Wohnbebauung in den Haag/NL

Wohnen in einer Schatzkiste
Wohnbebauung in Den Haag/NL

2006 wurde das Atelier Kempe Thill von der nieder­ländischen Wohnbaugenossenschaft Vestia mit dem Entwurf eines Wohnbauensembles in Den Haag beauftragt. Entstanden ist eine elegante, goldfarbene Schatzkiste mit großzügigen Glasflächen, die das Stigma des sozialen Wohnungsbaus durchbricht und dem Bauwerk trotz des knapp bemessenen Budgets eine würdevolle, elegante Ausstrahlung verleiht.

Städtebaulicher Kontext

Block 10 liegt am Erasmusweg im Stadtviertel Den Haag-Moerwijk. Der Erasmusweg ist eine der Einzugsstraßen ins Zentrum von Den Haag. Der von KCAP entworfene Städtebauplan für das Umstrukturierungsgebiet der 1960er Jahre, sah für Block 10 einen Gebäudekörper mit Sozialwohnungen an der Nordwestkante des Grundstücks, entlang des Erasmuswegs, vor. Dieser soll für die dahinter liegende Reihenhausbebauung auf der Südostseite als Lärmschutz fungieren.

Von dem 2-teiligen Ensemble mit 88 Appartements und 27 Reihenhäusern wurden aufgrund der Wirtschaftskrise und der Unverkäuflichkeit der Eigentumswohnungen vorerst nur die Sozialwohnungen fertiggestellt. Der langgesteckte, 6-geschossige Riegel ist durch einen Kanal, eine Nebenfahrbahn mit beiderseitigen Park- und Grünstreifen von der Hauptfahrbahn des Erasmusweges getrennt. Er fügt sich in seiner Höhe harmonisch in die Wohnbebauung seiner Umgegung ein.

Wohnungstypologien

Vestia forderte aufgrund der Alters- und Behindertengerechtigkeit explizit 1-geschossige Wohnungen mit einer durchschnittlichen Wohnfläche von 95 m². Atelier Kempe Thill plädierte für die Realisierung von Maisonettewohnungen zumindest im Erdgeschoss und 1. Obergeschoss, um eine blinde, straßenseitige Fassade mit dahinterliegenden Abstellräumen im Erdgeschoss zu verhindern.

Die Wohnungen im Erdgeschoss haben ein Esszimmer mit einer offenen Küche und ein kleines Schlafzimmer. Im Obergeschoss sind neben dem Wohnbereich noch zwei weitere Schlafzimmer sowie das Badezimmer organisiert.

Im Erdgeschoss verläuft über die gesamte Länge des Gebäudes ein innenliegender Gang, der die Maisonettewohnungen von den Abstellräumen der Appartements trennt. Die ebenerdigen Parkplätze sind wie die darüberliegenden Laubengänge nach Süd-Osten orientiert. Das Dach der Parkplätze bildet die großzügige Terrasse der Maisonetten im 1. Obergeschoss. Die Parkplätze der Reihenhäuser sollen letzten Endes auch überdacht werden, so dass zwischen den Appartements und den Reihenhäusern ein erhöhter, begrünter Innenhof mit Gemeinschaftsbereichen und Spielmöglichkeiten für Kinder entsteht. Dieses Organisationssytem, das eine natürliche Belüftung und Belichtung der Parkplätzen erlaubt, hat Atelier Kempe Thill bereits beim Wohnbauprojekt in Amsterdam – Osdorp umgesetzt. Eine unterirdische Parkgarage wäre aufgrund des hohen Grundwasserspiegels zu kostspielig gewesen.

Die Wohnungen in den Obergeschossen werden über ein zentrales Treppenhaus mit zwei Liften und Laubengängen erschlossen. An den Enden des Riegels befinden sich noch zwei Nottreppenhäuser. Der Laubengang aus vorgehängten, nicht isolierten und vorgefertigten Betonplatten ist mit Abstand die wirtschaftlichste Erschließungsform.

Im Gegensatz zu den sogenannten „Doorzonwoningen“, bei der das Wohn-/Esszimmer mit der dazugehörenden Küche von einer Gebäudeseite zur anderen durchgeht und beidseitig ein Schlafzimmer angeordnet ist, haben die Architekten in Den Haag „Panoramawoningen“ realisiert. Die Wohn- und Esszimmer der Panoramawohnungen liegen auf der Erasmusweg-Seite, während die beiden Schlafzimmer zum Laubengang hin orientiert sind.

Der Laubengang als Erschließungsform ist in den Niederlanden sehr häufig zu finden, vor allem bei den Wohnungsensembles aus den 1960er- und frühen 1970er-Jahren. Diese Art der Erschließung wird von den Niederländern sehr gut angenommen. Um dem Gang eine zweite Bedeutung zukommen zu lassen, haben Kempe Thill versucht ihn als Balkon auszubilden, indem sie u. a. die Außenwände leicht quergestellt haben, so dass kleine Sitznischen und Plätze entstanden sind. Vom Wohnbereich kommt man über den breiten, mittigen Gang zum Balkon.

Das konstruktive Achsmaß der Wohnungen ist auf die Parkplatzbreite abgestimmt und beträgt 7,20 m. Fast alle Innenmaße der Zimmer – selbst die Positionen von Waschbecken und dergleichen – sind durch die Förderrichtlinien des im niederländischen Wohnbau meist angewandte „Woonkeur“ – Zertifizierungssystem genau definiert.

Vitrine

Das Gebäude hat eine klare Vorder- und Rückseite, die sich grundsätzlich voneinander unterscheiden. Der Akzent liegt an der Stra­ßenfassade, während die Hinterfassade kostengünstiger ausgeführt wurde. Die feingerippten, goldfarbenen Wellblechplatten der Hinterfassade kreieren jedoch wieder die nötige ästhetische Einheit mit den Seitenfassaden und der Straßenfassade. Die Wohnungen besitzen die für Atelier Kempe Thill typischen, raumgroßen Verglasungen der Wohn-/Esszimmer, die die Wände als solche völlig auflösen. Übrig geblieben sind an der Vorderseite schmale, bis auf ein Minimum reduzierte Metallprofile.

Angesichts der langgestreckten Kubatur und der vorgegebenen Erschließung wäre es bei diesem Wohngebäude, im Gegensatz zum Wohnbau in Zwolle, nicht möglich gewesen, das gesamte Gebäude rundum zu verglasen.

Die großen Glasfassaden entlang des Erasmusweges, für die André Kempe eine persönliche Begeisterung eingesteht, argumentiert er aus folgenden Gründen:

Traditionsgemäß besitzen niederländische Häuser große Fensterflächen. Eine Tradition, die sich in erster Linie durch den Calvinismus und der Haltung, dass man nichts zu verbergen habe, erklärt. Atelier Kempe Thill macht sich zusätzlich die wärmetechnische Leistung von Isoliergläsern zu Nutze und steigert die Tradition zum Extrem, indem sie die Wand völlig auflösen. So entstanden die Glasfassaden der Wohnräume über die volle Etagenhöhe und einer Fixverglasung von 4,50 m. Die Öffnungen der 2,50 m breiten Hebeschiebetüren besitzen ein innenseitiges Geländer.

Große Fensterflächen spiegeln den Idealismus der Moderne, so wie man sie vor allem bei Mies van der Rohe findet, wieder. Die Innenräume erweitern sich so weit wie möglich in den Außenraum, die Grenze zwischen innen und außen wird optisch aufgelöst.

Durch die Fassadengestaltung wollen die Architekten gleichzeitig die Baumethode der Tunnelkonstruktion sichtbar machen.

Ein wesentliches Element, das dem Gebäude seine Eleganz ­verleiht sind die 1 m um die Ecke laufenden Fixverglasungen an den Enden des Gebäudekörpers. Die Ecken sind verklebt, besitzen also keine vertikalen Profile, wodurch der Effekt eines scheinbar durchlaufenden Glasbandes weiter verstärkt wird.

Trotz des engen finanziellen Rahmens ist es Atelier Kempe Thill immer wichtig, die Gemeinschaftsbereiche wie die Erschließungszonen so einladend wie möglich zu gestalten: der großzügige, doppelgeschossige Eingangsbereich wird über zwei breite Glasschiebetüren betreten und ist von Licht durchflutet. Das Haupttreppenhaus hat ein Atrium und besitzt große Fixverglasungen zur Südostseite, wodurch auch die angrenzenten zwei Lifte nicht im Dunklen liegen.

Hinter dem architektonischen Anspruch des Architekturbüros steht auch die Überzeugung, dass es die modernen Baumethoden und finanziellen Mitteln am Beginn des 21. Jahrhunderts zulassen müssen, dass die baulichen und räumlichen Ideen der Moderne – so wie sie Mies van der Rohe in seinen Villen umgesetzt hat – heute auch der breiten Masse zu Verfügung stehen müssten.

Ausstattung

Das Preis-Leistungs-Verhältnis eines derartigen Wohnbaus hängt u. a.von der Baumethode ab. Die niederländische Art des industriellen Bauens hat das Limit der Kosteneffizienz bereits erreicht. Durch die Kombination des seriellen Rohbaus mit in Serie vorfabrizierten Fassaden ist es Atelier Kempe Thill gelungen die Baukosten bis zum absoluten Minimum zu senken. André Kempe bestätigt, dass es bei dieser Architektur nicht mehr möglich gewesen wäre, die Kosten weiter zu reduzieren. Die Wohnungen wurden mit einem eingerichteten Badezimmer, der fertigen Toilette und einer kleinen Küche übergeben. Die Nassräume wurden bis zu einer Höhe von 2,10 m verfliest, die Badezimmer mit einer Dusche ausgestattet, wobei der Platz zum Einbau einer Badewanne vorhanden ist. Die Fußböden der anderen Räume wurden im Rohbau mit einem schwimmenden Estrich übergeben. Alle Wohnungen besitzen eine Fußbodenheizung, die an eine zentrale, das gesamte Wohnviertel versorgende Geothermieanlage gekoppelt ist. Durch diese Fußbodenheizung wurde auch die Installation von Heizkörpern hinfällig. Die Gardinen der Wohn-/Esszimmer waren Teil der Grundausstattung, wodurch von außen ein harmonischeres Gesamtbild der Fassade zum Erasmusweg entsteht. Die Architekten haben allerdings die konstruktive Integration der Gardinenstangen in die Deckenkonstruktion vorgesehen.

Das äußere Erscheinungsbild des Gebäudekomplexes wird durch den dezenten, goldenen »Champagner«-Farbton sämtlicher Metallbauteile der Außenfassade dominiert. Atelier Kempe Thill versucht damit ganz bewusst an die Atmosphäre anderer Den Haager Wohngebiete anzuschließen. Sowohl die Aluminiumfensterrahmen und die extrudierten Abdeckbleche als auch die feingerippten Wellblechplatten sind in dieser Goldfarbe ausgeführt. Besonders wichtig ist dieser Effekt an der Kopffassade, die aufgrund des engen finanziellen Rahmens größtenteils geschlossen ist. Das Projekt zeigt sehr schön, dass sozialer Wohnungsbau trotz der sehr begrenzten Budgets nicht automatisch auch billig aussehen muss.

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