorgung, Abstand und Aufenthalt im Freien bestimmten die Anlage wesentlich mit. Der Außenraum wurde damit zunehmend zum Bestandteil der medizinisch begründeten Typologie.

Mit der zunehmenden Entwicklung der Medizin verschob sich dieses Verhältnis. Kurze Wege, neues Equipment und betriebliche Effizienz führten im frühen 20. Jahrhundert zu kompakten und vertikal organisierten Bauten. Der offene Raum verlor damit an struktureller Bedeutung; Genesung wurde stärker durch medizinische Funktionen unterstützt. Zwar konnte die Verdichtung größere zusammenhängende Grünflächen auf dem Grundstück freihalten, doch bestand zwischen diesen Freiflächen und den inneren Abläufen zunehmend weniger Beziehung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich dieser Widerspruch in anderer Form fort. Großmaßstäbliche Klinikkomplexe entstanden häufig als Solitäre in parkartigen Anlagen. Landschaft war nun zwar großzügig vorhanden, blieb aber vielfach räumliche Kulisse einer zunehmend funktional bestimmten Krankenhausarchitektur. Der Park umgab die Klinik, ohne Aufenthaltsqualitäten mitzubestimmen.

Seit den 1960er- und 1970er-Jahren verschob sich der Blick erneut. Krankenhäuser sollten sich stärker mit ihrem städtischen Umfeld verweben. Damit veränderte sich auch die Rolle der Freiflächen: Aus dem umgebenden Klinikpark entwickelte sich zunehmend ein abgestuftes Gefüge aus Höfen, Terrassen, Dachgärten, Wegen, Plätzen und öffentlich zugänglichen Landschaftsräumen.

Heute beginnt die Herstellung der Außenanlagen im internationalen Raum bereits, sobald der Rohbau dies zulässt. Das hat zunächst sehr praktische Vorteile: fertiggestellte Bereiche bleiben von späterem Schotter- und Baustelleneintrag weitgehend verschont, Wege und Vegetationsflächen können früh etabliert werden. Vor allem aber verändert sich das Bild des entstehenden Gesundheitsbaus. Seine Adresse zur Stadt entsteht nicht erst am Tag der Eröffnung, sondern bereits, wenn Patienten und Mitarbeitende das Gebäude beziehen.

Wo beginnt der freie Raum?

Was verändert sich also, wenn Freiraum heute nicht mehr als letzte Schicht, sondern als Leitgedanke des Entwurfs verstanden wird? Dann bemisst sich seine Qualität nicht an der Menge des Grüns, sondern an dem, was er räumlich ermöglicht.

Doch wo beginnt er? Erst an der Schwelle zwischen Innen und Außen, dort, wo Architektur auf Vegetation trifft? Diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden, weil Freiraum nicht zwingend physisch betreten werden muss, um räumlich wirksam zu werden. Krankheit, Alter oder Pflegebedürftigkeit verändern Handlungsmöglichkeiten, heben grundlegende Bedürfnisse jedoch nicht auf. Tageslicht, Wetter, Vegetation, Jahreszeiten, Ausblick und selbstbestimmte Bewegung bleiben Teil menschlicher Wahrnehmung. Das Ziel einer erfolgreichen Freiraumgestaltung ist es also nicht, die Natur innerhalb einer Institution nachzuahmen, sondern möglichst viel Kontinuität zwischen dem Menschen und seiner Umgebung zu erhalten.

Dies kann auf unterschiedlichen Ebenen funktionieren: der visuelle Freiraum wirkt über Blickbeziehungen und Tageslicht; der zugängliche über Aufenthalt, Bewegung und unmittelbare Naturerfahrung; der strukturelle greift bereits in die Organisation des Gebäudes ein. Erst im Zusammenspiel dieser Ebenen wird Landschaft zu einem Bestandteil des Gesundheitsbaus. Ein Baum kann Orientierungspunkt sein, Schatten spenden, Verdunstung fördern, Lebensraum bieten und durch seine jahreszeitliche Veränderung Zeit sichtbar machen. Ein Garten wirkt auch über Geruch, Texturen, Blüten, Geräusche oder die Anwesenheit von Vögeln und Insekten. Gerade in der Demenzversorgung, Psychiatrie oder Pädia­trie können solche sensorischen Reize aktivierend oder beruhigend wirken.

Dieselbe Mehrfachcodierung gilt für die funktionale Ebene. Großbäume, Verschattung, Entsiegelung und Verdunstung verbessern das Mikroklima; Regenwassermanagement macht den Außenraum zum Bestandteil klimaresilienter Infrastruktur. Gleichzeitig müssen Rettungswege, Logistik, Beleuchtung und Pflege dauerhaft funktionieren.

Wie weit dieser Gedanke reichen kann, zeigen unterschiedliche Maßstabsebenen. Als Prototyp lässt sich das Kreiskrankenhaus Agatharied lesen. Der 1998 fertiggestellte Komplex löst den Krankenhausbau in mehrere pavillonartige Baukörper auf und organisiert ihn als eine Art kleine Stadt. Seine niedrige, stark gegliederte Struktur bindet sich in die umgebende Landschaft ein; natürlich belichtete Erschließungsräume und wiederkehrende Bezüge nach außen bestimmen die räumliche Wahrnehmung. Der Eingangsbereich ist als eine Art Marktplatz konzipiert und erweitert die reine Erschließung um einen Aufenthalts- und Begegnungsraum. Der Freiraum bleibt nicht Kulisse vor der Architektur, sondern wird über Licht, Blickbeziehungen, Maßstab und Durchlässigkeit Teil des Hauses.

Beim Kinderspital Zürich wird der Freiraum Teil der Gebäudetypologie selbst: Grüne Innenhöfe sind geschossübergreifend in die Gebäudestruktur integriert, während die Landschaft das Gebäude auch außen umgibt. Beim Universitäts­klinikum Münster erweitert sich dieser Ansatz in die Vertikale – der höher gelegene Grünraum löst den Naturbezug vom Erdgeschoss. Am Kantonsspital Baden wiederum wird Landschaft zum übergeordneten Leitmotiv, das über Innenhöfe, Terrassen, Blickbeziehungen und den umgebenden Freiraum bis in das Gebäude hineinwirkt. Landschaft und Gebäudeorganisation werden als ein räumliches Gesamtsystem entwickelt, mit dem Ziel, eine Pflegeimmobilie in eine Gesundheitslandschaft zu verwandeln.

Wenn Landschaft handlungsfähig macht

Gerade in Gesundheits- und Pflegebauten, deren räumliche Organisation für viele Nutzer zunächst fremd und komplex ist, erhält der Freiraum eine erweiterte Funktion. Lesbarkeit wird meist als funktionale Aufgabe verstanden – Wege sollen kurz, Ziele durch Beschilderung auffindbar und Abläufe deutlich sein. Ein charakteristischer Hof, ein einzelner Baum oder der wiederkehrende Blick auf einen Garten sind jedoch Fixpunkte, die sich einprägen und innerhalb komplexer Gebäudestrukturen ein topografisches Gedächtnis ausbilden. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist ein vertrauter räumlicher Bezugspunkt unmittelbar verständlich. Vielleicht ist ein Baum in diesem Sinne sogar das bessere Leitsystem.

Orientierung bleibt jedoch nicht beim Sehen und setzt sich in Bewegung fort. Außenraum wird durchquert, ertastet und körperlich erfahren. Was für Besucher lediglich eine Verbindung zwischen zwei Orten darstellt, kann für einen Menschen, der den Weg nach einer Operation zum ersten Mal wieder selbstständig zurücklegt, ein Moment zurückgewonnener Autonomie sein. Eine Stufe ist nicht mehr nur Höhenüberwindung, ein Handlauf nicht ausschließlich Sicherung, ein Wechsel des Bodenbelags nicht bloß Materialentscheidung. Unterschiedliche Tritthöhen, Rampen, ­Wege­längen oder Bewegungsstationen können gezielt eingesetzt werden, um Mobilität, Gleichgewicht und Selbstständigkeit wieder einzuüben. Ein Weg führt dann nicht nur zu einem Ziel, sondern kann selbst Teil des Genesungsprozesses werden.

Freiraum als befreiter Raum

Wo Bewegung in Aufenthalt übergeht, wird Freiraum zum sozialen Raum. Wege münden in Höfen, Terrassen oder Gärten, Menschen begegnen sich, beobachten einander oder ziehen sich zurück. Die Planung steht hier im Spannungsverhältnis: Sie soll möglichst viel Normalität und Teilhabe im Alltag ermöglichen, aber gleichzeitig befinden sich hier Menschen, deren Alltag bereits durch Pflege, Behandlung oder eingeschränkte Mobilität fremdbestimmt wird.

Nicht jeder Aufenthalt im Freien ist gemeinschaftlich, nicht jede Begegnung erwünscht. Der private Sitzplatz vor dem Zimmer erfüllt eine andere Aufgabe als ein gemeinschaftlicher Garten; eine geschützte Nische eine andere als ein belebter Hof. Dazwischen liegt kein scharfer Gegensatz, sondern eine räumliche Folge unterschiedlicher Grade von Privatheit.

Wie selbstverständlich solche Abstufungen Bestandteil einer Pflegetypologie werden können, zeigt das Altenheim in Nový Bydžov. Die Zimmer verfügen über eigene Terrassen, während gemeinschaftliche Bereiche zu Innengärten führen und Atrien die Innenräume visuell mit dem Garten verbinden. Folglich bilden Privatheit, Gemeinschaft und Landschaft eine räumliche Sequenz.Diese Abstufung entsteht nicht erst durch Möblierung oder Bepflanzung. Vielmehr wird sie durch die Lage und Zuordnung der Außenräume bestimmt: durch Schwellen, Blickbeziehungen, Abstände, gezielt eingesetzter Vegetation und die Frage, von wo aus ein Raum betreten, überblickt oder verlassen werden kann. Ein Sitzplatz kann Teil eines gemeinschaftlichen Gartens sein und dennoch so liegen, dass Teilnahme aus der Distanz möglich bleibt. Umgekehrt kann ein großzügiger, öffentlicher Außenraum ausschließend wirken, wenn er keine geschützten Bereiche anbietet. Daher verliert die einfache, rein planerische Trennung zwischen öffentlichen und privaten Bereichen gegenüber der Qualität ihrer Übergänge an Bedeutung.

Davon profitieren nicht nur die Patienten. Angehörige benötigen Außenräume, in denen Gespräche außerhalb des Patientenzimmers oder der Wartezone möglich sind. Mitarbeitende wiederum brauchen kurzfristig erreichbare Rückzugsorte, die nicht zugleich als allgemeine Aufenthaltsbereiche dienen. Ein Garten, ein kleiner Hof oder eine Terrasse kann deshalb je nach Lage ganz unterschiedliche soziale Aufgaben übernehmen.

Nicht jede Bedeutung des Freiraums lässt sich allerdings funktional beschreiben. Gerade in Hospizen und Einrichtungen der Langzeitpflege kann Landschaft emotionale oder spirituelle Bezüge aufnehmen. Vertraute Pflanzen, Wasser, jahreszeitliche Veränderungen oder ein geschützter Garten können Erinnerungen anstoßen, Rituale ermöglichen oder schlicht einen Ort bieten, an dem die eigene Krankheit für einen Moment nicht im Vordergrund steht.

Beispielsweise wird das Caritas-Hospizzentrum Mutter Teresa mit seinem Klostergarten, den Wegen, Teichen und dem Innenhof sowie den fließenden Übergängen zwischen Innen und Außen zu einem solchen Bedeutungsträger: zu einem Raum für Erinnerung, Rückzug und Kontemplation. In diesem Sinne ist die Gestaltung von Freiräumen immer auch eine soziale Aufgabe: Sie stärkt Selbstbestimmung und trägt dazu bei, unterschiedliche Bedürfnisse gleichberechtigt räumlich abzubilden.

Wo endet der freie Raum?

Der Trend geht in Richtung Öffnung des Gesundheitsbaus zur Stadt. Cafés, Apotheken, Veranstaltungsräume, Parks oder öffentlich zugängliche Erdgeschosszonen können die institutionelle Abgeschlossenheit traditioneller Pflegeimmobilien auflösen und diese stärker in den Alltag einbinden.

Am Kantonsspital Baden zeigt sich diese Abstufung räumlich: Öffentliche Einrichtungen wie Cafeteria und Apotheke liegen im Sockel, halböffentliche Nutzungen schließen daran an; Terrasse, Landschaftspark und begrünte Innenhöfe führen den Naturbezug zugleich bis in das Gebäude hinein und hindurch. Zudem zeigt sich an dieser Schnittstelle, ob Öffnung tatsächlich als Einladung erlebt wird. Wer ein Krankenhaus betritt, tut dies häufig mit Ungewissheit, Anspannung oder Sorge. Eine lesbare Folge aus Vorplatz, Vegetation, Eingang und Blickbeziehungen reduziert Schwellenängste, indem sie Orientierung schafft und den Freiraum zum ersten vermittelnden Raum zwischen städtischem Alltag und institutioneller Umgebung macht. So kann dem Krankenhaus ein Teil jener Fremdheit genommen werden, die mit seinem Besuch verbunden ist.

Mit dieser Öffnung wächst zugleich die Verantwortung der Planenden. Je stärker das Krankenhaus Teil der Stadt wird, desto präziser müssen jene Übergänge gestaltet werden, an denen Öffentlichkeit in geschützte Bereiche übergeht. Pflegeimmobilie, Freiraum und Stadt sind deshalb nicht als getrennte Systeme zu verstehen, sondern als räumliches Netzwerk, in dem Landschaft von außen nach innen weitergeführt wird.

Der dafür notwendige Mindshift betrifft weniger die Gestaltung eines neuen Gartentyps als die Reihenfolge unserer planerischen Entscheidungen: Statt zuerst das Gebäude und danach den Freiraum zu denken, müssen Mensch, Funktion, Landschaft und Architektur von Beginn an als zusammenhängendes System verstanden werden. Ein Gesundheitsbau, der den Freiraum erst am Ende entdeckt, hat Gesundheit von Anfang an zu klein gedacht.

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