Kunstgewerbemuseum, Berlin

Zusammenbetoniertes Haus für Kunstgewerbe? Eine Rettung

In Berlin gibt es ein Kulturforum. Das klingt nach was, vor allem nach Kultur. Hier, damals noch ganz mit dem Rücken zum politischen Gegner DDR ausgerichtet, wollte Westdeutschland in Westberlin vordergründig der Kulturhochburg Museumsinsel Paroli bieten. Mit Bauten von Hans Scharoun und Mies van der Rohe. Und mit Rolf Gutbrod, der über einen Architekturwettbewerb in allerdings erst zweiter Runde der Architektur für die „Neubauten der staatlichen Museen am Tiergarten“ in fünf Kultureinrichtungen eine zusammenhängende Form geben sollte. Die er in dritter Runde noch einmal überarbeitete, und zwar mit den Elementen: Kupferstichkabinett, Kunstbibliothek, Gemäldegalerie, Skulpturen-abteilung und Kunstgewerbemuseum.

Doch aus der von Gutbrod konzipierten Gesamtanlage der fünf untereinander verbundenen Häuser wie aus manchem anderen schönen Detail einer Platzgestaltung wurde nichts. Noch bevor der erste Spatenstich am Forum getan war, geriet das Projekt unter Druck, die finanzierende Stiftung war klamm und wollte die Museumsbauten wenn nicht aufgeben, so doch die Gesamtrealisierung in Bauabschnitte aufteilen: Zuerst sollten das Kupferstichmuseum, die Kunstbibliothek, das Kunstgewerbemuseum und die unter dem Vorplatz liegende Garage realisiert werden, der Rest sollte folgen. So die Gemäldegalerie 1986-1998, von Hilmer & Sattler. Das Büro hatte auch die noch nicht realisierten Gutbrod-Elemente mit zu berücksichtigen.

„Am 12. Mai ist am ‚Kulturforum’ Kemperplatz in Berlin“, so in der Bauwelt, Jg. 1985, H. 20/21 notiert, „das Kulturforum eröffnet worden. Kunst, Kultur, Handwerk – nichts davon atmet das Objekt. Allenfalls Zeitzeuge ist es für eine hilflose Baukultur, die an diesem doch so unverwechselbaren Ort in Deutschland nach 20 Jahren Planung kaum mehr als ein unwürdiges Lagerhaus zusammenbetoniert hat.“ Dieser Verriss ist nichts weniger als die Zusammenfassung dessen, was die damalige Kritik der Gutbrodschen Architektur vorwerfen wollte; und bis heute vorwirft. Das Kunstgewerbemuseum sei nicht bespielbar, die Räume kalt und verworren in ihrer Anordnung. Es gebe kaum Platz für sensibles Kuratieren, kaum jemand, der sich überhaupt hierhin verirrte. Was, mit Blick auf die medial gestreuten Vorbehalte, nicht verwunderlich ist. Gutbrods Vorstellung von einer Architektur, die Platz lässt, die öffentlichen Raum außen ins Gebäudeinnere als Stadtlandschaft weiterschreibt, wurde vom Kulturestablishment damals schon nicht verstanden. Dabei hatten Zeitgenossen schon darauf verwiesen, dass Museumsarchitektur immer in der Gefahr stehe, „durch feierlichen architektonischen Anspruch abzuschrecken“. So solle man klugerweise die Erdgeschosse über Schaufens-ter öffnen und den Platz mit einem Restaurant und Cafés rund um die Uhr beleben. Eine an den Wohnungsbau angepasste Maßstäblichkeit sowie die Verwendung „anspruchsloser Materialien (Beton und Ziegelmauerwerk)“ solle Assoziationen an Wohnbauten wecken und zum Betreten einladen.

Vielleicht waren das naive Vorstellungen vom öffentlichen Bauen – das sehr monumental sein kann –, doch sie deuten auf Gutbrods Vorstellungen von einer Propädeutik eben in Sachen Baukultur. Was nicht verhindern konnte, dass die Direktoren und Kuratoren den Bau über die Jahre für ihre Zwecke herrichteten zu müssen glaubten. Mit Gardinen vor den großen Schaufenstern, mit Vitrinenlandschaften bis in die letzten Winkel hinein, mit dem Versuch, Ausstellungsrundgänge gegen die Architektur zu inszenieren.

Das Museum litt also seit seiner Eröffnung, vielleicht bis vorgestern. Da wurde es nach jahrelanger Schließung wiedereröffnet. Es hatte einen Revitalisierungswettbewerb gegeben, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz schon 2003 ausgelobt hatte und den die Berliner Kuehn Malvezzi gewannen. Ihr Konzept, das sie mit Double Standards für das grafische Leitkonzept umsetzten, bedeutete im Wesentlichen die Wiederherstellung des Gutbrod-Baus. Der damit verbundenen Reaktivierung anspruchsvoller Ausstellungsbedingungen – zuviel Tageslicht, zuviel Wärmeeintrag, scheinbar chaotische Raum- und Ebenenfügungen etc. – begegneten die Berliner mit Einbauten. Die präsentieren zusammenfassend kleine Gruppen aus den Sammlungen. Hinzu kommt die unübersehbare Typografie des Leitsystems. Die Sichtbetonbrüstungen wurden verkleidet, sie dienen als Informationsflächen. Und um wirklich mehr Besucher ins Haus zu holen gibt es nun eine Schaufenster-/Vitrinenlandschaft zum Sammlungsgebiet Mode als edlen Darkroom.

Die Befreiung des Kunstgewerbemuseums von den Behelfen der letzten Jahrzehnte lässt das Original wieder hervortreten. Überhaupt lugt der unbearbeitet robuste wie raumlandschaftlich hochspannende Altbau noch hinter jeder Ecke hervor. Die Architekten durften erst die Hälfte (4,4 Mio. €) des genehmigten Budgets verbauen, der Rest liegt erstmal auf Eis. Wohl so lange, bis, wie der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer zur Presse gewandt sagte, das Museum sich „entwickelt“ habe. Größere Besucherzahlen meinte er damit. Unten, am Fuße des „Piazzeta“ genannten Daches der Parkgarage, tauschten sie schon mal die Buchstabengröße aus. Jetzt ruft das „Kunstgewerbemuseum“ in knapp ein Meter hohen Lettern die Besucher zu sich. So wie der rote (Farb)Teppich aus der besser besuchten Gemäldegalerie diese über winkelige Flure zu Mode, Design und Kunsthandwerk herüber lenken soll. Ähnlich hat sich Gutbrod das wohl auch gedacht. Be. K.

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