Healing Architecture beginnt im Büro

Gesundheits- und Pflegebauten gehören zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Architektur. Nicht nur, weil hier viele Funktionen, Technologien und Interessen zusammenkommen. Sondern weil Entscheidungen unmittelbar den Alltag von Menschen prägen, die krank, pflegebedürftig oder auf Unterstützung angewiesen sind. Gute Gesundheitsarchitektur entsteht deshalb nicht allein am Entwurfstisch. Sie braucht eine klare Haltung, unterschiedliche Formen von Expertise – und ein Büro, das Wissen über viele Jahre aufbauen, teilen und weiterentwickeln kann.

Wer für Gesundheit und Pflege plant, bewegt sich auf unterschiedlichen Maßstabsebenen zugleich. Es geht um den einzelnen Menschen und die Frage, wie ein Raum erlebt und genutzt wird. Um die organisatorischen Abläufe einer Station, einer Praxis oder einer Pflegeeinrichtung. Um technische Systeme, medizinische Prozesse, Betriebsorganisation und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Und um gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse, die über das einzelne Gebäude hinausreichen.

Schon darin unterscheidet sich die Aufgabe von vielen anderen Bauaufgaben. Ein Krankenhaus, eine Rehaklinik oder eine Pflegeeinrichtung sind nicht einfach die Summe unterschiedlicher Räume. Architektur wird hier Teil eines Systems, in dem medizinische und pflegerische Prozesse, Technik, Logistik, Personal, Angehörige und Nutzer in unterschiedlichen Rollen und Verfassungen täglich ineinandergreifen.

Gleichzeitig verändern sich die Voraussetzungen laufend. Eine älter werdende Gesellschaft verschiebt den Bedarf an Pflege und medizinischer Versorgung. Neue Behandlungsformen wiederum verändern Abläufe, Aufenthaltszeiten und damit auch räumliche Anforderungen. Bauprojekte, die heute beginnen, müssen deshalb Lösungen für einen Betrieb finden, dessen Bedingungen sich während einer langen Planungs- und Bauzeit bereits weiterentwickeln können – acht bis zehn Jahre von Projektstart bis Inbetriebnahme sind keine Seltenheit im Gesundheitsbau.

Das erfordert ein tiefes Verständnis von Zusammenhängen. Wer einen Grundriss verändert, verändert häufig auch Wege, Arbeitsprozesse, Personalbedarf oder technische Schnittstellen mit. Eine planerisch plausible Entscheidung kann an anderer Stelle neue Herausforderungen erzeugen. Und nicht jede Anforderung lässt sich widerspruchsfrei erfüllen. Eine Pflegeeinrichtung soll Sicherheit gewährleisten und gleichzeitig Selbstbestimmung ermöglichen. Sie soll betriebliche Abläufe unterstützen, ohne den Charakter eines Wohnorts zu verlieren. Budgets und Fördersätze setzen Grenzen, während der Alltag der Pflege ganz konkrete räumliche Qualitäten verlangt.

Solche Zielkonflikte lassen sich nicht allein über Normen, Flächenkennwerte oder funktionale Programme beantworten. Je mehr Anforderungen gleichzeitig wirken und je weniger eindeutig sie sich gegeneinander auflösen lassen, desto wichtiger wird eine klare Haltung als Orientierung für planerische – und letztlich auch unternehmerische – Entscheidungen.

Haltung zeigt sich, wenn nicht alles
gleichzeitig geht

Haltung ist schnell formuliert. Interessant wird sie dort, wo sie handlungsleitend wird. Im Gesundheits- und Pflegebau bedeutet das zunächst, anzuerkennen, dass Planung immer auch Gewichtung ist. Nicht jede Anforderung kann dieselbe Priorität erhalten. Gerade in Zielkonflikten muss entschieden werden, welche Qualität an welcher Stelle besonders geschützt werden soll.

Dabei geht es nicht um einfache Gegensätze zwischen „richtig“ und „falsch“. Selbstbestimmung und Sicherheit sind gleichermaßen berechtigte Ziele. Ebenso Wohnlichkeit und funktionierende Betriebsabläufe. Die planerische Aufgabe besteht darin, diese Bedarfe und Bedürfnisse nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ihre gestalterischen Auswirkungen zu verstehen, Klarheit bei der Priorisierung zu erreichen oder Lösungen zu entwickeln, die möglichst viel von beidem ermöglichen.

Dafür braucht es Empathie – allerdings nicht als abstrakten Anspruch, „den Menschen in den Mittelpunkt“ zu stellen. Empathie ist im besten Fall ein konkretes Planungsinstrument. Wie erlebt eine Patientin einen Weg, wenn sie Schmerzen hat oder sich nur eingeschränkt orientieren kann? Was bedeutet eine vermeintlich kurze Distanz für eine Pflegekraft, die sie im Lauf einer Schicht dutzende Male zurücklegt? Wie viel Privatheit braucht ein Bewohner – und an welcher Stelle benötigt das Personal gleichzeitig Überblick und schnelle Erreichbarkeit? Solche Fragen verändern den Blick auf Grundrisse, Wege, Sichtbeziehungen, Materialien oder Licht. Sie machen deutlich, dass dieselbe räumliche Situation von unterschiedlichen Menschen vollkommen anders erlebt werden kann.

Haltung bedeutet deshalb auch, diese Perspektiven im Sinne eines Human-Centered-Design ernsthaft in Planungsentscheidungen einzubeziehen und sich von Beginn an dafür einzusetzen – bei Großprojekten manchmal keine Selbstverständlichkeit. Und sie hat eine unternehmerische Seite. Denn ein Büro entscheidet mit seiner Haltung auch darüber, welches Wissen es aufbaut, welche Kompetenzen es langfristig entwickelt und in welche Themen es investiert. Wer Qualität im Gesundheitsbau dauerhaft sichern will, kann Expertise nicht für jedes Projekt neu organisieren. Wissen muss wachsen können.

Damit wird Haltung zu mehr als einem Werte­statement. Sie beschreibt nicht nur, wofür ein Büro stehen möchte, sondern prägt ganz konkret, wie gearbeitet, entschieden und gelernt wird. Wirksam wird sie allerdings erst durch die Menschen, die danach handeln.

Gesundheits- und Pflegebau ist Teamarbeit. Nicht, weil Zusammenarbeit grundsätzlich sympathischer wäre als individuelles Expertentum, sondern weil die Aufgabe zu viele unterschiedliche Wissensbereiche berührt, als dass einige wenige Personen sie vollständig abdecken könnten.

Es braucht Spezialist:innen – aber keine Silos

Medizintechnik trifft auf Innenarchitektur, Bauphysik auf Barrierefreiheit, Betriebsorganisa­tionsplanung auf Architektur, auf Tragwerk, auf technische Gebäudeausrüstung. Hinzu kommen weitere Fachplanungen, Betreiberwissen, Pflegepraxis und die Perspektiven der Menschen, die das Gebäude später nutzen – ob als Bewohner:in, Patient:in oder Mitarbeitende:r.

Daraus folgt jedoch nicht, dass alle alles können müssen. Im Gegenteil: Gute Teams entstehen durch unterschiedliche Arten von Expertise. Entscheidend ist, dass Spezialist:innen ihre eigene Perspektive nachvollziehbar einbringen und sich gleichzeitig bewusst sind, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein. Spezialisierung darf nicht zu Silos führen.

Wer tief in einem Thema arbeitet, muss sein Wissen übersetzen können. Eine technische Anforderung muss für Architekt:innen nachvollziehbar sein, eine räumliche Entscheidung für Betreiber, ein funktionaler Zusammenhang für Bauherrschaft oder Nutzer. Kommunikation ist damit keine begleitende Fähigkeit, sondern Teil der Fachkompetenz.

Das verändert auch das Berufsbild. Archi­tekt:innen sind im Gesundheitsbau längst nicht nur Entwerfende. Sie moderieren zwischen Fachdisziplinen, koordinieren unterschiedliche Interessen und machen Zusammenhänge sichtbar. Sie müssen zuhören, Fragen stellen und Informationen so übersetzen, dass gemeinsame Entscheidungen möglich werden. Gerade im Gesundheitsbau gewinnt diese vermittelnde Rolle an Bedeutung, weil besonders viele fachliche, funktionale und menschliche Anforderungen gleichzeitig zusammengeführt werden.

Gerade deshalb sind Neugier und Lernfähigkeit ebenso wichtig wie vorhandenes Fachwissen. Wer verstehen möchte, wie eine Pflegeeinrichtung tatsächlich funktioniert, kann sich nicht ausschließlich auf Raumprogramme und Prozess-diagramme verlassen. Hospitationen, Gespräche und unmittelbare Nutzererfahrungen liefern ein anderes Wissen: Wie werden Räume im Alltag angeeignet? Wo entstehen Umwege? Welche improvisierten Lösungen haben Mitarbeitende entwickelt, weil die gebaute Struktur nicht zu ihren Abläufen passt?

Solche Beobachtungen schärfen nicht nur das einzelne Projekt. Sie erweitern das Verständnis für eine Bauaufgabe.

Expertise entsteht mit der Zeit. Menschen entwickeln Schwerpunkte, übernehmen Verantwortung, lernen aus Projekten und voneinander. Ein Büro muss dafür Räume schaffen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Es muss Potenziale erkennen und ermöglichen, dass aus Interesse langfristige Fachkompetenz werden kann.

Diese Bandbreite an Wissen erfordert in der Regel eine gewisse organisatorische Größe. Büros, die auf die Bereiche Gesundheit und Pflege spezialisiert sind, haben oft mehr als 50, teils ­deutlich über 100 Mitarbeitende. Nicht als ­Selbstzweck, sondern weil unterschiedliche Kom­petenzen vorhanden und gleichzeitig miteinander verbunden sein müssen. Und die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob Wissen im Büro existiert. Sondern ob es dort auch zirkuliert.

In spezialisierten Planungsbüros liegt ein großer Teil des Wissens zunächst bei einzelnen Personen und in ihren jeweiligen Teams. In einer leistungsphasenorientierten Büroorganisation verteilt sich diese Expertise schon durch die unterschiedlichen Aufgaben: Während sich die einen intensiv mit Gebäudetypologien, Raumbeziehungen und funktionalen Abläufen beschäftigen, bringen andere ihre Erfahrung aus Ausführungsplanung, Konstruktion und Detailentwicklung ein. Hinzu kommen spezialisierte Disziplinen und Sonderexpertisen, die bei a|sh zu großen Teilen im eigenen Haus verankert sind. Innenarchitekt:innen etwa beschäftigen sich im Sinne der Healing Architecture damit, wie Licht, Materialität, Akustik oder Orientierung von unterschiedlichen Nutzergruppen erlebt werden und welche besonderen Anforderungen beispielsweise ältere Menschen oder Menschen mit Demenz an Räume stellen. Andere Kolleg:innen verfügen über vertieftes Wissen zu Nachhaltigkeit, Bauphysik, Barrierefreiheit oder Prozessorganisation. Und mit jedem realisierten Projekt kommt Erfahrungswissen hinzu: darüber, welche Lösung sich bewährt hat, wo nachgesteuert werden musste und was beim nächsten Mal anders gemacht werden sollte. Dieses Wissen ist wertvoll. Aber es bleibt fragil, solange es ausschließlich an Personen gebunden ist.

Erfahrung wird zu gemeinsamem Wissen

Die eigentliche Stärke eines Büros entsteht dort, wo individuelle Erfahrung zu institutionellem Wissen wird. Wie Wissen im Büro geteilt wird, ist keine Frage der Bauaufgabe, sondern vor allem der Größe der Organisation. Je mehr Menschen beteiligt sind, desto weniger funktioniert Wissensaustausch nebenbei. Dann braucht es Strukturen: Wer weiß was? Was ist für wen relevant? Und wie wird Wissen so zugänglich gemacht, dass es dort ankommt, wo es gebraucht wird?

Auf diese Fragen gibt es nicht nur eine Antwort. Wissen muss dokumentiert und auffindbar sein, aber ebenso im persönlichen Austausch weitergegeben werden. Manche Erfahrungen lassen sich in Standards überführen, andere brauchen Diskussion, Weiterbildung oder den direkten Kontakt zur richtigen Person.

Standards helfen dabei, wiederkehrende Qualitätsanforderungen abzusichern und Erfahrungen aus Projekten für kommende Aufgaben nutzbar zu machen. Dokumentierte Projekterfahrungen verhindern, dass dieselben Fragen immer wieder von vorn beantwortet werden. Ebenso wichtig ist der Rückblick: Welche Entscheidungen haben sich bewährt? Wo mussten Annahmen aus der Planung im späteren Betrieb korrigiert werden? Eine Vor-Ort-Begehung selbst fertiggestellter Projekte nach einigen Jahren im Betrieb und ein offener Austausch sind dabei sehr aufschlussreich. Gerade im Abgleich von Planungsideen mit Erfahrungen der Nutzer und Betreiber an realisierten Projekten entsteht Wissen, das nicht nur einzelne Lösungen verbessert, sondern nach und nach auch die Maßstäbe für künftige Planungen schärft.

Genauso wichtig sind Formate, die Wissen in Bewegung halten. Manche Themen brauchen den Austausch in großer Runde, andere die konzentrierte Diskussion im kleinen Kreis. Weiterbildung schafft neue fachliche Impulse, während niedrig-schwellige Mentoringangebote gezielt Kollegen zusammenbringen, die vor einer konkreten Frage stehen und voneinander lernen können. Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Format als die Möglichkeit, Wissen über Projekte, Fachbereiche, Standorte und Hierarchien hinweg zugänglich zu machen.

Denn nicht alles lässt sich in Standards, Check­listen oder Datenbanken übersetzen. Vieles steckt in Erfahrung, in Einschätzungen, in kleinen Beobachtungen aus dem Projektalltag.

Auch außerhalb des eigenen Büros entsteht neues Wissen. In Arbeitsgemeinschaften mit anderen Architekturbüros treffen unterschiedliche Planungskulturen, Erfahrungen und Herangehensweisen unmittelbar im Projekt aufeinander. Zusammenarbeit wird so selbst zu einem Lernprozess: Routinen werden überprüft, Perspek­tiven erweitert und Lösungen gemeinsam weiterentwickelt. Dazu gehören auch belastbare Beziehungen zu Fachplanern, mit denen über viele Projekte hinweg eine gemeinsame Arbeits- und Verständnisebene wächst.

BIM und LEAN unterstützen diese Formen des kollaborativen Arbeitens. Ihr Wert liegt dabei nicht allein in digitalen Modellen oder definierten Prozessen, sondern darin, Informationen gemeinsam nutzbar zu machen, Schnittstellen transparenter zu organisieren und Entscheidungen zwischen internen Teams, Fachplanenden und externen Partnern nachvollziehbar abzustimmen.

Ähnlich funktioniert der Austausch mit Hochschulen. Durch Lehrtätigkeit, Kooperationen und Teilnahme an Forschungsprojekten fließen Erfahrungen aus der Planungspraxis in Ausbildung und Forschung ein – und zugleich kommen neue Fragestellungen, Methoden und Perspektiven zurück ins Büro. Wissen zirkuliert damit nicht nur innerhalb der eigenen Organisation, sondern auch zwischen Praxis, Forschung und Lehre.

Lernen ist dabei selten linear. Gerade im Gesundheitsbau entstehen Lösungen häufig in Schleifen: Annahmen werden geprüft, Anforderungen neu gewichtet, Varianten verworfen und Erkenntnisse aus einer Planungsphase wirken zurück auf vorherige Entscheidungen. Gute Strukturen müssen deshalb nicht nur Wissen sichern, sondern auch Veränderung zulassen.

Expertise ist kein Zustand

Gesundheitsbaukompetenz entsteht nicht über Nacht. Sie wächst mit jedem Projekt, mit Erfahrungen, Fehlern und Diskussionen. Über Menschen, die sich spezialisieren. Über Netzwerke, die sich entwickeln. Und über Wissen, das weitergegeben wird, statt mit einzelnen Personen wieder zu verschwinden. Gerade bei einer Bauaufgabe, deren Rahmenbedingungen sich permanent verändern, kann Expertise deshalb kein abgeschlossener Zustand sein.

Die besondere Verantwortung des Gesundheits- und Pflegebaus beginnt bei den Menschen, für die geplant wird. Sie reicht aber weit in die Organisation eines Planungsbüros hinein. Denn die Vielzahl an Anforderungen lässt sich nur bewältigen, wenn Entscheidungen Orientierung haben. Wenn unterschiedliche Fachlichkeiten zusammenarbeiten. Und wenn ihre Erfahrungen nicht nebeneinanderstehen, sondern zu gemeinsamem Wissen werden.

Healing Architecture beginnt deshalb nicht erst mit dem Gebäude.

Sie beginnt im Büro: mit einer Haltung, die Entscheidungen leitet, mit Menschen, die ihre Expertise teilen und weiterentwickeln – und mit Strukturen, die aus individueller Erfahrung dauerhaft gemeinsame Kompetenz machen.

Zum Weiterlesen

- Hofrichter, Linus, und Julia Kirch. 2026. „Planen: Bedarf und Bedürfnisse ernst nehmen“. in La Infirmita - Wie heilende Architektur entsteht, herausgegeben von G. Koppen und T. Vollmer. Berlin: ArchiTangle.

- Julia Kirch und Katharina König. 2025. „Bedürfnisse des Personals an die räumliche Gestaltung von Gesundheitseinrichtungen“. S. 98–113 in Empathic Spaces – Ansätze und Methoden für eine bedürfnisorientierte Innenarchitektur, herausgegeben von Sibylla Amstutz, Ute Ziegler, und Jonas Rehn. Bielefeld: transcript.

- Stockhorst, Hermann, Linus Hofrichter, und Andreas Franke, Hrsg. 2019. „Krankenhausarchitektur - Gestaltungsqualität und die Berücksichtigung medizinischer Ablaufprozesse sind kein Widerspruch“. S. 137–53 in Krankenhausbau: Architektur und Planung, bauliche Umsetzung, Projekt- und Betriebsorganisation. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

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