Fragment und Fügung

Über Beziehung, architektonische Elemente und das Weiterbauen im Bestand

Kaum etwas existiert für sich allein. In unserer Welt entstehen Zusammenhänge durch Abhängigkeiten, Wechselwirkungen und Gleichgewichte. Auch unser gesellschaftliches Leben beruht darauf, dass Menschen miteinander verbunden sind. Wir leben, arbeiten und handeln gemeinsam, sind aufeinander angewiesen und bilden Familien, Gemeinschaften und gesellschaftliche Strukturen. Die Qualität dieser Beziehungen hat unmittelbaren Einfluss darauf, wie wir unser Leben erfahren.

Das Wohnen, obwohl es wesentlich mit Privatheit und Rückzug verbunden ist, entsteht nicht in Isolation. Es organisiert Beziehungen: zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Rückzug und Teilhabe. Gerade darin zeigt sich, dass auch das Private immer in ein Geflecht von Beziehungen eingebunden bleibt.

Man könnte darin beinahe ein Grundgesetz unseres Daseins erkennen: Nichts ist vollkommen autonom. Dinge erhalten ihre Bedeutung dadurch, dass sie sich zu etwas anderem verhalten.

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Alles steht in Beziehung

Auch ein Gebäude entsteht niemals isoliert. Es muss auf Bedingungen reagieren, die bereits vor ihm existieren: auf Klima, auf die Verfügbarkeit von Ressourcen, auf den konkreten Standort ebenso wie auf dessen kulturelle und historische Verortung. Hinzu kommen die Bedürfnisse und Anforderungen seiner Nutzung. Architektur entsteht damit immer innerhalb eines Geflechts von Bedingungen, auf die sie antwortet und zu denen sie sich in Beziehung setzt.

Diese Beziehungen reichen bis in die einzelnen Elemente eines Gebäudes. Das Fundament vermittelt zwischen Bauwerk und Erdreich, nimmt Lasten auf und überträgt sie auf den Baugrund. Die Wand bildet eine Grenze; ihre Stärke, Öffnung und Ausbildung bestimmen, wie Räume voneinander getrennt oder miteinander verbunden werden. Eine Stütze kann eine räumliche Grenze dagegen nur andeuten und dennoch durch ihre Stellung, Wiederholung oder Beziehung zu anderen Elementen einen Raum ordnen. Eine Öffnung setzt Räume, Innen und Außen, Licht, Blick und Bewegung zueinander in Beziehung. Das Dach reagiert auf Spannweite und Niederschlag und formuliert zugleich den oberen Abschluss eines Raums oder eines ganzen Baukörpers. Jedes Element übernimmt damit nicht nur eine Aufgabe, sondern bestimmt durch seine Lage, Ausbildung und Verbindung zugleich das Verhältnis zu anderen Elementen und Räumen.

Keines dieser Elemente kann unabhängig vom anderen gedacht werden. Fundament, Wand, Stütze, Decke, Öffnung und Dach müssen miteinander verbunden werden. Sie tragen, halten, schützen, schließen ab oder öffnen. Die Grundlage der Architektur ist deshalb bereits in ihrer einfachsten konstruktiven Beschreibung die Fügung.

Fügung und Anordnung

Diese Beziehungen können unmittelbar konstruktiv sein: Holz liegt auf Stein, ein Balken trifft auf eine Wand, eine Stütze trägt eine Decke, ein Fens­ter wird in eine Öffnung gesetzt. Sie können aber ebenso aus architektonischen Konstella­tionen entstehen: aus Reihung, Stapelung, Schichtung, Überlagerung, Wiederholung oder aus dem bewussten Nebeneinander unterschiedlicher Elemente.

Fügung verstehen wir daher nicht ausschließlich als den Punkt, an dem zwei Bauteile einander berühren, sondern ebenso ihre Anordnung: als das Aufeinanderliegen, Nebeneinanderstehen oder Sichberühren von Elementen, die auch getrennt voneinander stehen und dennoch gemeinsam einen Raum bestimmen können. Solche Konstellationen verstehen wir als architektonische Orte – als Fragmente eines größeren Ganzen, in denen sich Konstruktion, Material, Raum und Wahrnehmung verdichten.

Entscheidend ist dabei nicht das einzelne Fragment, sondern die Beziehung der Fragmente zueinander. In einer guten Fügung können die einzelnen Teile erkennbar bleiben und dennoch einen Zusammenhang bilden. Unterschiedliche Materialien treffen mit ihren jeweiligen konstruktiven Eigenschaften, Oberflächen und Möglichkeiten handwerklicher Bearbeitung aufeinander. Aus ihrem Zusammentreffen entsteht eine Grenze, ein Übergang oder eine Nachbarschaft.

Diese Momente sind nicht ausschließlich visuell erfahrbar. Sie bestimmen, wie nah oder fern uns eine Oberfläche erscheint, wie schwer oder leicht ein Bauteil wirkt, wie Licht auf eine Kante trifft, wie sich ein Material anfühlt oder wie wir den Übergang von einem Raum in einen anderen wahrnehmen. Materialisierung, Detaillierung, Farbigkeit und Oberfläche sind deshalb keine nachgeordneten Entscheidungen. Sie beeinflussen die Raumwahrnehmung grundlegend. Konstruktion und räumliche Wahrnehmung lassen sich dabei nicht voneinander trennen.

Fügung als Ausdruck ihrer Zeit

Wie etwas gefügt wird, ist zugleich nie unabhängig von den Bedingungen seiner Zeit. Verfügbare Materialien, handwerkliches Wissen und industrielle Fertigungstechniken beeinflussen Fügungen ebenso wie Normierung, Komfortansprüche, Klima, Energiebedarf und der Umgang mit Ressourcen. Technische Neuerungen verändern die Art, wie Bauteile hergestellt und verbunden werden; neue Materialien verlangen andere Übergänge; Standardisierung kann Möglichkeiten vereinfachen, aber auch räumliche und gestalterische Vielfalt reduzieren.

Gerade deshalb erscheint es uns wenig sinnvoll, Kategorien wie „handwerklich“ und „industriell“, „Alt“ und „Neu“ oder „Neubau“ und „Bestand“ grundsätzlich als Gegensätze zu betrachten. Uns interessiert weniger deren Trennung als das Potential ihres Neben- und Miteinanders. Ein vorhandenes Bauteil kann mit einem industriell gefertigten verbunden werden, ein historisches Material neben einem neuen stehen oder eine alte konstruktive Logik mit gegenwärtigen technischen Möglichkeiten weitergeführt werden. Entscheidend ist nicht, ob Unterschiede verschwinden oder demonstrativ hervortreten, sondern, welche räumliche Qualität aus ihrer Beziehung entsteht. Ein Stoff, ein Element, ein Modul oder eine Bauweise muss seinen angemessenen Platz im Gefüge finden. Manchmal liegt das Potenzial gerade darin, ein einzelnes Element und seine Verbindung zum Gegenstand der Betrachtung zu machen – es zu interpretieren, zu überzeichnen, zu verfeinern oder ihm durch eine neue Einordnung eine andere Bedeutung zu geben.

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Fragment, Entwurf und Lehre

Die Fügung wird damit zu einem entwerferischen Instrument. In unserer Arbeit versuchen wir, den Moment des Zusammenfügens nicht erst am Ende eines Entwurfs als Detailfrage zu behandeln. Vielmehr kann aus der Betrachtung einzelner Fügungen ein Entwurf überhaupt erst entstehen. Ein bestimmtes Verhältnis von Wand und Decke, das Aufeinandertreffen zweier Materialien oder die Wiederholung eines konstruktiven Elements können Ausgangspunkt für räumliche Ordnungen sein. Aus einem Detail kann ein Prinzip entstehen und aus diesem Prinzip schließlich ein Gebäude.

Diese Betrachtungsweise spielt auch in unserer Lehre eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit den Studierenden untersuchen wir Fügungen teilweise bewusst losgelöst von einem vollständigen Gebäude und einer konkreten funktionalen Aufgabe. Die Konzentration auf ein architektonisches Fragment erlaubt eine Genauigkeit, die im Maßstab eines ganzen Entwurfs leicht verloren geht.

Zeichnung und Modell dienen dabei als Werkzeuge des Betrachtens. Entwerfen verstehen wir als einen Prozess des Suchens, Erkennens und Korrigierens. Gerade das Modell ermöglicht es, Maßstab, Material, Tiefe, Grenze und Übergang in Relation zum eigenen Körper zu überprüfen. Das Fragment wird zum Gegenstand einer Untersuchung, aus der sich Erkenntnisse für das Ganze gewinnen lassen.

Das wiederholte Arbeiten an kleineren Ausschnitten – architektonischen Orten – schult zugleich die Fähigkeit, Zusammenhänge im dreidimen­sionalen Raum genau wahrzunehmen. Es geht nicht um das isolierte Detail um seiner selbst willen, sondern um die Frage, wie sich aus präzise formulierten Beziehungen räumliche Qualität entwickelt.

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Fügung und Weiterbauen

Eine besondere Bedeutung erhält die Frage der Fügung dort, wo Architektur auf bereits Vorhandenes trifft. Reparatur, Umbau, Umnutzung und Erweiterung werden einen immer größeren Teil unserer zukünftigen Arbeit bestimmen. Im Bestand sind Material, Konstruktion und Raum bereits vorhanden. Ein Gefüge existiert, bevor wir eingreifen. Die erste architektonische Handlung ist deshalb nicht das Hinzufügen, sondern das Erkennen.

Dabei geht es darum, bestehende räumliche Qualitäten, konstruktive Logiken und die Beziehungen der Elemente zueinander zu erfassen. Nicht alles Vorhandene ist allein deshalb erhaltenswert, weil es bereits da ist. Eine räumliche Qualität kann durch einen Eingriff bewahrt oder verstärkt, ebenso aber geschwächt werden oder vollständig verloren gehen. Damit wird die Frage der Angemessenheit zentral.

Gleichzeitig können im Bestand Qualitäten angelegt sein, die zunächst kaum sichtbar oder erfahrbar sind. Sie können durch spätere Einbauten überlagert, durch Nutzungen verstellt oder in unscheinbaren konstruktiven Situationen verborgen sein. Umbauen kann deshalb bedeuten, weniger hinzuzufügen als freizulegen, sichtbar zu machen oder neu in Beziehung zu setzen.

Die Qualität des Entwurfs liegt dabei häufig weniger im einzelnen neuen Element als in der Beziehung zwischen Vorhandenem und Hinzukommendem. Weiterbauen bedeutet für uns weder, Alt und Neu bruchlos miteinander zu verschmelzen, noch ihre Unterschiede demonstrativ herauszustellen. Unterschiedliche Zeiten, Materialien und konstruktive Vorstellungen dürfen nebeneinander bestehen, sofern aus ihrer Beziehung räumliche Qualität entsteht.

Wegnehmen, Ergänzen, Reparieren, Freilegen und Neu-in-Beziehung-Setzen werden damit zu grundlegenden architektonischen Handlungen. Sie verlangen eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber dem Vorhandenen und führen zu einem Verständnis von Architektur, das weniger auf den endgültigen Zustand als auf Veränderung, Aneignung und Weiterentwicklung gerichtet ist.

Fügung erhält dadurch nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Dimension. Architektur verstehen wir als ein Gefüge von Situationen, in denen Elemente, Räume, Zeiten und Nutzungen miteinander in Beziehung treten und weiterentwickelt werden können.↓

Eine Haltung des Entwerfens

Die Auseinandersetzung mit Fügung verstehen wir als eine Strategie des Entwerfens, die sich exemplarisch an einzelnen Situationen und Fragmenten untersuchen lässt. Gerade in der genauen Betrachtung eines solchen architektonischen Ortes – in dem sich Elemente, Materialien, Konstruktionen, Räume, Nutzungen und Vorhandenes zueinander verhalten – wird sichtbar, wie räumliche Qualität aus diesen Beziehungen entstehen kann.

Welche Beziehungen dabei wesentlich sind und wodurch diese Qualität bestimmt wird, bleibt immer auch eine persönliche Beurteilung. Diese ist jedoch nicht beliebig. Sie gründet auf der genauen Wahrnehmung der jeweiligen Situation, auf Wissen und Erfahrung, auf den Aufgaben, mit denen wir uns als Entwerfende auseinandersetzen, und auf den Bedingungen der Zeit, in der wir arbeiten. Verfügbare Ressourcen, technische Möglichkeiten, gesellschaftliche Anforderungen und der konkrete Ort prägen dieses Urteil ebenso wie die eigene architektonische Haltung.

Entwerfen bedeutet für uns deshalb, innerhalb einer konkreten Situation aus einer Vielzahl vorhandener Beziehungen eine begründete Reak­tion zu entwickeln. Das Fragment wird dabei zum Ort dieser Auseinandersetzung: In ihm werden Beziehungen erkannt, gewichtet, verändert und neu gefügt. Diese Entscheidungen können nie vollkommen objektiv oder endgültig sein. Andere Entwerfende können dieselbe Situation anders lesen, andere Beziehungen stärker gewichten und das Gefüge weiterentwickeln. Ebenso verändern sich Nutzungen, Anforderungen und Bedingungen. Architektur bleibt damit offen für neue Lesarten, Aneignungen und weitere Fügungen.

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