Über die Epochen hinweg

Ein wenig klingt es nach Seminarstoff, Baugeschichte II, Thema: Über die Verwendung von Spolien, ihre Definition, ihre Behandlung und Bedeutung und vice versa in der Bau- und damit auch in der Kulturgeschichte (Europas), Strategie und Praxis ihrer vielfältigen Verwendungen, Materialität und … Gegenwartsbezug? Was sagt uns ein Buch wie das vorliegende, das sich sehr klar strukturiert der Spolie in der Architektur annimmt, über das Geschichtlich hinaus? Hinaus über die Bedeutung der Spolie  als Trophäe, Gedenken und Aufruf etc., über ihre Objekthaftigkeit und Ikonografie, ihren Werkzeugcharakter, der dem Neuen ein altes Maß gibt und dem Entwurf ein Zentrum?

Die Geschichte der Spoliation von Bauteilen, von Teilen von Bauteilen, reicht in die Jahrtausende zurück. Der Autor geht in die römische Geschichte und spannt von hier den Bogen bis heute, in die großangelegten Projekte der Rekonstruktion ganzer Viertel, in denen Spolien eingebracht werden und dort wie Gütesiegel wirken sollen, die das Echte im Falschen behaupten, es auf jeden Fall zur Debatte stellen. Den weiten historischen Bogen füllt der Autor weniger mit einer Chronologie, einer Entwicklungsgeschichte der Ver- und Anwendung. Er versucht vielmehr – und tatsächlich erfolgreich – das Phänomen der Spolie über alle Epochen hinweg als eine Art von Generalbass zu identifizieren. Was in der Spätantike oder im Mittelalter Notwendigkeit (Baumaterial) oder (Herrschafts-)Konzept (Spoliation) war, ist es auch noch in der Gegenwart. Wurden translozierte Bauteile bisher entweder für die spätantike und mittelalterliche Architektur oder — sehr viel seltener — für die Architektur der Moderne untersucht, setzt dieser Band erstmals Phänomene der Spolienverwendung über die Epochen hinweg miteinander in Beziehung. Neben kulturwissenschaftlichen Aspekten wird aber auch die Rolle von Spolien im Entwurfsprozess heute beleuchtet. Hier scheint die Untersuchung, an der Praxis anknüpfend, in der Gegenwart angekommen zu sein. Ansonsten beleuchtet sie wunderbar theoretisch das weite Feld der Spoliation und der Spolien als ein immer präsentes Kulturphänomen als der oben schon genannte Generalbass, der die vielen Kontinuitäten in der Baukultur zu einem Strang mit wachsendem Durchmesser ergänzt. Detailreich, voller interessanter und origineller Fundstücke, ein lesbarer Horizonterweiterer. Be. K.

Hans-Rudolf Meier, Spolien. Phänomene der Wiederverwendung in der Architektur. Jovis Verlag, Berlin 2021, 240 S., 156 Farbabb.38 €, ISBN 978-3-86859-651-9
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