Ziele im Wandel

Berufspolitische Sicht auf die Digitalisierung

Die Digitalisierung dringt in alle Lebensbereiche vor. Ebenso wie beispielsweise die Industrie sich mit dem Programmtitel „Industrie 4.0“ darauf einstellt, muss sich auch das Planen und Bauen mit den Vor- und Nachteilen dieser Entwicklung befassen. Die Ausprägungen sind vielfältig. Das Building Information Modeling (BIM) bringen zwar die meisten zunächst damit in Verbindung, dies stellt aber nur einen Teilaspekt dar. Ebenfalls weitreichende Wirkungen werden Themenfelder wie Vernetzte Stadt, Smart Home und Digitaler Bauantrag entfalten, um nur einige zu nennen, sowie die zunächst weniger bauspezifischen, aber nicht weniger relevanten Technologien Big Data, Block Chain und Künstliche Intelligenz, deren Auswirkungen auf das Bauwesen bislang nur zu erahnen sind. Welche Rolle spielt in alledem die Berufspolitik?

Den Architektenkammern fällt in dem weiten Themenspektrum der Digitalisierung die Aufgabe zu, einerseits die Planerinnen und Planer bei diesem schnellen und tiefgreifenden Umbruch zu unterstützen und andererseits in Politik und Gesellschaft hineinzuwirken, um bei der Entwicklung der notwendigen Rahmenbedingungen mitzugestalten. Dabei haben es die Kammern mit einer großen Bandbreite an Haltungen auch auf Seiten der Planer zu tun. Das Spektrum reicht von digitaler Euphorie bis hin zu grundsätzlicher Ablehnung von allem Digitalen. Einige Kollegen haben Methoden und Werkzeuge, wie z. B. BIM wie selbstverständlich adaptiert und möchten schon über die nächsten Schritte reden. Andere fordern die Architektenkammer auf, „BIM zu stoppen“.

Es gilt nun, einen Weg zu finden, der in erster Linie die Chancen im Blick hat. Dabei sind aber auch die Risiken kritisch zu beleuchten. So sollen politische Rahmenbedingungen gefördert werden, die der Gesellschaft und der Architektenschaft dienen. Es ist bei den Zielsetzungen ebenso wichtig, das Wohl der Planer im Blick zu haben wie auch die gesellschaftlichen Zusammenhänge, um Akteure außerhalb des Berufsstandes erfolgreich überzeugen zu können.

Aber was sind überhaupt die Ziele?

Im Vordergrund steht das berufspolitische Ziel einer nachhaltigen und produktiven Digitalisierung des Planens und des Bauens im Sinne der Baukultur als elementarer Ausdruck unserer Gesellschaft. Konkrete Ziele sind deshalb unter anderem:

– Systemführerschaft der Architekten im digitalen Planungsprozess,

– Unabhängigkeit von Planung und Ausführung,

– Nutzung der Möglichkeiten der Kooperation durch digitale Methoden,

– Erhalt der vielfältigen, klein- und mittelständisch geprägten Bürolandschaft,

– Einzelvergabe von Planungsleistungen auch im digitalen Zeitalter,

– softwareunabhängiger Datenaustausch durch offene Datenschnittstellen (open-BIM) und

Bereitstellung herstellerneutraler Datenbanken in unabhängiger Trägerschaft (EU, Bund, Länder).

Der Arbeitskreis Digitalisierung der Architektenkammer Berlin (AKB) hat sich zur Aufgabe gemacht, aktuelle Entwicklungen zu beobachten, und zu analysieren, welche Auswirkungen diese auf den Berufsstand haben und welche Chancen und Risiken dem innewohnen. Daraus werden dann Handlungsfelder abgeleitet.

Dabei stehen folgende Aktivitäten im Mittelpunkt:

Die Einbeziehung der Kammermitglieder

Zunächst ist wichtig, nah am Lebens- und Arbeitsalltag der Mitglieder zu sein. Eine Basis hierfür sind die Ehrenamtlichen, die sich in den Gremien der Kammerarbeit engagieren. Zum anderen werden Kammermitglieder durch sogenannte Kammerforen und öffentliche Veranstaltungen eingebunden. Dabei besteht neben der Informationsmöglichkeit die Chance, Ideen und Erwartungen zu formulieren. Weiterhin werden Eigeninitiativen von Kammermitgliedern, wie zum Beispiel die in Berlin gegründete BIM-Allianz, nach Kräften unterstützt.

Die Entwicklung von Positionen durch Meinungsbildung

Aus diesen Erkenntnissen werden Meinungen zu Positionen und Veröffentlichungen weiterentwickelt. Im Deutschen Architektenblatt (Regionalteil Berlin Brandenburg) wurde ein Zyklus von Artikeln veröffentlicht, der auch auf der Homepage der AKB bereitgestellt wurde und eine Reihe der Kernthemen der gegenwärtigen Entwicklung beleuchtet. Hierzu wurde auch ein Positionspapier zur Digitalisierung des Planens und Bauens an gleicher Stelle veröffentlicht. Die Meinungsbildung erfolgt im engen Schulterschluss mit der Bundesarchitektenkammer BAK. So wurde auf Ebene der BAK eine Reihe von sogenannten Ad Hoc-Gruppen gegründet von der eine – die Normung der Digitalisierung – von der Berliner Kammer koordiniert wird. Darüber hinaus beteiligt sich die AKB an weiteren Ad Hoc-Gruppen, wie zum Beispiel an der gemeinsamen Fortbildungsinitiative „BIM-Standard deutscher Architektenkammern“.

Die Vernetzung mit anderen Akteuren der Digitalisierung

Auf dieser Basis vernetzt sich die Architektenkammer Berlin aktiv z. B. im BIM Cluster Berlin-Brandenburg und sucht den Kontakt zu Ausschüssen des Abgeordnetenhauses und der Senatsverwaltung von Berlin. Ferner wird der Austausch mit Fachleuten gepflegt und themenübergreifend in die Kammer hineingewirkt. So werden Plattformen geschaffen und genutzt, um Positionen zu vertreten und wirksam werden zu lassen.

Das Teilhaben an Prozessen der Norm- und Gesetzgebung

Mitglieder der Kammern, unter anderem auch Mitarbeiter der AKB, wirken aktiv in Normungsgremien mit. So werden unter Mitwirkung der Ad Hoc-Gruppe Normung auf europäischer Ebene (CEN) ein Leitfaden bzw. eine Vorlage für Auftraggeber-Informations-Anforderungen (AIA) und der BIM Abwicklungsplan (BAP) entwickelt. Leider fanden in der Vergangenheit diese Prozesse zu sehr ohne Beteiligung der Architekten statt.

Mit der bevorstehenden Veröffentlichung der ISO EN 19650 Teil 1 und 2 drohte ein böses Erwachen, denn viele Formulierungen leiteten sich aus der in angelsächsischen Ländern üblichen Vergabepraxis ab. Diese entspricht nicht oben formulierten Zielen. Daher schaltete sich die Bundesarchitektenkammer ein und so konnten einige Formulierungen im Sinne der hierzulande noch weitgehend üblichen Vergabepraxis erfolgreich abgemildert werden.

Die Fort- und Weiterbildung

Die Fortbildung ist eines der stärksten Mittel der regionalen Kammern, um mit den Mitgliedern, aber auch anderen Fachleuten in Austausch zu treten. Die Architektenkammer Berlin bietet auf Basis des bereits genannten BIM-Standards Deutscher Architektenkammern den 3-tägigen BIM-Basis-Kurs an. Ein BIM-Professional-Kurs ist in Vorbereitung. Weiterhin werden Werkberichte und Veranstaltungen zu Einzelthemen angeboten.

Wie geht es weiter?

Das nächste große Thema ist die künstliche Intelligenz bzw. Machine Learning. Die Vorbereitungen laufen, um sich in Zukunft hiermit auch unter Einbeziehung unserer Mitglieder intensiv auseinanderzusetzen. Im April 2020 wird es für die Mitglieder der Kammer bei einem Kammerforum die Gelegenheit geben, sich dazu zu informieren und Impulse aus dem eigenen Arbeitsumfeld in die Kammerarbeit einzubringen.

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